Geschichte der europäischen Staaten. Herauögegeben von A. H. L. Heeren und F. A. Ukert. Geschichte des preussischen Staats von G. A. H. Stenzel. Fünfter Band. Gotha, 1854. Bei Friedrich Andreas Perthes. Geschichte des preuffischen Staats Gustav Adolf Harald Stenzel. Fünfter Theil. Von 1756 bis 1763. Gotha, 1854. Bei Friedrich Andreas Perthes. Ol, n trox lonZ-temxs Cl, In krciäeur ssnls iinpnrtinls: Alices lw cisl, dien ioin äe üsksnärs I'nämirstion, I'Iiistoire des Iiommes I'inspirs linel^nekois; äes-Iors, pour^uoi vouärnit-on dtoulkei sss necens d'entliousinsme? O'est In veritö l^u'on lui äeninnäe, et ,i„niikl cette vSrits est de leu, est-ce donc nvee In xlnce d'nne troläe impnssldilitd lju'nn en ters sentir les üsmines? 8cA«i' t/iLtor>e de 7iL§«re X. c/r. Ä. Vorwort. Aer vorliegende Band sollte ursprünglich die Geschichte Preußens bis zum Tode Friedrich H. umfassen. Wenige Wochen jedoch, nachdem der bei weitem schwierigste Theil derselben, die Geschichte des siebenjährigen Krieges, in der Hauptsache vollendet war, wurde der hochverehrte Verfasser, den Seinen ganz unerwartet, mitten in seinen Arbeiten, von einem Schlaganfalle getroffen, welcher in wenigen Minuten sein Leben leicht und schmerzlos endete. Die Abschrift der in des Verewigten Nachlasse Vorgefundenen „Geschichte des preussischen Staates vom Jahre 1756 bis 1763 " wurde'von einem mir befreundeten Fachgelehrten mit der Original-Handschrist verglichen, und namentlich in Hinsicht der Quellen- Angabe und Citate genau geprüft und ergänzt, so daß sich in dieser Beziehung ein Mangel kaum noch finden wird; wogegen Spuren davon, daß dem Seligen VI Vorwort. nicht vergönnt war, das fast vollendete Werk noch einmal dnrchzusehen und die letzte Hand daran zu legen, aufzufinden sein mögen; dies wolle der Leser freund- lichft berücksichtigen. Gotha, im August 1854. Der Verleger. Inhaltsverzeichniß Achtes Buch. König Friedrich H. v. I. 1756 bis 1763. Erstes Hauptstück. Vom Ausbruche des Kriegs im August 1756 bis zur Schlacht bei Kolm. Seitc , Einmarsch Friedrichs in Sachsen. I Lager bei Pirna. 7 Schlacht bei Lowositz. 11 Zustand des sächsischen Heeres.13 Waffenstillstand unter dem Liliensteine.13 Das sächsische Heer ergibt sich.17 Das sächsische Heer dem preussischen cinverleibt.19 Der König von Sachsen geht nach Polen.21 Friedrichs Gegner: Maria Theresia, Ludwig XV.23 Friedrichs Gegner: Rußland, Schweden rc.25 Friedrichs Gegner: Das deutsche Reich.27 Friedrichs Gegner: Frankreich.37 Stärke der Heere.39 Eröffnung des Feldzugs im I. 1757 .41 Schlacht bei Prag. 43 Belagerung von Prag. 47 Daun. 49 Friedrich gegen Daun. 51 Schlacht bei Kolin. 53 Rückzug der Preussm.57 Zweites Hauptstück. Von der Schlacht bei Kolin bis zum Ende des Feldzugs im I. 1757. Rückzug des Prinzen von Preusscn. 59 Friedrich räumt Böhmen. 61 Aprarin rückt in Preussen ein. 63 Vlll Inhaltsverzeichnis. Schlacht bei Hastenbeck. Das russische Heer gegen die Ocsterreicher und Franzosen - - Vertrag von Kloster Scevcn. Friedrichs traurige Lage. Friedrichs Mutlosigkeit.. Friedrichs Charakterstärke. Rückzug der Russen - - . Verhandlungen mit Frankreich. Verrücken der Franzosen. Zustand des Rcichsheercs. Stimmung im Reichsheere. Schlacht bei Roßbach. Die Ocsterreicher in Schlesien. Schlacht bei Breslau. Graf Schaffgotsch, Bischof von Breslau. Friedrich wendet sich nach Schlesien.. . . . Friedrich in Parchwitz. Friedrich vor Leuthen. Lage der Ocsterreicher .. Vorrücken der Ocsterreicher. Schlacht bei Leuthen. Einnahme von Breslau. Die Schweden in Pommern. Thcilnahme Englands.. Herzog Ferdinand von Braunschweig. Friedrichs Hoffnungen. Seite 65 67 6g 71 73 75 77 79 81 83 85 87 91 95 97 99 101 103 105 107 109 113 115 117 119 123 Drittes Hauptstück. Verhandlungen und Zustände in den Jahren 1757—1758. Friedcnsvcrhandlungen.125 Friedrichs Gegner und seine Hülfsquellen.127 Bestrafung von Geistlichen und Beamten ..129 Bedrückung der Katholiken. Bestrafung des Bischofs ... 131 Bedrückung der katholischen Geistlichkeit.133 Härte gegen Sachsen. Rache an Brühl.135 Erpressungen in Sachsen.131 Bedrückungen Meklenburgs, Anhalts.139 Prägung leichten Geldes.111 Bündniß mit England.m Viertes Hauptstück. Feldzug im Z. 1758. Die Russen besetzen Preussen. Eröffnung des Feldzugs 1758 . Rückzug der Franzosen. Schlacht bei Krefeld. Contades Unthätigkeit. Einnahme von Schweidnitz.„. Marsch nach Mähren und Belagerung von Olmütz . . . . Belagerung von Olmütz. 115 117 119 151 153 155 157 159 Inh altsverzeichniß. ix Seite Die Russen in Polen.161 Die Russen vor Küstrin..163 Schlacht bei Zorndorf.165 Die Schweden in der Mark.169 Begeisterung für Friedrich.171 Das Reichshccr in Sachsen .. 173 Lager bei Hochkirch.175 Schlacht bei Hochkirch.179 Friedrich in Schlesien.183 Rückzug der Schweden. Winterquartiere.185 Fünftes Haupt stück. Verhandlungen und Zustände vom I. 1758-1759. Stimmung und Verhandlungen mit Frankreich.187 Verhandlungen mit Frankreich.189 Friedrich im Winter 1758—1759 . 191 Erpressungen in Sachsen und Anhalt.195 Stellung der Heere. 197 nand von Braunschweig im I. 1759. Herzog Ferdinand am Rhein.199 Gefecht bei Bergen.201 Schlacht bei Minden.203 Rückzug der Franzosen.205 Siebentes Hauptstück. Feldzug gegen die Russen im I. 1759. Unternehmungen Friedrichs.207 Streifzügc und Demonstrationen.209 Dohna gegen die Russen.211 Wedel! gegen die Russen. Schlacht bei Kap.213 Friedrich zieht gegen die Russen ..215 Schlacht bei KunnersLorf.217 Friedrich nach der Schlacht bei Kunnersdorf.221 Zögern der Russen.223 Achtes Hauptstück. Feldzug in Sachsen und Pommern im I. 1759. Friedrich in Sophicnthal.225 Einnahme Dresdens.227 Kleiner Krieg in Sachsen.229 Fink ergibt sich bei Maren.231 Inh altsvcrzcichniß. Neuntes Hauptstück. Feldzüge des I. 1760. Vergebliche Fricdenshoffnungen. Rüstungen gegen Friedrich. Fouque bei Landshut. Prinz Heinrich in Niedcrschlcsien. Unternehmungen zur Rettung Schlesiens.. Belagerung von Dresden. Schlacht bei Licgnitz und deren Folgen. Der König und Prinz Heinrich. Stimmung der Verbündeten und ihre Operationen . . Einnahme von Berlin. Friedrichs Aussichten nach dem Entsatz von Berlin . Schlacht bei Torgau. Feldzug am Rheine. Gefecht bei Campen. Seite 233 241 243 245 247 249 251 253 255 257 261 263 Zehntes Hauptstück. Verhandlungen und Feldzüge 1761 England. Die Pforte. Frankreich.265 Verhandlungen in Augsburg.267 Friedrichs Lage. Erpressungen.269 Feldzugsplan der Verbündeten.271 Feldzug des Prinzen Ferdinand.273 Feldzug gegen Laudon und die Russen.275 Verlust von Schweidnitz. Warkotsch' Berrath.277 Russen vor Kolbcrg.279 Fall von Kolberg. Feldzug in Sachsen.281 Feldzug am Rheine.283 Elftes Hauptstück. Wendung der Dinge in Rußland. Trostlose Lage Friedrichs.285 Traurige Lage Friedrichs.287 Tod Elisabeths.289 Verehrung Peters für Friedrich.291 Frieden mit Rußland.293 Zwölftes Hauptstück. Feldzüge in den Jahren 1762 und 1763. Erpressungen Friedrichs. Feldzug in Sachsen. Treffen bei Burkersdorf. Abzug der Russen. Belagerung von Schweidnitz.- > Einnahme von Schweidnitz. Feldzug in Sachsen. Sieg bei Frciberg .. Feldzug in Hessen.. Feldzug in Hessen. Treffen bei Friedeberg. Letzte Kriegsthatcn. 295 297 299 361 363 365 367 369 311 313 Achtes Buch. König Friedrich II. vom I. 1756—1763. Erstes HaupLstück. Vom Ausbruche des Krieges im August 1756 bis zur Schlacht bei Kolin. Am 28. August benachrichtigte der Minister v. Podcwils 1756 dm sächsischen Gesandten in Berlin, daß sich der König von 28. Aug, Preussen durch das Betragen des Wiener Hofes genöthigt sehe durch Sachsen in Böhmen einzurücken, doch angelegentlich bemüht sein werde durch strenge Mannszucht dem Könige von Polen keine Unannehmlichkeiten zu verursachen, noch dessen Reise nach Polen, wohin sich August zum Reichstage begeben wollte, das geringste Hinderniß in den Weg zu legen. Dasselbe zeigte am folgenden Tage der preussische 29. Aug. Gesandte Maltzan in Dresden dem Könige von Polen mündlich an und fügte hinzu, daß die Erinnerung an die Jahre 1744 und 1745 seinen König nöthige, Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, daß derselbe aber nichts mehr wünsche, als ihn sobald als möglich wieder in den ruhigen Besitz seiner Länder einzusetzen. Schon am 28sten überschritt das 70,000 Mann starke preussische Heer mit 224 Geschützen in drei Colonnen, rechts Stenzel, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 1 2 Buch VIII. Erstes Hauptstück. unter dem Herzoge Ferdinand von Braunschweig von Halle aus, in der Mitte unter dem Könige und links unter dem Herzoge von Braunschweig-Bevern durch die Nicderlausitz die sächsischen Grenzen unter Zusicherung preussischcn Schuhes und Sicherheit für Handel und Wandel, und vereinigte sich i Sept. ohne Widerstand zu finden am 10. September bei Pirna zur Einschließung des sächsischen Heeres. Es marschirtc jedoch immer noch zu langsam, um die sich eilig vor ihm zurückzichenden Sachsen überfallen und gefangen nehmen zu können. In Dresden war bei dem Anrücken der Preusscn die größte Verwirrung. Das sächsische Heer, im Lande zerstreut, stand auf 18,000 Mann zurückgcbracht seit fast zehn Zähren auf dem Friedensfuße. Der Graf Brühl hatte cs nach dem Dresdner Frieden den Engländern vcrmiethcn wollen, was Frankreich verhinderte, indem es dem Kurfürsten drei Jahre jährlich 2,000,000 Francs zahlte. Es befand sich bei der unglaublichen Nachlässigkeit und Verschwendung des Hofes und des Grafen v. Brühl, welcher bei der Schwäche des Königs August die gesammte Leitung des Staates und des Heeres in seiner Hand hatte, in der übelsten Verfassung, ohne alle Erfordernisse zum Marsche und zum Feldzuge. Bei den sich immer mehrenden Nachrichten von den Rüstungen der Preusscn hatte zwar der Feldmarschall Rutowski schon im Anfänge des Juni auf Vorkehrungen zur Verthei- digung Dresdens, Wittenbergs, des Sonnensteins bei Pirna und des Königsteins gedrungen und einen Plan zum Rückzüge des sächsischen Heeres in ein Lager bei Pirna eingereicht, er hatte bei den immer drohenderen Anzeichen im Anfänge des Juli wiederholt vorgcschlagcn, das Heer und die Festungen in Vcrtheidigungsstand zu setzen, und es wurden nun auch die Beurlaubten eingcrufen; allein während Brühl mit seiner über 100 Personen betragenden Dienerschaft das Geld vergeudete, wurden bis zum 24. August zu außerordentlichen Rüstungen, zur Befestigung des Königstcins und den Arbeiten im Zeughause nur 4500 Thlr. verwendet. Noch in der Mitte des August mangelte es dem Heere an allem Nothwcndigcn. In Dresden wurden 500 Geschütze Einmarsch in Sachsen. 3 und 50,000 Gewehre den Prcussen zurückgelasscn, während der Compagnie adliger Cadcttcn besonders befohlen wurde, ihre silbernen Bestecke mitzunehmcn. Endlich als die Prcussen wirklich anrückten, wurden Befehle zur Zusammcnzichung des Heeres gegeben und die einzelnen Abteilungen eilten in der übelsten Verfassung vor den Prcussen her nach Pirna. Hier bezogen sie ein durch Natur und Kunst festes und für unangreifbar gehaltenes Lager auf dem linken Elbufer zwischen Pirna und dem Königstein. Auch der König August begab 3. Sept. sich mit seinen Prinzen und den fremden Gesandten dahin, während er seine Gemahlin in Dresden zurücklicß, wo sic mit aller Achtung behandelt wurde. Er hoffte Parteilosigkeit zu erhalten, oder im Nothfalle mit dem Heere nach Böhmen zu entkommen, wozu die Ocstcrreichcr die Hand boten, während die Prcussen durch ihre Aufstellung das zu verhindern suchten. Friedrich machte vorläufig die Gründe, welche ihn bewogen in Sachsen einzurückcn, bekannt und erklärte, erhöbe im Jahre 1744 Sachsen zu sehr geschont, dieses dagegen ihn in Schlesien angefallen und auch Berlin überziehen wollen, weshalb er auf der Hut sein und den Regeln der Klugheit zu seiner eigenen Sicherheit folgen müsse, um den Anschlägen seiner Feinde zuvorzukommen, was er ohne die geringste feindliche Absicht gethan, indem er nichts mehr wünsche, als das von ihm in heilig gehaltene Bewahrung genommene Land dem Könige August wieder zu übergeben. In einer ausführlichem Erklärung der Ursachen, welche ihn bewogen hätten den Absichten des Wiener Hofes zuvorzukommen, sagte er, was ihn zum Kriege gcnöthigt. Er war gleich anfangs fest entschlossen Sachsen während des Krieges zu behalten, dessen Heer mit dem seinigcn zu vereinigen und die Hülfsqucllen des Landes für sich zu benutzen. Sogleich bei dem Einmärsche in Sachsen erzwangen daher die Prcussen, indem sie gute Mannszucht hielten, durch Berufung der Ritterschaft der Kreise möglichst regelmäßige Verpflegung der Truppen, die sie zum Theil baar, zum Theil mit Empfangscheinen zur spätern Berechnung bezahlten, besetzten die festen Plätze, sprengten bei Witten- 1 * 4 Buch Mi. Erstes Hauptstück. berg ein gegen das Brandenburgische hin gelegenes Bollwerk, boten 15,000 Bauern zur Befestigung Torgaus auf, bemächtigten sich überall der Zeughäuser, der Montirungs- kammern, der öffentlichen Kassen und der Münze, entwaff- ! neten die Leipziger Stadtmiliz und nahmen völlig Besitz I vom Lande, dessen Bewohnern sie Schutz und Sicherheit, > namentlich in Beziehung auf die ungestörte Haltung der Leipziger Messe zusagtcn. Der König von Polen war anfänglich nicht wenig betreten über die ihm gemachte preussische Erklärung, willigte zwar gezwungen in einen unschädlichen Durchmarsch und j bat um Schonung für sein Land, erklärte jedoch durchaus > keinen Anthcil an den Mißhelligkeiten zwischen Preussen und Oesterreich zu haben. Dann, bei der Nachricht von dem gewaltsamen Verfahren der Preussen, beschwerte er sich ^ darüber, protestirtc darauf gegen die Beschlagnahme seines Landes und verlangte dessen baldige Räumung. Anfänglich wollte er mit seinem Heere durch Böhmen nach Polen mar- schiren, dann beschlossen die Generale, aus Mißtrauen gegen Oesterreich und in Hoffnung auf ein billiges Abkommen mit Preussen, im Lager bei Pirna das Aeußerste abzuwar- ten und sich dort möglichst zu befestigen, während die Oestcrreicher den Marsch der Sachsen nach Böhmen dringend wünschten und den Entsatz ablehnten; dann hielten die sächsischen Generale ein Durchschlagen nach Böhmen nicht mehr für möglich. Friedrich hoffte immer noch den König August für sich zu stimmen, war aber seinen Absichten dadurch hinderlich, daß er den ihm mit Recht ungemein verhaßten Brühl, in dessen Händen König August war, da er ihn nicht gewinnen konnte, auf das Tätlichste beleidigte, indem er sich gegen den König August darüber beklagte, daß dieser den Rathschlägen eines Menschen folge, dessen feindselige Gesinnungen ihm bekannt wären und dessen schändliche Anschläge er beweisen könne, der aber zu tief unter ihm stehe, um ihn einer Erwähnung würdig zu achten. Er hatte der Kaiserin 2. Sept. nochmals anzeigen lassen: wenn sie die schon früher verlangte Erklärung, ihn weder im laufenden noch im nächsten Jahre Einmarsch in Sachsen. 