die zahlreichen Messeraffairen nach dem Kriege, die Weberseien roher und verwahrloster geworden. Für jene Jahre trifftder Vorwurf zu; es galt derjenige als ein tüchtiger Bursche,welcher „fix mit dem Metz hei der Hand“ war. Indess ebensosicher ist es, dass seit dem grossen Rückgänge 1872 sämmt-liche Excesse abgenommen haben. Es behaupten vielmehr alteund besonnene Männer, es sei in dieser Beziehung gegen früherbedeutend besser geworden. Zahlenmässig wird das kaum fest-zustellen sein, schon der wechselnden Strafgesetzgebung wegen,doch sind sensationsbedürftige Journalisten und arbeiterfeind-liche Fabrikanten die unzuverlässigsten Quellen. Bei Beurtheilungsittlicher Zustände wird man überhaupt nicht die Schwindel-jahre 1871/72 zu Grunde legen dürfen, und selbst dann imAuge behalten müssen, inwieweit die Arbeiter mehr demoralisirtwaren als alle übrigen Stände. Bei den Arbeitern wird dieZuchtlosigkeit sich mehr in Messeraffairen, bei Kaufleuten imBetrüge äussern.
Die Sitten der Mädchen sind gemäss ihrer socialwirthschaft-lichen Selbständigkeit natürlich verschiedene. Ihr ausserordent-liches Ueberwiegen in den jugendlichen Altersklassen in Crefeld,ihr reichlicher Erwerb, die mangelnde Aufsicht in der grossenfremden Stadt, die stete Umgebung von Seide und Sammetzeitigen die Neigung zu Putz und zum Besuch der Tanzlokale.Die sitzende Lebensweise, die Langeweile und Abends die Ein-samkeit, dieser schlimme Rathgeber, treiben die Mädchen indie Arme des Liebhabers Q. Wie sollten sie auch anders denSonntag verbringen? Haben sie nicht Geld genug erworben,jenen nöthigen Falls frei zu halten? Indess darf man ihnendamit keinen besonderen Vorwurf machen; derselbe trifft sämmt-liclie Mädchen am Rhein in den ärmeren und arbeitendenKlassen. Das Eingehen der Ehe in dem Sinne, dass ein Jüng-ling sich mit einer Jungfrau verbindet, kommt selten vor; dieVolksitte ist vielmehr derart, dass der kräftige Jüngling sichein Mädchen als „Schatz anschafft“ und beide „zusammengehen“. Gelangen sie hiebei zu einem unerwünschten Ziele,so sind die Volkssitte und der Einfluss der Geistlichkeit sostark, dass sie sich in der Regel heirathen und unehelicheKinder äusserst selten Vorkommen. Sonst trennt sich wohlauch ein Paar, wenn es fühlt, nicht zu einander zu passen,und knüpft eine andere Verbindung an; eine derselben führtgewöhnlich zur Ehe. Da die jungen Leute vor der standes-amtlichen Registrirung ihres Verhältnisses sich bereits nachallen Seiten kennen gelernt haben, so setzen sie sich auchkeinerlei Enttäuschungen aus, sie haben sich in der Tliat ganz
Es sei an den Monstreprocess im Jalire 1876 und an die Thatsaclieerinnert, dass die Reisenden am Niederrhein zum Karneval nach Crefeldzu kommen suchen.