Tantdarteit.
247
dem es seine Existenz, sein Glück, sein Haben und Hoffen danken darf; daher auch nur,wo es an diesem Drange fehlt, d. h. wo keine empfangende Liebe ist, die die gebendeLiebe sucht, ein wirklicher Atheismus möglich ist. Und wie hiernach die Dankbarkeit derFührer des Menschen zu Gott ist (vgl. A.-Gesch. 17, 25—27), so ist sic auch ein starkesBand, das den Menschen an den Mensche» knüpft und hiedurch ihn vor dem Ueber-wuchern des Egoismus, cbendamit vor viel Sünde bewahrt; wer undankbar ist, istsittlich todt. Aber auch die Rückwirkung der Dankbarkeit auf das eigene Geniüth isteine höchst wohlthätige; wer für alles, auch für das Kleine und Geringe, danken ge-lernt hat, der ist zufrieden und vergnügt, wo der Undankbare selbst mit großem Gutniemals sich glücklich weiß. Ist so die Dankbarkeit eine der Hauptwurzeln undHauptstützen der Religion und der Nächstenliebe, so ist cS umgekehrt auch wieder dieReligion, die erst der Dankbarkeit den rechten Impuls giebt, weil sie ihr den ab-soluten Gegenstand dnrbietet, den persönlichen Gott (Röm. 8, 32). Der Materialismus,wie er jedes edlere Gefühl durch seine Roheit zerstört, so macht er auch die Dank-barkeit unmöglich; gegen „Samt «toff" giebt es keinen Dank; diesem Gott sagenseine eignen Anbeter nach, er mache die dümmsten Streiche.
Ist hiernach außer Zweifel, daß der Erzieher Dankbarkeit in seines ZöglingsSeele zu pflanzen hat, so fragt es sich, welche Mittel ihm hiezu zur Verfügung stehen.Niemeyer hat im Gegensätze gegen pestalozzische Darstellungen von der Anlage desKindes zu verschiedenen Tugenden, so namentlich auch zur Dankbarkeit, sehr richtig gesagt:„Die Kinder sind ohne Ausnahme die größten Egoisten." Infolge jenes Egoismusnehmen die Kinder alles an, haben wohl eine freundliche Miene für den Geber, aucheine Art von Liebe, weil sie seiner Gewogenheit sich versichert halten; aber daß darinfür sie selber eine Verpflichtung liege, gegen ihn auch nur gcwiße Rücksichten zubeobachten, daran denken sie nicht. Daß es den Eltern etwas zu danken hahe, kommtdem Kinde um so weniger in den Sinn, je ununterbrochener ihm die Wohltharenderselben zufließen; es wähnt, das könne gar nicht anders sein. Wie stimmt aberdiese Thatsache zn der obigen Behauptung, daß Dankbarkeit ein tiefes Bedürfnis desMenschenherzens sei? Ganz so, wie immer die edelsten und tiefsten Bedürfnisse, diedie Sünde eingeschläfert und abgestumpft hat, erst geweckt werden müßen. DieDankbarkeit ist im Kinde nur dadurch zu wecken und zu pflegen, wenn man es zumDanken anhält. Das Leben selbst bietet, namentlich beim Anblick fremden Unglücks,Anlaß hiezu genug dar; das Morgen-, Abend- und Tischgebet hat seinen pädagogischenWerth namentlich auch darin, daß es dem kurzen Gedächtnis, das den Undankbarencharakterisirt, entgegenarbeitet. Wo sich bei einem Kinde Unzufriedenheit kund giebt,z. B. mit der ihm verabreichten Speise, mit seiner Kleidung u. s. w., da muß ihmgesagt werden: „danke Gott, daß du das hast"; Beispiele, wie das des verlorenenSohnes im Evangelium, der zufrieden gewesen wäre, da ein Taglöhner zu sein, woes ihm zu enge gewesen war als Sohn des Hauses, Hinweisungen auf die in jederLage möglichen Glückswechsel sind hier ganz am Orte. — Aber auch menschlicherWohlthat gegenüber ist hier die Angewöhnung der Dankesbezengung von größterWichtigkeit. Auch gut geartete Kinder, namentlich Knaben, sind oft zu blöde, zu ver-schämt, um zu danken oder gar einen Danksagungsbesuch zu machen; das kann so weitgehen, daß sich ein Kind lieber einer Wohlthat entzieht, nur um nicht danken zumüßen. Hier muß nun einfach durchgegriffen werden mit unnachsichtlichem Gebot;ist einmal jene Scheu überwunden, so bekommt jenes edlere, ursprünglich-natürlicheGefühl und Bedürfnis Luft. Auch unter den Kindern selber muß darauf gesehenwerden, daß eine empfangene Liebcserweisung im Gedächtnis behalten wird; tritt einVergessen, eine Misstimmung ein, so ist es Sache des Erziehers, an die Dankesschuldzu mahnen; sowohl bei solchem unmittelbaren Anlaß, als wo sonst das Leben unddie Geschichte dazu die Hand bietet, muß insbesondere mit Nachdruck das Häßlichedes Undanks, das Malhonette, Niederträchtige desselben dem Kinde vor Augen ge-halten werden. Schwieriger ist es, die Dankbarkeit, die wir als Eltern, als Lehrergegen unsre Person anzusprechen das Recht haben, die wir pflanzen müßen, wenn jeneTugend überhaupt im Kinde zu Stande kommen soll, selber hervorzurufen. Tiebloße Pflichterfüllung, ohne daß das Kind unsre Liebe darin empfindet, thut's nochnicht, wiewohl ohne sie natürlich von Dankbarkeit nichts zu hoffen, auch nichts zu
!,'V.l.
Lv