Druckschrift 
1 (1879) Die linksrheinische Textilindustrie
Entstehung
Seite
38
Einzelbild herunterladen
 

38

II. 2.

f-r

Kinrt nur Geld verdienen; er kommt seiner technisch-wirth-schaftliclien Pflicht der Ausbildung von Arbeitskräften für seineIndustrie nur in ganz ungenügender Weise nach, und demArbeiterstande selbst fehlt es noch vielfach an Pflichtgefühl,etwas Tüchtiges zu lernen und zu leisten, um dadurch sichden Anspruch auf eine bessere Stellung und höheren Lolin zuerwerben. Beiderseits lottert man durchs Lehen hin.

Es wird sich daher grossen Massen von Arbeitern der Vor-wurf nicht ersparen lassen, dass sie ihr Handwerk schlechtoder ungenügend verstehen: weit grösser ist noch der moralischeVorwurf gegen zahlreiche Arbeiter, dass ihnen das Ehrgefühl,ein tüchtiges Weide zu liefern, in hohem Grade mangelt. Fürsie handelt es sich nur um den Lohn, und sie tliun das, wasgerade nöthig ist, um denselben zu erhalten; Arbeitsehre undArbeitsstolz sind ihnen unbekannt. Ebenso gering ist die Arbeits-intensität, und das Kaffetrinken während der Arbeitszeit um8 Uhr Morgens und 5 Uhr Nachmittags verursacht bedeuten-den Aufenthalt. Freilich liegt die Schuld von allem dem zumgrossen Theil nicht an den Arbeitern; sie ist auf Rechnungder übermässigen Arbeitszeit, welche gebieterisch Pausen er-fordert, des gesclniftsmässigen Verhältnisses von Fabrikant undArbeiter und des elenden Lohnes zu setzen, welchen diesererhält und für welchen er sich auch nicht übermässig anstrengenwill. Aber jene Vorwürfe gegen grosse Massen von Arbeiternbleiben bestehen, zumal dieselben auch in guten Zeiten vonihren schlechten Gewohnheiten nichts verlieren, vielmehr sieerst recht zur Geltung bringen. Dennoch wäre es ungerecht,hieraus einen Vorwurf gegen die Ehre des gesummten Arbeiter-standes ableiten zu wollen. Der Aachener Arbeiterstand machtes so gut oder so schlecht, als er es kann; er ist eben keinSchalk, der mehr giebt, als er hat, und wenn er es nicht besserversteht, so liegt es an der technischen und wirthschaftlichenZurückgebliebenheit des Landes.

Ist es denn nicht vielmehr der Fabrikantenstand, der soManches versäumt hat? Die Anforderungen an denselben sindungeheure. Welche Summe technischen und kaufmännischenWissens, geistigen und sittlichen Gehaltes gehört nicht dazu,um einen tüchtigen Fabrikanten abzugeben! Wen kann esda Wunder nehmen, wenn bei einem raschen Aufschiessen derIndustrie solche Qualitäten fehlen. Wieviel Firmen mit sogrossem Capitalfonds und renommirtem Namen, tüchtig ein-gerichtetem Betriebe und umfassenden Geschäftsverbindungengiebt es denn wie die Eliteindustriellcn in Düren, die Nadel-und einzelne Tuchfabrikanten in Aachen und Burtscheid undeinige grosse Häuser in EupenV Man überschaue doch nurdie Masse der sonstigen Fabrikanten: aus welchen Ständenrekrutiren sie sich? Es sind Commis, mitunter Werkmeister,