Achtung.
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wesend wäre, gekränkt oder betrübt werden könnte. Setzt man sich über das alleShinaus, nimmt man bei seinen Reden und Handlungen nicht die schuldige Rücksichtauf Eltern, Lehrer oder sonstige Personen dieser Kategorie, so legt man Jmpietätan den Tag. Freiheit dagegen offenbaret man, wenn man mit kühner Stirneden höherstehenden Personen entgegentritt und dabei selbst die Schranken des An-standes außer Acht läßt. »
Die Grundlage der genannten Lugenden ist die Achtung; wo diese in rechterWeise vorhanden ist, folgen die andern von selbst und die gerügten Fehler werdenvermieden. Achtung läßt sich nicht durch einen Befehl erzwingen und kann nur da-durch erzielt werden, daß man sich achtungSwerlh zeigt. Dagegen ist die Ehrerbie-tung gegen bejahrtere Personen und besonders gegen Eltern und Erzieher schon imgrauen Alterthume durch Staatsgesehe als eine Pflicht der Jugend dargcstellt worden.Bekannt ist es, daß in Sparta der Jüngere vor dem Aeltercn weichen mußte unddaß der Jugend Schweigen geboten war, wenn ein Mann oder Greis das Worthalte. Aehnlich bei den Aegyptern. Diese Ehrerbietung gegen das Alter war einGrundzug der antiken Pädagogik. Ebenso wird in der Bibel mit besonderem Nach-druck geboten, das Alter zu ehren. Moses nennt 5. B. 28, 50 dasjenige Volk,welches nicht die Person der Alten ansieht, ein freches Volk. Er gebietet, voreinem grauen Haupte aufzustehen, III. 19, 31. Man soll die Mutter nicht verachten^wenn sie alt wird. Spr. Sal. 23, 22. bes. 30, 17. Da die Knaben den altenElisa verspotteten, wurden sie von Bären verschlungen. 2. Kön. 2, 23. 24. Ueberausschön schildert Sirach das aus Achtung hervorgehende Verhalten der Kinder gegenihre Eltern 3, 13—18- Namentlich ist zu beachten, daß das erste Gebot, welchesdie Verheißung hat, Vater und Mutter zu ehren gebietet. Eph. 6, 2. Wie sichvon selbst versteht, wurde durch das Christenthum in solchen Erziehungsmaximennichts geändert. Auch im Mittelalter bis in das vorige Jahrhundert bildete diesesDringen auf Ehrerbietung und Respect einen Grundzug in der öffentlichen unv häus-lichen Erziehung. Aus diesem Grunde dursten die Kinder das vertraulichere „Tu"nicht gegen die Eltern gebrauche». Ließ sich der Lehrer, besonders in Dörfern irgend-wo sehen, so eilte die spielende Jugend weg, indem sie sich scheute, vor das Ange-sicht des gefürchteten Mannes zu treten. Leider war diese falsche Ehrerbietung mehrdas Erzeugnis sclavischer Furcht als kindlicher Ehrfurcht.
Wie anders in der Gegenwart! Freche Rücksichtslosigkeit ist vielfach an die Stellejener übertriebenen Scheu getreten. Mit welcher Jmpietät äußern sich oft die Schul-jungen, besonders den sogenannten gebildeteren Ständen ungehörige, über ihre Lehreroder über ihre Eltern! Wenn die alten Heiden und selbst viele wilde Völker der Ge-genwart diese traurigen Folgen einer verkehrten Bildung betrachteten, sie würben sichmit Widerwillen von uns wenden.
Woher kommt aber diese Jmpietät der Jugend in der Gegenwart? Zunächst istdie ganze Nicktung der Zeit als erster und hauptsächlichster Grund zu betrachten.L>eit die französische Revolution einen Tamm um den andern niedergerissen hat, istSeben anders geworden, als es damals war, wo Hebels Mutter nicht ermüdete, ihrenSohn zu ermahnen, daß er das Käppli abziehen sollte, wenn ein vornehmer Herrsich blicken ließ. Die Kinder hören in dem Familienkreis über die Beamten, Pfarrerund Lehrer mit eingeschlossen, ohne Scheu und Hinterhalt räsounircn. Tie allent-halben sich geltend mackeude Neuerungssucht in politischen Dingen ist eine so augen-fällige Verletzung der Pietät von Seiten der Erwachsenen, daß es ein Wunder wäre,wenn die Kinder von derselben unberührt bleiben sollten. Dazu die zahllosen Neue-rungen in unserem Schulwesen, da ein Lehrbuch das andere, ein Schulgesetz dasandere verdrängte, mußte nicht das Pietätsgesühl darunter leiden? Und nun endlichnoch die verkehrten Erziehungsmaximen, welche wie zur Blütezeit des Philauthropi-nismus das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülern vollends auf den Kopf stellten!Kästners Epigramm:)
„Dem Kinde bot die Hand zu meiner Zeit der Mann;
Ta streckte sich das Kind und wuchs zu ihm hinan.
Jetzt kauern hin zum lieben Kindlein
Die pädagogischen Männlein."