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1 (1877) A - Liebe
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Jugendlcctüre, Jugendliteratur.

Ueberflnsse sich vermehrt haben. Einzelne Erscheinungen dieser Art sind zwar künst-lerisch vortrefflich, wie z. B. Richters geniale Bilder zu Bechsteins Märchen, dieZeichnungen der Dresdener Künstler zur Ammcnuhr, die Holzschnitte von PocciSchneider u. a. Auch einiges ans dem Hcrdcr'schen Institut in Karlsruhe undFreiburg und dem Hallberger'schcn Verlag in Stuttgart ist beifallswerth und ein Fort-schritt in der Wahrheit natnrhistorischer und geographischer Illustrationen sichtbar.Namentlich hat der Holzschnitt, der in großartigster Industrie in dem Spamer'sckenVerlage von Volks- und Jugendschriften betrieben wird und in vielen Fällen denbunten Farbenbildcrn pädagogisch vorzuziehen ist, der Jugendliteratur manche guteDienste geleistet. In: ganzen und großen aber muß das Bildcrwescn unserer Jugeud-schriften zu den ernstesten Bedenken Veranlassung geben. In dem wissenschaftlichen,namentlich geographischen Bildervorrath ist eine beklagcnswerthe Einförmigkeit zu be-merken; überall begegnet man denselben, nur mit neuen technischen Mitteln ausgc-stutzten Typen. Noch schlimmer aber steht cs mit den in die Geschichten cingestreutenBildern.Nicht wenige dieser Bildcrbibeln und Bildergeschichten sind nur Werke derGeldsncht der Autoren, wie der Verleger, und es ist empörend zu sehen, welche Su-deleien hier den Kindern geboten werden." (Rosenkranz, Päd. 61 f.). Ueberdiesschadet die Ueberfülle der Bilder, indem sie zerstreut und verwirrt, und am meistenihre Jnhaltlosigkcit und Charakterlosigkeit. Die meisten dieser Abbildungen dienennur dazu, die Gasflust zu erregen, den Reiz des Romans durch die Zeichnung senti-mentaler Scenen und grauenhafter Abenteuer zu erhöhen, die Ueppigkcit der Phan-tasie zu fördern und die Selbstthätigkeit zu erschlaffen.

9) Rückblick. Ueberblickcn wir die Entwicklung der modernen Jugendliteratur,so läßt sich in mancher Hinsicht ein Fortschritt nicht verkennen. Die Weiße'schcnKinderfignren sind mehr und mehr in ein gercifteres Leben übergegangen, die Rückkehrauf christlichen Grund und zu volksthümlichen Stoffen ist wenigstens versucht und diedidaktische Ilnterhaltnngsliteratur mit manchem wcrthvollcn Werk bereichert worden.Dagegen hat unsere Jugendliteratur an tieferen Motiven und ernster Gesinnung mehr-verloren als gewonnen. Die sittlichen Motive sind bei vielen zweifelhaft; die Tendenzder meisten vorherrschend eine Speculation auf den Phantasiereiz, und bunte Bilder,glanzvolle Einbände, lockende Titel und buntes Allerlei (namentlich in der auch durchZerstückelung schädlichen Zeitschriftcnform) unterstützen jene Speculation. Die Jugend-literatur hat es nicht einmal zu einem zweiten Campe gebracht. So allgemein pflegtman sie als ein Geschäft der bloßen Mittelmäßigkeit zu betrachten, daß die bestenMänner, namentlich Pädagogen, sich scheuen, in die Concurrenz cinzutretcn. Praktischist die Gefahr gewachsen durch die Ueberfülle, die nunmehr fast alle Schichten derJugend überflutet. Weit nachläßiger ferner, man kann sagen gewissenlos ist diepädagogische Kritik geworden. Größer als je endlich ist daher die Rathlosigkeit derElten: und selbst der Lehrer bei der Auswahl, oder auch der Leichtsinn, mit dem manalles, was guten Klang hat, für die Kleinen zusammenkauft.

II. Die pädagogischen Ergebnisse der Jugendlcctüre. 1) Der päda-gogische Werth einer guten und wohlgeordneten Jugendlcctüre kannund soll nicht verkannt werden. Herbart hält die Lectürefür ein unentbehrliches,schwerlich durch etwas anderes zu ersetzendes Hiilfsmittel der Erziehung und gerade fürdas Mittelglied, das in jene leere Zeit des Jünglings, die den Erzieher so besorgtmacht, eingeschoben werden muß." Eine gute Lectüre kann dazu beitragen, daß derKnabe Menschen und Leben kennen lerne, und zwar nicht nur die Welt,die das Buch ihn: darstellt, sondern auch die wirkliche, indem er diese an jener ver-liehen lernt. Bei dieser geistigen Arbeit, die den Inhalt des Buches mit den eigenenErfahrungen und Gedanken zu associiren strebt, reift überdies das Urtheil des Lesersund werden neue Gedanken ihm zugesührt. Insbesondere kann der Einfluß einerguten Lectüre auf die Gesinnung als sehr heilsam betrachtet werden. Die Be-gebenheiten und Situationen des Buchs pflegen concentrirter und bei rechtem Lesenungestörter auf den Knaben zu wirken, als das alltägliche Leben es vermag. Ent-schiedener, als in diesem, nimmt der junge Leser Partei für und wider Personen undGeiinnungen. Er liest mit dem Herzen mehr als mit dem Verstände; er begeistertsich gern an großen Menschen und erhabenen Gedanken, und seine natürliche Richtung