5 angreifen zu wollen, gebe, wolle er sogleich seine Truppen ^ zurückziehen. Maria Theresia ließ ihm antworten: nach einem so unzweideutigen Angriffe könne von keiner andern I Antwort die Rede sein, als welche sie ihrer Zeit gut finden ! würde auf das preussische Manifest zu ertheilen, da die j früher gegebene Antwort Alles enthalte, was sie ohne Ver- j letzung ihrer Würde erklären könne, indem der Vorschlag des Königs, die bestehenden feierlichen Friedensschlüsse in einen Waffenstillstand zu verwandeln, natürlich keiner Erklärung fähig wäre. Nunmehr konnte Friedrich unter keiner Bedingung ein fremdes Heer in seinem Rücken , stehen lassen. Vergeblich erbot sich König August auf sein königliches Wort zur Parteilosigkeit, selbst ungeachtet seines Bündnisses ! mit Oesterreich, diesem keine vertragsmäßige Hülfe zu leisten, ferner Wittenberg, Torgau und sogar Pirna den Preusscn zu übergeben und das Heer auf ein Drittheil herabzusetzen, es auseinandergehen zu lassen und im Lande, wie es die Preuffen für ihre Sicherheit nöthig halten würden, zu verthcilen, — wogegen diese aber sein Land sogleich räumen und alles in den vorigen Stand setzen sollten. Dem Könige von Preuffen genügte das nicht, weil man das Heer leicht hätte wieder ergänzen können, und weil er den Besitz des Landes, welches er in seinen Händen hatte, nicht wieder ! ausgebcn wollte. Doch trug er durch den General Winter- ! selb dem Könige mündlich ein Bündniß gegen Oesterreich auf gemeinschaftliche Gefahr und Vortheil an. Als August das als mit seiner Ehre unverträglich ablchntc, weil er mit Oesterreich ein Schutzbündniß habe, so verlangte Friedrich endlich Ueberlassuug des sächsischen Heeres und Landes für die Dauer des Krieges. August verweigerte das, ermahnte IS. Sept. vielmehr in einer Bekanntmachung, welche von jeder Hauptmannschaft besonders, und in der Betstunde auch noch von ^ den Geistlichen verlesen werden mußte, die Truppen für j ihres Königs und für ihre eigene Ehre den letzten Blutstropfen zu opfern, weil der König von Preuffen nicht nur darauf bestehe Sachsen völlig im Besitze zu behalten und die treuen Unterthancn völlig zu ruiniren, sondern ihm auch 6 Buch VIII. Erstes Hauptstück. Bedingungen gegen sein königliches Wort, gegen Treue und Glauben ansinnc, worauf er nie eingehcn werde. Als nun für den König von Preussen jede Hoffnung verschwunden war sich mit dem Könige August förmlich zu , vertragen, erklärte er alle in Dresden befindlichen Offlum I für Kriegsgefangene und setzte fic nur gegen die eidliche ! Versicherung in Freiheit, nicht gegen Preussen dienen zu wollen. Die sächsischen Confcrenzministcr, die hohen Raths- collcgien, sämmtlichc Münz- und Postbcamtcte, welche sich nicht durch Handschlag in Pflicht nehmen ließen, wurde» ! entlassen, dagegen ein Obcrpostmcistcr und hauptsächlich ei» ; Fcldkricgs-Dircctorium in Torgau zur Erhebung aller säch- ! fischen Landes- und Kammercinkünfte eingesetzt, mit der Erklärung, daß die Einwohner, mit keiner neuen Auflage beschwert, unter prcussischem Schutze sollten ihre Nahrung und Gewerbe treiben können, auch den auswärtigen Handelsleuten sicheres Geleit gegeben und die Universität in Schutz genommen werden. Die Werke der Festung Wittenberg l wurden verstärkt, Torgau und Dresden mehr befestigt und mit den hier gefundenen und aus Weißcnfcls und Zeitz Weggefährten sächsischen Geschützen besetzt, der Zugang zum > sächsischen Lager völlig gesperrt, Holz in den sächsische» ! Forsten geschlagen, durch einen prcussischcn Münzmcistcr ziemlich probchaltigcs Geld unter kursächsischcm Bilde und Wappen geprägt, starke Lieferungen beigctricbcn, den sächsischen Untcrthancn, wo sie es bedurften, Brot und Saatkorn geliefert; Rcchtsvcrwaltung und Handel gingen ihren Gang, das Heer hielt strenge Mannszucht und das ge- i sanrmtc Land wurde wesentlich so behandelt, als wenn cs eine prcussischc Provinz oder der König von Preussen auch Kurfürst von Sachsen gewesen wäre. Jede Einmischung des Kurhauses wurde mit Entschiedenheit zurückgewiesen, Gehorsam wurde erzwungen, Ungehorsam bestraft, dem Könige August nicht gestattet nach Warschau zu reisen. Weil dem Könige von Preussen sehr viel daran lag die Originale der ihm durch Menzel bekannt gewordenen Schreiben in seine Hände zu bekommen, so mußte bereits am 9. September auf Befehl des Commandantcn von Dresden, Lager bei Pirna. 7 I des Generals v. Wylich, der Major v. Wangenhelm von s den geheimen Cabinctsräthen und Secrctärcn die Schlüssel zum geheimen Archive fordern. Als er sie nicht sämmtlich j erhielt, die Königin vielmehr die Archivschränkc mit ihrem Petschafte zu versiegeln verlangte, so versiegelte sic Wangcn- heim ebenfalls mit seinem Petschafte und verlangte auf Befehl seines Generals am andern Morgen zwischen 5 und 610. Sept. ! Uhr die Auslieferung der Depeschen des Wiener und Petcrs- ! burger Hofes. Die Königin kam aus ihrer Schloßkapelle und wendete vergeblich alle Freundlichkeit und Schmeicheleien an, um Wangcnheim von der Eröffnung der Schränke ab- zubrmgcn. Sie ließ darauf den General Wylich um Aufschub bitten, indem sie ihren Ober-Hofmeister an den König von Preusscn schicken wollte, der sich in seinem Hauptquartiere in Groß-Sedlitz befand. Als Wylich das für unthunlich erklärte, gab sie nach. Mehrere Schlüssel wurden ausgeliefcrt, Schränke mit denselben, einige andere Schränke, deren Schlüssel nicht zur Hand waren, durch einen Schlosser geöffnet'). Die hier gefundenen Urkunden dienten dann als Belege der vom Minister v. Herzberg ausgcarbcitcten ausführlichen Denkschrift über das Benehmen der Höfe von Wien und Sachsen und über deren gefährliche Entwürfe gegen den König von Prcussen. Das sächsische Heer befand sich unterdessen in einer mit jedem Tage schwieriger werdenden Lage. Es war den Preusscn allerdings schwer in das nun noch mehrfach befestigte, für unangreifbar gehaltene starke Lager der Sachsen cinzudringcn, diesen aber, seitdem sie von den Preusscn ein- gcschlosscn waren, ebenso schwer cs zu verlassen. Sie waren nur auf 14 Tage mit Lebensmitteln versehen, weshalb schon seit dem 13. September die Pferde kein Hartfuttcr mehr fanden, und auch nur spärlich Heu, Stroh und Gras, die Mannschaften aber statt 3 Pfund nur noch IVg Pfund Brot täglich erhielten; dazu waren sie der immer rauher werdenden Hcrbstwitterung großcnthcils ohne hinreichenden Schutz I) Preuß in den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik 1841, Nr. 60, nach dem Originalberichte des Majors v. Wangenhcim. 8 Buch VIII. Erstes Hauptstück. an Kleidern und Zelten ausgcsctzt. Rutowski, dem der König den unbeschränkten Oberbefehl über das Heer gegeben hatte, war ein gutartiger, wohlgesinnter Mensch, doch mehr Hof- als Kriegsmann. Er konnte weder einen festen Entschluß fassen, noch ihn ausführen, noch weniger aber mit männlicher Entschiedenheit die für das Wohl des Heeres nöthigen Maßregeln dem allmächtigen Ministergünstlinge gegenüber treffen. Friedrich wußte das, hielt das Lager für schwerer angreifbar als es war, und wollte seine Soldaten schonen, indem er die Sachsen schon als seine Truppen ansah und ihre baldige Ergebung hoffte. Es ging in der That alles so friedlich her, daß erst 12 Tage nach der Einschließung der Sachsen der erste Schuß fiel. Anstatt daher, wie es wol ausführbar war, die Sachsen sogleich gewaltsam zu erdrücken und dann nach Böhmen zu gehen, um die unvorbereiteten Oestcrreicher zu überraschen, verlor er die kostbare Zeit von sechs Wochen, während deren die Sachsen ihr Lager noch mehr befestigten, und begnügte sich dieselben nur fortwährend enger einzuschließcn, die Zufuhr abzuschneiden und durch Schanzen und Verhaue ihr Ausbrechen zu verhindern. Er sah sich daher bald genöthigt ein nach und nach immer mehr verstärktes Bcobachtungsheer unter dem Feldmarschall Keith nach Böhmen rücken zu lassen, wo derselbe eine feste Stellung bei Aussig nahm, ! um einem Entsätze, den die Oesterreicher versuchen könnten, zu begegnen. Die Oestcrreicher hatten zwar längst ein Lager bei Kolin abgesteckt, allein dort, als der König in Sachsen einrückte, erst 32,000 Mann unter dem Feldmarschall Brown, vor und bei Olmütz 22,000 Mann unter dem Fürsten Piccolomini versammelt, während 40,000 Mann noch ruhig in Italien und den Niederlanden lagen. Die Truppen aus Znner- österreich waren zwar auf dem Marsche, konnten aber vor > Ende Septembers nicht bei Kolin eintreffen. Noch am ^ 16. September hatte Brown keine Munition für seine Ge- ^ schütze. Er hatte daher, weil er nicht stark genug war, um etwas Ernstliches unternehmen zu können, als ein erfahrener Feldherr den Sachsen gleich anfangs gerathen sich nach Lager bei Pirna. 9 Böhmen zurückzuziehen, was diese, wie wir sahen, ablehnten. Als nun durch Hunger, Nässe und Kälte die Noth im sächsischen Lager immer größer wurde, kam man hier wieder auf den Entwurf zurück sich nach Böhmen durchzuschlagen. Auf die lauten Klagen und die dringenden Bitten König Augusts befahl Maria Theresia Alles zu unternehmen, um das sächsische Heer zu entsetzen. Es wurde daher zwischen den Sachsen und Brown verabredet, dieser solle seinerseits bis zum 11. October mit einer Heeresabtheilung auf dem rechten Elbufer bis auf die Höhe von Schandau und Rathmannsdorf vorrücken, während die Sachsen aus ihrem Lager am linken Elbufer in der Nacht vom 11. zum 12. October nach Sprengung der preussischen Schiffbrücke zwischen Scdlitz und Pratschwitz auf das rechte am Lilicnstcine übergingen und dort die preussischen Verhaue und Schanzen durchbrächen, um sich dann mit Tagesanbruch mit den im Rücken der Preussen befindlichen Oesterreichern zu vereinigen. Der Entschluß sei unveränderlich und die Stunde bestimmt, daher solle Brown kein anderes Zeichen als das Gewchrfeuer des Angriffs erwarten'). Brown rückte daher, wahrscheinlich um die Preussen so viel als möglich auf das linke Ufer hinüber und deren Aufmerksamkeit dahin zu ziehen, mit 33,000 Mann und 94 Geschützen von Kolin nach Budin und dann bis Lowvsitz vor. Der König dagegen ließ 40,000 Mann unter dcm28. Sept. Markgrafen von Schwedt, dem Prinzen Moritz von Dessau und Winterfcld zur Einschließung der Sachsen zurück und übernahm den Oberbefehl seines 24,000 Mann starken Heeres mit über 100 Geschützen in Böhmen. Bald entdeckte er von 30. Sept. einer Höhe bei Welmina das Lager der Oesterricher in der Ebene zwischen Lowvsitz an der Elbe und dem Dorfe Tschischkowitz. Eilig besetzte er in der Nacht den Schlüssel der feindlichen Stellung, zwei vor derselben liegende Höhen, links den Lobosch- und rechts den Homolkabcrg, und rückte früh um 7 Uhr, in der Meinung, er habe es nur mit dem l. Oct. 1) Schreiben von Brown, Actenstück bei Aster S. 300. Offenbar, wie sich zeigt, von Brühl abgefaßt. 10 Buch V1U. Erstes Hauptstück. Nachtrabe der nach Budin sich zurückziehcnden Ocsterrcicher zu thun, zum Angriffe vor. Den rechten Flügel führte der König, den linken der Herzog von Braunschwcig. Ein dichter Nebel verhüllte dem Könige die Aufstellung der Ocsterrcicher. Erst als dieser etwas gefallen war, kam cs nach anfänglichem Plänkeln und Kanonenfcuer im Mittelpunkte der Stellung durch die Angriffe der preussischcn Reiterei zu einem heftigen, hin und herwogenden, zuletzt für die Prcusscn nachtheilkgen Reitergefcchte. Als sich fetzt gegen Mittag der Nebel mehr gelegt hatte, erkannte der König, daß er das ganze österreichische Heer vor sich habe. Er beschloß daher sich mit der Behauptung der früher von ihm eingenommenen beiden Höhen zu begnügen, welche ihm eine feste Stellung den Oestcrreichern gegenüber sicherten. Nun aber griff der rechte österreichische Flügel selbst den linken Flügel des Königs auf dem Loboschbcrge an, unstreitig um die Preußen von der Elbe weiter abzudrängcn. Der Angriff der Ocsterrcicher wurde tapfer abgeschlagen, und nun drangen die Preußen bis Lowositz vor, welches mit Ocster- rcichern überfüllt war, die sich nicht entwickeln konnten. Es wurde bald in Brand geschossen und von den stör- j mcnden Preußen genommen, worauf sich Brown mit einem > Verluste von 3000 Mann, gegen 500 Pferden, 3 Kanonen ! und 3 Fahnen in seine frühere Stellung hinter Lowositz und am folgenden Tage weiter gegen Budin zurückzog. Der König lagerte auf dem Schlachtfeldc. Er hatte über 30VV Mann und 800 Pferde, also an Mannschaft mehr als die Ocsterrcicher verloren, und cs ist nicht unwahrscheinlich, daß er damals gesagt: „Es sind nicht mehr die alten Ocsterrcicher!" Brown hatte wol zum Thcil seinen Zweck erreicht die Aufmerksamkeit der Prcusscn bei der Einschließung der Sachsen vorzugsweise auf das linke Elbufer abzulcnkcn, der König dagegen ebenso den seinigen, in sofern er die von ihm bc- l sorgte Entsetzung der Sachsen durch die Oesterreicher ver- > eitcltc. Hauptsächlich -war der Sieg für die Preußen dadurch wichtig, daß er die aus den ersten schlesischen Kriegen überkommene Ansicht von der Unbesiegbarkeit Friedrichs von neuem bestätigte. Er übergab, nachdem er noch acht Tage Schlacht bei Lowositz. II in Lowositz verweilt hatte, dem Marschall Kcith den Befehl über das Beobachtungshecr in Böhmen und begab sich zum Einschließungshecre nach Sachsen zurück. Auch während der Abwesenheit eines großen Thciles des preussischen Heeres in Böhmen hatte Rutowsky nicht den geringsten Versuch gemacht sich durchzuschlagen, während ihm die nahe Ergebung durch den Hunger bevorstand. Er rechnete noch auf die verabredete Errettung am 11. Ockober, ohne doch auch nur dazu die nöthigcn Vorkehrungen mit Nachdruck zu treffen. Unterdessen war der Marschall Schwerin von Matz aus M. Scpt. mit 27,000 Mann über Nachod in Böhmen eingerückt. Der 72jährige Greis drückte die Freude, nach 56 Dienstjahren noch einem Feldzüge beiwohnen zu können, nach Uebcr- ! nähme des Oberbefehls in einem Briefe an Keith aus: ^ „Ich lverde mit übermächtigen Feinden zu thun haben, aber Gott wird mir helfen ihre Angriffe zurückzuschlagen. Ich werde immer meine Schuldigkeit thun, die Ehre der Truppen i meines Königs erhalten und als tapferer Mann sterben." Er trieb den ihm mit 23,000 Mann gegenüberstchendcn Fürsten Piccolomini über die Elbe zurück, lagerte bei Kö- nigingrätz und zehrte das Land zwischen der Adler und der Elbe aus, brandschatzte dasselbe sogar auf dem rechten Elbufer bis zur Zser und hielt die Oestcrreichcr völlig in Schach. Der König unternahm ungeachtet seiner Ueberlcgcnhcit an Truppen und Geschützen immer noch keinen Angriff auf die ausgedehnten Stellungen dar Sachsen, obgleich er nach der Schlacht von Lowositz mit den Sachsen ein Ende gemacht wissen wollte, wie er an Winterfell) schrieb. „Die 3. Oct. Sachsen," wiederholte er diesem, „verderben mir die ganze ^ Campagne;" er werde sich nicht mehr über acht Tage in Böhmen behaupten können. Doch bekannt mit der traurigen Lage der Sachsen, hoffte er von Lag zu Tag auf deren Ergebung; er wollte sie und auch seine Truppen schonen und beharrte deshalb bei der Einschließung. Die Sachsen hielten den Hunger und die rauhe Hcrbstwitterung, der sie in der größten Entblößung prcisgcgeben waren, mit ehrenhafter Standhaftigkeit aus. Wurde doch noch 12 Buch VIll. Erstes Hauptstück. ^ unter solchen Umständen den Offneren bei Cassation das ! Schießen der Hirsche verboten, weil diese lediglich für Se. Majestät Vorbehalten waren. So gewann Brown Zeit, den längst verabredeten Versuch zu machen die Sachsen zu entsetzen und ihnen bei Schandau einen Ausweg zu öffnen, wo die Preussen wegen der äußerst schlechten und außerdem schwierigen Wege einen Durchbruch am wenigsten besorgten und daher nur mäßige Verhaue gemacht und schwache Posten aufgestellt hatten. Während er daher das preussische Lager bei Lowositz durch den Haupttheil seines Heeres beobachten ließ, ging er selbst sehr geheim mit 8000 Mann 11. Oct. und 20 Geschützen auf das rechte Elbufer über und kam nach ungewöhnlich starken Märschen, unbemerkt von den ^ Preussen, zur verabredeten Zeit in Lichtenhain etwa zwei Meilen vom Lilienstein an. Hier drängte er das 4000 Mann starke, vom General Mcycrink schlecht geführte preussische Corps auf Schandau zurück und ging bis 1^ Meile vom Lilienstein vor, ohne seinen Angriff weiter zu verfolgen, indem er ruhig abwartete, daß die Sachsen nun ihrerseits ebenfalls, wie sie versprochen hatten, die preussische» Verhaue bei Walthersdorf am Liliensteine in der Macht vom Ilten zum L2ten angreifcn würden. Dadurch und durch die Zögerungen der Sachsen, welche ihre Anstalten nachlässig ! trafen und zu wenig verheimlichten, gewannen die Preussen ! Zeit, ihre Posten schleunigst zu verstärken und sich gegen I das früher sehr leichte weitere Vordringen Browns, sowie gegen einen Angriff der Sachsen in Verfassung zu setzen. Die Sachsen hatten während dieser langen Zeit die Transportwagen ihrer Blcchpontons auszubessern vernachlässigt. Sie mußten daher ihre hölzernen Pontons von Pirna zwei Meilen stromaufwärts, und zwar unter dem Feuer der preussischen Geschütze, unter den Königstein schaffen. Die zu dieser schweren und zugleich gefahrvollen Arbeit mit Gewalt gezwungenen Bürger, Bauern und Schiffer empörten sich, liefen davon und konnten auch durch Bajonette nicht wieder alle zur Arbeit gebracht werden. Sie brachten sogar mehre Pontons zu den Preussen am rechten Elbufer. So konnte, zugleich wegen der grundlosen und steilen Wege 13 Zustand des sächsischen Heeres. und der durch Mangel an Verpflegung, dauernden Regen und heftigen Wind ermatteten Menschen und Pferde, erst in der Nacht vom 11. zum 12. October die Brücke unter dem Königstein geschlagen werden. Auf dieser gingen, nach Vernagelung des schweren Geschützes, die Sachsen unter fortwährendem Regen und Sturm, nach Verzehrung ihrer letzten Lebensmittel, aus dem Lager bei Struppen nach Ebenheit unter dem Liliensteine über und mußten die über 400 Fuß hohen sehr steilen Bergabha'nge theils ohne Weg, theils auf schmalen Fußpfaden erklimmen. Die Pferde waren so ausgehungert, daß sie einander die Schwänze abnagten und die Geschütze nicht schleppen konnten. König August begab sich auf den Königstein. Um die Verfolgung zu verhindern, sollte die Brücke abgebrochen und nach dem rechten Ufer hinübergeschwenkt werden. Als aber die Preufsen in das von den Sachsen verlassene Lager unter dem Königsteine eindrangen, entstand allgemeine Verwirrung unter den Letztem. Reiterei, Geschütze, Bagagewagen, Packpferde und Fußvolk eilten über die Brücke, welche mit der noch auf ihr befindlichen Mannschaft, durch Ungeschick der Arbeiter von beiden Ufern gelöst, den Strom hinabschwamm und von den Preußen aufgefangen und mit den schon früher ihnen zugebrachten Pontons benutzt wurde, eine Brücke bei Nieder-Rathen wenig unterhalb des Lilicnsteins über die Elbe zu schlagen. Der größte Theil des Gepäckes in dem von den Sachsen verlassenen Lager siel den Preußen in die Hände. So traf nun erst am 13. October Nachmittags um 4 Uhr die Mehrzahl der unglücklichen Sachsen nach 17stündigem Aufenthalte unter Gewehr, durchnäßt vom Regen, erstarrt vom Froste, entkräftet von Hunger, ohne Nahrungsmittel und Zelte auf der Ebenheit mit 7—8 Kanonen von den 50 Feldgeschützen, die sie mitgenommen hatten, ein. Hier, nach 24stündigem Marsche und Aufenthalte, hatten sie zur Stillung ihres Hungers nichts als einige noch auf dem Felde befindliche Krautstrünke und Kürbisranken; gekochter und mit Pulver gesalzener Puder war eine Labung, das zusammengelaufene Regenwaßer ihr Trunk. Viele fielen vor Hunger und Mattigkeit um, die.Patronen waren durch die Nässe unbrauchbar. 