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1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Individualität.

erkennung des Rechtes der Persönlichkeit auch die des Rechtes der Individualität. Beidem israelitischen Volk entfaltet sich zwar durch den Glauben an den persön-lichen Gott auch die Individualität freier; doch kommt sie noch nicht zu ihrem vollenRechte, und die Erziehung wird vorzugsweise zur Zucht im cngern Sinn. Derorientalischen Welt gegenüber wurde durch die griechische und nach deren Vorbildedann auch durch die römische Erziehung die Individualität vertreten; aber durchdie ausschließliche Beziehung der Individualität auf den Staat, statt auf Gott undMenschheit, geschah es, daß auch in der antiken Welt Recht und Pflicht der Indivi-dualität nicht in der rechten Weise zur Geltung kamen. So konnte z. B. durch dasInstitut der Sklaverei die Individualität in ihrem heiligsten Rechte auf das tiefsteverletzt werden. Das Christenthum erst begründete das richtige Verhältnis zwischendem allgemeinen Gesetz und der Individualität und wahrte Recht und Pflicht der letzterenauf gleiche Weise. Röm. 12, 46. 1 Kor. 12, 433 begründet der Apostel PaulusRecht und Pflicht der Individualität in einer Weise, au welche nichts, was das Alter-thum darüber gesagt hat, auch nur entfernt hinreicht. Diesen neuen Grundsätzen ent-sprach denn auch das neue Leben innerhalb der christlichen Gemeine. Jetzt erst trat auchdas Weib in die ihm gebührende Stellung ein: der Hauch heiliger Mutterliebe weihtedie Familie zu der Stätte, auf welcher die Individualität die rechte Pflege und Ent-wicklung finden konnte. Wenn dann die römische Kirche, nicht ohne geschichtliche Be-rechtigung, den alttestamentlichen Standpunct wiederherstellte, so lag dafür in demgermanischen Stamme die Tendenz, das Recht der Individualität zu wahren unddabei zugleich das gebührende Maß zu halten, und seine natürliche Anlage kam somitden Anforderungen des Christenthums entgegen.

In der Reformation wurde das Recht der freieren individuellen Bildung, dessenAnerkennung durch die Wiederbelebung der classischen Studien vorbereitetwar, von dem ernsten deutschen Geiste in Beziehung gesetzt zu dem lebendigen Glau-ben an das in Christo der Menschheit dargebotene Heil, in welchem Glauben dasinnerste Bedürfnis des deutschen Gemüthes sich befriedigte. Wie in der Forderungeines solchen Glaubens selbst die Anerkennung des Rechtes des Individuums auf einefreiere Entwicklung schon enthalten war, das hat vor allen Luther deutlich erkannt.Wenn dann auch die ältesten praktischen Pädagogen der evangelischen Kirche ausGründen, welche mehr außer ihnen als in ihnen lagen, auf Kosten einer vielseitigerenBildung in der Fertigkeit im Lateinsprechen und -schreiben das Hauptziel des Unter-richtes erkannten und in dieser Beziehung von den jesuitischen Lehranstalten sich nichtunterschieden, welche geradezu auf Unterdrückung freier individueller Regung ausgien-gen; so wehte doch in protestantischen Anstalten, wie in der zu Straßburg oder zuGoldberg, der Geist eines freieren Lebens. Das Dringen auf einen naturgemäßen,dem Zögling das Lernen angenehm machenden Unterricht, welches den pädagogi-schen Neuerern, wie Ratich, Comenius u. a., eigenthümlich ist, schloß eigentlich dieForderung einer Berücksichtigung der Individualität schon in sich, und von einigenwurde diese Forderung auch ausgesprochen; in der Praxis aber führte das Vertrauenauf die absolut richtige Methode, welche ein jeder entdeckt zu haben glaubte, meistvielmehr dazu, daß man gegen die Verschiedenheit der Individualitäten gleichmacherischsich verhielt. Aehnlich verhält es sich mit der philanthropischen Erziehung, inwelcher überdies die Rücksicht auf den äußeren Zweck,nützliche Weltbürger" zu er-ziehen, die Individualität nicht zu ihrem vollen Rechte kommen ließ. Andererseitsschlug bei Rousseau das Recht des Individuums in Undank und Unrecht desegoistisch isolirten Subjects gegen die Gattung und die Gesellschaft um. Pestalozzi,indem er die Liebe zum Princip der pädagogischen Thätigkeit erhob, eine allgemeineVolksbildung forderte und also den Einzelnen als organisches Glied der Gesammtheitauffaßte, und indem er endlich das Mutterhaus als die eigentliche Stätte der Er-ziehung ansah, hatte damit die wesentlichen Voraussetzungen gewahrt, unter welchendie rechte Berücksichtigung der Individualität in der Erziehung möglich ist. Dochauch bei ihm überwog die Werthlegung auf den fertigen methodischen Schematismus,und es blieb Philosophen, wie besonders I. I. Wagner (s. o.) und Krause (Urbildder Menschheit, S. 386), und Dichtern, wie Göthc, Schiller und I. Paul Vor-behalten, auf die pädagogische Bedeutung der Individualität nachdrücklicher hinzuweisen.

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