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1 (1879) Die linksrheinische Textilindustrie
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II. 2.

erhielten sie ein Drittel des Weblohns; von den übrigen zweiDritteln hatten die Gesellen die Auslagen für das Spulen, dasSäubern der Kette, das Oel für die Lampe, das Papier undDerartiges zu bestreiten und das Aufbäumen selbst zu besorgen.Alle Gründe nun, welche die Meister mit mehreren Stühlenaus der Stadt drängten, vertrieben schon weit früher denGesellenstand und wiesen demselben die mittlere Zone als Stand-ort an. Aber auch hier war die Existenz bei nur zwei Drittelndes Lohns eine sehr prekäre, und als mit dem Ankauf derWebstiilde im Jahre 1848 das Ilaupthinderniss der selbständigenNiederlassung geschwunden war, hörte das eigentliche Gesellen-wesen fast ganz auf. Als kleine Meister beziehen sie denvollen Lohn und haben das doppelte Risico des Gesellen nichtmehr zu tragen, nämlich ob ihr Meister überhaupt eine Ketteerhält, und falls er eine bekommt, ob es doch nur eine einzigeist und der Geselle daher entlassen werden muss. Die gegen-wärtig noch vorhandenen männlichen Gehülfen sind meist dieeignen Söhne vor Ableistung der Wehr](dicht, die erwachsenenSöhne, etwaige Verwandte oder es bleiben auch mehrereBrüder zusammen. Wo ein Meister es noch für vortheilhafthält, einen Arbeiter zu beschäftigen, zahlt er ihm z. B. inViersen ein Fixum pro Meter und giebt ihm ausserdem die Kost.

Das Gesellenwesen hat in der Seidenweberei niemals eineRolle gespielt; das eigentliche Verderben brachten über ihndie Gehülfinnen. Bei ihren geringeren Anforderungen andas Leben vermögen sie mit zwei Dritteln des Lohnes nochimmer zu bestehen, sie verspüren nicht den Drang nach selb-ständiger Etablirung, und was auch in der mechanischenWeberei ihnen den Sieg verschafft hat sie arbeitenmindestens ebenso rasch, wenn nicht flinker und tüchtiger alsder Mann. Bei ihnen ist die Disciplin leichter herzustellen,die Genauigkeit der Arbeit und die Gewissenhaftigkeit im Ein-halten der Verträge grösser, an Intelligenz und Gewandtheitfehlt es demWeibe nicht, nur am Jacquard und an den schwerenund breiten Stühlen sind die Ansprüche an ihre physischeKonstitution zu grosse. Im Weibe hat die Industrie eine ge-lehrige Kraft und die Gemeinde im Weben eine Arbeit für einschwer zu beschäftigendes Geschlecht gefunden.

In Crefeld und den Nachbarorten, wo die Frauen in derWinderei beschäftigt sind und das Weben der schweren undcomplicirten Stoffe für sie zu schwierig ist, hat die Frauen-weberei seit den 1840er Jahren zwar auch zugenommen, dochist sie selten im Vergleich zu den entfernteren Zonen. Hierhaben in Folge derselben sich eine Reihe sittlicher Missständeentwickelt, welche Herr Caplan Dr. Norrenberg *) in seinerPfarre Viersen eingehend schildert. Töchterlose Wittwer, allein-

1 ) Zweiter Jahresbericht des kathol. Arbeiterinnen-Vereins. 1878. S. 17 u.34.