11. u. 12. Oct. 14 Buch VIII. Erstes Hauptstück. In diesem Zustande befanden sich die Sachsen nach dem Abbrcchcn der Brücke, ohne die Möglichkeit eines Rückzuges, in einer Stellung unter dein Liliensteine zusammen- gcdrängt, welche dem Geschütze der Prcusscn ausgesetzt eine wirksame Verteidigung gar nicht gestattete, während die Ermattung der Soldaten und die Unentschlossenheit der Führer einerseits, sowie die andererseits von den Prcusscn getroffenen Vorkehrungen durchaus keinen erfolgreichen Angriff auf die preussischcn Verhaue hoffen ließen, welche doch ^ anfänglich noch nur mit zwei Bataillonen besetzt waren. Es wurde nun, um die noch zurückgebliebenen Geschütze abzuwarten, der Angriff auf den 14tcn festgesetzt und fortwährend erwartet, der nur zwei Stunden weit entfernte Brown werde seinen Angriff ebenfalls erneuern. Unterdessen rückten die Prcusscn unter Wintcrfcld eiligst näher an de» Lilicnstcin heran und verstärkten unablässig das zwischen de» Sachsen und Brown stehende Corps bei Schandau. Brown hatte noch den 12. und 13. Oktober auf den für die Nacht vom 11. zum 12tcn zugesichcrtcn Angriff der Sachsen gegen , Schandau hin gewartet. Es mangelten ihm Lebensmittel, ^ der Regen strömte ununterbrochen 24 Stunden hindurch herab; seine Truppen mußten unter freiem Himmel lagern, ^ die immer mehr anwachscnde Zahl der Prcusscn bedrohte seinen Rückzug. Er benachrichtigte daher am 13ten Abends die Sachsen, daß er unmöglich länger als bis zum 14tcn um . 9 Uhr Morgens auf ihren Angriff warten könne, dann aber 14. Oct. abmarschircn müsse. Er wartete noch bis um 1 Uhr vergeblich und zog sich dann ohne Verlust nach Budin zu seinem Hauptheere zurück. Als am 14ten Morgens um 7 Uhr das Schreiben Browns vom 13tcn ankam, erklärte die sächsische Generalität, wie schon am 13tcn Abends für diesen Fall beschlossen war, cs sei unmöglich mit den durch 72stündige fast vollständige Entbehrungen abgcmattetcn Truppen, den völlig -unbrauchbaren Pferden, ohne Brot, Futter, Geschütz und Munition durch die preussischcn Verhaue zu dringen, und selbst wenn das gelänge, sich weiter zurückzuziehen, indem ein solches Unternehmen das Volk nur auf die Schlachtbank führe, ob- Waffenstillstand unter dem Liliensteine. 15 wol die so schmählich vernachlässigten, durch Hunger, Kälte und Nässe ermatteten Truppen noch zum Widerstande gegen die Prcusscn bereit waren. Es wurde ein Ofsicier an den General Wintcrfeld geschickt, der hier den Oberbefehl führte und selbst zu Rutowsky kam, mit diesem einen Waffenstillstand abschloß und sogleich befahl 72,000 Pfund Brot für die ausgehungerten Sachsen nach Pirna zu schaffen. Der General Gcrsdorf mußte das und die Lage der Dinge dem Könige August auf dem Königstcin anzcigcn. Dieser schwache Fürst, der kaum etwas von dem furchtbaren Elende wußte, in welchem sich seine Truppen befanden, anstatt selbst zu diesen zu gehen, ihren Zustand kennen zu lernen und ihre Gefahren zu thcilcn, äußerte sich hart über den Ungehorsam der Generale und den Mangel an Muth bei den Truppen. Auf die Vorstellung, daß cs ganz unnütz sei die Menschen aufzuopfcrn, erwiderte er: daß cs ihnen mehr Ehre gebracht,hätte, wenn zwei Drittheile auf dem Platze geblieben wären. Als er von den ohne seine Er- laubniß mit dem General von Wintcrfeld angeknüpften Unterhandlungen hörte, befahl er höchst unwillig dem General v. Gersdorf, der gcfammtcn Generalität zu sagen, er sei entschlossen keine nachtheiligen Bedingungen einzugehen und bestehe darauf, sie sollten den Feind angrcifen. Er wolle lieber zugleich mit ihnen sterben, als die unerhörte Schande überleben ein Heer das Gewehr strecken zu sehen, ohne einen Schuß gcthan zu haben. Jedes Regiment solle daher einzeln gefragt werden, ob cs seine Schuldigkeit thun wolle. Er schrieb an Rutowsky und stellte ihm vor, was Europa sagen würde, wenn 18,000 Mann sich an eine ihnen gcgen- übcrstchcnde geringere Anzahl ergäben; wie er von seinen Verbündeten verlassen, von seinem grausamsten Feinde traurig behandelt werde, wie er sich ärgere, daß er sich habe überreden lassen auf dem Königstcin zu bleiben. Er verlangte muthigcn Angriff und schickte alle seine Pferde, um die Geschütze fortzuschaffen, blieb aber selbst in Sicherheit auf der Bergfeste. Die Generale machten darauf ihrem Könige wiederholte Vorstellungen über das Nutzlose eines Angriffs nach dem Abmarsche des Marschalls Brown, sowie daß selbst 16 Buch MI. Erstes Hauptstück. der schwach verproviantlrte Königstein leicht ausgehungert werden könne. Das scheint entschieden zu haben. Verdrießlich überließ er daher dem Rutowsky das Schicksal des Heeres. Ein Kricgsrath sollte entscheiden, ob es sich kricgs- gefangen ergeben, oder den Tod durch Hunger oder durch das Schwert wählen wolle; nur die Bedingung fügte er hinzu, daß es in keinem Falle gegen ihn und seine Freunde die Waffen führen solle. Demnach wurde in den durch Brühl vom Könige angegebenen Capitulationspunkten fast auf weiter nichts als auf die königliche Familie, seine Minister und seinen Hof und Aller Aufenthalt und Bequemlichkeit in Dresden Rücksicht genommen'). Friedrich II. war unterdessen mit einem Theile seiner Truppen von LowosiH nach Struppen unter dem Königstcin marschirt. Vermöge 15. Oct. der darauf abgeschlossenen Capitulation ergab sich nach 35tägiger Einschließung das unter dem Liliensteine befindliche sächsische 12—14,000 Mann starke Heer, mit Einschluß der Garde du Corps und der Leibgrenadiergarde, welche die Sachsen hatten ausnehmen wollen, mit 49 Kanonen und allen Waffen krkegsgefangen. Friedrich bemerkte dazu: „wenn der König sie mir überlasten will, so brauchen sie nicht Kriegsgefangene zu sein." Die ihm überflüssigen Fahnen, Standarten und Pauken erlaubte Friedrich auf den Königstcin zu bringen. Den Officiercn wurde freigestellt in prcus- sische Dienste zu treten, was nur 53, und zwar meistens aus dem Preussischen gebürtige, thatcn, während die übrigen 568, welche das ablehnten, gegen schriftliche Versicherung während des Krieges die Waffen nicht gegen Preussen führen zu wollen, in Freiheit gesetzt, doch ihnen Orte wie Eis- lcbcn, Wittenberg, Lübben und Guben zum Aufenthalte angewiesen wurden, ohne daß sie von Preussen Gehalt bekamen. Das Verlangen, daß weder Unterofsiciere noch Soldaten gezwungen werden sollten in preussische Dienste zu treten, schlug Friedrich mit den Worten ab: „darin hat sich Niemand zu mengen. Man wird keinen General zwingen 1) Danziger Beiträge II. S. 78. Ein einseitiger, doch so weit wol zuverlässiger Bericht. Das sächsische Heer ergibt sich. 17 wider seinen Willen zu dienen, das ist genug." Er übernahm die Unterhaltung des sächsischen Heeres und sicherte demselben zu, daß es regelmäßiger wie früher, vielmehr so wie sein Heer bezahlt würde. Der Königstein sollte während des Krieges neutral bleiben. Die Festung Sonnenstein bei Pirna, mit 100 Mann Besatzung und 100 Geschützen, hatte sich bereits am Tage vorher ergeben und der Commandant dabei besonders für Erhaltung seines Eigenthums gesorgt, gerade wie im Jahre 1806 preussische Befehlshaber. Die sächsischen Truppen wurden von den Preußen sogleich mit den ihnen so nöthigen Lebensmitteln versehen; der König wollte sie gern sämmtlich als preussische Soldaten betrachten: er mochte hoffen, daß diese, sämmtlich Protestanten, lieber ihm, der sich als den Verfechter der Freiheit der Evangelischen angab, dienen würden, als ihrem katholischen Landesherrn; allein die Sachsen waren von diesem in ihrem Glauben nie beeinträchtigt worden und die Unterthanentreue war bei ihnen viel stärker als die Abneigung gegen die ihnen unschädliche Religion ihres Landesherrn. Es kam der preussische General Ingersleben in das sächsische Lager, um den Truppen den Eid für den König von Preußen abzunehmcn. Der Feldmarschall Rutowsky erklärte dagegen, er sei nur bevollmächtigt die Waffen strecken zu lassen, nicht aber von dem geschwornen Eide zu entbinden, worauf Friedrich II. auf die Eidesleistung in dieser Form verzichtete. Es wurden nun in den folgenden Tagen preussische Officiere zu den Truppen geschickt; und angegeben, wer von ihnen dem Könige von Prcussen schwören wolle, werde vom Könige von Polen den Abschied erhalten, als preussischer Soldat geachtet und verpflegt werden; dabei wurde erklärt, wer nicht schwören wolle, werde Kriegsgefangener sein und keinen Sold erhalten. Man spiegelte den Soldaten vor, der König von Polen habe sie dem Könige von Prcussen überlassen; einzelne preussische Officiere versicherten auf ihre Ehre, die Regimenter würden ihre alten sächsischen Namen behalten und nicht aus Sachsen weggeführt werden. Allein ungeachtet des anfänglich freundlichen Zuredens und der dann angewendeten Schcltworte und Stockschläge war der Widerwille der Sachsen doch so groß, Stenzel, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 2 18 Buch VlII. Erstes Hauptstück. daß nur wenige den ihnen vorgcsagtcn Eid nachsprachen, worauf weiter keine Rücksicht genommen wurde. Jedes Regiment, das so den Eid leistete, erhielt 800—1000 Thaler geschenkt. Mehrere Regimenter Fußvolks, von denen zuletzt noch zwei, aller angewendeten Mittel ungeachtet, standhaft blieben, wobei die Leibgrcnadiergarde, ferner die Artillerie und fast die gcsammte Reiterei, verweigerten den Eid. Sie wurden theils als Gefangene nach Brandenburg gebracht, thcils unter die übrigen sächsischen Regimenter gesteckt. Der König bildete aus dem sächsischen Heere zehn neue prcussischc Regimenter und später noch fünf Grcnadierba- taillone. Zwei sächsische Reiterregimenter wurden anderen prcussischen Regimentern einvcrleibt'). Die üble Behandlung, welche die Sachsen von den prcussischen Officieren erfuhren, steigerte ihre außerdem schon große Erbitterung. Wer irgend konnte, wurde flüchtig. Obwohl in den Nachtquartieren die Hintcrthürcn der Häuser zugcnagelt und fleißig visitirt wurde, gelangte doch keins dieser prcussisch-sächsischcn Regimenter über 200 Mann stark in seinen Garnisonsort. Schon auf dem Wege nach Halbcrstadr war das Regiment Prinz Clemens nur noch 150 Mann stark. Von einem Regiment- im Magdeburgischcn waren gegen das Ende des Jahres insgcsammt 842 Mann entwichen. Nun hob Friedrich im November 9000 Sachsen zur Ergänzung dieser Regimenter aus. Die jungen Leute flüchteten in Menge über die Grenzen und cs mußten gewaltsame Mittel angewendct werden, um die Rckrutcnstcllung zu bewirken. Im Frühjahre wurde die Widersetzlichkeit der sächsischen Truppen noch stärker, als sie im Kriege verwendet werden sollten. Vom Rutowskischcn Regimcntc sprengten auf dem Marsche von Dresden nach Bautzen auf einmal 9 Corporale und 137 Dragoner fort nach Böhmen und cs entwichen nach und nach von diesem Regimentc, einzeln oder in kleinern 1) Hieraus ergibt sich, daß die Darstellung der Vorgänge bei der Reiterei in den Briefen eines alten preußischen Officiers, Hohcnzollern 17d0, Lheil Hl, S. 13 u. s. w. sehr übertrieben sein müsse, daß sie aber jedenfalls sehr ungenau ist. Das sächs. Heer, dem preussischen einverlcibt. 19 und größer» Haufen bis zu 150 Mann, so viele, daß zuletzt nur noch 112 Mann übrig waren. Achnliches geschah bei der 6oräo Zu 6oi-ps, worauf die Ueberblcibscl dieser Regimenter unter lpreussische Regimenter gesteckt wurden. Im März 1757 marschirten nacheinander drei ganze Bataillone, von gewählten Sergeanten geführt, geschlossen, mit ihren Fahnen aus der Lausitz bis nach Polen, und später trat bei der Ucbergabe von Breslau ein ganzes Bataillon Sachsen in österreichische Dienste. Im April empörte sich ein Grenadierbataillon in Leipzig, von dem dann 60 entwichen, die übrigen entwaffnet wurden. In Wittenberg waren bis zum April 700 Mann feldflüchtig geworden. Ucberall geschah das vorzüglich, wo die Sachsen mit den Ocsterrcichern in Berührung kamen, denen sie bei ihrem Widerwillen gegen Preussen auch im Felde wenig Widerstand leisteten, was bei Kolin und aus dem Rückzuge die nachteiligsten Folgen hatte. Friedrich ließ daher im Mai noch 5000 Mann in Sachsen aushcben und verthcilte diese nun so unter sein Fußvolk, daß nicht mehr als zehn Sachsen in jeder Compagnie sein durften, welche auch nur in das zweite Glied gestellt wurden '). Später steckte er den Rest der übriggcblicbencn sächsischen Bataillone unter seine eigenen Truppen, und die Einverleibung derselben in das prcussischc Heer stellte sich zuletzt mehr nachteilig als vorteilhaft heraus. Er befahl außerdem das Vermögen der Flüchtigen einzuziehen. Verwandte und Aeltern sollten Waffen und Kleidungsstücke derselben ersetzen, wozu eine außerordentliche Contribution von 66,000 Thalern ausgeschrieben wurde. Die Sachsen in Polen mar- schirtcn nach Ungarn, und außerdem dienten den Oesterrei- chcrn noch 4 Regimenter Reiter, gegekk 3000 Mann stark. Aus den Flüchtigen und Ausgetretenen wurde vom Prinzen -kavcr in französischem Solde eine Heeresabtheilung von über 9000 Mann gebildet, zu derMch auch viele Officiere gegen die Kapitulation bei Pirna unter dem Lilicnstein begaben, 1) Die Sachsen behaupteten, der König von Preussen habe außer den 17,000 Mann die am Lilienstein capitulirten, nicht 5000 Mann, sondern 13,600 Mabn ausgchobcn. Kurf. Promem. v. 1. Zan. 1758. 