Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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616 Herbart.

rung und Zucht mit einander zu behandeln, die Lehre vom Unterrichte aber voran-gehen zu lassen.

1) Das Eigcnthümliche des Herbart'schen Unterrichts läßt sich kurz durch denvon ihm selbst gebrauchten Ausdruck: erziehender Unterricht bezeichnen, wodurchangcdeutet werden soll, daß das Ziel des Unterrichts nicht allein oder vorzugsweisein dem Wissen, auch nicht in dem technischen Können bestehen, sondern daß durch ihnunmittelbar die Vervollkommnung des Subjects ihrer wesentlichen Begründung nacherreicht werden soll. Näher ist ihm der Unterricht planmäßige Erzeugung undCultur der Vorstellungen bis zur Erreichung des vielseitigen Interesseworaus denn unmittelbar die Fähigkeit und Bereitschaft zum Wollen, andererseits aberder Geschmack oder das sittlich-ästhetische Urtheil hervorgehen soll. Ihm ist also dasInteresse für den Unterrichtsgegenstand nicht etwa nur eine wesentliche Hülfe fürdas Gedeihen des Unterrichts, sondern recht eigentlich das Ziel desselben. — Wirsind weit entfernt, dieses Ziel des Unterrichts zu verwerfen oder für unerreichbar zuhalten. Nur fragt es sich, wie Herbqrt aus seiner Theorie der Vorstellungen einsolches Ergebnis erklären will. Der Sah, daß die Seele ihr gesammtes Leben ausVorstellungen construire, scheint unhaltbar, ja unverständlich, so lange wir mit Herbartunter Vorstellungen nur das Ergebnis der sinnlichen Erfahrung verstehen. Anderswürde es sein, wenn wir statt Vorstellungen die Wahrheit setzten mit ihremübersinnlichen und idealen Sein; in ihr würden wir die principielle Kraft der Ideenhaben, ans welchen und für welche der menschliche Geist von Gott geschaffen ist. —Wir wissen, wie weit Herbart von einer solchen Ansicht entfernt ist. Sein Weg, umden gemüthlichen wie praktischen Einfluß der Vorstellungen zu erklären, ist ein ganzanderer, der eines psychologischen Realismus. Er entkleidet die Vorstellung von vorn-herein ihres rein objektiven Charakters und stellt sie dar als eine Selbsterbaltungder Seele, d. i. als eine Reaction der vorher vorstellungslos zu denkenden Seelcn-einheit gegen die sinnliche Einwirkung der Objecte, als ein gemeinsames Productdieser beiden Potenzen, wobei der Begriff der Wahrheit für unser Erkennen selbstver-ständlich hinfällt. Diese rein dogmatische Annahme bot nun wenigstens den Vortheildar, daß sich in der so gefaßten Vorstellung Subjectives und Objectivcs, Kraft undBild, Inneres und Aeußeres von vorneherein beisammen fanden, und eine der schwie-rigsten Aufgaben der Psychologie, der Zusammenhang des Gedankens mit Gefühl undWille als schon gelöset erscheinen konnte. Und so ist es denn erklärlich, wie Herbartdem Unterricht die Aufgabe zutheilen kann, einen Reichthum von Verlangen, vongleichsam wartender Begierde und möglichem Wollen in der Seele zu erzeugen, undfür die Praxis des Lebens in Bereitschaft zu stellen. Das Interesse bildet dabei dieUebergangSstufe zwischen der Objectivität des Vorstellens und der vom Subject aus-gehenden praktischen Richtung, es steht „in der Mute zwischen dem bloßen Zuschauenund dem Zugrcifen." Es ist mit dem Begehren, dem Wollen und dein Geschmacks-urtheil gemeinschaftlich der Gleichgültigkeit entgegengesetzt, unterscheidet sich aber vonjenen dreien dadurch, „daß es nicht über seinen Gegenstand disponirt, sondern anihm hängt." „Wir sind zwar innerlich activ, indem wir uns interessieren, aberäußerlich so lange müßig, bis das Interesse in Begierde oder Willen übergeht." Diebesonderen Momente des Interesse sind nach Herbart Aufmerksamkeit und Er-wartung. Der Erwartung folgt das Fordern, womit eben die Begierde ein-tritt, endlich das Handeln, welches letztere sich jedoch als Versuchen auch unmittel-bar an das Erwarten anschließen kann. — Es versteht sich, daß diese Momente einzigdurch die Vorstellungen und deren Massen ihre Erklärung finden sollen, von Ideenist dabei noch gar nicht die Rede.

Die Vorstellung mit diesen ihren Wirkungen zeigt sich nun aber in zwei Reihen,in Erkenntnis und Th ei ln ah me. Dort, in der Reihe der Erkenntnis, zeigensich die Interessen des Mannigfaltigen (das empirische Interesse), des Gesetz-mäßigen (das speculative) und daS der ästhetischen Verhältnisse (der Ge-schmack); hier die Interessen an der Menschheit als solcher (am einzelnen Men-schen), an der Gesellschaft, endlich am Verhältnis beider zum höchstenWesen (Religion).

Erinnern wir uns hier an das, was Herbart die objectivc und die subjective