Druckschrift 
1 (1877) A - Liebe
Entstehung
Seite
93
Einzelbild herunterladen
 

Aufmunterung.

93

Aufmunterung. Munterkeit äußert sich in reger Thätigkeit der Kräfte unterangenehm gestimmter Empfindung. Zur Aufmunterung dient demnach alles das,wodurch jemand in lebendige, von freudiger Stimmung begleitete Thätigkeit versetztwird. Dem Pädagogen muß in dieser Beziehung als Hauptgrundsatz gelten: alle Auf-munterung, die nicht den Charakter der Zucht hat, nicht im Anschlüsse an die gutenElemente des menschlichen Wesens von innen heraus freudige Thätigkeit zu erzeugenvermag, ist verwerflich. Die hauptsächlichste aufmunternde Macht nun liegt in derStimmung des Erziehers, die wir Heiterkeit nennen, wie schon Jean Paul schlagendsagt:Heiterkeit ist der Himmel, unter welchem alles gedeiht, Gift ausgenommen!" Sie ist deräußere Abglanz eines mit Gott versöhnten Gcmüthcs. Angehauchtvon ihr entfaltet sich jede Kraft in dem Kinde, wie jede Blüthe sich erschließt vor-dem belebenden Lichte der Sonne." (Bormann). Diese Stimmung des Erzieherspflanzt sich in unmittelbarster Weise auf den Zögling über; wie erfreut ihn, stärkt undelcctrisirt ihn schon der aufmuntcrnde Blick des freundlichen Erziehers, wie viel mehrnoch ein anerkennendes Wort, ein ehrendes Lob! Solche Anerkennung ist keine ver-werfliche Lobhudelei, sondern dem Zögling ein ermunternder Beweis, daß der Erzieheretwas auf ihn hält und ein doppelter Sporn zu Fleiß und Gehorsam. Dies um somehr, da der Lehrer auch für die individuellen Verhältnisse des Schülers, für seinWohlergehen in Gegenwart und Zukunft, für Freud und Leid im Elternhause lebendigeTheilnahme zeigen wird. Dazu kommt weiter der ermunternde Einfluß, den dercharaktervolle Erzieher nach seinem ganzen Leben und Streben als Vorbild auf dasjugendliche Gemüth ausübt siehe den Art.Erzieher" und endlich der ganzeOrganismus des Unterrichts. Schon in geschickter Anwendung des Gesanges, desBildes, der Poesie liegt eine aufmunternde Macht. Das Lernen insbesondere wirdeine anmuthende Arbeit durch angemessene Folge und Anordnung des Stoffes, so daßein Thcil den andern erleichtert, vor allem auch dadurch, daß der Lehrer Gelegenheitgiebt zur Vcrwerthung des Gelernten, wodurch im Schüler das Gefühl desFortschritts crwerkt wird. Geschickt angestelltc, fleißige Repetitionen, sowie dieBefolgung des Grundsatzes des preußischen Regulativs, daß nichts gelehrt wird, wasnicht demnächst zur Uebung und selbständigen Darstellung gelangt, sind in dieserHinsicht von Bedeutung. Die aufmunternde Beihülfe des Lehrers muß dem Zöglingezu Theil werden, wenn ihm das Ziel unerreichbar scheint; der Lehrer zeige ihm, wieman arbeitet, und sobald alsdann dem Kinde etwas gelingt, wird es von einem Geisteinnerer Freudigkeit durchweht werden, der den Eifer zu lernen und fortzuschreiten vonselbst weckt und wirksam erhält. Ein kräftiges Aufmuuterungsmittcl hat die Schuleim Maffenunterricht eben durch die Gemeinschaft des Lernens und Arbeitens, sobaldder Lehrer versteht, ein solches geschickt in Gang zu bringen und den Schülern dasGefühl einzupflanzen, daß er mit ihnen lernt und arbeitet. Es giebt aber auchgiftige Lockspeisen, wie z. B. den sinnlichen Köder zum Guten, wie er von den Phi-lanthropisten als Reiz zum Fleiße gebraucht worden ist (Basedows Zuckerbuchstaben),oder die Aufstachlung des Ehrgeizes, die bei den Jesuiten eine so große Rolle spielt.Aus dem von uns aufgestellten pädagogischen Charakter aller Aufmunterung folgt dieVerwerfung aller auf den Ehrgeiz speculircnden Aufmunterungsmittel: der Meriten-tafeln und Orden des Fleißes u. dgl., alles dessen, was in das Gebiet der künstlichenBelohnung schlägt (vgl. diesen Artikel). Die nächste Belohnung für den wackerenSchüler ist die Zufriedenheit, der Beifall und das erhöhte Vertrauen des Lehrers,wodurch die Freude an der Pflichterfüllung vermehrt und das Bewußtsein des Könnensgeweckt und gestärkt wird, das einen der mächtigsten Antriebe zum Wollen enthält.Dagegen als harmlos und das Schulleben erfrischend mag noch bezeichnet werden:die Verwandlung des gut überstandcnen Examenstages in einen Festtag von Seitender Eltern, die Feier von Schulfesten mit Gesang, Spielen, Ausschmückung derSchulstube jeweilige Excursioncn Spiele in den Frciviertelstunden. Daßaber die aufmunternde Macht des göttlichen Wortes, das Bewußtsein des gött-lichen Beifalls und Segens für jedes heitsame Streben sich an und in den Zög-lingen lebendig und kräftig erweise, das sei das höchste Strebeziel des Erziehers undLehrers.