2 * 2 « Buch Vlll. Erstes Hauptstück. weshalb Preussen sie als Ehrvergessene stark in Anspruch, Frankreich so wie Oesterreich aber in Schutz nahmen, und auch die Capitulation ssclbst für ungültig erklärten. Allerdings war ihnen in der Capitulation nur für den Fall Unterhalt verheißen, wenn sie preussische Dienste nähmen; allein weil sie weder den ihrem Könige geleisteten Eid brechen noch verhungern wollten, so glaubten sie ebenso wie der König von Preussen, die Pflicht der Selbsterbaltung entbinde 1759 vom gewöhnlichen Herkommen. Später hob der Kaiser so- 30. April gar die Capitulation von Pirna auf. Das war die Folge von Maßregeln, welche aus dem damals bei den Fürsten allgemeinen Mangel an Achtung vor dem sogenannten gemeinen Manne oder dem Volke entsprang. Ohne Schonung für die heiligen Gefühle der Anhänglichkeit und Treue, welche man vornehm für Vorurtheile nahm, die keine Rücksichten verdienten, wurde es immer noch, jedenfalls in Beziehung auf den Kriegsdienst, nicht viel besser als cingefangenes Wild betrachtet. Der König von Polen, der feine sichere Bequemlichkeit auf dem Königstcine hatte, verlangte, ohne sich weiter um das Elend seiner Truppen zu bekümmern, daß sie für ihn durch Hunger oder Schwert sterben sollten, und wahrhaft rührend, aber fast ebenso sehr einerseits niederdrückcnd als andererseits erhebend ist die ausdauernde Treue der Sachsen gegen ihr angestammtes Fürstenhaus, das seit mehr als einem halben Jahrhunderte nicht den geringsten Anspruch darauf hatte geachtet und geliebt zu werden. Der König von Preussen dagegen verlangte, daß die Sachsen für ihn fechten sollten, der ihr Vaterland im Frieden überfallen hatte und es systematisch aussaugte, den sie daher als einen Fremden und Feind an- sehen mußten, wenn ihnen gleich die Freunde ihres Fürsten noch weit übler mitspielten. Der König von Polen begab sich nun, von Preussen ungehindert, mit einem Gefolge von über 500 Personen nach Warschau. Die Königin, welche in Dresden blieb, verlangte monatlich 174,000 Thaler, weil soviel in der Kasse vorhanden, zu ihrem Unterhalte von Friedrich II., der sie aber an ihren Gemahl verwies. Die Besoldungen der hohen Solle- Der König von Sachsen geht nach Polen. 21 gien in Dresden, welche sich auf 200,000 Thaler beliefen, wurden auf 30,000 Thaler, die des Beichtvaters der Königin von 12,000 auf 2000 Thaler, des Directors der Opern von 15,000 auf 2500 Thaler herabgesetzt'). Das preussi- sche Heer räumte gegen das Ende des October Böhmen. Schwerin bezog in der Grafschaft Glatz und in Ober- und Nicdcrschlesicn, der König in Sachsen die Winterquartiere. Allein in Dresden mußten für die preussische Generalität, dort eingelagerte Regimenter, die Lazarcthe, das Feldkriegs- commissariat für den Winter von 1756—1757 45,750 Klaftern Holz aus kurfürstlichen Forsten angewiesen werden^). Die Folgen der unerwarteten Ausdauer der Sachsen waren für den König sehr nachtheilig. Die Vorthcile, welche er durch eine möglichst unversehrte Unterwerfung und Einverleibung des sächsischen Heeres hoffte, entschwanden, wie wir sahen, feinen Händen und die Waffen der Flüchtigen wurden noch gegen ihn gerichtet. Die Oesterreicher gewannen dagegen Zeit, ihre noch sehr mangelhaften Rüstungen zu vervollständigen und Friedrich neue Feinde über dessen Einfall in Sachsen zu erwecken. Hätte der König dagegen die vereinzelt in Böhmen stehende Heeresabtheilung Schwerins an sich gezogen, das Lager bei Pirna, wie Sachverständige cs für sehr ausführbar halten, vor dessen stärkerer Ver- schanzung erstürmt, mit 80,000 Mann die noch unvorbereiteten Oesterreichcr in Böhmen angegriffen und das noch wenig befestigte Prag genommen, so würde er wahrscheinlich größere Erfolge herbeigeführt und wenn noch ein Feldzug nöthig gewesen wäre, diesen unter günstigcrn Umständen im folgenden Jahre haben eröffnen können. Das Einrücken Friedrichs II. in Sachsen hatte einen unbeschreiblichen Eindruck in Deutschland, ja in Europa gemacht. Ungeachtet die Rüstungen Preussens so wenig als Oesterreichs hatten ganz geheim bleiben können, war dennoch der so nahe Ausbruch des Krieges durchaus nicht erwartet worden. Selbst der französische Gesandte Valori in Berlin 1) Heldenleben IV. 268. 2) Stuhrs Schriften 1756, S. 567. 22 Buch Vlll. Erstes Hauptstück. glaubte erst daran, als er die preussische Erklärung erhielt und die Truppen auf dem Marsche sah. Wie früher, so war auch jetzt Maria Theresia der Mittelpunkt aller feindlichen Bestrebungen, Entwürfe und Ausführungen gegen Friedrich. Dieser hatte ihr nun durch seinen Einbruch in Sachsen eine willkommene Gelegenheit gegeben, durch ihren Gemahl (den Kaiser) das Reich, , durch die Pompadour und Ludwig XV. Frankreich und die Schweden, durch die Kaiserin Elisabeth Rußland gegen ihn aus- zubictcn. Mit aller Erbitterung einer seit Jahren vielfach verletzten Fürstin, mit der leidenschaftlichen Aufregung, deren eine übrigens edle Frau fähig ist, die sich und ihr Haus in der höchsten Gefahr glaubt, und zugleich mit der staats- männischcn Einsicht einer Fürstin, welche sich drr Zwecke ihres Hauses bewußt ist, wendete sie alle Kräfte auf, um den längst gehegten und vorbereiteten Entwurf zur völligen De- müthigung ihres ärgsten Feindes auszuführen. Sie schrieb dem Könige Ludwig von Frankreich, um ihn ganz für sich zu gewinnen: die eigentliche Ursache von Friedrichs Einfall in Sachsen beruhe in dem Aergcr über ihr Neutralitäts- und Verthcidigungsbündniß mit Frankreich, wodurch ihm die Hoffnung genommen sei sie in die Unruhen Amerikas und in einen europäischen Krieg verwickelt zu sehen und dann bei einem von ihm gehofften Einfalle der Franzosen in die Niederlande die günstige Gelegenheit wahr- zunchmen, ihrem Hause den Todesstoß beizubringcn, den sein unversöhnlicher Haß ihr schon seit langer Zeit bereitet habe, zugleich aber seinem unbegrenzten Ehrgeize ein weites Feld zu eröffnen und . ganz Deutschland in Fesseln zu legen. Dasselbe behauptete sie in einem ausführlichen Rundschreiben gegen das von Friedrich eingeschlagene Verfahren'). Die Hauptschwicrigkcit für Maria Theresia bestand indessen weniger darin, die mit ihr gegen Friedrich gleichgesinnten Fürsten für ihre Absichten zu gewinnen, als deren Mittel zu einem übereinstimmenden Plane und dann zu dessen Aus- 1) Stuhrs Forschungen I. S. 68 angeblich vom 23. September und das Rundschreiben in den Danziger Beiträgen I. S. 400. Friedrichs Gegner: Maria Theresia, Ludwig XV. 23 führung zu vereinigen. Uebcrall fanden sich hier bald widerstrebende Elemente, und namentlich war cs fast unmöglich das Mißtrauen, welches zwischen Oesterreich und Frankreich seit Jahrhunderten geherrscht hatte, ganz zu beseitigen. In Frankreich war unter den Staatsmännern eine starke Partei, welche, wenn sie auch persönlich dem Könige Friedrich abgeneigt war, dennoch fest an der .Politik des Cardinals Richelieu gegen Oesterreich hing und eben deshalb Prcussen nicht gern schwächen wollte, welches nun an die Stelle des herabgcsunkcnen Schwedens als der natürlichste Bundesgenosse Frankreichs getreten war. Andere, und unter diesen der Minister Rouillc, hatten durch die Verträge mit Oesterreich nur den Frieden auf dem Fcstlandc sichern wollen, um alle Kraft zur See gegen England zu richten. Der König Ludwig XV., welcher cs als persönliche Beleidigung ansah, daß gelegentlich des Mordanfalles von Da- miens auf ihn, Friedrich allein von allen Fürsten und Staa- 1757 ten kein Zeichen der Theilnahme und des Abscheus bewiesen'), 5. Jan. erklärte indessen persönlich und ausdrücklich, die innige Verbindung mit Oesterreich sei sein Werk, er halte es für gut und werde cs aufrecht erhalten?). Damit aber waren die dem entgcgenstehendcn Ansichten der Staatsmänner und der Feldhcrrn durchaus nicht unwirksam gemacht, sondern äußerten sich tatsächlich stark genug, selbst in Denkschriften an dm König, schon gegen den Vertrag vom I. Mai 1756, wie viel mehr gegen einen noch engem Anschluß an Oesterreich'). Hierzu kam noch, daß in Polen seit langer Zeit die russische und die französische Partei einander feindlich ge- genüberstandcn, und es daher auch den Bemühungen Marien Thcrcsicns um so weniger gelang ein rechtes Vertrauen zwischen ihren beiden Verbündeten Frankreich und Rußland zu Stande zu bringen, als Ludwig XV. seinen Einfluß in Polen gegen das russische Interesse 'nicht aufgeben wollte, 1) S. Bernis Brief vom 29. Januar 1758 in den Reuen Acten- stückcn S. 81. 2) 22. Januar 57. Stuhr I. S. 41. 3) Ausführlich bei Stuhr a. a. O. 24 Buch VIII. Erstes Hauptstück. sondern diesem fortwährend cntgegenarbcitete'). In Rußland war es hauptsächlich die Persönlichkeit der Kaiserin Elisabeth und fremdes Geld, was die Richtung der Politik be- 1756 stimmte. Die Kaiserin ließ, sogleich nach erhaltener Nachricht 6. Sept. von dem Einfalle Friedrichs II. in Sachsen, dem Könige von Polen mindestens verhältnißmäßige Genugthuung für den von dem verwegenen Friedensbrecher angerichteten Schaden zusichern. Sie zeigte sich auch zu jeder Gewaltmaßregel bereit, um der Macht Friedrichs II. angemessene Grenzen zu setzen °). Sie trat daher nicht nur 31. December 1756 dem am 1. Mai dieses Jahres zwischen Oesterreich und Frankreich abgeschlossenen Neutralitätsvertrage bei^), sondern schloß auch 22. Januar 1757 mit Maria Theresia ein übrigens sei- ' nem Inhalte nach nicht bekanntes Bündnis), welches wahrscheinlich den Besitz des Königreichs Preussen für Rußland wenigstens in Aussicht stellte, während Frankreich jeder Ausdehnung Rußlands entgegen war"). Die Franzosen glaubten auch, der Vicekanzler Woronzof wäre für Preussen und betröge die Ocsterreicher"). Dem früher von England bestochenen Kanzler Bestuschef war daher nicht zu trauen. Friedrich II. hatte ihm eben noch 100,000 Thaler anbieten lassen, um ihn für sich zu gewinnen. Frankreich bot ihm 10,000 Dukaten, die er ablehnte ^). Außerdem war der zum Nachfolger bestimmt^ Neffe, Großfürst Peter, völlig für Friedrich II. eingenommen, den er enthusiastisch bewunderte, mit dem er seit 1755 in geheimem Briefwechsel stand und ihm während des Krieges"), soviel ihm möglich war, von allem, was er über das russische Heer und den Hof erfahren konnte, Nachricht gab. Seine Gemahlin, die Großfürstin Katharina, war für England, von dem sie Geld erhielt. Hatten nun 1) Stuhr I. S. 277—292. 2) Stuhr I. S. 70. 3) IVIsrtkns, ktecueil 8uppl. III. p. 33. 4) 8vIiöII, List. ä. trsit. III. p. 24. ^ 5) Stuhr I. S. 288. 6) Stuhr I. S. 281. 7) Stuhr I. S. 304. 8) Stuhr I. S. 300. Friedrichs Gegner: Rußland, Schweden re. 25 auch weder der Großfürst noch die Großfürstin unmittelbaren Einfluß auf die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten, so konnte doch Niemand auf die lange Lebensdauer der Kaiserin rechnen, welche sich berauschenden Getränken höchst ausschweifend hingab. Welcher Minister oder Feldherr mochte es unter diesen Umständen wagen die vorhandenen Kräfte vollständig gegen Friedrich II. zu verwenden und sich der Rache des Nachfolgers auszusetzen? Zudem hatten die Russen, wie es scheint, die Hauptabsicht in Polen festen Fuß zu fassen; dem aber war Oesterreich und Frankreich entschieden entgegen '). In Schweden hatte so eben der Versuch der Königin, ' der Schwester Friedrichs II., die Verfassung umzustürzen, welche den König ungemein beschränkte, zwei ihrer Anhänger auf das Schaffet gebracht und andere unglücklich gemacht, zugleich aber die noch größere Beschränkung der königlichen Gewalt herbeigeführt. Hier herrschte die an Frankreich verkaufte Aristokratie, welche aber lieber das von Frankreich für Rüstungen erhaltene Geld für sich verwenden als Krieg führen wollte. Polens war man auch nicht durchaus sicher, weil der Krongroßfeldherr Branicki ein geschworner Feind Brühls war, und Friedrich bei dem zweideutigen Benehmen Frankreichs in Polen unter der dortigen französischen oder patriotischen Partei einen starken Anhang hatte°). Dänemark und die Niederlande wollten sich nicht in den Krieg hineinziehen lassen und blieben wie Spanien parteilos. Doch waltete immer einiger Argwohn, Dänemark werde sich aus Widerwillen gegen Schweden von England und Friedrich II. gewinnen lassen. Zn der übelsten und schmählichsten Lage befand sich das deutsche Reich. Hier herrschte, bei dem völligen Verfalle des kaiserlichen Ansehens und der dadurch fast unumschränkten Gewalt der Reichsstände in ihren Ländern, die rücksichtsloseste und schmutzigste Selbstsucht unter den fürstlichen Häu- 1) Stuhr 7. S. 313. 2) Stuhr 7. S. 293. 26 Buch MI. Erstes Hauptstück. fern. Die alten schwerfälligen Formen der Verfassung waren fast noch gänzlich vorhanden, allein ohne alle Lebenskraft. Jeder der Fürsten handelte nach seinem Belieben, am meisten die mächtiger», welche Niemand daran hindern konnte. Wurden Klagen bei den Reichsgerichten erhoben, so war kein Ende des Protestes abzusehen, und wenn endlich auch ein Urtelsspruch erfolgte, so konnte er höchstens gegen die kleinern Rcichsstände, nicht aber gegen die größer» vollzogen werden. Kein Reichsstand sollte sein Recht mit den Waffen nehmen; allein wer vom Reiche hätte Hülfe hoffen wollen, würde die größte Unbekanntschaft mit den deutschen Staatsangelegenheiten bekundet haben. Die berühmtesten Rcichsstaats- gclehrten bekannten öffentlich, daß diese Gesetze für so gut als abgefchafft gälten. Geschrieben, verfügt und erlassen wurde von dem Kaiser und den Reichsgerichten genug, aber nur dann von den Reichsständen befolgt und beachtet, wenn es in ihrem unmittelbaren Interesse war. Die Kaiser ihrerseits fanden unter solchen Umständen ebensowenig Veranlassung für das ihnen anvertrautc Reich Opfer zu bringen als die Reichsstände, sorgten vielmehr wie diese auf Kosten des Reichs nur für das Interesse ihres Hauses. Überall wurde von der Heiligkeit des Reiches und des Rechts, und besonders von der uralten deutschen Freiheit und deren Erhaltung gesprochen und geschrieben, nirgends aber daran gedacht für sie zu handeln. Es gab mit einem Worte nur noch einen als solchen ohnmächtigen Kaiser und einzelne mehr oder minder mächtige und ohnmächtige Reichsstände, welche, wie es die Umstände mit sich brachten, selten vereint, meistens getrennt, ja gegen einander feindlich handelten. Die schmutzigste Selbstsucht unter den Fürsten und den übrigen Reichsständen hatte auch im Volke jedes Gefühl für das gemeinsame Vaterland erstickt, jeder sah nur, wie er unter seinem Herrn am erträglichsten leben könne. Das Reich bestand nur noch dem Namen nach. In dieser Zeit bezogen fünfzehn katholische und evangelische Reichsfürsten, unter welchen die drei Kurfürsten von der Pfalz, Mainz und Köln, ferner Würtemberg, Meklcnburg- Friedrichs Gegner: Das deutsche Reich. 27 Schwerin und die drei Schwäger Friedrichs II., die Markgrafen von Ansbach und Baireuth und der Herzog von Braunschweig, bald auch der Kurfürst von Sachsen französische Hülfsgelder, um Truppen für Frankreich bereit zu hal- > ten. Andere Fürsten, wie früher Kursachscn und Baiern, dann Hessen-Kassel und Braunschweig ließen sich in gleicher Art von England bezahlen, und Hessen-Kassel war nahe daran zu gleicher Zeit Truppen für Frankreich und für ! England zu stellen'). Für die Deutschen war der Men- ! schenhandcl, welchen ihre Fürsten mit ihnen trieben, noch ! schimpflicher und nachtheiligcr als in ähnlichen Fällen für die Schweizer; denn diese zogen doch das Geld selbst, wofür ^ sie ihre Leiber an Fremde verkauften, bei den Deutschen aber i zogen cs die Fürsten, nicht zum Besten des deutschen Vaterlandes oder etwa der hinterlassenen Familien der umgckom- mencn Soldaten, sondern um für sich, ihre Höfe, Günstlinge und Beischläferinnen Geld zum Verschwenden zu erhalten, was der Graf Brühl rücksichtlich Sachsens geradezu für ^ unentbehrlich erklärte. Zu allen diesen Umständen, welche die Aufrechthaltung ! der Reichsgcsetzc größtcntheils völlig verhinderten, kam nun *. noch, daß die Beherrscher Oesterreichs, Preussens, Schwedens und Dänemarks und der König von England Rcichsländcr besaßen. Waren diese nun auch von ihren übrigen Staaten förmlich gesondert, so wurde es doch ziemlich unmöglich gegen Fürsten zu verfahren, welche durch ihre anderweitigen Hülfsmittcl noch mehr als andere Reichsständc in der Lage waren den Gehorsam zu verweigern, welchen der Kaiser schon nicht mehr von den übrigen Rcichssürstcn erzwingen konnte. Die Heere Preussens und Oesterreichs besonders waren aus allen, den Fürsten derselben gehörigen Reichs- und andern Ländern zusammengcbracht, so daß eine Sonderung derselben » unmöglich wurde, wenn auch der Kaiser irgend etwas in 1) Braunschwcig erhielt vermöge Vertrags vom Jahre 175V für IM Mann im Frieden IW,OVO und ini Kriege 300,000 Thaler jährlich. Hessen-Kassel verhandelte im Jahre 1752 über 5100 Mann für Frankreich, während es 12,000 für England stellte. S. Stuhr 1. S. 150. 