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II. 2.
Das Leben in den eigentlichen Weberorten ist ebensotlieuer wie in der Stadt und daran liegt es denn auch, dassin ihnen die Löhne ebenso hoch sind hier wie dort. Zumandern Tlieile hat das darin seinen Grund, dass Viersen,Süchtelen und Kempen selbständige Centren darstellen, derenEinfluss durch hohen Lohn seitens der Crefelder Kaufleuteparalysirt werden muss. Auch in entfernteren Dörfern beruhtder Unterschied weniger darauf, dass die Preise, als vielmehrdass die Lebensbedürfnisse selbst geringere sind. In der Stadtstehen Wirthshäuser und Tanzlokale in Fülle neben einander,die ausserhalb der elterlichen Wohnung arbeitenden Mädchenstolziren Sonntags in Sammt und Seide; auf dem Lande giltes für den Meister noch als ehrenrührig, alle Abend insWirthshaus zu gehn, das Familienleben ist in Folge der grösserenUnselbständigkeit der Kinder noch fester, es herrschen mehrpatriarchalische Zustände. Aber die günstigen Konjunkturendurchbrechen auch diese; andere Sitten greifen Platz und einegrosse Verwirrung in allen Gewohnheiten tritt ein.
Die hausindustrielle Betriebsform stellt die Arbeit derMeister in der Regel unter keine andere Kontrolle, als unterdie des Hungers. In guten Zeiten wird daher viel gefeiertund in allen Weberorten ist das Sprüchlein verbreitet: Montag:Liefertag, Dinstag: Liefertags-Schwager, Mittwoch: Stell-Justig(Ordnen des Stuhles), Donnerstag: Pungel-Donnerstag (derStuhl wird angesehen und daran lierumgepungelt), am Sonn-abend ist es nicht mehr der Mühe werth anzufangen und amSonntag muss man hellen (sieh vergnügen). Gewöhnlich dauertdie Arbeitszeit im Winter von 7—9 Uhr, im Sommer von 6bis 8, im armen Dorfe Venrath sogar von 5—9 Uhr. VorFeiertagen, Festen, Kirmessen und „wenn es drückt“ wirdnoch länger gearbeitet, um mehr Geld zu gewissen Terminenzu haben. Aber bei schlechten Konjunkturen genügt selbstdie längste Arbeitszeit nicht; die Weber mit zwei bis vierunerwachsenen Kindern gerathen in Schulden und müssenregelmässig die Armenpflege in Anspruch nehmen. Erst wennzwei bis drei Kinder am Webstuhl sitzen, können die Schuldengetilgt und Ersparnisse gemacht werden; wenn dann die Familieoder die Geschwister zusammenbleiben und eine ordentlicheWirthschaft führen, so ist das die Periode, wo ein Eigenthumerspart werden kann. Es springt in die Augen, wie wichtiges für die Eltern ist, ihre Kinder so früh als möglich zumVerdienst zu bringen, denn lange bleiben sie doch nicht beiihnen; die Söhne lieirathen oft mit 22—23 Jahren Mädchenvon 18—19 Jahren; beide verlassen ihre Eltern und überliefernsie sammt den jüngeren Geschwistern wiederum der Noth.Mit der Geburt der Kinder werden die Eltern arm, mit ihremHeranwachsen reich, mit ihrer Verheirathung verfallen siewieder der Dürftigkeit. Die Stimmung der Weber ist bei alle-