Nervosität im Kindesalter.
17
eigner Beobachtung zu stellen vermag. Es wäre ihm dann die Auf-gabe sehr erleichtert, »den ganzen äufsern Lebensgang des Krankenzu studieren, über die Krankeiten, welche derselbe durchgemacht, undsonstige in gesundheitlicher Beziehung wichtige Vorgänge in seinemLeben, sowie über die Gesundheitsverhältnisse seiner Verwandten (De-und Ascendenz insbesondere) sich eingehend zu unterrichten und das be-stehende nervöse Leiden bis zu den ersten Anfängen mit aller Sorgfaltzu verfolgen« *). Dafs derartige Aufzeichnungen unter Umständen auchfür die Rechtspflege von Bedeutung sein können, braucht kaum erwähntzu werden.
Emminghaus teilt zwei Bilder krankhafter Individuen mit * 2 ),welche wir der Wichtigkeit der Sache wegen teilweise hierhersetzen.Wir sind der Zustimmung der Ärzte und Schulmänner gewifs, wenn wirbehaupten, dafs beide Bilder viel eingehender und somit genauer aus-gefallen wären, wenn der Arzt sich der von uns verlangten Aufzeich-nungen hätte bedienen können.
1. »N. N., ein Mädchen von 13 Jahren, dessen Eltern beide früh-zeitig an Lungenschwindsucht gestorben waren, ohne anderweitig Kinderzu hinterlassen, wuchs als Waise bei fremden Leuten auf, welche über dieGesundheitsverhältnisse der Ascendenz in Bezug auf Nervenkrankheitennichts anzugeben wufsten. Ein ernstes, leichtverletzliches Wesen war andem Kinde von jeher bemerkt worden. Die Intelligenz war stets sehr gutgewesen, das Lernen, in welchem das Kind einen geradezu heifsen Ehr-geiz offenbarte, leicht gefallen, bis vor etwa einem Vierteljahr Unlustund Unfähigkeit zu angestrengterem Arbeiten, zum Aufmerken in derSchule, Gedächtnisschwäche und gleichzeitig ein träumerisches, stillesWesen bemerkbar wurden. Das Kind zog sich von der Gesellschaftzurück, besonders von den ziemlich gleichalterigen Kindern der Familie,in welcher es lebte, jedoch nie weiter als in sein eigenes, mit den an-dern in Verbindung stehendes Zimmer, in welchem es nicht spielend,sondern auf dem Bette liegend oder mit einer Handarbeit beschäftigtgefunden wurde. Auf Befragen nach seinem Befinden antwortete esmit verlegener Miene: »Es fehlt mir nichts.« Der Schlaf war schlecht;
J ) Löwenfeld, Die moderne Behandlung der Nervenschwäche. 2. Aufl. 1889.
S. 7 -
2 ) Emminghaus, Die psychischen Störungen im Kindesalter, S. 136 f.
Ufer, Nervosität und Mädchenerziehung. 2