28 Buch VIII. Erstes Hauptstück. Beziehung auf das Heer befahl oder verbot. Wie war es übrigens nur denkbar, daß der in jeder Beziehung von seiner Gemahlin abhängige Kaiser eine Anklage gegen dieselbe würde angenommen und unparteiisch entschieden haben? In jedem Falle würde er den Spruch ebensowenig haben vollziehen können als noch vor wenigen Zähren der ohnmächtige Kaiser Karl VII. Daher gab auch das gegen Friedrich II. bei dem Rcichshofrathc und dem Reichstage auf die Klagen Sachsens und Marken Theresiens eingcleitcte Verfahren über den preussischen gewaltsamen Einfall in ihre Länder, wozu dann noch die Beschwerdeschriften Meklenburg-Schwerins und anderer Reichsstände so wie der Krone Schweden kamen, nur das bedauernswerthe Schauspiel eines, man kann sagen in keiner Beziehung erfreulichen Schriftstreites, welcher zu umfangreichen Bänden anwuchs und nichts als einige geschichtliche Thatsachcn aus dem Dunkel der Archive an das Licht brachte. Weder diese noch die übrigen zahlreichen damals erschienenen gelehrten und ungelehrten, gemäßigten oder leidenschaftlichen, meist trocknen und in schwerfälligem Style geschriebenen, oder auch in seltenen Fällen witzigen Parteischriften') äußerten irgend eine wesentliche Wirkung auf die öffentliche Meinung, so weit diese überhaupt in politischer Beziehung vorhanden war; doch trat Friedrich dem Scheine, als gehe er nicht auf Verthcidigung, sondern auf Eroberungen aus, soviel er vermochte, entgegen. Als in Dresden und an andern Orten eine Druckschrift verbreitet wurde, mit dem 1) Z. B. Schreiben eines Buchdruckergcsellen aus H. an seinen guten Freund in L. über einige Bücher erschienener Schriften preussischer Publicisten und dagegen Erinnerungen 'des Preßbengels an seine Buch- druckcrgescllen. Deutsche Kriegskänzlei vom Jahre 1757, 11. S. M und 113. Sehr sarkastisch und zum Theil recht witzig gegen Preußen und Plotho ist das politische deutsche Glossarium von Doctor Johann Bolkna, gemeinem Lehrer der Militair-Staatskunst und der politischen teutschen Wohlrcdenheit, in dem 6)-inn. poiit. zu Berlin aä instructio- nem privatum verfertigt und mit königl. preussischer und kursächsischer depositorischer Erlaubniß, doch die Eremplarien nur den Schülern und insgeheim zuzustcllen. Gedruckt in unserm Gymnasio politico. Nur wegen seiner Außerordentlichkeit noch gedruckt im Jahre 1757. Utopien bei Peter Mantreu, in der Deutschen Kriegskanzlei IV. S. 219—368. Friedrichs Gegner: Das deutsche Reich. 29 Titel: „Kurzer doch gründlicher Beweis, daß das Königreich Böhmen Seiner königlichen Majestät in Preussen zustehe," wurde diese auf seinen Befehl den 16. Januar in Dresden auf einem öffentlichen Platze durch des Scharfrichters Hand verbrannt und der unbekannte Verfasser und der Verbreiter mit schwerer Strafe bedroht'). Nur dadurch, daß Friedrich II. und König Georg von England nicht völlig unbegründete Besorgnisse der Protestanten gegen das katholische Bündniß Oesterreichs und Frankreichs zu wecken suchten, wurde einige Theilnahme der Evangelischen im Reiche erregt. Der preussische Gesandte in Regensburg, Freiherr von Plo- tho, nährte diese mit ungemeiner Lebhaftigkeit durch eine große Anzahl von geheimen Geschäftsträgern im Reiche, welche durch öffentliche Blätter und Flugschriften thätig waren. Aeußcrst eifrig wirkte auch für ihren geliebten Bruder die Markgräfin von Baireuth, unter deren Schutze zwei in Erlangen erscheinende Zeitungen standen. Die eine in französischer Sprache athmete den bittersten Haß gegen die Feinde Friedrichs II. und gegen die damalige Politik Frankreichs; an der andern, der deutschen Zeitung, soll die Markgräfin selbst thätige Mitarbeiterin gewesen sein. Wo sie es nur vermochte, knüpfte sie auch geheime diplomatische Verbindungen zu Gunsten ihres Bruders an und die Stimmung der Protestanten in Süddeutschland und selbst in Sachsen war so stark für Preussen, daß in den Kirchen vieler Reichsstädte für denselben gebetet worden sein soll"). Die Wirkung davon und zugleich der Bewunderung für den großen König zeigte sich auch theils am Reichstage, theils dann noch mehr bei den Truppen, welche gegen Friedrich aufgestellt wurden, so viele Bemühungen sich Oesterreich und Frankreich gaben, die Besorgnisse der Protestanten zu zerstreuen, weshalb ihnen auch besonders darum der Zutritt des protestantischen Schwedens gegen Preussen wichtig war, indem dieses insbesondere angeblich auch auftrat, damit die Rechte der drei Religionen im Reiche unbeschädigt und aufrecht erhalten würden, 1) S. Stuhr I. S. 315. Heldenl. IV. S. 271. 2) S. Stuhr I. S. 315 ohne Beleg; das Frühere daselbst S. 323. 30 Buch vm. Erstes Hauptstück. natürlich auch die deutsche Freiheit in Sicherheit gesetzt werde. Der Kaiser und der Reichstag hielten sich überall an die alten tobten Formen, in denen sic sich bewegten. Friedrich hielt sich dreist und derb an die Thatsachcn und an die lebendigen Verhältnisse. ' 1756 Der Kaiser befahl demnach, für dieses Mal in seinem ^ 13. Sept. Verfahren ungemein schnell, auf Klagen des Königs von Polen dem Könige von Preusscn: sofort von allen Empörungen, fricdbrüchigen Vergewaltigungen und feindlichen , Ucberziehungen der sächsischen und anderer Reichslande ab- j zustchcn, seine Kriegsmannfchaft abzuführcn, zu entlassen und ^ allen verursachten Schaden und Kosten zu erstatten. Wegen § des begangenen schweren Verbrechens der Empörung gegen j den Kaiser und das Reich und dessen Bestrafung werde der Kaiser das Weitere ohne Aufschub verfügen. An demselben Tage verbot der Kaiser allen brandcnburgischcn Truppen j irgend etwas Feindliches gegen Kursachsen oder ein änderet k Reichsland zu unternehmen, entband sie sämmtlich, vom Be- , fchlshabcr bis zum Gemeinen, ihres Eides gegen den König von Preusscn als Kurfürsten von Brandenburg, untersagte ihnen diesem zu gehorchen und befahl ihnen dessen Fahnen 14 . Sept. zu verlassen. Er theilte das dem Reichstage in Regensburg j mit und verlangter ein Gutachten, wie dem Kurfürsten von Sachsen die eilende reichsvcrfassungsmäßige Hülfe gegen die Empörung des Kurfürsten von Brandenburg geleistet werden könne. 31 . Aug. Friedrich II. hatte bereits seinem Gesandten in Re- gcnsburg, dem Freiherr» von Plotho, befohlen dem Reichstage im Wesentlichen mitzutheilcn, was er gleich anfangs dem Könige von Polen rücksichtlich der Nothwendigkcit seines Einrückens in Sachsen angezeigt hatte. Dann verthei- digtc er sich gegen die Beschuldigung eines Friedcnsbruches, i, so gut er vermochte, indem er sagte, er habe hinreichende I Kräfte gehabt, das über seinem Haupte schwebende große Unglück von sich abzuwenden, was er, ohne sich bei Gott und an seinem Hause zu versündigen, nicht habe unterlassen dürfen. Als König werde er sich von Niemandem in der Welt Gesetze verschreiben lassen, als Kurfürst seine Schuldigkeit gegen 31 i ^ Friedrichs Gegner: Das deutsche Reich. ! den Kaiser beobachten, wenn dieser ihm Recht gewähre. Er habe mit dem Kaiser als solchem so wenig wie mit dem ge- sanimten Reiche, dessen Frieden er noch eben durch seinen x Neutralitätsvertrag mit England habe erhalten wollen, irgend etwas zu thun, sondern nur mit denjenigen Reichsständen, > die sich gegen ihn verschworen, und mit der Kaiserin Maria Theresia, welche ja sogar Krieg gegen Kaiser Karl VII. ge- i führt und es mit Kurbaiern, Kurpfalz uud anderen Reichsständen ebenso wie er mit Sachsen gemacht. Er habe die I Kaiserin nicht bei dem Kaiser verklagen können, sie würde ! auch dessen papicrne Befehle verlacht haben, und darauf die l Russen auch nicht zurückgegangcn sein. > Friedrichs Gelehrte konnten aus der Reichsgeschichte ge- nug Beispiele anführcn, wie wenig die Reichsgesetze von den l Kaisern selbst und den Reichsständcn beobachtet worden wa- j rcn, wie iKaiscr Leopold auf die bloße Vermuthung, die bairischen Rüstungen wären gegen Oesterreich gerichtet, im Jahre 1703 in Baicrn eingefallen sei, und Kaiser Joseph t den Einfall Karls XII. von Schweden in Sachsen nicht für I einen Rcichsfricdcnsbruch gehalten. I Friedrich lehnte daher die ihm gemachten Vorwürfe des I Friedensbruchs ab und meinte, man werde leicht entdecken, daß Alles nur dahin ziele, auch durch' das Hercinzichen fremder (russischer und französischer) Truppen ihn, den einzigen mächtigen evangelischen Rcichsstand und die größte Stütze der reichsständischen Freiheit, zu unterdrücken, und wie im Dreißigjährigen Kriege beabsichtigt worden, Deutschland un- i ter das Joch zu bringen und die mit Gut und Blut erwor-> ^ bene Religionsfreiheit unter die Füße zu treten. Er ver- ^ höhnte das Wortgcpränge, mit welchem Maria Theresia sich zur Verthcidigerin der deutschen Freiheit gegen ihn aufwerfe. In der That aber dachten weder Prcussen noch Oesterreich an die deutsche Freiheit, von der sie so viel sprachen, mehr, als ihnen gerade vortheilhaft war. Dann protcstirte Friedrich gegen die Zudringlichkeiten der Reichsdecrcte, behielt sich als König und als Kurfürst wegen der ihm zugcfügtcn Beleidigungen die gebührende Gcnugthuung vor, und trug darauf an die Kaiserin für eine 32 s f. . I Buch VIll. Erstes Hauptstück. Reichsfeindin zu erklären und fremde Truppen vom deutschen Boden abzuhaltcn. Der Kurfürst von Mainz als Rcichserzkanzlcr gestattete gar nicht das vorzutragen. Auf 1757 Antrag des Kaisers wurde nun ganz ungewöhnlich schnell 10. Jan. der Reichscxecutronskrieg und die Aufstellung eines dreifachen Reichscontingents gegen Friedrich II., bis der König von Polen wieder in den Besitz seines Kurfürstenthums gesetzt und entschädigt sei, vom Reichstage mit 60 von 99 Stimmen beschlossen. Für den Antrag stimmten von Protestanten Brandenburg-Ansbach, Mecklenburg-Schwerin und Hessen-Darmstadti dagegen aber hauptsächlich Hannover, Sachsen-Gotha, -Altenburg, -Weimar und -Eisenach, Baireuth, Braunschweig, Nassau, Baden, Hessen-Kassel und Schaumburg-Lippe. Natürlich war dadurch der König noch nicht geschlagen. Der Freiherr v. Plotho, sein Gesandter in Regensburg bei dem Reichstage, vertrat ihn mit ebenso vieler Ausdauer als Entschiedenheit und Derbheit, welche auch wirklich zuweilen in Grobheit überging. Als z. B. der Rcichshofrath Zwangs- ° maßregeln gegen die für Preussen erscheinenden Druckschriften als gegen Schmähschriften anordnete und der Kaiser sich wegen der unter des Königs von Preussen und seiner Minister Namen erschienenen Schriften das Behörige zu seiner Zeit 1756 vorbehielt, so erklärte Plotho, er gönne es dem Wiener Hofe 23. Dec. gern, daß die Federn der niederträchtigsten Leute demselben verkauft seien und daß der österreichische Gesandte ein Pasquill gegen den König von Preussen in seinen Schutz ge- s nommcn. Dieses Verbrechens halber wolle sich sein König ^ die Genugthuung ebenfalls Vorbehalten. Es entstanden über den in den preußischen Denkschriften herrschenden Ton viele Beschwerden, und diese gaben dem allerdings für Oesterreich parteiischen Kurfürsten von Mainz eine nicht unwillkommene Veranlassung, die Annahme mehrer preußischer Denkschriften ! wegen der Ausdrücke: schändliche Absichten, detestabel, Ro- domontaden und dcrgl. mehr geradehin zu verweigern. Dagegen beschwerte sich Preussen ziemlich mit gleichem Rechte, daß man ihm Vergewaltigungen, Friedbruch, Verletzung göttlicher und menschlicher Gesetze vorgcworfen und daß Oestcr- Friedrichs Gegner: das deutsche Reich. 33 reich gegen Preusscn von „unziemlichen Beschuldigungen, anzüglichsten und gröbsten Ausdrücken, allgemeinem Acrgcr- nissc" spreche, daß ehrenrührige Schriften vom Reichserzkanzler angenommen würden, daß seine geheiligte Majestät . mit niederträchtigen Anzüglichkeiten und Unverschämtheiten, ja sogar mit Schmähschriften angctastct werde, welche Maria Theresia in ihren Schutz nehme. Plotho hatte gleich anfangs den Rcichsfürsten, welche sich gegen Preufscn erklären würden, geradezu mit der Rache seines Herrn gedroht, was freilich sehr übel genommen wurde. Gegen den Reichsexccutions-Beschluß des Reichstages 1757 protcstirte er (24. Januar) als gegen ein reichsgesetz- und 24- Jan. verfassungswidriges, beispielloses, höchst ungerechtes, unbilliges, parteiisches, zudringliches, unerhörtes und tumultuari- sches Verfahren, welches zur Anzündung eines größeren Kricgsfeuers im Reiche angestcllt und als null und nichtig anzusehen sei, Widern man ohne Vorladung mit der Exemtion angefangen. Er sicherte allen denen seines Königs Schutz zu, die daran nicht Theil genommen. Ucbrigens sei cs dem Könige von Preuffen lieb nunmehr die hohen Stände zu kennen, welche sich gegen ihn widrig erklärt hätten, um sich mit seinen hohen Verbündeten darnach gegen sie genehmen zu können. Im Kurfürstencollegio riß endlich doch die Geduld selbst j der an das Schreiben so sehr gewöhnten Herren, als der 1757 ' unermüdliche Plotho (11. Februar) fünfzehn eng geschriebenen- FeLr. Bogen dictiren wollte, welche eine scharfe Kritik der Abstimmungen der einzelnen Reichsfürsten enthielten. Das gab dann zu neuen Protestationen und Gegenprotestationen Veranlassung. Nun hatte schon der Reichshofrath den Reichs- 1756 ' hofsiskal aufgcfordcrt seine Pflicht zu erfüllen. Dieser bat ^ darauf den Reichshofrath um den Erlaß einer Verordnung, z ^peil ^ welche dann vom Kaiser erging; durch diese wurde der Kur- 22 . Aug. fürst von Brandenburg als ein Landfriedensbrccher vorgeladen binnen zwei Monaten als erstem und letztem Termine am kaiserlichen Hofe zu erscheinen, um zu sehen und zu hören, daß >er nach Vorschrift des Landfriedens u. f. w. in die Reichsacht mit Verlust aller Reichslehen, Gnaden und Stenz el, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 3 34 Luch vm. Erstes Hauptstück. Freiheiten u. s. w. erklärt werde, oder um-erhebliche Ursachen, daß das nicht geschehe, vorzubringcn und darauf Bescheid zu erwarten. Zu gleicher Zeit bedrohte der Kaiser den Kurfürsten von Hannover, die Herzoge von Braunschwcig und Sachsen-Gotha, den Landgrafen von Hessen-Kassel und den Grafen von Schaumburg-Lippe (als Anhänger Preußens und Hannovers) mit der Acht. Als nun im Aufträge des Rcichshofstskals der bairische Hofgcrichtsadvokat Aprill in Begleitung zweier Zeugen it. Oct. dem preußischen Gesandten Plotho in dessen Wohnung die Vorladung mit den dazu gehörigen Beilagen übergab, und dieser aus der Aufschrift gesehen, daß es sich um eine Achts- crklärung seines Herrn handelte, entfärbte er sich anfänglich, gcricth dann in heftigen Zorn, fuhr mit aufrechten Armen die Vorladung in der Hand haltend, auf den Advokaten Aprill zu und rief: „Was, Flegel! insinuircn?" Als Aprill darauf sich zu entschuldigen bemühte, crgriff-ihn Plotho bei dem Mantel und rief: „Willst du es (die Vorladung) zurück- , nehmen?" Als sich Aprill weigerte, so schob Plotho dieselbe - mit den Beilagen dem Aprill in den Rock, drückte ihn zur Thür hinaus und rief seinen Bedienten zu: „Werft ihn über den Gang hinunter!" worauf diese den Aprill jedoch nur begleiteten und das Haus zu verlassen nöthigtcn. Plotho entschuldigte dann sein Verfahren damit, daß er anfänglich nicht gewußt habe, was Aprill wolle, worauf er ihm, als er von Acht gesprochen, die Thür gewiesen, weil kein Gesandter zur ! Annahme von Rcichsgerichtsproccssualsachen bevollmächtigt i sei. Zwar wurde noch später im Jahre 1758 vom Reichs- ! hofrathe der Achtsproceß gegen Friedrich eingcleitet und die Acten nach Ncgcnsburg geschickt; doch blieb auch das ohne s Erfolg, weil die evangelischen Rcichsstände, um zu verhüten, j daß eine Rcichsachtscrklärung durch Mehrheit der Stimmen durchgcsctzt werde, erklärten, sie 'würden unter keiner Bedingung darin willigen, daß von der beschworenen Wahl- capitulation abgcwichcn würde, vermöge deren das Reichsgutachten von allen drei Neichscollegicn in gleicher Anzahl der Religionen geprüft werden und dann erst endlich zmn Schlüsse in den Reichstag kommen müsse. Die Könige von Friedrichs Gegner: das deutsche Reich. 