134
II. 2.
und ihren Glanz bewahren, werden fast gar nicht mehr an-gefertigt; solche Stoffe, verschönt durch das Talent der Künst-ler, würden die Ansprüche sowohl des Luxus wie der Soliditätund der Sparsamkeit befriedigen. Indess von ihnen ist nichtmehr die Rede. Die Fabrikanten, erschreckt durch die hohenPreise des Rohstoffs, besonders zur Zeit der Raupenkrankheit,haben sich abgemüht in Auffindung von Mitteln, ihre Waaremit möglichst geringer Anwendung von Seide darzustellen.Man hat diese im Färben mit einer Unzahl von Chemikalienerschwert, mit Floretseide vermischt und dadurch den Ueber-gang der Mode zu Stoffen aus Wolle und Raumwolle mit klei-nen Ziereffekten von einzelnen Fäden Seide angebahnt. DerHauptgrund der Bevorzugung solcher Mischungen seitens derDamenwelt war der mächtige Einfluss der Schneiderin. Dieseist aufs höchste an der Wertlosigkeit des von ihr verarbei-teten Materials interessirt, denn würde der Stoff schon hoheKosten verursachen, so würden die Männer wenig geneigt sein,auch noch die langen Rechnungen der Schneiderin zu bezahlen.Die ungemusterten Stoffe erhielten ihr Ornament durchBänder und Gallons, die glanzlosen einen Schein des Reich-thums durch Besatzartikel und kleine Zierrathen, das werthloseGewebe wurde durch den guten Geschmack der Form gehoben;eine beträchtliche Yertheuerung der Anfertigung und der Zu-thaten war die Folge. In dieser Hinsicht kostet das Kleideiner Dame das Doppelte gegen früher, die Rechnung derSchneiderin beläuft sich zuweilen höher als der Werth desStoffes. Das illustrirt den Unterschied zwischen alter Dauer-haftigkeit und moderner Eleganz; darauf beruht der Interessen-gegensatz zwischen Fabrikant und Schneider.
Die Seide ist eine Luxuswaare, in ihrem Verbrauche daherabhängig von der wirtschaftlichen Gesanmitlage des Volkes.Nach Kriegen und Krisen verschwindet sie ganz vom Markteund Halbseide, W T olle und Baumwolle treten an ihre Stelle.So geschah es nach 1871 in Frankreich, nach 1873 in Amerikaund Deutschland; in New-York gab man Kattun-, in BerlinKaliko-, d. h. Steifleinen-Bälle. Hier war der Verbrauch vonSeide und Sammet in solche Schichten der Bevölkerung ge-drungen, die nicht sowohl der Ilisciplin des Luxus als vielmehrder Disciplin der gebotenen Mittel zu folgen gezwungen sindund bei geschwächtem Kaul'vermögen sich notwendig Surro-gaten oder billigeren Stoffen zuwenden müssen (Anlage VIII).Und nicht allein von den einheimischen Krisen wird die Cre-felder Industrie beeinflusst, sie ist zu zwei Dritteln Export-industrie und damit allen Schwankungen des internationalenMarktes, den allgemeinen Handels- und Verkehrsstörungen,allen Zolländerungen und Kriegsbefürchtungen ausgesetzt.
Eine Eigentümlichkeit des Absatzes ist es, dass die Seiden-stoffe in zwei Saisons, die Sammetwaaren nur in einer zur Ver-