II. 2.
39
strebsame Leute, die ihre volle Arbeitskraft und ihr kleinesCapital in das schwankende Spiel der Konjunkturen einwerfen,oft ihren Einsatz als Niete, oft als Treffer herauskommen sehen.Es will eben gelernt werden, das Fabrikant-sein, und die Schuleder Praxis ist die einzige, welche sie besuchen. Und wahr-lich, sie sind theilweise nicht schlimmer als die Söhne grössererIndustrieller. Bei Gelegenheit der Reorganisation der Gewerbe-schule zeigte es sich, wieviel deren Vorbildung noch zu wün-schen übrig lasst; zu wenige Tuchindustrielle verschaffen ihrenSöhnen die nöthige technische Vorbildung, zu wenige lassensie zu weiterer technischer Ausbildung reisen, ehe sie die-selben in das väterliche Geschäft aufnehmen. Die Schulbildungeines einjährig Freiwilligen und eine in drei bis vier Lehrjahrenerworbene Fachkenntniss in der eigenen oder in einer fremdenFabrik, die sich jedoch nuf - auf den kaufmännischen Theil er-streckt, da die Herren Söhne das bequemere Comptoir derschmutzigen Fabrik, wo sie Iland anlegen müssten, vorziehen,bilden oft das einzige Fundament grösserer Geschäfte.
Der Grund dieser ungenügenden Ausbildung beruht aufder Tradition einer veralteten Betriebsform. Die moderneFabrikindustrie ist in grösserem Maassstabe erst in den letzten20—30 Jahren entstanden, und die Weberei ist noch weit da-von entfernt, überwiegend mit Kraftstühlen betrieben zu werden.Die Hausindustrie wurde aber in ihrem connnerziellen Theilevom Kaufmann geleitet, in ihrem technischen von den „Basen“;die ersteren erhielten vor allem eine kaufmännische Ausbildung,und das hat sich als Tradition erhalten, wo inzwischen nebendem Comptoir eine grossartige Fabrik entstanden und die Fa-brikation wichtiger als der Handel geworden ist. Daraus re-sultirt einmal, dass die gegenwärtigen Fabrikkaufleute nochimmer ganz ungenügend ihre Technik kennen, und ferner, dassdie Leitung derselben in Händen von Subalternen, von Fabrik-directoren und Werkmeistern liegt. Dem gegenüber sind inFrankreich und England die Fabrikanten auch wirklich dietechnischen Leiter ihrer Unternehmungen, und die kleinerenbefassen sich gar nicht, mit dem Handel: sie verkaufen ihrganzes Produkt durch den Commissionär. Der Werkmeister inDeutschland spielt eine grössere Rolle als irgendwo anders unddie Frage nach seiner Ausbildung ist momentan fast wichtigerals die nach der Ausbildung von Fabrikanten und Arbeitern.Die Werkmeister erhalten heute keinerlei theoretische Vor-bildung , sie werden den tüchtigsten Arbeitern entnommen,welche einer vom andern die schwierigeren Verrichtungen er-lernen; fast keiner von ihnen hat eine Webeschule besucht,die es in Aachen nicht einmal giebt; nur die Zeichner und diehöheren Beamten bei gemusterten Stoffen haben einen gewissenUnterricht genossen; sobald ein Werkmeister etwas mehr ver-