35 England und Preusscn als Kurfürsten von Hannover und Brandenburg vcrthekdigtcn nachdrücklich das Palladium der Evangelischen, daß diese in Angelegenheiten ihres Interesses, nicht nur in Rcligionssachcn sich absondcrn dürften, ohne an Mehrheitsbeschlüsse gebunden zu sein'). Im Reiche nahm also ein jeder Rekchsfürst nach seinem Interesse Partei für Oesterreich oder für Preusscn und Hannover, obgleich allerdings die meisten, vorzüglich die kleineren Neichsstände gcnöthigt wurden dem Rcichsdcputationsbc- schlussc vom 10. Januar 1757, wenn auch zum großen Thcile ungern, Folge zu leisten. Wir haben schon angeführt, daß Maria Theresia mit 1757 der Kaiserin von Rußland ein Bündniß abgeschlossen hatte, 22- Jan. dessen näherer Inhalt unbekannt ist, das aber ohne allen Zweifel auf die gänzliche Demüthigung Friedrichs II. gerichtet war und für Rußland den Besitz Ostpreussens wenigstens in Aussicht stellte und jährliche Subsidicn zusicherte. Weit größere Bedeutung für Oesterreich hatte Frankreich. Hauptsächlich durch dessen Beistand konnte Maria Theresia hoffen ihr Hauptziel, die völlige Schwächung Friedrichs mit dem Zertrümmern der prcussischen Monarchie, zu erreichen. Der Einfall Friedrichs in Sachsen wurde in Versailles um so übler empfunden, als die Gemahlin des Dauphins, die Tochter Augusts von Sachsen, durch ihre Thräncn ihren Schwiegervater, den König Ludwig, noch stärker gegen Friedrich aufrcizte. Rouille, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, hatte daher nicht umhin gekonnt sogleich ein Rundschreiben an die französischen Gesandten bei den verschiedenen Höfen zu erlassen, in welchem er jedoch die Hauptschuld auf England schob, welches die Kräfte- Frankreichs durch einen Krieg auf dem festen Lande theilen wolle. Der König von Preusscn nehme dabei die Gelegenheit wahr die in Deutschland erregten Unruhen zu benutzen, um unter 1) S. die Actenstückc vom 20. November 1753, den 15. und 26. März 1759 in der Deutschen Kricgskanzlei vom Jahre 1758 Lhcil III. Seite 705, und vom Zahre 1759 Lhcil I. S. 682 und 709. 36 Buch Vlll. Erstes Hauptstück. falschen Vorwänden einen Rcligionskrieg anzufachen und auf Kosten beider Religionsparteien seine Macht zu vergrößern. Der Minister wies die Gesandten jedoch nur in einer Nachschrift an gegen Jedermann auszusprechcn, das dem Systeme des britischen Hofes angepaßtc Verfahren des Königs von Prcusscn gehe auf den völligen Umsturz aller Grundlagen eines geselligen Verkehrs unter den Fürsten aus, vermöge dessen man in England und Prcusscn weder zu Wasser noch zu Lande irgend eine Beobachtung göttlichen und menschlichen Rechts zu erwarten habe. Deshalb sei der begonnene Krieg Sache aller Fürsten, besonders des deutschen Reichs h. Bei einer solchen Stimmung des Königs, durch die Unterstützung der Beischläferin desselben und der Dauphine, und endlich durch die großen Vorthcilc, welche Maria Theresia dem Könige von Frankreich bot und dieser bei der anfangs glücklichen Führung des Krieges mit England zu erreichen hoffte, gelang cs denn auch diesen völlig für die auf das Aeußcrste gehenden Absichten gegen Preuffen zu gewinnen und selbst den widerstrebenden Minister Rouille für einen Augenblick mit fortzureißen. 1757 Es kam daher am Jahrestage des Vertheidigungsbünd- l. Mai nds zu,rr Abschlüsse, dem Namen nach eines Schutz-, wirklich aber eines Angriffsbündnisses zwischen Oesterreich und Frankreich, dessen Vorhandensein als Entwurf längst bekannt, dessen Bestätigung aber bis vor wenigen Jahren unbekannt war. Das Bündniß wurde, wie der Eingang sagt, ausdrücklich gegen den König von Prcusscn gerichtet, der fortwährend dabei beharre feine Macht auf Kosten seiner Nachbarn immer weiter auszudehncn, so daß nie auf cincn^dauer- haftcn Frieden gerechnet werden könne, so lange er in der Lage sei denselben durch Waffengewalt zu stören. Deshalb solle Friedrich als Angreifer nicht nur gezwungen werden den beiden von ihm angegriffenen Mächten hinlängliche Genugtuung für die Vergangenheit und Sicherheit für die Zukunft zu geben, sondern auch, zur Sicherung der allgemeinen Ruhe Europas und besonders des Reichs, in seiner Friedrichs Gegner: Frankreich. 37 Macht so eingeschränkt werden, daß er sie nicht mehr stören könne. Frankreich verpflichtete sich daher selbst 105,000 Mann und noch 10,000 bairische und würtembergische Hülfstruppen für Maria Theresia zu stellen und dieser jährlich 12 Millionen Gulden Subsidicn zu zahlen. Das sollte so lange dauern, bis die Kaiserin durch einen von Frankreich und allen bcitretenden Mächten gewährleisteten Vertrag mit dem Könige von Prcufsen in den sichern und ruhigen Besitz von Schlesien, der Grafschaft Glatz, des Fürstcnthums Crossen und eines ihr genehmen Landstriches in der Nähe ihrer Erbstaaten gesetzt sei. Der Kurfürst von Sachsen sollte das Hcrzogthum Magdeburg und den Saalkrcis, und zum Ersätze dessen, was er von der Lausitz an Oesterreich abtretcn würde, das Fürstcnkhum Halberstadt, Schweden aber das ehemalige (im Jahre 1720 an Preußen abgetretene) Vorpommern erhalten und Prcusscn auch Cleve und Obcrgeldern verlieren, welches für den Kurfürsten von der Pfalz bestimmt war. Beide Mächte versprachen einander nicht eher die Waffen nicderzulcgcn, bis der König von Prcusscn gezwungen worden unwiderruflich die genannten Länder abzutreten. Dem Kurfürsten von Sachsen so wie der Krone Schweden wollten sie vcrhältnißmäßige Subsidien für deren Kriegsleistungen zahlen. Dagegen versprach Maria Theresia zur Erreichung des Kricgszweckcs 80,000 Mann Truppen zu stellen, ferner, sobald sie in den Besitz Schlesiens und der übrigen genannten Länder gekommen sein würde, in den Niederlanden die Fürstenthümcr Chimay und Bcaumont und die Städte Ostende, Nicuport, Bpern, Furncs, Mons und Fort Knoke, jede mit einem Gebiete von einer Stunde Umfangs an Frankreich abzutrcten, diesem auch sofort nach Unterzeichnung des Vertrages die Besetzung von Ostende und Nicuport zu gestatten. Dem Jnfanten Don Philipp, Herzog von Parma, Piaccnza und Guastalla, sollten für Abtretung seiner Länder an Oesterreich dessen gesammte Niederlande und das Herzogthum Luxemburg überlassen, die Festungswerke Luxemburgs aber auf Kosten Frankreichs zerstört werden. Im Falle eines glücklichen Erfolges des Kric- gcs sollten auch noch der Herzog Karl von Lothringen und dessen Gemahlin, welche eine jährliche Summe von 600,000 Gulden aus den Niederlanden bezogen, ein Stück der dem Könige von Preussen entrissenen Länder erhalten. l ! Juni Dieser Vertrag wurde von dem Wiener Hofe genehmigt'). 1757 sieht aus diesem lange Zeit geheim gehaltenen Vertrage, daß Oesterreich, um auch für seine Entwürfe gegen Preussen Frankreich zu gewinnen, von seinem alten Systeme gegen Frankreich völlig absah und selbst so weit ging, daß cs das allerdings entlegene und ihm unbequeme, aber als Vormauer gegen Frankreich und Schlüssel zu Holland und damit zu Deutschland nur von einer großen Macht zu ver- thcidigcnde Belgien und damit den Hauptpreis des Kampfes der staatsklugcn Engländer im spanischen Erbfolgekricgc aufgebcn und cs einem ohnmächtigen Fürsten überlassen wollte, welcher den Waffen der Franzosen nur schwachen Widerstand hätte entgegensetzen können. So große den Franzosen gebotene Vortheile und Aussichten , mochten auch manchen Gegner des Krieges für das österreichische ! 21. März Bündniß gewinnen. Schweden war durch Frankreich schon be° I wogen worden sich gegen Friedrich zu verbünden, um Vorpommern zurückzubekommcn. Es schloß später mit Ocster- 22. Scpt. reich und Frankreich einen Verklag, durch welchen es sich verpflichtete für 3 — 4,000,000 Livres 20 — 25,000 Mann gegen Preussen zu stellen. Die Ocsterrcicher hatten durch Vermehrung ihrer eigenen Truppen und indem sie 3000 sächsische Reiter und 10,000 Baiern und Würtembergcr in Sold nahmen, ihr Heer auf 174,000 Mann gebracht, von denen etwa 133,000 Mann in Böhmen und Mähren standen. I) Der Vertrag bei Schöll Lhl. III. S. 129 als nicht ratificirt. Bcrgl. Schöll Eouro ü'ümt. XXXIX. 12, daß sich im französischen Departement des Auswärtigen keine Spur der Ratification befinde. Flassän übergeht ihn ganz, auch Stuhr in seinen Forschungen im Zahre 1812 und Schmidt in seiner Geschichte Frankreichs IV. S.711 im Jahre 1818 wissen nichts von der Ratification. Allein in der Schrift: Einige Actenstücke über die Veranlassung des siebenjährigen Krieges, aus den Papieren eines Staatsmannes, Leipzig 1811, S. 12 ist das Protocoll der Wiener Ratification des Vertrages bereits abgcdruckt. Stärke der Heere. 39 Frankreich stellte im Frühjahre 105,000 Mann, welche im Somme« wie das österreichische Heer vermehrt, dann durch das Rcichshecr von 32,000 Mann, wozu Frankreich 10,000 gcmiethcte Baicrn und Würtcmbcrger stellte, verstärkt wurden. Hierzu kamen 100,000 Russen und 22,000 Schweden, so daß dann insgcsammt 430,000 Mann gegen Prcussen und Hannover aufgestellt waren. So war denn das Netz ausgcspannt. Der großen Ucbcrmacht an Zahl gegenüber, hatte Friedrich H. mit den gegen 200,000 Mann, die er ihnen ent- gcgcnstcllcn konnte, den wichtigen Vorthcil, daß er seine Entwürfe, wenn immerhin nach reiflicher Erwägung mit Sachverständigen, in der Hauptsache selbst machen, den Umständen gemäß abändern und als unumschränkter Herr, welcher jede Verantwortlichkeit übernahm, in weit höherem Grade selbständig aussühren konnte als seine Gegner; denn das hannöverische Heer betrug doch nur etwa den vierten Thcil seiner ganzen Streitmacht. Seine Feinde dagegen konnten sich nur sehr schwer und nie völlig über einen Entwurf zum Feldzüge einigen. Wie lange- stritten sich nicht die französischen Bevollmächtigten in Wien mit den Oestcrreichern über dm Fcldzugsplan im Jahre 1757! Wie gereizt ward nicht die gegenseitige Stimmung über die Forderungen Oesterreichs an Frankreich, weil natürlich jeder Thcil für sein eigenes Interesse arbeitete I Die Franzosen wollten für sich am Rheine gegen Wesel und dann gegen Hannover thätig fein, die Ocsterreicher verlangten, sie sollten schnell gegen die Elbe vorrückcn und ein Hülfsheer nach Böhmen schicken, was die Franzosen geradezu abschlugen. Die Ocsterreicher verlangten, das russische Heer solle bis Oberschlcsien Vordringen; die Russen wollten nichts thun. Die einzelnen, durch weite Landstrcckcn von einander getrennten Oberbefehlshaber der mit Oesterreich verbündeten Heere führten dann, durch besondere Verhaltungsbcfchlc beschränkt, oder eigenwillig, das was vertragen war nicht in Ucbcreinstimmung aus, fanden auch bei ihren nicht von ihnen gewählten Unterfcldhcrrcn nicht den Gehorsam und die Unterstützung, welche Friedrich sich verschaffen konnte. Endlich waren sic nicht iry Stande 40 Buch VIII. Erstes Hauptstück. den Officicren und Soldaten den kriegerischen, oft in begeisterte Hingebung übergehenden Geist einzuhauchen, der vorzugsweise das Heer des bewunderungswürdigen Königs beseelte, welcher jetzt den Kampf gegen so große Uebermacht ^ beginnen sollte. Den drohenden Entwürfen und Bewegungen ihrer Feinde gegenüber, setzten sich Preussen und England in die ihnen nöthige Verfassung. Gegen das, wie sie sich ausdrückten, wenig natürliche Bündniß Oesterreichs und Frankreichs vom 1. Mai 1756, dem mehrere Mächte beigctrctcn, um die Reichsverfassung umzuwcrfen und die protestantische Religion in Deutschland zu vernichten, erweiterten sic ihr früheres Bünd- 1757 «iß dahin, daß der König von England sich verpflichtete ein 11. Jan. Bcobachtungshcer von 50,000 Mann zu stellen, wozu 20,000 Preussen stoßen sollten, dem Könige von Preussen jährlich 1,000,000 Pfund Sterling Hülfsgelder zu zahlen, welche jedoch nicht gezahlt wurden'), und zu dessen Unterstützung ein Geschwader von acht Linienschiffen, und auf Verlangen noch mehr, in die Ostsee zu schicken, was nicht geschickt wurde. Durch englische Subsidien wurde der Landgraf Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel bewogen 12,000 Mann, der Herzog Karl von Braunschwcig 6000 Mann, der Herzog von Gotha 2000 Mann, der Graf zu Schaumburg-Lippe 1000 Mann zu 26.000 Hannoveranern zu stellen, zu welchen 20,000 Preussen stoßen und so das 67,000 Mann starke hannöverischc Bcob- ^ achtungsheer bilden sollten. Dabei rüstete Friedrich II. selbst sehr thätig. Er vermehrte sein Heer, mit Einschluß der allerdings, wie wir gezeigt haben, sehr unzuverlässigen, auf 22.000 Mann gebrachten Sachsen, um 50,000 Mann, wodurch cs insgesammt im Frühjahre 152,000 Mann stark wurde, während er noch außerdem 58,000 Mann in den Garnisonen größtcntheils der festen Plätze hatte. Die beabsichtigte größere Vermehrung wurde jedoch nie erreicht, dann das Heer vorzüglich durch den Abgang vieler Sachsen sehr geschwächt. Friedrich konnte mit den 45,000 Mann ^ I) Der Vertrag erst seit 1802 durch Koch bekannt, bei Schöll III. S. 30 Anmerkung. Eröffnung des Feldzugs im Jahre 1757. 41 des hannoverischen Bcobachtungshccres seinen Feinden insgesamt nur 197,000 Mann cntgegenstellen, während ihm bei der Eröffnung des Feldzuges etwa 240,000 Mann gegen- übcrstanden. Die Oesterreicher hatten die Absicht möglichst lange in ihren Winterquartieren zu bleiben, übrigens in Böhmen verthcidigungsweise zu verfahren, bis ihre Verbündeten hcrangekommcn sein würden. Die Franzosen unter dem Marschall d'Estre'es und eine besondere Hccresabtheilung unter dem Prinzen Soubise sollten als Hülfstruppcn Maria Theresias gegen die Weser vorrücken, Hannover zur Parteilosigkeit bringen, wenn das gelänge, auf Halberstadt und gegen Magdeburg marschircn, wenn cs nicht gelänge, entweder Hessen bedrohen oder Minden, Hameln und Nienburg einnchmen, und erst dann im Juli über die Weser gehen, was sich doch bis Anfang September verzögerte. Die Russin rückten erst im Anfang des Juli über die prcussische Grenze, erreichten erst im August den Niemcn und zogen sich eben wieder zurück, als im September die Schweden über die Peene vorrückten. Der König war der Ansicht, daß er sein Haupthcer möglichst stark vereinigen müsse, um einen entscheidenden Schlag gegen seinen Hauptgegner zu thun. Er beschloß daher nach reiflicher Berathung, vorzüglich mit Schwerin, noch ehe die Ocstcrreichcr ihre Winterlager verlassen hätten, zugleich mit 76,000 Mann in drei Hcercsabtheilungen von Sachsen aus, mit der vierten von 41,000 Mann unter Schwerin von Schlesien aus, in Böhmen einzudringcn. Am 4. Mai sollte das gesammtc Heer 117,000 Mann stark vor Prag vereinigt sein, die unvorbereiteten Ocstcrreichcr überfallen und ihre zerstreuten Abthcilungen erdrücken, hielten sie aber Stand, sie angrcisen und schlagen, Prag erobern; dann sollte Schwerin mit dem größten Thcile des Heeres nach Mähren vorrückcn, der König aber mit 40,000 Mann dem hannoverischen Heere gegen die Franzosen zu Hülfe eilen. Rücksichtlich der Franzosen waren die hannöverischcn Minister durchaus nicht zu bewegen den vom Könige vor- gcschlagcnen Plan zur Versammlung des Heeres zwischen Wesel und Lippstadt anzunehmen, überhaupt kräftig aufzu- >. Mai 42 Buch VIII. Erstes Hauptstück. treten. In ihrer Engherzigkeit suchten sie nur einen Neu- tralitätsvcrtrag von Frankreich zu erhalten und Hannover so sehr als möglich vor jeder Anstrengung zu bewahren. Der König ließ daher Wesel räumen, einen Thcil der Außen- werke sprengen, das Geschütz und die Kriegsvorräthe nach Magdeburg schaffen und die Besatzung von 5000 Mann zum hannövcrischen Heere stoßen. Nur in der kleinen, aber von Natur starken Festung Geldern blieb eine schwache Besatzung zurück, welche erst im August zur Ucbcrgabe gezwungen wurde. Der Marschall Lehwald blieb mit 30,000 Mann in Preusscn zur Beobachtung der Russen. Von den Oestcrrcichcrn standen 15,000 unter Nadasdy in Mähren und Schlesien, 118,000 Mann in vier Abteilungen unter dem