Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
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Lehrer.

Wir fordern die Gesundheit am Lehrer sonach nicht allein um des Schülers willen,sondern auch um des Lehrers willen und zwar auch noch aus einer anderen Erwägung. Sollallein der Lehrer ausgeschlossen sein von dem Glücke, Früchtezu sehen von seinem Wirkenund Streben? Wenn irgend eines Arbeiters Werk spät zur vollen Reife gelangt, so dasseinige. Wer also in Schwachheit und Krankhaftigkeit an den Lehrberuf tritt, der wird vonvornherein auch aus jene Aussicht verzichten mäßen, welche nur dem gegönnt ist, der seineTreue bei Kraft und Gesundheit lange zu erweisen so glücklich ist. Unumgänglichaber ist Gesundheit der Seele. Und zwar ist die Gesundheit der Seele ein harmo-nisches Verhältnis der in ihr wirkenden Kräfte und eintreteuden Vorgänge nicht bloßzu einander, sondern auch zu allen den Bedingungen, unter denen sie ihre Lebensthätig-keit zu erweisen haben. Wer den Beruf hat, ein Lehrer in öffentlichen Verhältnissenzu sein, stehet eingeordnet in den Organismus einer Lehrerschaft und hineingehörig inein mehr oder weniger bewegtes Volksleben. Es wird nun keiner ein Lehrer vongesunder Seele sein, der nicht ein Herz hätte wie für die Genossen seines Standes, sofür die Zustände seines Volks, um mit ihm zu leiden, mit ihm sich zu freuen und mitihn: zu genießen. Factisch stehen denn auch die Lehrer aller Stufen den concreten In-teressen des öffentlicher gewordenen Lebens im Vaterlande nicht mehr so fern wie früher,und mit Recht; denn wir mäßen die Seele eines Lehrers in eben dem Grade fürgesund halten, als sie nach allen berechtigten Seiten hin im Einklänge ist mit demVolke, vornehmlich nach denen hin, in welchen sich dessen Bildung darstellt. Das istdie religiöse, politische, nationale und naturfreundlichc. In Rücksicht der erstenfordern wir, der Lehrer soll sich in Harmonie befinden mit der in seinem Volke ge-pflegten und geübten Religion. Indifferent sein in diesem Puncte wäre eben ein Zeichenvon bedenklichem Gesundheitszustände der Seele. Wer unter Christen ein Lehrersein will, wird als ein Christ sich zu erweisen haben; wer Evangelische Evangelischeslehren will, darf sich weder indifferent noch feindlich zum Evangelium verhalten. EinLehrer muß glauben, was er lehrt.*) So darf ferner der Lehrer nicht politischindifferent sein. Wenn ein Lehrer auch zu keiner Zeit die Aufgabe hat, den Agitatorbei politischem Parteitreiben zu machen, weder in der Volksversammlung noch im Kreiseälterer oder jüngerer Schüler, so wird man billig bei ihm ein Herz erwarten, welchesan dem Geschick des größeren oder kleineren Gemeinwesens den lebhaftesten Antheilnimmt. Wie er berufen ist, seine Freude zu haben an allem, das bei gutem Rechtezum Vortheil des Ganzen besteht, und seine Mitwirkung zu beweisen, solches zu er-halten: so wird er, der allezeit im Kreise seiner Schüler den Fortschritt anzuregen hat,sich auch für den wirklichen, von der Zeit geforderten Fortschritt in der Entwicklungdes Gemeinwesens unverschlossen zu halten wissen. Die gesunde Natur einer redlichenSeele erweiset sich aber darin, daß ihr alles Schein- und alles Namenwesen zuwiderist und daß sie nur auf Reelles sieht, nur solches anerkennt, unterstützt und erstrebt.Ist der Lehrer eine solche Seele ohne Falsch, so werden wir ihm die Freiheit nichtverschränken wollen, nach seinem besten Wissen und Gewissen in politischen Dingenfrei zu urtheilen und zu handeln.

Der Einklang des Lehrerherzens mit der Eigcnthümlichkeit und Art seines Stam-mes und mit seines gesummten Volkes Nationalität ist eine bei gesunden Naturenfast bewußtlos und ohne Zuthun sich ergebende Erscheinung. Ohne weiteres für un-geeignet zum Lehrer erachten wir den, welcher sich unter den Leuten seines Stammesund Volkes nicht wohl fühlte. Gewiß kann ein Ährer echtdeutscher Art unter Deut-schen, die vom Bildungstriebe geleitet sind, einer gedeihlichen Aufnahme sicher sein;zweifelhaft ist cs, ob ein noch so geschickter Lehrer, der ein wirklicher Franzose ist oderEngländer, unter der deutschen Jugend zum Lehrer berufen und befähigt wäre, es seidenn, wenn es darauf ankäme, Sprache und Sitte seines Volkes zu lehren; noch zwei-

*) Doch möchten wir ein schonendes Urtheil in Anspruch nehmen für solche Lehrer, welchein ihrer wichtigsten Bildungsperiode in die Strömung einer vom Glauben der Kirche abweichenden.Theorie hineingerissen mit nicht unwichtigen Puncten der kirchlichen Lehre zerfallen sind. Es kannsolche geben, in welchen trotzdem das christliche Ethos in Wahrheit lebendig ist. Männer vondieser Art werden sich aber wohl hüten, die Schüler ihr Verhältnis zum Lehrbegriff der Kirchemerken zu lassen, geschweige denn die Unbefangenheit derselben direct zu stören.