Französische Sprache.
919
sprachliche und styliftiscke Eigenschaften, welche an und für sich wcrthvoll und von derÄrt sind, daß sie in jedem geistig wohlorganisirtcn Menschen geistiges Interesse undVergnügen erwecken. Sie verfehlen aber auch erfahrungsgemäß auf unsere Schülerihre wohlthätige Einwirkung nicht. Sie bekämpfen bei ihnen die Verschwommenheitder Vorstellungen, die Schwerfälligkeit des Ausdrucks, den Schwulst und die Breiteder Darstellung, das willkürliche und bequeme Sichgehenlasscn. Dies mag für dasFormelle der Sprache genug sein. Sollte es nun in materieller Hinsicht nicht eben-falls gnt stehen um die Sprache und Literatur eines hochgebildeten Volkes, auch wennes nicht immer an der Spitze der geistigen Cultnr des Jahrhunderts wandelt? Solltennicht beide unserer Jugend einen reichen geistigen Inhalt bieten können? Die Erfah-rung hat dies bestätigt und wird es in Zukunft in noch reicherem Maße thun. Esist auch anders gar nicht denkbar, als daß im guten französischen Unterricht ebenfallswie im elastischen durch Wort und Satz eine Fülle von Anschauungen in die Seeledes -Schülers gelange, daß durck gehaltvolle Mnsterstücke neue Vorstellungen und werth-volle Begriffe hcrzusließcn, daß durchs Eindringen in die fremde geistige Welt unddurch den Umgang mit dem Geistesleben der fremden Nation das eigene geistige Lebenerweitert und bereichert werde und bei dieser Geistesarbeit zugleich unsere edelstenSeclcnvcrmögen sich entfalten und kräftigen. Und hiemit halten wir die Tauglichkeitder französischen Sprache an sich für durchaus erwiesen, desgleichen die Tauglichkeitund Nützlichkeit des französischen Sprachunterrichts als Bildungsmittel in unserenLatein- und Realschulen, und sagen es unverhohlen, an der französischen Sprache kannam allerwenigsten die Schuld gefunden werden, wenn der Unterricht in derselben bei unsseither so oft ungenügende Erfolge brachte; nicht die französische Sprache, sonderneinzig und allein der französische Unterricht war seither unter der Würde desGymnasiums und der Realschule.
Wie sollen wir nun aber dieses fremdsprachliche Bilduugsmittcl auwcnden, umdie gehoffte Besserung des französischen Unterrichts zu erreichen? Was haben wir zuthun, daß derselbe in unseren Schulen nicht nur bestehen bleibe, sondern daß er, wennauch nicht sehr bald, so doch gewiß in nicht zu ferner Zeit zu Wertschätzung undBedeutung gelange und endlich eine geachtete Stellung unter den obligatorischen Schul-fächern einnchme? Das alles kann nur geschehen, wenn er seinen Zweck wirklicherfüllt, d. h. 1) für die geistige Bildung unserer Jugend sich in Wahrheit wcrthvollerweist, 2) auf die Pflege der sittlichen und nationalen Interessen unseres Volkes heil-samen Einfluß ausübt und 3) tüchtige Erfolge auch im späteren Leben warnchmcnläßt. Diese dreifache Wirkung wird er aber um so eher zu Stande bringen, je mehrer einerseits eben diese seine Gesammtaufgabe unverrücklich vor Augen hat: gründlicheAneignung der französischen Sprache und dabei edle und erhebende, also nicht flacheund seichte, deutsche also nicht französische, Bildung des Geistes und Herzens; und jemehr er andererseits an klaren Unterrichts- und Bilduugsprincipien sesthält, und ander Hand derselben zu einer zweckmäßigen methodischen Behandlung aller Thcile desfranzösischen Schulunterrichts sich durcharbeitct. In Betreff des letzteren Punctes istjedoch wohl zu beachten: Nicht darum handelt es sich in der Gegenwart, daß wirneue Principien für denselben auffindcn, auch nicht darum, daß wir noch neuereMethoden ersinnen, sondern das ist unsere Obliegenheit, die seither zu Tage getretenen,den Unterricht leitenden Grundgedanken zu sichten, und was sich als tauglich erweist,zu klären, und ebenso die vorhandenen etwa ausgetrctencnen Bahnen oder verfahrenenWege zu bauen und zu bessern. Bei dieser Arbeit des Klärens und Bauens wollensich nun auch die folgenden Blätter noch betheiligcn. Sic möchten versuchen, zunächstdie Unterrichtsprincipien darzulegcn, welche aus der Aufgabe und dem Bil-dungscharakter unseres Faches sich ergeben, sodann eingehende methodische An-leitung zu erthcilen, wie der Unterricht seine Aufgabe im einzelnen lösen kann. DieAugen fest zum Kern der Sache gerichtet, wollen sie den so oft gebotenen anspruchs-vollen Schlagwörtcrn und inhaltlosen Phrasen aus dem Wege gehen; auch nicht theo-retische Rathschläge, sondern Schulerfahrungen für den Schulgcbrauch geben, langsamgereifte Früchte aus der vieljährigen Praxis eines liebgewouneneu Faches. — Wennwir nun sogleich fragen: