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Nervosität und Mädchenerziehung in Haus und Schule
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Wesen der Nervosität.

Damit verbindet sich häufig eine vollkommen unbegründete, jaunbegreifliche Furcht. Oft weifs der Kranke selbst, dafs kein Grunddazu vorhanden ist, aber seine erregbare Natur kämpft alle vom Ver-stände dagegen erhobenen Einwände nieder. Hierher gehört die zuerstvon dem kürzlich verstorbenen Professor Westphal beschriebene»Platzangst« oder »Platzfurcht«. Dieser Zustand besteht darin, dafs ge-wisse Personen, sobald sie im Begriff sind, einen freien Platz zu über-schreiten, ein enormes Angstgefühl, eine wahre Todesangst ergreift, dieihre Schritte hemmt und zu jeder Weiterbewegung unfähig macht 1 ).

Ein eigentümliches Symptom bei Neurasthenikern, das zuweilen beiallen Klagen in den Vordergrund tritt, bildet die sogenannte nervöseDyspepsie. Das Charakteristische dieses Leidens besteht darin, dafsdie Kranken durch den Verdauungsprozefs in hohem Grade belästigtwerden. So zeigt sich bei diesen Kranken, und zwar direkt im An-schlufs an die Nahrungsaufnahme, Blutandrang nach dem Kopfe, vorallem Kopfschmerz, Schwindel und Müdigkeit. Nicht selten tritt Auf-stofsen ein, sowie Übligkeit, die sich ab und zu bis zum Erbrechensteigert.

Wer die Nervosität und deren Folgen an einem konkreten undnoch dazu historischen Beispiele kennen lernen will, dem sei die un-gemein interessante Schrift des Leipziger Physiologen Möbius überJean Jaques Rousseau empfohlen 2 ).

Nach dem Urteile hervorragender Ärzte ist die Nervosität einemoderne Krankheit, welche vorzugsweise in Amerika grofse Ausdehnunggewonnen hat. Von namhafter medizinischer Seite wird allerdingsdieser Ansicht auch widersprochen. Rudolf Arndt sagt: »Die Neu-rasthenie hat schon vor Jahrtausenden in der alten Welt existiert, undbereits bei Hippokrates finden sich Schilderungen krankhafter Zu-stände vor, welche nur auf sie bezogen werden können« 3 ). Aber auchbei voller Würdigung derartiger Aussprüche scheint es doch, als ob etwaseit der grofsen französischen Revolution ein besonders häufiges Auf-

') Berger, Die Nervenschwäche, S. 7.

2 ) Möbius, J. J. Rousseaus Krankheilsgeschichte. Leipzig, bei Vogel, 1889.Vgl. dazu die Anzeige dieser Schrift von Brünettere in der Revue des deux mondes(Heft vom 1. Februar 1890, S. 684 fr.) und Bougeault, Etüde sur l’dtat mental deJ-J. Rousseau. Paris 1883; Pion.

3 ) Arndt in Eulenburgs Realencyklopädie. 2. Aufl. XIV, 286.