286 Buch VIU. Zwölfte- Haupkstück.
größte Härte angewendct werden, um das auf 60,000 Manngeschmolzene Heer zu ergänzen und mit dem Nothwendizenzu versehen. Die Franzosen und Russen, meinte der König,hätten cs in den preussischen Provinzen und in Hessen auchnicht anders gemacht. Der zu weiche Prinz Heinrich konntedas nicht ausführcn und überhäufte ihn mit Klagen. DerKönig wurde verdrießlich und ermahnte ihn gegen seineUntergebenen strenger zu sein. Er sollte auch in Thüringen,im Schwarzburgischcn und Rcußischcn Contributioncn undLieferungen auf das Strengste bcitrcibcn, und Friedrichschrieb ihm: „Wenn ich drei Wochen in Sachsen seinkönnte, so glaube ich, daß ich Alles vollständig cinrichtenwürde; da ich mich aber unmöglich von hier entfernen kann,so werde ich Dir Anhalt mit Befehlen an die Generaleschicken, um sie zu ihrer Schuldigkeit zu nöthigcn')." DieSendung dieses rohen und sehr verhaßten, bei dem Königeaber wegen seiner ausgezeichneten kriegerischen Talente inhoher Gunst stehenden Majors, Grafen Heinrich Wilhelmvon Anhalt, gewissermaßen als Vormundes, verletzte denPrinzen sehr. Er äußerte sich darüber gegen den Königempfindlich und wollte sich ganz vom Kriegsdienste zurück-zichn. Der König wies das höhnisch als Scherz zurück.Es kam zwischen den Brüdern so zu einem gegenseitig spöt-tischen Tone. Der Prinz verthcidigtc sich gegen die ihmgemachten Vorwürfe, welche er gesucht nannte. „WelcherMensch macht nicht Fehler," äußerte er nicht ohne Bezie-hung, „vorzüglich im Kricgsfachc, das so vielen Zufällenunterworfen ist." Er erklärte unter dem Vorwände seinerseit zwei Jahren zerrütteten Gesundheit, daß er den Ober-befehl dem General Scidlitz geben wolle. Eine allgemeineSchlacht sei ohnehin nicht zu erwarten, indem die Oester-reicher sich schwächten, und er könne dem Könige unmöglichlänger genug thun. Der König aber sagte ihm geradezu, unterden obwaltenden Umständen könne der Prinz das Heer nichtverlassen, setzte der lebhaften Empfindlichkeit desselben Geduldentgegen, suchte ihn mit neuen Hoffnungen zu beleben und
l) Schreiben vom 14. März bei Schöning III- S. 3VI, 3Ü2.