Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
555
Einzelbild herunterladen
 

Gesang.

555

auch taktierend lesen zu lassen, und des Lehrers Stab wird häufig in den Fall kommen,das mathematische Gesetz hörbar zur Geltung zu bringen. Das aber heißt allerdingsnicht gesetzmäßig, wenn der Stab dazu benützt wird, um die Noten ohne Rücksichtauf Länge und Kürze dem Schüler oorzuklcpfcn, es mäßen vielmehr die Taktschlägeunabhängig von dem Werth der einzelnen Note in strenger Abgemessenheit durch dasganze Tonstück hindurchgeben, und Sache der Singenden ist, die einzelnen Töne jenach ihrem Werthe innerhalb des Taktrahmcns folgen zn lassen; so z. B. darf beider Folge ^ ^ nicht die zweite Note einen Schlag erhalten, sondern der Schlagzwei muß zwischen die beiden Noten und auf den Punkt der ersten fallen, denn jeneshieße nicht Taktiren, sondern nur den Schülern mit dem Stabe winken, daß sic jetztdie zweite Note singen sollen; durch solche Nachhülfe aber wird das Taktbewußtseinvielmehr zerstört, und die Folge bei Aufführungen ist sodann Unsicherheit der Singen-den und ein beständiges Hantieren des Dirigcntcnstabs. Beim Einüben muß dieserStab regieren, mäßen auch die Hände der Schüler in taktircnder Bewegung sein; istjedoch ein Musikstück eingeübt, dann stehe das Tongcbäude so fest, daß das Taktgerüstenicht mehr nöthig ist, sondern die Schar sich mit den Augen und mit leichter Hand-bcwegung lenken läßt. Der Taktstab, welchen man bei Productionen öfters klopfenhört, bekennt damit, daß er bei der Einübung seine Schuldigkeit nicht gcthan habe.

Seine Gestalt erhält ein Tonstück durch die Klarheit und Bestimmtheit, womitjeder einzelne seiner Töne gesungen, und durch den correcten Rhythmus, worin cs vor-getragcn wird; Farbe und Schmelz aber hat es in der entsprechenden Abwechslungvon stärkeren und schwächeren Klängen zn suchen. Ist die Schwierigkeit des Noten-lesens und Einthcilens überwunden, die Melodie in das Ohr gefaßt, den Stimmengeläufig, dann gilt es Schatten und Licht zu vertheilen, einzelne Töne anschwellen undabklingen zu lassen, in der einen Periode stärker, in der andern gedämpfter zu singen;körte, plano, oresoenäo, äeoresosnäo, mit ihren Namen oder mit Zeichen versehen,beachten zu lehren. Eines der Anmnthsmittel jedoch hat der Schulgcsang nur sparsamund vorsichtig zur Verwendung zu bringen, nemlich das noosioranäo und ritarckunLo,denn der Gebrauch derselben beeinträchtigt leicht das Taktgefühl, und doch ist diesesin der Schule auch darum besonders zu stärken, weil das Choralsingen mit seinen fastan jedem Ende einer Zeile eiutretenden Fermaten den Rhythmus so häufig unterbricht,wodurch das Ohr verleitet wird, auch andere Melodien mit solchen den Fluß derTöne beeinträchtigende» Einschnitten sich gefallen zu lassen. Wohl zu beachten überdiesist das richtige Äthemholcn, wenn es sich davon handelt, eine größere zusammen-hängende Figur präcis vorzutragen, oder für Töne Kraft zu sammeln, welche längerauszuhalten, kräftig oder anschwellcnd zn singen sind; denn man darf nicht dem Zufallüberlassen, wann die Singenden frischen Athem schöpfen, sondern muß bei Einübungjedes Tonstücks ihnen den Ort zeigen, wo dies zu geschehen hat, und darauf sehen,daß es geschieht.

Ehe wir nun von dem Melodischen, Rhythmischen, Dynamischen zu der Behand-lung des harmonischen Gesangs übergehen, ist noch Rücksicht auf einen Punct vonwesentlicher Bedeutung an und für sich sowie für die Auswahl von ein- oder mehr-stimmigen Tonstücken zu nehmen. Er betrifft die Frage, was den Stimmen ihrerNatur nach und gemäß dem Alter der Schüler hinsichtlich des Tonumfangs zu-gcmuthct werden darf und soll, selbstverständlich nur denjenigen Stimmen, dievorhanden d. h. überhaupt sangsähig sind. E§ giebt nemlich Schüler, obwohl esderen immer nur wenige sind, welchen entweder das musikalische Gehör oder dieUcbertragbarkeit des Gehörten auf die Stimme, — denn erfahrungsmäßig kann dasletztere fehlen, während das erstere vorhanden ist, — oder welchen beides so gänzlichfehlt, daß auf ihre Bethciligung am Gesang um dieses wie um ihrer selbst willenendlich verzichtet werden muß. Wir sagen „endlich" weil bei längerer Ucbung dochnicht selten eine Stimme durch das Zusammensingen in ein besseres Geleise kommt,und weil man deswegen, daß der eine oder andere beim Beginn des Unterrichtsfalsch singt, noch keineswegs an ihm verzweifeln darf, vielmehr ist der Stimme eineund zwar nick't zu kurze Probezeit zum Sichcinfinden und zur Reinigung zu ge-währen, und erst wenn diese Frist ohne Erfolg verstrichen ist, dann tritt die Noth-