tüchtigen Fcldmarschall Brown in Böhmen. Doch war der Herzog Karl von Lothringen, der Bruder des Kaisers, bestimmt den Oberbefehl zu übernehmen, ohngeachtct er in den beiden ersten schlesischen Kriegen immer unglücklich gegen Friedrich gcfochtcn hatte und daher die Stimmung des Volkes und des Heeres gegen ihn war. Der König ergriff alle erdenkbaren Maßregeln, um die Ocsterrcicher sicher zu machen und seine Absichten zu verbergen. Er stellte sich, als wolle er durchaus nur jvcrthcidi- gungswcisc verfahren und als fürchte er einen Angriff der Ocsterrcicher in Sachsen. Er ließ daher die aus Böhmen dahin führenden Wege verhauen, die Ortschaften, auch Dresden, und die geeigneten Stellungen befestigen. Seine Absicht gelang so vollständig, daß die Ocsterrcicher alle Vorsichtsmaßregeln vernachlässigten, das Heer von Eger bis Königingrätz in weitläufige Cantonirungcn legten, und selbst nicht im Anfänge des April durch erhaltene Nachrichten von den Absichten des Königs aus ihrer Ruhe geweckt wurden. Durch Schcinbewcgungcn wurden sie auch über die Wege getäuscht, welche die Preusscn einschlagen wollten. So konnten die Preusscn vom 18. bis 20. April in Böhmen cin- rückcn, ohne irgend bedeutenden Widerstand zu finden, außer daß der Herzog von Braunschweig-Bevern mit 13—14,000 Mann den gleich starken Grafen Königscck, welcher ihm Schlacht bei Prag. 43 unfern Zittau bei Reichenbcrg cnkgegcntrat, mit Verlust von 21 . April 1000 Tobten und Verwundeten, einigen Kanonen und Mu° nitlonswagcn zurückschlug und sich dann mit Schwerin vereinigte, worauf beide, gegen 50,000 Mann stark, ziemlich langsam auf Prag zurückten. Große Vorrä'the, welche die Oestcrreicher in Magazinen gegen die sächsische Grenze hin zusammengchäuft hatten, wurden thcils von ihnen zerstört, theils fielen sie den Preußen in die Hände. Eilig zusam- mengczogcn wichen die Oestcrreicher gegen Prag zurück, der Herzog von Lothringen übernahm den Oberbefehl und zog das Heer über die Moldau auf deren rechtes Ufer. Hier, vor Prag, nahm er nun, mit der Abtheilung von Königscck vereinigt, welcher Schwerin und Bevern gegenübergcstandcn, im Ganzen mit 61,000 Mann und 178 Geschützen, eine feste Stellung auf den von tiefen Schluchten, sumpfigen Gründen, Bächen und Teichen durchbrochenen Höhen. Links hatte er den Ziskabcrg und den Taborberg und vor diesen steile Hügel, rechts die sanften Höhen des Dorfes Stcrbo- holi mit Teichen und Sümpfen. Der König ließ den Fcldmarschall Kcith mit 24,000 Mann zur Beobachtung Prags auf dem linken Ufer der Moldau zurück, ging unterhalb der Stadt auf das rechte 5. Mai Ufer über und vereinigte sich mit Schwerin, wodurch sein Heer 64,000 Mann mit etwa 190 Geschützen stark wurde. Er beeilte sich mit Recht, zu schlagen. Hätte er das nur um einen Tag versäumt, so würde der Herzog Karl mit 9000 Mann, in drei Tagen mit 30,000 Mann verstärkt worden sein. Der Fcldmarschall Daun war mit seinem Heere noch im Rücken der Preußen. Der König war daher schon sehr unzufrieden über Schwerins langsamen Marsch und dadurch verspätete Ankunft. Als er nun am 6. Mai früh die Stellung des Feindes übersah, fand er dessen linken Flügel unangreifbar, weshalb er links abmarschirte, um den rechten Flügel zu umgehen und anzugrcifcn, dessen Zugang doch nur sehr oberflächlich erkundet worden war, indem schlammige Wiesen für trocken und gangbar gehalten wurden. Als der prcussischc linke Flügel so dem feindlichen rech- tcn gegenüber bei Stcrboholi angclangt war, stellte Schwerin dem Könige vor, daß es nun Zeit sei anzugreifcn, ehe der Feind, welcher seinen rechten Flügel verstärke, für diesen eine bessere Anlehnung finde. Auf des Königs unbestimmt scheinende Antwort erwiderte der Marschall: „Frische Eier, gute Eier!" sprengte zu den im Marsche befindlichen Truppen des 1 linken Flügels und ordnete 8 Reiter-Regimenter und 22 Bataillone Fußvolks um 10 Uhr zum Angriffe. Zwei Angriffe der preussischen Reiterei wurden abgeschlagen, erst mit dem dritten drang Zictcn mit der Reserve durch und warf die österreichische, viel zahlreichere Reiterei so vollkommen, daß sic das Schlachtfeld räumte; doch plünderte nun die preußische das österreichische Lager und wurde für den Tag völlig unbrauchbar, indem, wie Zieten versicherte, hier nicht 100 nüchterne Reiter aufzufindcn waren. Zu gleicher Zeit rückten 8 Bataillone Preußen im Sturme gegen die Höhen von Stcrboholi an. Sie kamen auf dem morastigen Boden der abgclasscncn Teiche in Unordnung, wurden dann von einem so mörderischen Kartätschenfeuer empfangen, daß sie Halt machten. Der Marschall Brown, welcher an des vom Brustkrampfc befallenen Herzogs Karl von Lothringen Stelle den Oberbefehl führte, warf sie an der Spitze von 22 Grenadier- compagnicn völlig zurück, bis er selbst tödtlich verwundet wurde. Seitdem waren die Ocsterreicher während der Schlacht ohne obere Leitung. Vergeblich suchten Schwerin und Fouque die geschlagenen Bataillone wieder zu ordnen, vergeblich ergriff der 73jährige Schwerin mit jugendlichem Muthe selbst eine Fahne, um sie wieder gegen den Feind zu führen. Fünf Kartätschenkugcln streckten ihn todt nieder, die Fahne bedeckte den sterbenden Helden. Fouque wandte noch mit zerschmetterter Hand alles an, die weichenden Truppen wieder zum Stehen und in Ordnung zu bringen'). Fast alle Generale und Stabsofficiere, welche hier befehligten, waren todt oder verwundet. Alles das vermehrte die Unordnung. Mehrere Fahnen und 12 Feldgeschütze fielen den Oesterrcichern in die Hände, von denen sic doch nur fünf 1) Fouques Leben von Fouque S. 117. Schlacht bei Prag. 45 behaupten konnten. Unterdessen waren die übrigen 12 Bataillone des linken Flügels, den der König nun selbst heranführte, aufmarschirt, rückten unterstützt durch das Feuer von 16 schweren Geschützen vor und warfen die österreichischen Grenadiere völlig, so daß diese, nicht unterstützt von I ihrer Reiterei, das Schlachtfeld räumten. Der Herzog von Braunschwcig-Bevern folgte den Bataillonen, welche zuerst die feindliche Linie durchbrochen hatten, rechts gegen das Ccntrum hin, und zugleich erstürmte der rechte preusstsche Flügel, wo sich der Prinz Heinrich von Preußen durch Tapferkeit und Entschlossenheit auszeichncte, obwol mit großem Verluste bei der hartnäckigen Vertheidigung, den Tabor- bcrg. Unter fortwährendem Kampfe wichen die Oesterrcicher, nur zum Theilc in Unordnung, nach Prag zurück. Es gelang ihnen das, weil der Prinz Moritz von Dessau wegen > Mangel an Pontons nicht hatte oberhalb Prags über die Moldau gehen und ihnen den Rückzug nach der Stadt, wie beabsichtigt war, abschneiden können. Der verwegene Seid- litz, welcher mit der Reiterei durch den Fluß setzen wollte, versank fast im Triebsande und wurde nur mit großer Mühe und Gefahr gerettet. Der Feldmarschall Keith wehrte den Oesterrcichern das Ausbrechcn auf dem linken Ufer. Um 8 Uhr endete die Schlacht. Sie kostete den Preusscn mehr als bis dahin irgend eine andere, nämlich über 12,000 Todtc und Verwundete, und unter den fünf Generalen, welche auf dem Felde blieben oder an ihren Wunden star- . ben, auch den Feldmarschall Schwerin. Prcussen verlor an ! ihm den erfahrensten Feldhcrrn seiner Zeit, die Soldaten > ihren Vater; denn selten besaß ein Feldherr in dem Grade wie er zugleich die Liebe und die ehrfurchtsvolle Achtung seiner Untergebenen. Friedrich sagte: „Schwerin allein war über 10,000 Mann werth. Sein Tod machte den Sicgcs- lorbeer welk, der durch ein zu kostbares Blut erkauft war. Dieser Tag sah die Säulen des preußischen Fußvolkes fallen." Die Oesterreicher verloren über 13,000 Mann, unter welchen der tüchtige Marschall Brown, der an seinen Wun- > den starb, und 33 Geschütze gegen 5, welche sie erobert hatten. 46 Buch VIII. Erstes Hauptstück. Viele Pontons, Zelte und Lagergeräthschasten fielen den Prcusscn in die Hände. Der General Puebla, von dem hcranrückenden Daun mit 9000 Mann vorausgcschickt, hatte am Tage der Schlacht nur bis zwei Meilen von Prag ankommen können, fich dann nach Böhmisch Brod gegen Kolin zu Daun zurückgezogen. Der Schrecken über den Verlust der Schlacht bei Prag war in Oesterreich so groß, daß in Wien schon Vorbereitungen zur Rettung der Archive getroffen wurden. Es ist sogar fraglich, ob nicht Friedrich besser gcthan hätte, wenn er, allerdings gegen die Regeln der Kriegskunst, sogleich nach der Schlacht Prag in seinem Rücken gelassen hätte und auf Wien vorgerückt wäre, was bei der allgemeinen Niedergeschlagenheit und der in Folge der Uebcrraschung eingetre- ncn Verwirrung und Uneinigkeit hätte von den größten Folgen sein können'). Für den König kam indessen alles darauf an, Prag so bald als möglich in seine Hände zu bekommen und das darin befindliche Heer von 50,000 Mann gefangen zu nehmen, worauf er hätte fast ungehindert bis auf Wien verrücken können. Allein zur Belagerung fehlte ihm das nöthigc Belagerungsgeschütz, und die Einschließung Prags auf beiden Seiten der Moldau, in einem Umfange von fast drei Meilen, war um so schwieriger, als der König itt. Mai schon den Herzog von Braunschwcig-Bevern mit 17,M Mann zur Beobachtung Dauns entsenden mußte, wonach zur Einschließung nur noch 63,000 Mann übrig blieben, während in der Stadt sich fast eben so viel Ocstcrreichcr befanden. Dennoch unternahm der König dieses WagM Er ließ oberhalb und unterhalb Prags Brücken schlagen und eine große Zahl von Werken aufwcrfen, um das Aus- brcchcn der Kaiserlichen, vorzüglich gctzen Mähren hin, z» verhindern, was für ihn am nachthciligstcn gewesen sein würde, weil auch allein von daher eine Entsetzung möglich war. Der König rechnete bei seinem verwegenen Entwürfe auf Hie Entmuthigung der Ocstcrreichcr in Prag, welche er bisher in allen Schlachten geschlagen hatte. I) Nach Droglios Schilderung der österreichischen Zustände StuhrI> S. 251. Belagerung von Prag. 47 Wirklich dachten sic auch nicht daran sich durchzuschlagcn, sondern machten nur dreimal schwache Versuche sich durchzu- schlcichcn, ungeachtet durch das plötzliche Anschwcllen der Moldau, in Folge eines Wolkcnbruchcs, beide prcussische 30. Mai Schiffbrücken zerstört und die Einschlicßungstruppen so vier ! Lage hindurch von einander getrennt worden waren. Nur ! ein schwacher Ausfall wurde im Anfänge des Juni mit cini- ^ gem Erfolge versucht; in allen übrigen kleinen Gefechten unter den Wällen blieben die Ocstcrreichcr im Nachthcilc. Der Herzog Karl von Lothringen hielt seine Befreiung nur durch Mitwirkung Dauns für möglich. Zuletzt erhielt er auch ^ noch den Befehl sich nicht nach Pilsen oder Egcr durchzuschlagcn, was an sich ziemlich leicht gewesen wäre, aber ohne Magazine, bei nachdrücklicher Verfolgung durch die Prcusscn, hätte sehr nachtheilig werden können. Er sollte in Prag bleiben und hier das prcussische Heer durch häufige Ausfälle fcsthaltcn, bis Daun stark genug sein würde, ihn zu entsetzen. So blieb der Herzog ruhig in Prag, ohne jedoch häufige Ausfälle zu machen. Der König glaubte die Prager Magazine nur durch ein Bombardement zerstören und so durch Hunger die Ucbcr- gabe der Festung beschleunigen zu können. Es wurde das wegen des Vorrückcns der Franzosen um so nöthiger: denn er sah sehr wohl ein, daß er nicht zugleich würde Prag ein- schlicßen, Daun entfernt halten und sich den Franzosen wi- dersctzcn können. Es langten nun zwar nach und nach 58 schwere Geschütze vor Prag an, allein ungeachtet der Ungeduld des Königs konnte das Bombardement erst den 29. Mai begonnen werden. War doch erst 14 Tage vor dem Anfang desselben die Genehmigung des Königs zum Gusse der nötigen Munition eingcholt worden'). Diese Zahl der Geschütze war jedoch bei der großen Zahl steinerner Gebäude in Prag nicht hinreichend zum entscheidenden Erfolge, obgleich ganze Straßen eingcäschcrt und gegen 900 Häuser ganz oder thcilwcise zerstört wurden. Dann konnte, wegen Mangels an Ammunition, das Bombardement nur bis zum 8. Juni > I) Scho nina Artill. II. S. 52. 48 Buch VIII. Erstes Hauptstück. kräftig fortgesetzt werden. Indessen genoß schon seit dem Anfänge dieses Monats die Besatzung nur Pferdefleisch, was auch bald sehr theuer wurde. Zwar crmuthigte die Versicherung der geliebten Kaiserin, daß Entsatz nahe sei, die hungernden Einwohner, doch würde Prag sich wirklich nur bis gegen das Ende des Monats haben halten können, wenn cs nicht j durch Daun entsetzt worden wäre. Der Graf Leopold von Daun, den wir als den Hersteller des österreichischen Kriegswesens unter Maria Theresia nach dem Aachener Frieden bereits kennen gelernt, hatte dadurch das Vertrauen des Kaisers und der Kaiserin erworben. Er war ein eben so wissenschaftlich gebildeter und kriegserfahrener als uncrmüdet arbeitsamer Mann, dazu von unerschrockenem Muthe, seltener Kaltblütigkeit im hitzigsten Gefechte und von äußerster Ausdauer. Seine Kriegführung war, seiner ganzen Natur, Auffassung und verantwortlichen Lage gemäß, methodisch und höchst überlegt. Er überließ nichts dem Zufalle, verzichtete weit eher auf Vorthcile, als er etwas aufs Spiel setzte, wollte keinen Hauptschlag thun, ohne des Sieges gewiß zu sein, ging langsam und höchst bedachtsam, über unvcrrückt auf das Hauptziel los, welches er ins Auge gefaßt hatte. Die reifliche Uebcrlegung jedes Schrittes läßt ihn noch unentschlossener, sein Zaudern ihn noch ängstlicher erscheinen, als er wirklich ist. Es fehlte dem methodischen Manne allerdings jene frische, das Heer bcle- ! bcnde Thätigkeit, welche, vorzugsweise nach einem Siege, diesen benutzt und vervollständigt und entscheidend macht; allein cs ergriff ihn auch nicht hoffnungslose Verzweiflung, welche nach einem Verluste alles aufgibt. Man muß auch, j rücksichtlich seiner scheinbaren Aengstlichkeit in der Verfolgung errungener Vortheile und deren Vervollständigung, die große Meinung in Anschlag bringen, welche er mit Recht von der außerordentlichen Haltung des Königs und von dessen kühner Entschlossenheit, wie von der geringen Ge- schicklichkeit seiner Untcrbefehlshabcr hatte. Er war, man muß es erkennen, der einzige Mann, welcher das wahre Wesen dieses österreichischen Krieges als Oesterreichcr von ! Geburt dem Könige Friedrich II. und Preusscn gegenüber ' Daun. 49 vollständig auffaßte und in seiner Handlungsweise ausdrückte. Es kam ihm weit weniger darauf an Friedrich zu schlagen, als von diesem nicht geschlagen zu werden'). Das ist der Grundgedanke von Dauns Kriegführung. Er mar- schirte langsam und mit großer Umsicht, wählte seine Stellungen sehr sorgfältig, lagerte sich höchst vorsichtig und verschanzte sich, wo es irgend thunlich war. Er weiß, daß er Friedrich II. dadurch besiegen wird, wenn er sich nur von diesem nicht schlagen läßt. Das an Hülfsquellen reiche, alte, feststehende Oesterreich kann den Krieg, so schwer er ist, doch länger führen als das viel ärmere, junge aufstrebende Preussen. Dieses jugendlich aufstrebende Preussen stellt König Friedrich im scharfen Gegensätze gegen Daun dar, dessen ganzes Verhältnis er richtig erfaßt hat. Friedrich muß vorwärts oder zu Grunde gehen. Er will und muß schlagen, und wieder und immer schlagen und zugleich siegen und wieder und immer siegen. Die erste verlorne Schlacht bringt ihn an den Rand des Abgrundes. Er muß aber auch schnell und bald und vollständig siegen, um zum Ende zu kommen; denn sein armer Staat kann die Last des Krieges nicht ertragen. Auch ungeschlagen würde Friedrich lediglich durch die Dauer des Krieges erliegen, also dasselbe Schicksal haben, als ob er auf dem Schlachtfelde besiegt wäre. Er muß daher, und auch das ist seiner Natur, seiner Lage, seinen ge- sammten Verhältnissen gemäß, immer angreifen, wo er den Feind findet; er muß, wenn der Angriff unmöglich ist, die Gelegenheit dazu herbeiführen, sich scheinbare oder wirkliche Blößen geben, was natürlich nicht immer gelingt, auch wol sehr übel ausschlägt, wenn der verachtete Gegner sich an dem Uebermuthe rächt. Friedrich hat im Unglücke bei weitem nicht 1) Sehr richtig sagt Fouque 2. Zanuar 1759 dem Könige über dessen käüexions sur ^uelgues cbnngements n introäuire änus In ka- äs karre In guerre (Lreslsu, 21 äecembrs 1758, Vergl- Oeuvres XX. p. 11ä), auf des Königs Anschlag Daun in die Ebene zu locken: >>en examinant In conäuite än Zänäral Daun äans In äerm'ere eam- xnxue, ze äoute yue vous.räusslssier n knire sortir ce vieux rensrä äe se» terriers. II s'est kalt un Systeme tont oppose s votrs pro- jet.