Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
585
Einzelbild herunterladen
 

Gewöhnung.

585

sehr wie in der sittlichen, im Theoretischen und im Praktischen, in der künstlerischenund in der wissensckaftlichcn Wirksamkeit spielt die Gewöhnung eine einzig große Rolleund beweist eine fast beispiellose Macht. Durchlaufen wir die verschiedenen Stadiender menschlichen Bildung, so zeigt die Erfahrung, daß die Gewöhnung überall eineKraft ist, die durch nichts anderes ersetzt werden kann. Betrachten wir insonderheitdas Schulleben, so ist zunächst zu bemerken, daß die Wirksamkeit der Schule wesentlichdavon abhängig ist, was für Gewohnheiten die Kinder aus dem Schoße der Familiemitbringen. Aber die Schule hat nicht bloß die Gewohnheiten, die das Familienlebenden Kindern giebt, zu vervollständigen und fortzubildcn, sondern sie hat auch Gewohn-beiten hervorzubringen, die mit ihrem eigcnthümlicken Zwecke untrennbar zusammen-sängen. Die Kenntnisse, die einer in der Schule sick erwirbt, bilden gleichsam denLeib, aber die in diesem Leibe wirksame Seele besteht in gcwißen psychischen, sittlichenund geistigen Gewöhnungen, die der Unterricht bewirkt, wenn er anders rechter Ärtist. Eine der ersten und zugleich wichtigsten Gewöhnungen, die die Schule durch denUnterricht in ihren Zöglingen hervorbringt, ist die Gewöhnung an Aufmerksamkeitund Fleiß (s. d. bctr. Art.). Was für ein wichtiges Princip die Gewöhnung in derSchule ist, das zeigt sich ganz besonders auch bei der geistigen Bildung, die dieSchulen hcrvorbringcn sollen. In der That hat die geistige Bildung nur dann einenWerth und einen unerscköpflicheu Nutzen, wenn ihre Thätigkeitcn, Kräfte und Mittelfeste und sichere Gewohnheiten geworden sind. Man kann das Ziel und den End-zweck der geistigen Bildung mit den beiden Worten bezeichnen: denken und reden. BeideFähigkeiten die des Denkens und der Rede sind aber erst daun im Menschenvorhanden, wenn sic ihm zur Gewohnheit geworden sind. Doch nicht bloß in derBildung der Intelligenz des Menschen zeigt sich die Macht und die Bedeutung derGewöhnung, sondern besonders auch in Rücksicht auf das Sittliche. Auch die sittlicheBildung kann erst in so weit als vollendet angesehen werden, als edle Sitten undgroße Gesinnungen zur Gewohnheit geworden sind.

Die bisherigen Erörterungen sollten dazu dienen, die unendliche Bedeutung, diedie Gewöhnung namentlich für die Bildung hat, in ein klares Licht zu stellen. Fragenwir nack dem Begriff der Wörter Gewöhnung und Gewohnheit, so kommt cS dabei,da die Gewöhnungen nichts anders als die Thätigkeitcn sind, durch welche Gewohn-heiten hcrvorgebracht werden, schließlick nur auf den Begriff der Gewohnheit an.Wir brauchen aber die Definition der Gewohnheit nicht weit zu suchen, da ihr Be-griff sprüchwörtlich geworden ist. Tie Gewohnheit, sagt man, ist die zweiteNatur und damir ist ihr Begriff bestimmt. Man muß nur wissen, was unter derNatur überhaupt und waö unter der zweiten Natur insbesondere zu verstehen ist.Natur überhaupt ist ein in sich gegründetes Dasein, dessen Erscheinungen undThätigkeitcn aus den ihm inwohucnden Gesehen mit Nothwendigkeit hervorgehen. Indiesem Sinne ist auch der leibliche Organismus des Menschen in seiner Gestaltung,Gliederung und Entwicklung eine Erscheinungsform der Natur, in sofern darin allesnach bestimmten und unwandelbaren Gesetzen erfolgt, die alles schwankende, unsichere,zufällige und willkürliche ausschließen. Und diese Natur ist die erste Natur desMenschen. Aber diese erste Natur ist nur der AuSgaugspunct und das irdische Werk-zeug einer zweiten Natur, die des Menschen überirdisches Wesen zur Erscheinungbringen soll. Diese zweite Natur ist das geistige d. h. das intellectuelleund sittliche Leben, welches der Mensch aus sich heraus zu gestalten und zu ent-wickeln den Beruf hat. Den Proceß, durch welchen das sinnlich-individuelle Wesendes Menschen zu einem freien Träger des Geistigen gemacht wird, bezeichnet dasChristcnthum als Wiedergeburt. Bleibt der Mensch in seiner Entwicklung dabei stehen,jene erste Natur als den Zweck des Lebens festzuhalten, so kommt zwar auch seinegeistige Natur zum Vorschein, eben weil sie Natur ist; aber sie wird in die Machtder Sinnlichkeit mit hineingezogcn und der ganze Mensch wird fleischlich. Wird aberdas geistige Leben entbunden, so wird auch das leibliche, indem es sich jenem unter-vrdnet und in den Dienst desselben tritt, gerade hiedurch gereinigt und vergeistigt.Das geistige Leben unterscheidet sich von dem bloßen Naturleben wesentlich durch diefreie Selbstbestimmung. Aber eine Freiheit, die so zu sagen nichts weiter wäre, alsFreiheit, die nicht zugleich den Ernst und die Macht der Nothwendigkeit in sich trüge,