Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
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Herbart.

nexus enthoben ist, keineswegs, wie Herbart zu glauben scheint, motivlos, mithin un-berechenbar und unbestimmbar. Denn in der Einleitung der Kritik der Urteilskraftspricht er von Freiheitsbegriffcn, die er den Naturbegriffen entgegensetzt und unterdenen er ganz deutlich solche Begriffe versteht, welche dem Willen als Motive dienenkönnen. Noch bestimmter als Kant spricht Fichte sich über die Bestimmbarkeitdes freien Willens durch Motive aus. Auch Schelling (in der Abhandlungüber die menschliche Freiheit) lehrt keine Freiheit ohne Motiv; eine solche Freiheit,sagt er, würde nur ein Vorrecht sein ganz unvernünftig zu handeln; es müße einehöhere mit der Freiheit einige Nothwendigkeit geben, die gleichweit entfernt vom Zu-fall wie vom Zwang aus dem Wesen des Handelnden selbst quelle. So weit folgenwir Schelling unbedenklich. Aber wir müßen unsere Beistimmung versagen, wenner dann hinzufügt, daß das Wesen des Menschen wesentlich seine eigene That seiund diese eigene That als ein Ur- und Grundwollen erklärt, das sich selbst zu etwasmache. Denn in diesen Worten macht Schelling den Menschen zu seinem eigenenSchöpfer. Dieser Irrweg, der übrigens aus der transcendentalen Weltansicht nichtmit Nothwendigkeit folgt, nimmt ja der Erziehung den wichtigsten und schwierigstenTheil ihrer Wirksamkeit, wonach sie vor allem Geist und Herz selbst auf Grund dergegebenen Anlage zu bilden hat, damit der Keim höhern geistigen Lebens zu persön-licher Wirklichkeit und Kraft mit Hülse der Erziehung heranreife. Weil Schellingdas, was dem Individuum als dessen freier Besitz erst werden muß, schon als vollendetgegeben ansah, konnte er nicht zu dem Begriff der Anlage gelangen, ein Mangel,worin er sich nun mit Herbart begegnete, der freilich von einer ganz anderen Seiteher dazu kam. Bei Schelling mußte nicht allein die Möglichkeit, sondern auch dieNothwendigkeit der Erziehung, wenigstens dem wichtigsten Theil nach, wegfallen; beiHerbart zwar nicht die Nothwendigkeit, welche ihm, bei seiner Läugnung des Ur-sprünglichen im Geiste, vielmehr um so schwerer ins Gewicht fiel, wohl aber dieMöglichkeit, da bei dieser Läugnung alle Anknüpfung für die Erziehung wegfällt, sodaß wir fragen dürften, warum nach ihm nicht auch in dem Thiere durch Erziehungein geistiges Leben construirt werden könne, eine Frage, die er nur durch die Hin-weisung aus die Art derEinkörperung" des Thieres beantworten könnte. WenigeBemerkungen über Nothwendigkeit und Möglichkeit der Erziehung von unserem Stand-puncte aus mögen hier noch gestattet sein. Die Erziehung ist nothwendig, weil dergewöhnliche Mensch, in der formalen Freiheit des Jchlebens, als wäre die Personschon in sich fertig, die wesentliche Wahrheit nicht eher in ihrer vollen Geltung insich erfahren kann, als bis sie von außen her als Macht und Gesetz, als Kraft undLeben ihm entgegentritt, durch ihre Identität mit der menschlichen Anlage und innerenForderung sein Selbstbewußtsein allmählich vertieft und veredelt, und so die Geburtdes freien Glaubens und der freien Liebe der göttlichen Wahrheit in ihm zeitiget.Die Erziehung ist möglich vor allem durch jene Anlage, wenn wir dieselbe von ihrerpositiven Seite betrachten. Durch sie wird das allmähliche Verständnis und die Auf-nahme der Cultur vermittelt, die auf den Zögling übergehen soll; sie begründet fernerjenen schon die Kindheit belebenden Trieb zu etwas mehrcrem und höherem, welcher,noch dunkel und unsicher in seinem Ziele, nicht nur Leitung und Hülfe nöthig macht,sondern ihr auch entgegenkommt. Wir wissen, daß zu diesen Motiven im Innerndes Zöglings wesentliche Bedingungen von Seiten des Erziehers erfordert werden;aber nehmen wir diese als gegeben an, so liegt in jenen Motiven die Begründungder Auctorität und des Vertrauens, in welchen wir die subjectiven Grund-bedingungen aller Erziehung erblicken.

III. Die Frage nach dem Zwecke der Erziehung führt uns auf die praktischePhilosophie Herbarts. (Allgem. praktische Philosophie von I. Fr. Herbart. Güttingen1808.) In dieser werden fünf Ideen gelehrt: die innere Freiheit, die Vollkommen-heit, das Wohlwollen, das Recht, die Billigkeit, unter welchen die zuerstgenannte inihrer Verwirklichung die persönliche Form darstellt, in welcher die andern als Tugendenwirklich werden. Sie ist in diesem Sinne die Idee der Ideen und in ihrer Wirk-lichkeit die Tugend der Tugenden. Auf sie bezieht sich denn die Erziehung. Wiefaßt nun Herbart den Begriff der inneren Freiheit? und zuerst: welch eine Be-deutung können überhaupt bei ihm Ideen haben? Es sind nach ihm nicht die Ideen,