Druckschrift 
1 (1879) Die linksrheinische Textilindustrie
Entstehung
Seite
76
Einzelbild herunterladen
 

den kleineren nach. In einer einzigen Carnevalsnacht sprudeltin derErholung aus 300 Flaschen der Champagner, sechsJahre später nur aus 25. Dort ruft bei schäumendem Kelcheein Parvenü in die Gesellschaft das übermüthige Wort:Werheutzutage nicht 20000 Thal er zu verzehren hat, der istein Lump! Wie alt sind Sie ? fragt ihn trocken der Ober-forstmeister zur Rechten.Ein und fünfzig Jahre! Dochwozu diese Frage? Dann sind Sie 50 Jahre Ihres Lebensein Lump gewesen!

Man wird den Luxus in einer Stadt wie Aachen, welchemit Burtscheid zusammen immerhin nur 100000 Einwohnerzählt, erst dann begreifen, wenn man eine Reihe von Tliat-saclien nicht ausser Acht lässt, welche nachdriieklichst daraufhinwirken. In den Vordergrund ist der Umstand zu stellen,dass Aachen ein bedeutender Badeort ist; waren im Jahre 1872doch 27881 Fremde und Kurgäste daselbst angekommen, unterdiesen viele reiche Leute, Ausländer mit grossen Ansprüchenan das Leben, denen gemäss die prächtigen Hotels und Bade-häuser eingerichtet sind und für welche Musik und Ver-gnügungen , allerhand Glanz und Schimmer entfaltet werden.Dadurch wird das Leben auf einen grossstädtischen Fuss ge-bracht und Aachen zur luxuriösesten und theuersten Industrie-stadt. Unter den Einwohnern finden sich viele Personen, welchedamit gleichen Schritt halten können; denn eine Menge Rentnerhat sich daselbst niedergelassen und vermehrt die Prachtder Stadt. Von den Kinkomniensteuerpflichtigen des Regierungs-bezirks lebten 1854/59 nur 40 Procent, 18(34/69 : 44 Procent,1873/78 schon 52 Procent in der Stadt Aachen; also nichtnur in einzelnen Häusern, auch in einzelnen Orten concentrirensich die grösseren Vermögen. Noch grösser als die Mittel istder Hang zum Geldausgeben. Die Aachener sind ein Völkchenfür sich;Franzosen teutscher Nation nennt sie ihr Geschicht-schreiber Meyer und nicht mit Unrecht; denn französischeSympathieen hat noch bis heute die alte Generation bewahrt;die Kinder der reicheren Stände erhielten und erhalten nochvielfach eine französische Erziehung in belgischen Pensionaten;das Volk ist mit wallonischen Elementen untermischt,; dasdeutsche Element hat etwas von der hämischen derben Lebens-lust, und Typen niederländischer Meister begegnet man oftunter den Frauen. Diesen Charakterzug des Volks, gern ingrossem Style zu leben, darf man nicht ignoriren: er giebt inletzter Instanz den Schlüssel zu seinem wirthschaftlichen undsocialen Verhalten.Der Aachener will geehrt sein! vielAeusserlichkeit und Ceremoniell. viel Flitter und Schimmel-,das liegt in seiner Natur. In langem Gänsemarsche zieht dieEinwohnerschaft dem Luxus nach: voran die Badegäste, danndie Rentner, die Fabrikanten, die Beamten, die Bürgerschaft,die Arbeiter und zuletzt die Proletarier.