10g
und wie unmöglich es war, jemals ihres Gleichen anzu-treffen. Alle Gesinnungen, Fähigkeiten nnd Regungen,die in seiner Neigung zu Lucilla schlummernd gebliebenwaren, wurden lebhaft in demselben Angenblicke aufge-regt, der ihn in Constanzens Nähe brachte. Constanzevermogte nichts Geringes über ihn; denn sic heischte nnderhielt auch die ganze Herrschaft über — seine Seele!llnd gegen diese Herrschaft hatte er jetzt zu ringen. Alser so von tausend einander widerstrebenden Neigungen sichergriffen fühlen mußte, ward ihm ein Schreiben Lncilla'sbehändigt, das folgendermaßen lautete:
„Dein jüngster Brief, mein Geliebter, war so kurzund so hurtig geschrieben, daß cS mir nicht wie sonsteinige Mühe machte ihn auswendig zu lernen; auch warich, die Wahrheit zu sagen, nicht so eifrig dabei wiefrüher, alle deine Worte meinem Gedächtniß cinzuprä-gen. Warum, weiß ich nicht, nnd mag es auch nichtuntersuche», — aber seitdem wir Von einander schieden,ist etwas mich Erkältendes in Deinen Zuschriften —sie weisen mein Herz an sich selbst zurück. Ich reißedas Siegel Deiner Briefe so hastig auf, daß Du lächelnwürdest, wenn Du cs sähest; gewahre ich dann diewenigen Worte, von denen ich viele Tage lang zehrensoll, so wird mir das Herz schwer, ich fühle mich ge-täuscht, und lege den Brief aus der Hand. Dannschelte ich mich selber, und sage: 'Mindestens sind esfreundliche, wenn auch wenige Worte!' und nun buch-stabire ich sie mir einzeln vor, um nicht zu schnell über