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Leichtsinn.
einem der drei Grundvermögen der Seele suchen. Darin, daß von den Ethikern.bald das eine, bald das andere Seelcnvcrmögcn in Betracht genommen wird, sowiedarin, daß die meisten derartigen Erklärungen an einer gewißen Unbestimmtheit leiden,liegt ein starkes Zeugnis dafür, daß wir ein Recht haben, dieselben als einseitig oderunvollkommen zu bezeichnen. Und gewiß wird man zugebcn mäßen, daß eine stärkereBewegung des Gefühls auch kräftiger auf den Willen wirken, ein energischer Willewiederum auch auf eine schwächere Anregung hin thätig sein, und endlich eine klareund sichere Einsicht Gefühl und Willen unüberwindlich bestimmen würde. Wennsomit gesagt werden muß, daß die Wurzel des Leichtsinns in dem gcsammten Geistes-leben liege, so soll damit weder behauptet werden, daß wir sie in gleicher Weise undin gleichem Maße bei jedem Seelenvermögcn aufsinden müßten, noch geleugnet, daßsich in den einzelnen Fällen in der Regel eines derselben als das vorzugsweise krankeerweisen werde.
Wenn aber auch die Ansichten über den Sitz der Krankheit auseinandergehen,so finden wir doch ihr Wesen überall gleichmäßig als Schwäche bezeichnet. Daßdiese im Temperamente eine theilweise Erklärung finden könne, wird ebenso allgemeinzugegeben, wie daß man sie nicht einseitig als „Naturfehler" ansehen dürfe. In denmeisten Fällen hat die Seele in ihren allcrfrühesten Zeiten durch Fehler der Erziehungoder andere Verhältnisse die Keime zum Leichtsinn in sich ausgenommen, in den anderndie schon vorhandenen gepflegt, d. h. die an sich geringere Kraft des geistigen Lebensist gelähmt, die größere gebrochen worden, che das Kind zum Bewußtsein derselbenkam. Wie dies in so früher Zeit geschehen könne und geschieht, soll weiter untenausgeführt werden; hier genügt cs an das classische Wort von Bcneke zu erinnern,daß der Leichtsinn „in einer Ueberfüllung der Seele mit Lustspuren undin der Abwesenheit aller Unlustspuren" begründet sei, um ein Zeugnisdafür anzuführen, daß es eben „die Lust" oder wie nian immer sagen mag ist, welcheum den jungen Geist ihre Bande schlingt.
Der Leichtsinn ist also eine durch die Lust gewirkte Schwäche des gesammtengeistigen Organismus, die bald den einen bald den andern Factor unseres Seelen-lebens lähmt. Der Leichtsinn ist so einerseits ein Verderben; nicht bloß ein Mangeldes Guten, sondern etwas positiv Böses. Er ist dieses, insofcrne er eine Hin-gabe an das Eitle, Vergängliche, sagen wir an das Verderbliche, in sich schließt. Esbedarf also zu seiner Heilung einer völligen Umkehr, einer neuen Geburt. Er istaber andererseits eine Schwäche, d. h. im Unterschiede von der Bosheit läßt ernoch gute Regungen zu, diese haben nur keine Kraft. Hier ist eine Kräftigung nöthig..
o. Für die Beschränkung des Leichtsinns wäre schon viel gewonnen, wenn sicheine richtige, sittlich ernste Anschauung von der verderblichen Natur desselben Bahnbräche; denn der erste Grund, weshalb so wenig gegen diesen Fehler ausgerichtet wird,liegt in der Unterschätzung desselben bei den Erziehern. Die Sprüchwörter: „Jugendhat keine Tugend" und „Jugend will austoben," sind Zeugnisse einer laxen Gesinnung.Die erlogene Redensart: „Ein gutes Herz macht jeden Fehler wieder gut," nichtminder. Das Jahrhundert der Aufklärung hat diesen Jrrthum mächtig genährt;Karl von Moor ist der letzte Repräsentant dieser Richtung, in seinem Bilde hat siesich vollendet und gebrochen. Pestalozzi trat ihr gleich mit der Ueberschrist zum erstenCapitcl von „Licnhard und Gertrud" entgegen. — Aus der Praxis aber ist diese inder Theorie überwundene Meinung noch nicht verschwunden. Der Leichtsinn, mitwelchem die Eltern das Erziehungswerk treiben, erweckt den derKinder. „Unglaublich groß ist oft diese Sorglosigkeit. Nicht gefragt wird, wie sich„die Kinder in der Schule verhalten. Nicht angehaltcn werden die Kinder, sich auf„die Schule vorzubereiten. Ohne alle Aussicht oft bis in die sinkende Nacht hinein„läßt man die Kinder herumschwärmcn, allein oder mit andern Kindern; Unarten,„Verbrechen, ja Greuel, selbst Greuel der Unzucht treiben, während man keinen Bienen-stock schwärmen läßt ohne Wache und thätige Sorgfalt. Am aufsichtslosesten sind„die Kinder an Sonntagen. Unbegreiflich, unverantwortlich ist die Sorglosigkeit, wo-„mit man sündliche Worte, sündliche Werke vor den Ohren und Augen der Kinder„redet und thut , unverzeihlich die Sorglosigkeit, womit man die Kinder in die Kam-„mern, ja in^die Betten unzüchtiger Dienstboten, Gesellen und älterer Geschwister legt