100
Bachantcn.
Baden.
nicht mehr als Studenten und Dichter, scndcrn in der zweideutigen Rolle als alte Schul-buben und zugleich als wandernde Lehrer auf; sie gehen jetzt nicht mehr den Univer-sitäten und den Höfen, sondern den Stadtschulen nach; wo sie in einer Stadt als Untcr-lehrer angenommen werden, vermiethen sie sich hiezu, wiewohl eS scheint, daß sich ihrepädagogische Thätigkeit vorwiegend auf die kleinen Knaben, die „Schützen", bezog,die sie auf der Wanderung mit sich führten. Vgl. die Sclbstbiographieen von Burk-hardt Zingg (gcb. 1396) und von Thomas Plater (gcb. 1499), aus welcherletzteren z. B- K. v. Raumer, Geschickte der Pädagogik, Bd. I Auszüge giebt. Derlöbliche Eifer, mit dem die Städte ihre Schulen pflegten, hatte unter anderem auch dieFolge, daß eine Menge von Stiftungen für arme Schüler gemacht wurden, die nun auch— dem Geiste jener Zeit ganz gemäß, in der die Bettclmönche eine so große Rolleim Volksleben spielen — den fahrenden Schülern zu gute kamen und dieselben an-lockten. In Breslan allein waren, wie Plater erzählt, zu Zeiten gegen tausendBachanten und Schützen, die „sich alle des Almusenö ernährten". Die Schulhäuserwaren, wie Klöster, mit einer Menge von Zellen für diese wandernden Sckulgcsellenversehen; die Städte gaben diesen Bewohnern sogar Brennholz als Benefiz. AuchPrivatleute nahmen aus Gutherzigkeit oder als eine Art Hofmeister diese fahrendenSchüler auf; so erzählt Zingg a. a. O. S. 248: „Also kam ich zu einem Bider-mann, war auS einem Dorf in die Stadt (Memmingen) gezogen, dem fücrt ich zweiKnaben in Schuol, und bei dem blieb ich ein Jahr und lernt ihm die Knaben."Wie wenig aber studirt wurde, davon giebt uns Zingg eine Vorstellung, der nachzehnjährigem Herumzichcn in oberschwäbischen Schulen nichts gelernt hatte, als dasSchreiben; ebenso Plarer, der nach neunjähriger Schulwanderung bekennt: „hättees mir mein Leben gegolten, ich hätte nicht ein uomen xriirms ckeolinationis declinirenkönnen."
5) Luther kommt noch hie und da auf die Bachantcn zu sprechen, die er stetsals grobe „Tölpel und Esel" signalisirt; auch von Melanchthon ist die Anekdotebekannt, wie er als kleiner Knabe einen alten Kerl von Bachanten mit seiner Ge-lehrsamkeit vollständig besiegte. Die Reformation mußte aber, da sie das Schulwesenneu organisirte, diesem Unfug ein Ende machen. In der Folgezeit begegnen uns nurNachklänge des bewegten früheren Lebens. Im 16. und 17. Jahrhundert treffenwir den Namen Bachanten noch als Bezeichnung für die Schüler, die als doani,als Füchse, beim Eintritt in den Univcrsitätsvcrband der scurrilen Feierlichkeit der so-genannten Deposition sick, unterwerfen mußten, die mit dem Aufruf begann: „Kommt,Bachanten, trct't herbei, Euch will ich auf euer Fest Deponiren auf das best." — Nachandern Spuren wurde der Name „Bachant" auch als allgemeiner Schimpfname fürdie Leute vom Lehrstand gebraucht. Ein für den schwäbischen Kreis bestimmtes Edictvom Jahr 1720 führt in einer Liste von allem möglichen Gesindel neben einanderauf: „fahrende Schüler, verstellte Geistliche und Ordensleut." Den letzten Nest deralten Bachantcn haben wir in den modernen Bettelstudenten.
Baden, Schwimmen. Die Sitte des Badens geht in die Urzeit der Völkerzurück; in den ältesten Zeiten bildete es häufig einen wesentlichen Bestandtheilder Religion (die Hindus und der Ganges), später, bei Griechen und Römern,wurde es wenigstens als Haupterfrischungsmittcl geschätzt und oft großer LuxuS —man denke an die kostbaren und großartigen Bäder der römischen Kaiserzeit — damitgetrieben.
Auch unsere deutschen Vorfahren waren große Freunde des Wasserbades, theilödes kalten im Freien, theils auch des warmen in Häusern. Durch das ganze Mittel-alter wurden in Deutschland von den Badern eigene Badestuben gehalten, und männiglichpflegte wöchentlich einmal dieselben zu benützen, was den unteren Ständen wegenihrer wollenen Hemden um so mehr Bedürfnis war. Mit dem Aufkommen der Lein-wand kam der wöchentliche Gebrauch des Bades mehr und mehr außer Hebung undverlor sich fast ganz als Sitte aus dem Volke.
Die Sitte des Volkes war auch hier, wie sonst, maßgebend für die Jugend. Derpädagogische Gebrauch des Badens begann bei den alten Deutschen schon mitdem Lebensanfang des Kindes. Bald nach der Geburt wurde dasselbe in kaltes Wassergetaucht und fortwährend an kaltes Klima und harte Lebensweise gewöhnt. Das