850
Lehrstaud.
artigkeit der Interessen, die auch von der Gesetzgebung anerkannt werden, eine zumTheil weit auseinandergehende Gliederung s und sehr verschiedenartige Spaltung zuTage tritt.
Der gemeinsame Beruf und das gemeinsame Interesse aller Lehrer, auf welcherStufe sie stehen, ist das der Bildung des nachwachsenden Geschlechtes. Die Lehrerhaben zwar keineswegs, weder überhaupt noch auch ein Theil derselben einen Anspruchdarauf, ausschließlich Bildner des nachwachsenden Geschlechts oder gar des Volkes zusein. Wenn dies behauptet wird, so verkennt man die Bedeutung der übrigen Factorcn,welche zur Bildung des Volks und des nachwachsenden Geschlechts Mitwirken, den Ein-fluß der Familienerziehung, der Kirche, der Presse, des öffentlichen Lebens, der Gesell-schaft überhaupt, man verkennt, daß die durch den Lehrer vermittelte Bildung doch nureine einseitige, eine Bildung und Zucht durch die Schule ist. Diese Gemeinsamkeitnun der Interessen und der Arbeit hat für alle Lehrer eine gewiße Gemeinsamkeit derBeschwerden und Genüsse in ihrem Gefolge, sie kann ferner den Lehrern den Stempeleiner gewißen Eigentümlichkeit aufdrücken. Ucber die Leiden und Freuden, die Licht-und Schattenseiten des Schulamts ist seit Luther und Melanchthon bis auf Bizius undPalmer vieles und schönes gesagt worden. Wir beschränken uns darauf, das Wesentlichehervorzuheben. Alle gemeinsame Lust und Unlust erwächst den Lehrern aus der Eigen-thümlichkeit ihres Amtes. Sie haben es mit der Jugend zu thun nicht wie die Eltern,welchen ein natürlicher Trieb der Liebe für die Kinder zu Hülse kommt und welche inder beständigen nächsten Berührung mit den Kindern neben deren Unarten auch ihreliebenswürdigen Seiten am besten kennen lernen, welche jedenfalls nur ihre eigenenKinder zu erziehen und zu bilden haben, Der Lehrer aber verkehrt mit den Kindernzahlreicher Eltern, er hat weit weniger Gelegenheit den Kindern Angenehmes zu er-weisen als die Eltern, sein Wirken ist vielmehr oft ein unwillkommenes, daher ihmschon deshalb die schlimmen Seiten der Kinder mehr gegenübertreten. Dazu kommt,daß es der Lehrer nicht bloß einfach mit der zum Bösen geneigten Natur des Kindeszu thun hat, sondern noch dazu mit den vielerlei schlimmen Angewöhnungen, die denKindern anerzogen sind. Das ändert sich nun freilich allmählich mit der Gewöhnungder Kinder an die Schule, an die Ordnung und Zucht der Lehreinrichtung. Aber mitder Entwicklung der geistigen Kräfte der Kinder vervollkommnen sich auch die Fähig-keiten zum Bösen; Unterschleif, List, Unlauterkeit und Unwahrheit aller Art kommenzum Vorschein und mit dem längeren Zusammensein vieler Individuen in demselbenCoetus treten auch die schlimmen Neigungen in nähere Berührung und es bilden sichKomplotte und Conspirationen. Rechnen wir hiezu die zahlreichen Conflicte mit demUnverstände, der Affenliebe und dem Eigensinn der Eltern, die Schwierigkeiten mitCollegen und Untergebenen, weiter von oben her das Drängen der Aufseher und Visi-tatoren, die Ungeduld, da Erfolge zu sehen, wo es fast unmöglich ist, solche zu erzielen,endlich die bedrängte häusliche Lage der meisten Lehrer, so erhalten wir wohl ein Bildvon den Leiden des Lehrstandes, welches keineswegs mit zu starken Farben aufgetragenist. Wer mag sich wundern, wenn Unzufriedenheit, Ungeduld, Bitterkeit, Mistraucn,Aengstlichkeit und Pedanterie so oft fast als Attribute eines Standes bezeichnet werden,der sich von allen Seiten so gehetzt und in seiner Stellung so benachteiligt sieht,während er an geistiger Bildung doch meist den Kreisen überlegen ist, mit welchen ihnseine sociale Stellung in nächste Berührung bringt.
Aber aus derselben Quelle, aus welcher die Leiden des Lehrstandes entstammen,fließen auch seine Freuden; oder ist es nicht das nachwachsende Geschlecht, an welchessich alle Hoffnung für die Zukunft knüpft? Unsere Schulen sind auf Hoffnung ge-gründet. Es ist der Ruf ergangen, daß allen Menschen solle geholfen werden. DerErlöser hat die Kinder zu sich kommen lassen und ihnen das Reich Gottes zugesprochen.In seine Fußtapfen tritt der Lehrer. Er trägt zwar dem Kinde nicht jene Liebe desJnstinctes entgegen, die der Vater zu seinem Kinde hegt, aber seine Liebe ist über denStand der Natur emporgehoben in das Wesen des Geistes. Diese Liebe giebt ihmdie Kraft, den Widerstand zu brechen, den Stumpfsinn, Trägheit, Gleichgültigkeit ihmentgegensetzen, sie läßt ihn nicht ermüden im Kampfe mit der üblen Gewöhnung derKinder, mit den Vorurtheilen der Eltern, mit dem Geiste der Lüge und Bosheit; siehält ihn aufrecht, auch wo er sich überfordert, verkannt, zurückgesetzt und mit Undank