Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
558
Einzelbild herunterladen
 

558

Gesang.

künstlicher Art sich erfreuen und ihren Gesang damit beleben; die Zahl von etwa80 Chorälen ist wohl zu bemeistern. Gerade übrigens beim Choralfingen, soferndasselbe zugleich auch mehrstimmig in der Schule betrieben werden soll, bringt dieserUmstand dann große Unzuträglichkeiten mit sich, wenn den Misten der Gesang derzweiten Stimme aus dem vierstimmigen Satze zugcmuthet wird und niemand fürTenor und Baß dabei mitwirkt. Tenn so kann man eigentlich gar nick)« singen, so-wenig als man die obern Stockwerke eines Hauses in die Luft stellen kann, so wenigals ein Pferd auf zwei Füßen zu gehen vermag. Der Alt des vierstimmigen Satzeshat viel zu wenig Sinn für sich, und hört häufig mit einem Tone auf, welcher demOhre keine Befriedigung giebt, nemlich in der Dominante. Nun kann es nöthigwerden, daß dennoch in der Schule dieser Secund zur Einübung gelange, und indiesem Falle hat man sich darein mit dem Bewußtsein zu ergeben, daß hiedurch füreinen höhern Cultuszweck, für erbaulichen Vortrag eines vierstimmigen Chorals inGottesdiensten die Mittel von der Schule zubereitet werden; allein will die Schuleauch zu ihrer eigenen Erquickung mehrstimmig Choral singen, dann darf sie denvierstimmigen Satz hiezu nicht verwenden, sondern muß der Satz so eingerichtetwerden, daß sie mit den in ihr vorhandenen Kräften eine in sich ausreichende, Ohrund Gemüth befriedigende Harmonie zu Stande bringt; wo nicht, so ist es gerathendie Choräle in der Regel nur einstimmig singen zu lassen, um nicht diese und sichselbst durch eine aller Musik widerstrebende Zerreißung der zusammengehörigen Har-monie zu mishandcln. — Ueberall wo Mehrstimmigkeit auf Kosten der Schönheitgehen würde, ist jene entfernt zu halten.

So soll man auch nicht meinen, ein für zwei Stimmen zu setzendes Lied müßedurchaus den zweistimmigen Satz fcsthalten und müße ihn auch da anwenden, woein unisono durch etliche Töne hiudurchgeführt schöner klingt, als wenn ein ungeschickterSecund unterlegt wird. Man nehme z. B. die Volksweise: „Vöglein im hohenBaum" ss ckur, und frage sich, was ist schöner: die beiden ersten Takte einstimmigsingen, oder im zweiten Takt den Alt x. ä. ll. herab singen lassen? was lautetbesser, die Takte 7 und 8 „daß wohl von nah und fern" einstimmig, oder mit demarmen Alt e. d. a. Ir. ä. A? Nicht zweistimmig, sondern schön singen ist die Haupr-sache, und den Schülern soll man nichts zumuthen, als was sie so zu singen vermögen,daß cs wohllautet.

Dies gilt denn auch von Productionen, wie sie nicht selten bei öffentlichenPrüfungen der sogenannten höheren Töchterschulen statlfinden. Lieblich sind sie, solange sie sich auf das vorhandene Maß der Kräfte beschränken, aber gefährlich werdensie, sobald das Programm meint Stücke aufweisen zu müßen, welche durch ihrenNamen Bewunderung erregen, deren Harmonisirung aber und Rhythmus einen imden einzelnen Stimmen wohlgeübtcn und im Ensemble zusammengewöhnten Chorerfordert, während doch häufig derartige Sangstücke nur in den letzten Tagen vor derAusführung nothdürftig vorbereitet werden.

Es ist kaum möglich, von dem mehrstimmigen Gesang in der Schule zu reden,ohne zugleich auf den in Vereinen jugendlicher und erwachsener Sänger betriebenenauszublicken. Man soll ja als Kind lernen, was man im spätem Leben üben undvon was man einen Genuß haben kann, man soll das früher Gelernte hernach nichttodt liegen lassen. Singen nun die Erwachsenen beiderlei Geschlechts miteinander, soist zwar gewiß auch ein einstimmiger Gesang bei frohem und bei frommem Zusammen-sein lieblich und wohlthuend, wenn reine Stimmen dabei klingen, und weil ein solcherGesang nicht nöthig hat, über den gewöhnlichen Stimmenumfang hinauszugehen, sokönnen alle desto eher mit dabei sein und ihre Befriedigung finden. Man verachtesolchen Gesang nicht und halte es ja nicht unter der Diürde der Kunst, ihn sogarausdrücklich zu pflegen und die dazu passenden Lieder einzustudiren. Sonst aber wirdes von der natürlichen Verschiedenheit der Organe an die Hand gegeben, jedesGeschlecht nach seinen zwei Tonlagen herbeizuziehen und so den gemischten vierstimmigenGesang zu etabliren, — einen Gesang, der eben durch den verschiedenen Natnrklangschon seine eigcnthümliche Mannigfaltigkeit und einen besonderen Reiz empfängt, undwelcher eben darum auch keine Nöthigung, die einzelnen Stimmen über ihre natürlicheLage hinauszutreiben, mit sich führt. Es ist darum sehr zu wünschen, daß diese