Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
348
Einzelbild herunterladen
 

348

Einüben.

nicht mehr zu fixircn, sondern das ganze Wort und spater einen ganzen Satz nurmit einem raschen Blick zu übersehen braucht, um den darin enthaltenen Gedanken insich aufzunehmen. Eine arithmetische Regel kann oon dem Schüler wohl verstandensein, aber er soll B. eine Rechenaufgabe richtig ansetzen und nun stockt er, die Regelist noch nicht gehörig cingeübt. Wenn die Wiederholung im allgemeinen zum Zweckhat, das Gelernte zum völligen Eigcnthum des Geistes, zu einem Bestandtheil desBewußtseins zu machen, der jeden Augenblick in demselben rcproducirt werden kann,so gilt dasselbe auch von der Einübung, die nur eine Unterart der Wiederholung istin Bezug auf Fertigkeiten von mehr oder weniger mechanischer Art,da das Kindwohl etwas schon kann begriffen haben, aber es ist ihm in Gedanken, Mund undHand noch nicht so geläufig, daß cs ohne Schwierigkeit ansgeführt werden kann;durch die beharrliche Wiederholung gewöhnen sich aber sämmtliche in Anspruch ge-nommene Kräfte daran und die Uebung macht den Meister."

u) Das Gebiet der Einübung bilden also vor allem diejenigen Thätigkeiten, welchemehr oder weniger unter Mitwirkung körperlicher Organe zu Stande kommen, undbei den Fertigkeiten im engeren Sinne zweifelt niemand, daß man sie sich nur durchEinüben aneignen kann. Auch die Prädicatemechanisch" undunbewußt" erregenhier keinen Anstoß. Der theoretische Unterricht in diesen Dingen (also Lesen, Schreiben,Zeichnen, Singen u. dgl.) für die Elementarschule geht nahe zusammen, aberdie Einübung nimmt lange Zeit, ja den größten Theil der Schulzeit in Anspruchund die Volksschule ist, wie Bormann (Unterrichtskündc S. 77) sagt, wesentlichUebungsschule. Sie kann die Einübung dessen, was sie lehrt, nur zum geringerenTheil der häuslichen Thätigkeit überlassen und darf sich von der Zeit nach den Schul-jahren in der Regel fast keine Ergänzung versprechen; umsomehr muß sie sich be-mühen, ihrem Schüler die für das Leben nothwendiacn Fertigkeiten möglichst sicherund geläufig mitzugeben.

,d) Das Gebiet der Einübung erstreckt sich aber weiter über die Thätigkeit dergeistigen Vermögen überhaupt und des Gedächtnisses (vgl. d. Art.) insbesondere. TieUrtheilSkraft wird gestärkt, wenn man sie an geeigneten Gegenständen übt (man übt jamcht bloß um zu üben); die verschiedenen Formen des Schlusses werden sicherer undgeläufiger vollzogen, wenn sie ausdrücklich und planmäßig eingeübt werden. EineErkenntnis, eine Einsicht kann an und für sich nicht eingeübt werden, wer sie gewonnenhat, der hat sie; aber eine gewonnene Einsicht soll und kann ein geistiger Schatz sein,der in jedem Augenblick bereit liegt, um verwerthet zu werden, während sie andererseitsauch allmählich wieder verbleichen und entschwinden kann. Das gilt nun aber vonallen Unterrichtsgegenständen, vom Einmaleins wie vom religiösen Memorirstoff, vonder Sprache wie von der Geschichte, von der Kartenkcnntnis wie von den Blätter-formcn u. s. s.: cs ist nicht genug, daß der Verstand begreife; wenn das Begriffeneuns wirklich fördern, wenn etwas gelernt werden soll, so muß es in parate Erkennt-nisse übergehen, also eingeübt werden bis zur Geläufigkeit. Gelegentlich sieht sich derLehrer dabei vielfach veranlaßt, Misverständnisse zu berichtigen, dunklere Partieen desGegenstandes aufzuhellen, ihn von neuen Seiten zu beleuchten, die Fäden, welche dieeine Wahrheit mit der andern verbinden, nachzuwcisen und zu befestigen und so seinenUnterricht fortwährend zu ergänzen. l

o) Zu der fruchtbarsten Art der Einübung aber, der praktischen, geben diejenigenKenntnisse Anlaß, mit deren Hülfe der Schüler etwas hcrvorbringcn, etwas machenkann, d. h. vorzugsweise die mathematischen und die sprachlichen und zwar rücksichtlichaller Stufen dieser Disciplinen, die in den Bereich der Schule fallen. Hier schlagtdie Einübung die Drücke von der Theorie zur Praxis und macht aus dem Wissenein Können. Das Rechnen in der Volksschule und in den untern Elasten höhererschulen ist hauptsächlich Einübung durch Lösen von Aufgaben; wird das verständigbetrieben, so gewinnt der Schüler dadurch eine Schärfung des Verstandes, einen Blickm die mannigfachsten Lebcnsverhältnisse, auf welche sich die Beispiele beziehen, undeine Gewandtheit und Fertigkeit im Rechnen selbst, die ihm im praktischen Leben vonnickt, geringem Werthe sind. In ähnlicher Weise werden dem älteren Schüler dieLehrsätze der Geometrie praktisch, wenn er sie zur Lösung von Aufgaben verwenden