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Jugendlectüre, Jugendliteratur.
6) Im Genüsse jener Reize, welche die Phantasie fieberhaft erregen, wächst zu-gleich das Gelüste nach dein Reize immer neuer Gcmüthscrregungen, und es erzeugtsich jene Lesewuth, die nicht selten so stark wird, daß das Kind seinen Büchcrdurstnicht mehr zu bändigen weiß und zur Befriedigung desselben zuweilen unsittliche Mittetergreift. — Selbst leiblich entnerven kann diese Lesewuth. Gewiß, wenn die Elternsehen, wie ihr Kind, tief aufathmend vom Ende der schonen Geschichte, mit glühendemKopfe und gläsernen Augen dasitzt, so dürfen sie fürchten, daß ein solches Lesesiech-thum bereits begonnen hat.
7) Auch die wissenschaftliche Bildung der Jugend wird durch unsereJugendliteratur mehr gefährdet, als gefördert. Wir wollen wenig Gewicht darauflegen, daß der Knabe über seinem Lesen vielleicht die Schularbeit versäumt. Diegrößere Gefahr liegt in einer Abschwächung des wissenschaftlichen Sinnes.Man kann die Warnehmung machen, daß die Kinder, die so viele Bücher lesen, dasLesen verlernen. In der gierigen Spannung nämlich, mit welcher sie an demFaden ihrer Geschichte hineilcn, nur um zu sehen, „wie es ausgeht", überstiegen undverwechseln sic Buchstaben und Wörter. Wenn aber bei solcher Lesegier die Schriftvor dem leiblichen Auge verschwimmt, so ist begreiflich genug, daß hiebei der Inhaltselbst nur flüchtig und in unsicheren Umrissen in das geistige Auge eiuzutreten ver-mag. Und nun denke man an das bunte Durcheinander, das unsere Lectüredem gierig Lesenden zu bieten Pflegt! Es ist nicht anders möglich, als daß endlichalle Bilder, — Situationen, Ereignisse, Charaktere, sowie die verschiedenen Coloriteder Darstellung, in heilloser Verwirrung in einander laufen. Man tröste sich nichtdamit, daß die Lectüre wenig schade, weil das flüchtig Gelesene auch schnell wiedervergessen werde; denn jeder Eindruck läßt eine Spur tu der Seele zurück, und über-dies sind nicht die verwirrten Vorstellungen an sich das Schlimmste, sondern dies,daß Oberflächlichkeit und Zerstreutheit überhaupt erzeugt, daß das Gedächtnis ab-geschwächt und endlich ein träumerisches Dahindenken und Dahinleben zur Gewohn-heit wird.
Aber nicht nur die romanhafte Jugendschrift, sondern selbst unsere specifischdidaktische Unterhaltungsliteratur, wie sie ist, und das Lesen derselben, wie es ge-wöhnlich betrieben wird, bringt für die wissenschaftliche Bildung der Jugend manchenNachthcil. Es schadet auch hier das bunte Durcheinander und es schaden vieleSchriften der Art durch den Reiz des eingelegten Romans. Es mögen immerhinallerlei nützlicke Kenntnisse hängen bleiben. Aber es fehlt ihnen der Zusammenhang,und der zufällige, vorausgreifende Erwerb der Privatlectüre durchkreuzt die Absichteines wohlgeordneten Schulunterrichts. Dazu kommt, daß die didaktische Jugendschristin wohlverstandener Spekulation von allen Dingen und Geschichten das Schönste undAmüsanteste darbietet und so jene Knaben großzieht, die jeden ernsteren Stoff des Unter-richts unschmackhaft finden. Die Schlaffheit und Zerstreutheit der Jugend, — dieencyklopädische Viel-und Halbwisserei und der daran sich knüpfende, über "alles raison-nirende und absprechende Dünkel, wie er unserer Zeit überhaupt eigen ist, finden denergiebigsten Boden in dem seichten und süßlichen Popularisiren der Wissenschaft, zu-nächst für das Kind und dann für die erwachsenen Laien.
8) Die moderne Jugendlectüre überhaupt hat sich von derPädagogik abgelöst. Sie wirkt mit stärkeren Reizen auf die Jugend, als irgendeine andere pädagogische Institution. Die Jugendliteratur ist zu einer Macht ge-worden, die unberufen, aber mit unermeßlichem Einflüsse in die Erziehung fast dergcsammten Jugend sich eindrängt und in weiterer Folge auf die Bildung der ganzenNation einwirken muß. Wer aber den Spuren dieser Wirkung nachgeht, der wird siedeutlich genug in den Symptomen der Zerfahrenheit, Blasirtheit, Puerilität undThatenlosigkeit unserer Jugend und in entsprechenden Krankheiten unserer Zeit über-haupt erkennen.
Bei dem Anblicke eines so trostlosen Zustandes könnte man sich versucht finden,die Privatlectüre überhaupt aus unserem Erziehungsplane zu streichen; und in derThat würde, wenn man damit unsere ganze specifische Jugendlectüre beseitigte, derGewinn weit größer sein, als der Verlust. Aber eine unbefangene Betrachtung mußuns lehren, daß jener Nothstand nur durch Ausartungen der Literatur und des Lese-