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Hcrbart.
Seite, als in der griechischen Welt, hätte erkennen können. Merkwürdig ist es, daßer statt dessen die Odyssee auch für die religiöse Bildung empfiehlt. Freilich nichthauptsächlich in unmittelbarer und positiver Weise sollen die Kinder ihre Religiondurch den Homer weiterbilden oder befestigen, sondern vielmehr durch die Wirkungdes Contrastes, wobei vorausgesetzt wird, daß „das Höchste schon durch die erste häus-liche Erziehung sich seinen Platz befestigt habe." Denn eben weil das Höchste, schonfrüh zum Bewußtsein gebracht, nun ferner nicht mehr erhöhet werden könne, so seiGefahr, „man werde es bei fortdauerndem Hinheften des Geistes auf den einen, soeinfachen Punct, nur verunstalten, man werde cs zum Gemeinen, ja zum Langweiligenherabziehen." Aber es gebe ein Mittel, „die Idee langsam zu ernähren, zu verstärkenauszubildcn und ihr eine unaufhörlich steigende Verehrung zu sichern, nämlich dies,sie fortdauernd durch Gegensatz (nämlich durch den Gegensatz des homer'schcn Poly-theismus) zu bestimmen; und dieses Mittel müße zugleich als daS einzige gelten."Hcrbart hat gewiß Recht, wenn er von viel abstractem Räsonnement in Sachen derReligion bei Kindern das Gegentheil von religiöser Belebung befürchtet; auch könnenwir zugcben, daß in sehr ernsten und tiefer belebten Gemüthcrn das Christliche durchden Kontrast des Heidnischen belebt und verstärkt werden mag. Doch wird die großeMehrheit unserer Schüler solche Vergleichungen und Reflexionen nur sehr flüchtiganstellen. Vor allem aber hat Herbart übersehen, daß die Religion in ihrer geschicht-lichen Wirklichkeit, wie sie in den großen Thaten Gottes und seiner Gesandten, imThun und Leiden der Frommen, in Bekenntnis und Gebet, in Lied und Spruch dar-gelebt, bewährt und ausgesprochen ist, eine Gestalt gewonnen hat, die bei aller Ein-fachheit des Grundgedankens reich und lebendig genug ist, um bei weiser Benutzungohne alle Gefahr des Ueberdrusses einen wahrhaft positiven Stoff des religiösen Unter-richts darbieten zu können. Wir kehren zu dem Hauptgangc der Betrachtung zurück,und erinnern uns, daß Herbarts ästhetische Darstellung der Welt fürs erste nichtsanderes ist, als eine Methode für die Bildung des sittlichen Urtheils. Aber vor allemfragt cs sich nun: Wie kommt die Sittlichkeit selbst zustande? Wie entsteht jeneFolgsamkeit, die der an sich ideenlose Wille dem an sich machtlosen „Geschmacke"zu beweisen hat? Dies ist die Capitalfragc des ganzen Systems. Sie gehört zurLehre vom Unterricht; denn obschon nicht ohne Beihülfe der „Zucht", doch wesentlichaus Grund des Unterrichts in dessen beiden Hauptzielen wird sie durch einen psycho-logischen Vorgang erledigt. Zuvörderst jene „ästhetische Nothwendigkcit", vermögewelcher wir nicht umhin können, auch unser eigenes Wollen nach den sittlichen Prin-cipicn zu bcurthcilen, giebt freilich für sich allein noch nicht die Antwort auf jeneFrage; denn auch in seiner Anwendung auf uns selbst ist nach Hcrbart dieses Urtheilwillenlos und noch ohne die Natur eines Imperativs. Aber in der Einheit derPerson, welche will und welche urtheilt, ist die Vermittlung gegeben, daß beide zueiner Lebenseinheit sich verknüpfen, daß das Urtheil zu einem Imperativ, der Willezu einem gehorchenden wird; die psychologische Nothwendigkcit, mit sich selber zuharmoniren, treibt bei gehöriger Ausbildung des sittlichen Urtheils, welches nun alsGewissen einen Druck ausübt, den Zögling, seinen Willen mit dem Sittlichen inUebcreinstimmung zu setzen; denn „er müßte sich selbst schmähen, wenn er nichtfolgte."*) Und die „Zucht" unterstützt diesen Vorgang, indem sie einerseits denschon wohlgezogencn Kindern „eine Freiheit gegeben und erworben hat, jedes Ver-langen für den Augenblick ohne große Mühe anzuhalten," nnd andererseits, „wo sichrichtige Ueberlegung erhebt, diese in Handlung setzt," wodurch „die Vernunft erfährt,was sie vermag, und Muth saßt zu regieren."
Eine Vergleichung dieser Lehre Herbarts mit jener sehr nahe verwandten päda-gogischen Idee Kants, die er in seiner Methodenlehre der reinen praktischen Vernunft(s. den 2. Theil von Kants Kritik der praktischen Vernunft) entwickelt hat, wozuhier nur der Raum fehlt, würde zeigen, wie diese Männer, denen wir eine ernstesittliche Richtung und die innige Erfahrung eines reinen Willens gewiß zutrauendürfen, doch theoretisch bei einer einseitig subjectiven Begründung der praktischen Sitt-
) So in der ästhetisch. Darst. d. Welt: Sämmtl. W. Th. XI. S. 225.