Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
733
Einzelbild herunterladen
 

Kindheit, erste.

733

beginnt im weiblichen Organismus mit der Ausschließung des Kindes die Absonderungseiner Nahrung und dauert fort, bis die Vcrdauungswcrkzcuge dcS KindeS zurVerarbeitung fremdartiger Nahrung geschickt geworden sind. Die Frauenmilch enthältalle für die Ernährung, das Wachsthum und die Umgestaltung der Gewebe dcs'KindcsMhigen Stoffe in bester Form und Mischung und überdies ändert sich ihre Zusammen-setzung mit dem Bedürfnisse des Säuglings; die Wissenschaft erkennt so die Mutter-milch als das allein naturgemäße Nahrungsmittel des Säuglings und erklärt cs,warum eine fremdartige Kost um so gefährlicher ist, je jünger das Kind; statt daßman die große Sterblichkeit der Säuglinge bei Nahrung mit Mehlbreien u. dgl. auf-fallend finden und aus einer natürlichen Schwächlichkeit dieses Alters erklären sollte,muß mau sich gegentheils wundern, daß aller Unnatur zum Trotze doch noch mancheKinder dem Tode entrinnen. Bedenkt man weiter, daß allerdings die Milch einerAmme jener der Mutter am nächsten steht, daß weiter auch die Annahme eines durchdie Milch vermittelten, nicht materiellen Einflusses der Amme auf das Kind nichtbewiesen und nicht einmal durch die (ungültige) Analogie mit dem Einflüsse des Er-zeugers und der Mutter auf die moralischen Eigenschaften ihres Sprößlings wahr-scheinlich gemacht werden kann, daß aber die Ausnahme einer solchen Person dein Armenunmöglich, dem Wohlhabenden und Gesitteten ein Aergernis ist, so wird man dieErnährung durch die eigene Mutter jener durch jede Amme vorziehen müssen. DieMilch einer Amme, genügende Menge und Güte vorausgesetzt, ist gleickwohl physio-logisch der Thiermilch vorzuziehcn; denn auch die im großen allein zu Gebot stehendeMilch der Kuh weicht in ihrer Zusammensetzung von der Mischung der Frauenmilchab, ist schwerer verdaulich und läßt sich nicht durch einfache Zusätze von Wasser undZucker, sondern nur durch ein sehr complicirtes, darum unpraktisches Verfahren in eineder Frauenmilch ziemlich gleiche procentischc Zusammensetzung überführen; so begreiftsich, warum manche Kinder auch bei der sorgsamsten Auffütterung mit Kuhmilch krän-keln oder zu grund gehen. Die Kuhmilch selbst ist aber wieder ohne Vergleich eiltnaturgemäßeres Nahrungsmittel als andere, nach Form und Mischung den Bedürfnissendes Kindes schlecht entsprechende Stoffe, namentlich als die leidigen stärkemehlreichcnAlimente, mögen sie Weizenmehl oder Semmel oder Zwieback oder Gerstengrütze oderArrowroot heißen. Einzelne der Surrogate haben einen Werth, wenn es sich um dieErnährung kranker Kinder handelt, z. B. gezuckerte Fleischbrühe, geschabenes Fleisch,sog. Eichelkaffee; andere sind ungenügende — Carotensaft — oder viel zu schwerverdauliche Nahrungsmittel — sog. Rsvaloutu urutüeu, d. h. Mehl von Linsen,Erbsen u. dgl.

Die Mcdicin fordert also im vollen Einklänge mit den moralischen Geboten derMutterpflichten in erster Linie die Ernährung des Säuglings durch die Milch seinerMutter. Daß so viele Mütter dieser Pflicht nicht Nachkommen, beruht bekanntlichtheilweise auf der unverkennbaren Häufigkeit der schwächlichen oder kränklichen Mütter;in diesem Stücke muß die verkehrte Erziehung der weiblichen Jugend angeklagt werden;in gleicher Weise übt aber auch die physische und moralische Kräftigung der männ-lichen Jugend einen großen Einfluß auf das Wohl des zweiten Geschlechtes; jene,indem manche Krankheiten u. s. w. vom Vater auf das Erzeugte übergehen, diese, damoralische Tüchtigkeit die Jugend- und Manneskraft zum Wohle der Nachkommenbewahrt. Auch ein Gesichtspunct für die sittliche Bedeutung einer harmonischen Ent-wicklung des ganzen Menschen.

Die Physiologie der Kindheit enthält aber weiter eine Bestimmung der Zeit,von welcher an zur Milch noch andere Stoffe zugcsetzt werden dür-fen, was besonders dann wünscheuswerth wird, wenn der Organismus der Mutternicht kräftig genug ist, oder wenn die Milch der Mutter oder Amine vor der Zeitunbrauchbar wird und man jetzt die künstliche Ernährung theils mit Kuhmilch, anfangsverdünnt, später rein, theils mit festen Stoffen cinlcitcn will. Ein sehr verbreiteterWahn veranlaßt viele Mütter, ihrem Säugling vorzeitig festere Nahrung zu geben,damit er doch ja „dick" werden möge; diese massenhafte Fettbildung gemästeter Kinderist, statt das Zeichen einer besonderen Gesundheit, das Merkmal einer abnormen Er-nährung. Die Zeit, von welcher an neben der Milch eine stärkemehlhaltige Nahrungin halbfester Form bei guter Verdauung ertragen wird, und zwar je später, um so