Jugendlcctüre, Jugendliteratur.
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schädlich zu verhüten. Namentlich ist vor der heillosen Zersplitterung durch Jugend-zeitungcu w. zu warmen. Göthe erzählt, daß in seiner Kindheit schon der Orbisxictus, die große Familienbibel mit Mcrian'schen Kupferstichen, Ovids Verwandlun-z gen u. a. „sein junges Gehirn schnell genug mit einer Masse von Bildern und Be-: gebenhciten von bedeutenden und wunderbaren Gestalten und Ereignissen angefüllt
haben;" aber er setzt auch hinzu, daß „er sich immerfort damit beschäftigte, diesenErwerb zu verarbeiten, zu wiederholen, wieder hcrvorzubringcn," und an den lösch-papiernen Volksschriften, deren er und seine Schwester sich bemächtigten, rühmt er „alsgrößten Vortheil" die Wohlfeilheit, weil, „wenn wir ein solches Heft zerlesen hatten,es bald wieder neu angcschafst und aufs neue verschlungen werden konnte." — Ein„Verarbeiten und Wicderhcrvorbringcn" deS Gelesenen wird aber wesentlich gefördert,wenn der Erzieher selbst für die Lectüre des Zöglings sich intcrcssirt und das gemein-same Interesse ungesucht eiu Besprechen des Gelesenen hcrbeiführt. Am glücklichstenist cs, wenn der Knabe mit ganzer Seele einer Lieblingslectüre sich hingiebt und indieser in gleicher Weise eine geistige Heimat findet, wie Göthe in den biblischen Ge-schichten des A. T. sie fand. — Ist einmal der Zögling eines solchen Vcrtiefcns ingute Lectüre fähig, dann wird man bald ihn sich selbst überlassen können, llebcrhauptaber ist vor zu peinlicher Aufsicht zu warnen, weil eine solche leicht Argwohn erwecktund das Gelüste nach verbotener Frucht mehr hervorrnft, als dämpft.
4) Einer besonderen Rücksicht bedarf die Altersstufe des Zöglings. Fürdas früheste Lebensalter paßt eigentlich nur eine Geschichte, — die lebendige Erzäh-lung der Mutter. Wo aber diese natürlichste Kindcrunterhaltung in den Gewohnheitenunserer Zeit untergegangcn ist, da sei man wenigstens weise genug, den Kleinen, wennsie nicht an dem Schulbnche genug haben sollen, mit größter Zurückhaltung eine kleineGabe nach der andern zu reichen. Denn gerade im zarten Alter wirken die Eindrückeam tiefsten und legen sich leicht böse Gewohnheiten des Lesens an. Für spätere Alters-stufen ist die Auswahl ergiebiger, muß aber auch hier der erstarkenden Kraft gemäßgetroffen werden. Namentlich ist dahin zu sehen, daß der Heranwachsende Knabe nichtbei Kindergeschichten stehen bleibe, noch auch zu frühe in höhere Litcraturgebicte ein-geführt werde. Für das reifere Alter insbesondere muß auch darauf Bedacht genommenwerden, daß die Privatlectüre zur Lectüre der Schule in einen angemessenen Zusammen-hang trete.
6) Auch die Individualität überhaupt fordert besondere Berücksichtigung.'Die Lectüre wird den Pedanten der Schularbeit zu erfrischen und geschmeidig zumachen, den Widerwilligen und Träten (durch annehmliche Form des Lernstoffes) zurArbeit zu locken haben. Eine entschiedene Vorliebe für ein bestimmtes Studium wirddurch gleichartige Lectüre gefördert, der Einseitigkeit durch angemessene Vielseitigkeit,der Neigung zur Zersplitterung durch strenge Einheitlichkeit der Lectüre cntgegengcwirkt,das leicht erregbare Temperament durch beruhigende Lectüre, die Lesclcidcnschaft durchPraktische Beschäftigung und äußerste Beschränkung der Lcscfreihcit gedämpft, dagegendie Gleichgültigkeit und träge Abneigung gegen Lectüre durch stärkere Reize und mitHülfe anregender Besprechung aus ihrer Indolenz geweckt, oder auch, wenn sie ausÜbersättigung entspringt, durch lang andauernde Entbehrung geheilt werden müßen.
6) Die Aufstellung eines Verzeichnisses guter, mit Rücksicht auf das Alter geord-neter Jugcndschriftcn ist ein dringendes Bedürfnis; aber die Kräfte eines Einzelnenwerden dieser Aufgabe kaum gewachsen sein. — Was bis jetzt dafür geschehen ist, umden rathloscn Eltern (und Lehrern) Rath zu schassen, erscheint noch wenig zureichend.Am verdienstlichsten und unter den gegebenen Verhältnissen wahrhaft dankenswcrth sindG.W. Hopfs „Mittheilungen über Jugendschriften an Eltern und Lehrer" (4. Ausl.1856); die „Neue Folge der Mittheilungen" (1861) übt eine noch strengere Kritik.— Beachtenswerthe Beiträge für eine Auswahl sind von dem pädagogischen Verein inBerlin, der Agentur des Rauhen Hauses, dem ckiristlichen Verein für Norddcutschland,dem Württemberg. Volksschriftcnvcrein und neuestcns von der südwestdeutschen Conferenzfür innere Mission gegeben worden.