Druckschrift 
1 (1879) Die linksrheinische Textilindustrie
Entstehung
Seite
55
Einzelbild herunterladen
 

II. 2-

55

IV. Die Lage der Arbeiter.

Suchen wir sie auf, die wandernden Arbeiter, die Bettlerund Vagabunden! Eine Häuslichkeit haben sie nicht; dadraussen am Kölnthor bei Classen-Kolberg, bei Küppers undVarre sind ihre Herbergen. Diegute Stube ist auffallendreinlich, die Tapeten sauber; hier das Vorbild so manchenZechers, der trinkende König von Thule, dort die Büste desKaisers, in der Ecke ein kleines Billard. Man würde völligfehlgreifen, wenn man mit seiner Phantasie sich abscheulicheSchnapshöllen ausmalen wollte; selbst das Publicum geberdetsich durchaus anständig und unterhält sich mit gedämpfterStimme. Aber der durchbohrende Blick des Polizeikommissarsdringt in das Innere eines Jeden: der Zuchthäusler von zehnJahren fährt erschreckt zusammen und versichert, dass ernunmehr hier Arbeit gefunden habe; einige notorische Diebevertiefen andachtsvoll ihre Käse in die Gläser; die öffentlichenDirnen springen auf und entfernen sich schleunigst; die Land-streicher blicken unstät hin und her; nur die ehrlichen Bettlerund beschäftigungslosen Arbeiter schauen offen ins Gesicht.Nur wenige sind in der Lage, für fünf Pfennige sich ein Gläs-chen Schnaps zu kaufen; lautlos starren die Meisten vor sichhin und erheben den Blick nur, um wehnmthsvoll den Tropfendes Feuertrankes nachzuschauen, die hinter den Lippen desBemittelteren verschwinden. An der Wand, in der Nähe derThür, sitzen auf der Armensünderbank einige Greise. Wastreibt .Ihr hier? Habt .Ihr keine Beschäftigung? Wir wirkennicht mehr! lautet die Antwort. Der eine erklärt:Ich habefünfzig Jahre lang gewirkt, Herr Kommissar, und führe diebesten Zeugnisse, hier! (erweist sie vor); nun bin ich über60 Jahre alt und Keiner will mich mehr beschäftigen. Der guteWirtli erlaubt mir wenigstens, hier zu schlafen!

In all dem Elend noch Klassenunterschiede! Im vorderenZimmer nur Proletarier, im hintern beim Wirthe die bessernLeute mit demwerthen Namen, den sie flink ins Fremden-buch eintragen können; sie vermögen noch ein Abendessen zubezahlen, trinken sogar ein Gläschen Bier und gehen dann aufihr Lager. Die Aermsten, die den früher getrunkenen Brannt-wein noch nicht berichtigt haben. wagen nicht einmal ein-zutreten; sie klopfen an das Guckfensterchen und müssen vor-her auf das Brett die Pfennige hinzählen.

Gegen 10 Uhr lichtet sich der Saal. Die eine Gruppeverlässt das Haus, die andere zahlt die 15 Pfg. für das Nacht-lager und stolpert die steile Stiege hinauf. Oben ist Zinnner-chen neben Zimmerchen, in jedem ein paar Betten, welchewöchentlich rein überzogen werden oder auch nicht. Jetztruht jeder Schläfer im eigenen Bette, und höchstens 20 bleiben