Druckschrift 
1 (1879) Die linksrheinische Textilindustrie
Entstehung
Seite
139
Einzelbild herunterladen
 

II. 2.

139

ldasse hervorgehen, gerathen sie doch oftmals in Streit mitden Webern und Viele erscheinen um so unbarmherziger, jeabhängiger und strebsamer sie sind. Daher ziehen viele Weberselbst bei geringerem Verdienst die kleineren Firmen vor.Hier verhandelt der Fabrikant mit ihnen persönlich, er brauchtden einzelnen Weher mehr als das grosse Haus, er schmeicheltdessen Ehrgefühl und behandelt ihn als Meister, bei günstigerKonjunktur sogar als Herrn. Ueber diesen ideellen Gewinnlässt der Weber den materiellen fahren. Und wo gar derFabrikant kein Eingewanderter ist, sondern ein Einheimischer,der nach Landessitte mit den Arbeitern verkehrt, mit ihnendas geliebte Platt redet, da wird manches Missverständnisrasch ausgeglichen und wenigstens persönlicher Hass und Bitter-keit entstehen nicht.

Nicht zum geringsten Tlieile sind es die Arbeiter selbst,welche einen freundlicheren Umgang erschweren. Ihr er-wachendes Selbstgefühl weiss nicht den richtigen Ausdruck zulinden, es äussert sich in Trotz und Unverschämtheit, in tiefemMisstrauen gegen alle Massnahmen der Fabrikanten und indaraus folgender Undankbarkeit. Daneben klingt doch imInnern noch die Erinnerung alter Zeiten durch und selbst alleKrisen haben das Band sittlicher Zusammengehörigkeit nochnicht ganz zu lösen vermocht. Charakteristisch tritt das beimWorteBrotherr hervor. Bezeichnen sich die . Fabrikantenals solche, so erheben die Arbeiter stürmischen Protest; man-gelt es ihnen aber an Arbeit, so klagen sie jene an: es sindja doch unsere Brotherren!

Noch niemals hat mich ein Weber tiefer in seine innereGefühlsweise blicken lassen als jener, mit welchem ich michin der Weber-Union unterhielt. Er schilderte mir den Kampfder Weber gegen die Fabrikanten, deren Bosheit, den Versucheine Lohnliste zu etabliren und dereinst durch Gründung einerProductivgenossenschaft sich von der Leitung der Fabrikantenzu emaneipiren. Als wir nun in die Details eingingen undeine unendliche Reihe der grössten Schwierigkeiten sich auf-thürmte, da brach er wehmüthig in die Worte aus:Nun ja,wir wollen denn auch für geringeren Lohn arbeiten, wenn dieKaufleute nicht anders können; aber es soll der Fabrikantmich rufen lassen und nur freundlich zu mir sagen: Meister,ich konnte keine besser bezahlte Bestellung erhalten, wollt Ihrdie Arbeit zu diesem Lohne übernehmen? Für dies einefreundliche Wort würden wir Alles ertragen!

Indess die Geschäfte werden ohne dieses eine freundlicheWort abgewickelt und bei dem Arbeiter verhärtet sich dieUeberzeugung, dass er von der Kaufmannschaft aus freienStücken nie etwas Gutes zu erwarten habe. Der Klassengegen-satz ist ihm bereits ins Bewusstsein gedrungen, er wird, wiewir später sehen werden, durch den religiösen Gegensatz ver-