W esen der Nervosität.
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Wenngleich die Krankheit, wie bereits bemerkt, in besonderenPartien des Nervensystems vorzugsweise ihren Sitz hat, so be-deutet sie doch auch eine Allgemeinerkrankung des Nervenapparates.
Dafs bei einem übermäfsig reizbaren Nervensysteme die zahlreichenund heftigen Stöfse, denen der Mensch wehrlos gegenüber steht, aufden Geisteszustand nicht günstig einwirken, ist erklärlich. Der Geistfindet keine Ruhe, einen bestimmten Gegenstand stark zu fixieren,eine begonnene Gedankenbewegung festzuhalten und weiter zu verfolgen.Bei überreiztem, d. h. stumpfem Nervensystem ist dies ebensowenigmöglich, da die notwendige physische Grundlage geistiger Vorgängenicht eine genügende Menge von Kraft besitzt, um eine angestrengteund andauernde geistige Thätigkeit unterhalten zu können. So erklärtsich ein weiteres Kennzeichen der Nervosität: Unfähigkeit zu andauern-der geistiger Thätigkeit und im weitern Verlaufe mäfsig geschwächteIntelligenz'), über die allerdings zeitweiliges lebhaftes Aufflackern, er-möglicht durch das Aufzehren von Rückständen oder gelegentlichemErsatz, in vielen Fällen hinwegtäuschen kann.
Dem widerspricht es nicht, dafs z. B. Kinder, welche zur Nerven-schwäche neigen, eine auffallende, obgleich einseitige, geistige Begabungzeigen. In der Regel lassen die Fähigkeiten bald nach, und erfahrungs-gemäfs ist aus den frühreifen Wunderkindern selten etwas Tüchtigesgeworden.
Die Abhängigkeit von den Eindrücken der Aufsenwelt, welche denMenschen ganz durchdringen und erschüttern, im Wechsel mit demunbehaglichen Gefühl geistiger Stumpfheit und Unfähigkeit, haben auchauf das Gemütsleben einen schädlichen Einflufs. Launisches, wetter-wendisches Wesen, besonders aber hypochondrische und melancholischeAnwandlungen und Mangel an Willenskraft sind sehr gewöhnlich * 2 ).
Denn wenn der an hochgradiger Reizbarkeit Leidende auch mancheLustempfindung erfährt, welche dem Gesunden fremd bleibt, so habendoch die Unlustempfindungen an Kraft und Zahl bei weitem das Über-gewicht, und indem sie in das Vorstellungsleben eindringen, beeinflussensie ihrer Eigentümlichkeit nach das Gefühl und den aus diesem hervor-gehenden oder doch von ihm beeinflufsten Willen.
>) Emminghaus, Die psychischen Störungen des Kindesalters. Tübingen18S7. S. 134 u. 138.
2 ) Krafft-Ebing, Lehrbuch der Psychiatrie. 2. Aufl. II, 15.