« (Oeuvr. D. XX. p. 116. 117.) Stenzel, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 4 50 Buch MI. Erstes Hauptstück. die materiellen Hilfsquellen eines reichen Staats wie Daun, aber desto größere in sich, in der Elasticität seines an Hilfsmitteln unerschöpflichen Geistes, seinem Genie und vor allen Dingen in seiner Charakterstärke, das heißt in seiner Größe. Daun hatte nach dem Verluste der Schlacht von Prag sein 36,000 Mann starkes Heer vier Meilen davon, bei Böhmisch-Brod zusammcngezogen, war dann vor Zieten ^ und dessen 43 Schwadronen zwei Meilen bis Planian, darauf, obwol bereits 41,000 Mann stark, vor 17,000 Preußen, ! die der König unter dem Herzoge von Braunschweig-Bevern ^ gegen ihn schickte, noch vier Meilen weiter, bis gegen Czas- lau zurückgegangen. Er durfte und wollte das einzige noch übrige österreichische Heer nicht aufs Spiel setzen, vielmehr Zeit gewinnen, um sich zu verstärken und dann mit Nachdruck die Rettung des Herzogs von Lothringen zu bewirken, indem er sicher hoffte, dieser werde sich bis dahin in Prag halten können. Daun hatte anfangs ausdrücklichen Befehl nur auf Deckung der österreichischen Erbstaatcn Rücksicht zu nehmen, weil die Preussen hauptsächlich auf ihn ihr Augenmerk richten würden. Mit großer Thätigkeit wurden ihm Verstärkungen .zugeschickt, welche sein Heer bald bis auf 54,000 Mann brachten. Der König, welchem sehr viel daran lag, daß Daun möglichst weit zurückgedrängt würde, und der dessen Heer für viel schwächer hielt, als es war, verstärkte den Herzog von Bevern nach und nach bis auf 24,000 Mann und verlangte von ihm keckes Vorgehen, weil Daun nichts wagen würde. Wirklich wich dieser trotz seiner großen Ueberlegen- heit vor dem Herzoge noch zwei Meilen hinter Czaslau, ins- gesammt zwölf Meilen von Prag zurück. Das bestärkte den König in seiner Ansicht von der Schwäche des Daunschen Heeres. Er wollte daher den Herzog von Bevern bis auf 32,000 Mann verstärken, dann müsse dieser aber Daun bis Zglau zurücktreiben; denn, meinte er, wenn Daun nun noch einen Schubs erhalte, werde er nicht mehr zum Vorschein kommen und Prag mit dem eingeschloffenen Heere sich ergeben müssen. Dann hoffte er sich gegen seine andern Feinde Friedrich gege« Daun. 51 wenden zu können, während Daun vor dem dann von den Prcussen besetzten Prag festgehalten werden würde. Schon im Juni hatte der Oberst Mayr mit einem Freicorps von etwa 1500 Mann einen kühnen Streifzug über Pilsen, wo er die kaiserlichen Magazine zerstört, nach Bamberg und Nürnberg bis in die Oberpfalz gemacht >und durch Erpressung von Lieferungen und Geld die österreichisch gesinnten Reichsstände dieser Gegenden geschreckt, während ein anderer Haufen vor Erfurt erschien, mit der Erklärung, der König wolle nicht, daß die Reichsstände in den Krieg, den er mit der Königin von Ungarn habe, hineingezogen würden, schicke daher Truppen in das Reich, um diejenigen Stände, welche Neutralität annähmen, seiner Freundschaft zu versichern, diejenigen aber, welche Hülfsvölker oder Geld gegen ihn gäben, als Feinde zu behandeln. Dadurch wurden mehrere derselben, ja selbst Baiern und Würtemberg dermaßen eingeschüchtert, daß sie mit dem Könige über Parteilosigkeit verhandelten'). Die im Marsche zur Vereinigung mit den Franzosen begriffenen kurpfälzischen Truppen hatten schon den Befehl bekommen bis auf Weiteres Halt zu machen; der Kurfürst von Mainz verbot seinen Untcrthanen feindselige Reden gegen den König von Preußen zu führen. Es entstanden sogar Besorgnisse, Friedrich könnte sich mit dem Reichsheere vereinigen und in das Elsaß eindringen, oder wenn mit der Eroberung von Prag Oesterreich fast entwaffnet wäre, Frankreich allein Gluf dem Kriegsschauplätze bleiben "). Als man nun in Wien erfuhr, der Herzog Karl von Lothringen könne sich in Prag nur bis zum 20. Juni halten, so erhielt Daun Befehl eine Schlacht zu wagen, um ihn zu retten. Uebrigens wurde ihm völlig freie Hand gelassen und sollte er für den Ausfall ganz unverantwortlich sein. Zugleich sicherte die Kaiserin, zur Aufmunterung der Truppen, den Officikren und Soldaten der 22 Grenadiercom- 1) S- Einzelnheiten in der Deutschen Kriegskanzlei vom'Zahre 1757 Th. III. S. 865—901 und Friedrichs II. Ristoirs äs la guerrs teten Gegner, und die tapfere Haltung, welche noch zuletzt ! der Herzog von Bevern und Zieten bewiesen, hielt Daun, zum größten Glücke für Friedrich, von kräftiger Verfolgung seines Sieges ab, den er dadurch hätte noch weit entschei- ^ dender machen können. Friedrich hatte feine erste Schlacht verloren, und das , brachte ihn und seinen Staat an den Rand des Abgrundes. Der größte Verlust für Preussen bestand in dem gebrochenen Selbstvertrauen und in der verlornen Zuversicht der Un- überwindlichkeit. Als der König vor Prag ankam, berief er die Generale Winterfeld und Retzow und schilderte ihnen das ihm widerfahrne Unglück. Er war gebeugt, doch nicht muthlos; bald gefaßt und entschlossen dem Sturme die Spitze zu bieten, traf er die unter den damaligen Umständen nöthigen Anordnungen'). Bei den versammelten Führern des unter dem Marschall Keith vor Prag stehenden Einschließungsheeres entstand allgemeine Bestürzung und eine minutenlange allgemeine Stille. Nur der Prinz von Prcus- sen brach in lautes Wehklagen über das Benehmen seines Bruders des Königs aus"). Die Belagerung wurde sogleich aufgehoben; am 20. Juni früh rückten die Truppen auf dem 1) Retzow I. S. 150 schildert den Zustand Friedrichs anders als Henckel l. S. 235, der alles Verdienst dem Prinzen Heinrich zuschreibt, zu Gunsten dessen er sehr gegen den König eingenommen ist. 2) Retzow 1. S. 132 Anm., als Augenzeuge. Rückzug der Preussen. 57 rechten Moldauufer unverfolgt mit klingendem Spiele ab und gingen bei Brandeis ungehindert über die Elbe. Der Fcldmarschall Keith verzögerte seinen Abzug bis Nachmittag und wendete sich gegen Leitmeritz. Der Herzog Karl von Lothringen, welcher bis dahin zwischen Furcht und Hoffnung geschwebt und den Preussen nichts in den Weg gelegt hatte, erhielt eben die Nachricht vom Siege Dauns bei Ko- lin, fiel nun mit 22,000 Mann gkgen Keith aus, der dadurch genöthigt wurde 1500 Verwundete zurückzulassen und noch 650 Mann und 5 Kanonen nebst 1000 Ausreißern verlor. Darin bestand der ganze Verlust der Preussen, bei der Unentschlossenheit und Kraftlosigkeit des Herzogs Karl. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Eifersucht und dann Spannung zwischen Daun, welcher eben als Retter der Monarchie gefeiert wurde, und dem Herzoge Karl, dessen geringe Fähigkeit offen lag und der dennoch den Oberbefehl über beide Heere erhielt, viel beitrug, um die gesammten Bewegungen der Oesterreicher zu lähmen. Das verschaffte dem Könige Zeit, seine zerstreuten Truppen zu sammeln und sie, fast 73,000 Mann stark, ohne weitern Verlust über die Elbe zu ziehen. Zweites Hauptstück. Von der Schlacht bei Kolm bis zum Ende des Feldzngs im Jahre 1757. Friedrich war nun, sehr gegen seine Natur, in die Verthei- digung zurückgeworfcn; doch auch darin zeigte er sich, mit Benutzung der Fehler und Schwächen seiner Gegner, als Meister. Es lag ihm zunächst daran sich so lange als möglich, jedenfalls bis Mitte August, in Böhmen zu halten, um cs auszuzehren und seine übrigen Hülfsmittel zu schonen. Zn der Ueberzeugung, Daun und der Herzog Karl würden 58 Buch VM. Zweites Hauptstück. nicht vereint, sondern jeder auf einem besonder» Wege Vordringen, stellte er die eine Hälfte seines Heeres bei Jung- bunzlau auf, um sich dort möglichst lange zu behaupten, Verstärkungen aus Schlesien an sich zu ziehen und hauptsächlich den Weg nach Zittau zu decken, wo sich sein großes Magazin befand, welches Lebensmittel für 40,000 Mann auf , drei Wochen enthielt. Er übergab den Oberbefehl über dasselbe seinem Bruder, dem Prinzen von Preussen, welcher ihn ! dringend darum gebeten hatte'), während er selbst sein 36,000 Mann starkes Heer h§i Leitmeritz befehligte und den Weg nach Sachsen deckte. Der Prinz von Preussen, ein liebenswürdiger und talentvoller Mann, war jedoch der von ihm übernommenen, allerdings ungemein schweren Aufgabe nicht völlig gewachsen. Er hatte nicht die Kraft seines Bruders, um die vier unter ihm stehenden, höchst uneinigen Generale, Winterfeld, Fou- que, Golz und Schmettau, mit fester Hand zu zügeln. Dazu waren Winterfcld, im bcsondern Vertrauen des Königs, und Schmettau, in dem Vertrauen des Prinzen, einander heftig feind. Dann mangelte dem Prinzen die nöthige Entschlossenheit, ja, wie der König erwartete, Dreistigkeit und Keckheit, um den überlegenen Oesterreichern zu imponiren. Der Prinz fühlte sich bald durch die persönliche Ucberlegenhcit seines Bruders, des Königs, gedrückt, der ihn zwar anfangs freundlich aufmunterte, ihn jedoch bald durch heftige Vorwürfe einschüchtertc. So wagte der Prinz bei der großen Verantwortlichkeit es nicht, selbständig zu handeln. Hierzu kam, daß der König, umschwärmttvon Laudons und Nadas- ^ dys zahlreichen leichten Truppen, glaubte einen Haupttheil des österreichischen großen Heeres gegen sich zu haben, während dieses sich, vereinigt unter Daun und dem Herzoge Karl, wenn auch sehr langsam, doch mit um so größerer Uebermacht, hauptsächtlich gegen den Prinzen von Preussen gewendet hatte. Die Oesterreicher hatten nämlich beschlossen den König von Preussen, ohne zu schlagen, durch bloße Hee- 1) Henckels, hier zuverlässiges Zeugniß LH. I. S. 253 und 255 dem Retzow S. 156 widerspricht und den König frcispricht. Rückzug des Prinzen von Preussen. 59 resbewegungen zur Räumung Böhmens zu nöthigen. Dann, wenn er sich genöthigt sehen würde den sich nähernden französischen und Rcichstruppen in Thüringen und Sachsen die Spitze zu bieten, wollten sie sich nach Schlesien wenden, um das zu erobern. So sah sich der Prinz gegen den ausdrücklichen Befehl des Königs bald zum Rückzuge genöthigt, wobei er, um diesem näher zu bleiben, den Hauptweg nach Zittau über Gabel, welchen die Oesterreicher einschlugcn, aufgab. Um Zittau mit dem großen Magazine zu retten, nahm er dann, durch falsche Berichte über die Stellung der Oester- reicher und den Zustand der Wege getäuscht, seinen Rückzug auf einem Umwege von der schlechtesten Beschaffenheit über Rumburg. Er konnte bei dem vielen Gepäcke, welches das Heer mit sich führte, unter vielfachen Entbehrungen und Anstrengungen für die Truppen und unter den Angriffen der Kroaten kaum fünf Meilen in fünf Tagen zurücklegen. Die sächsischen Soldaten gingen dabei haufenweise zu den Oester- reichcrn über, die Knechte spannten die Pferde ab und jagten fort. Pontons und Gepäckwagen mußten nun aus den engen Wegen geräumt werden. Der Prinz kam nach dem Verluste von 2000 Ausreißern, seines gcsammten Gepäckes und Proviantfuhrwerks, aller Pontons und Munitionswagcn, mit den entmuthigtcn und ermatteten Truppen am 22. Juli vor Zittau an, als die obwol ebenfalls sehr langsam vorgerückten Oesterreicher bereits Anstalten trafen Zittau zu bombardier». Als sie das am folgenden Tage ausführten, waren nach wenigen Stunden vier Füufthcile der durch ihre Fabriken blühenden Stadt nicdcrgcbrannt. Ein ehemals sächsisches Bataillon öffnete, als der tapfere Oberst Dicrccke den nicht mehr haltbaren Ort verlassen wollte, den Oesterreichern die Thore, und nur die drei übrigen Bataillone der Besatzung entkamen. Der Prinz war nun genöthigt sich langsam nach Bautzen gegen das Heer des Königs zurückzuziehen, was ihm zwar »»verfolgt gelang, doch kam der Ueberrest seines Heeres hier völlig erschöpft und entmu-27. Zuli thigt an. Der König war schon in Leitmeritz über das seiner Meinung nach gar nicht nothwendige und desto nachteiligere 60 Buch VIII. Zweites Hauptstück. Zurückgehen seines Bruders auf dem falschen Wege höchst aufgebracht. „Wenn Sie Sich ferner so zurückziehen, st werden Sie in vier Wochen bei Berlin stehen," schrieb er ihm und gab, so weit es möglich war, Anweisungen über das, was der Prinz zu thun hätte. „Nimmt der Feind Zittau," sagte der König zu seinem Bruder Heinrich, „so ist Alles verloren, die Lausitz und alles zum Teufel, und mein Herr Bruder (der Prinz von Preufsen) ist die Ursache, wenn wir verloren sind. Der verteufelte Schmettau verdirbt mir Alles." Auf mildernde Vorstellungen des Prinzen Heinrich erwiderte der König: „Ich liebe meinen Bruder, aber züm Commandiren ist er nicht geschaffen. Und warum will er denn durchaus commandiren? Nein! ich kann ihm das Coin- mando nicht lassen." Auf die Nachricht von dem Verluste von Gabel, welches den Oesterrcichcrn den Weg nach Zittau freilich, wollte er dem Prinzen Heinrich den Oberbefehl über das Heer des Prinzen von Preußen geben, doch lehnte Heinrich das ab'). Der König mußte jedoch nunmehr mit seinem Heere Böhmen räumen und, obwol immer erst fünf Wochen nach der Kolkner Schlacht, von Leitmeritz nach Pirna zurückgehen. Als er die weiteren unglücklichen Nachrichten aus der Oberlausitz erhielt, ließ er etwa 10,000 Mann unter dem Prinzen Moritz von Dessau bei Pirna gegen die Oester- reicher stehen und marschirte mit seinem Heere nach Dresden, und dann er selbst voraus nach Bautzen. Er war schon durch die Nachrichten von dem Vordringen der Franzosen, der Russen und Schweden in die größte Verlegenheit gesetzt. Nun hatte er Böhmen räumen müssen und Zittau mit den großen Magazinen war verloren sowie der nächste Weg nach Schlesien verlegt. Er maß seinem Bruder alle Schuld bei und sagte: „Wenn der Staat und meine Familie unglücklich werden, bin ich nicht Ursache, sondern der Prinz von Preussen." Er überhäufte diesen mit den härtesten Vorwürfen im bittersten Tone: „Commandiren Sie einen Serail so , groß wie Sie wollen," schrieb er ihm, „die Schande wird ^ auf Sie zurückfallen; aber so lange ich lebe, werden Sie »»-' - 1) Hcnckel I. S. M. Friedrich räumt Böhmen. 61 mals zehn Mann zu befehligen bekommen, denn Sie würden nur den Staat verderben und den guten Ruf der Truppen compromittiren')." Winterfeld schrieb dem Könige: „Machen Ew. Majestät bald eine Aenderung bei dem hiesi- 26. Juli' gen Corps oder kommen bald zu uns. Bei all dem Kriegsrath halten kommt nichts heraus, sondern es muß einer allein mit Resolution commandiren, so ist noch Alles zu redrcssiren°)." Der König wollte sich mit dem Heere des Prinzen vereinigen und eine Schlacht liefern, um den Feind aus der Lausitz nach Böhmen zu treiben und die Verbindungen mit Schlesien hcrzustellen. Er versammelte alle Bataillonsführer, machte sie mit der Lage des prinzlichen Heeres bekannt und befahl ihnen, keinem ihrer Soldaten zu gestatten sich mit denen des prinzlichen Heeres zu unterhalten. Als er darauf an der Spitze seines Heeres vor Bautzen ankam, ritt 29. Zull ihm der Prinz von Preußen mit dem Herzoge von Bevern und einigen der vornehmsten Generale entgegen. Der König wendete sein Pferd um und hielt so eine Zcitlang. Als er dann, durch die das Lager absteckenden Fouricre genöthigt, wieder umwenden mußte, erwiderte er den Gruß des Prinzen kaum, wendete sein Gesicht von ihm ab und sagte zum General Golz: „Sage Er meinem Bruder und seinen Generalen, sie hätten verdient, daß ich ihnen Allen, mit Ausnahme Winterfclds, den Kopf abschlagen ließe;" doch wolle er in dem General seinen Bruder nicht vergessen. Als darauf der Prinz dem Könige die Heeresberichte übergab, nahm dieser sie schnell und kehrte ihm den Rücken zu. Dem General Schmettau, den sich der Prinz bei Ucbernahme des Oberbefehls erbeten hatte und dessen Rathe man die erlittenen Unfälle beimaß, ließ der König bei der Parole befehlen sich sogleich aus seiner Nähe zu entfernen und sich nie wieder vor ihm sehen zu lassen. Der Prinz schrieb dem Könige, daß er wohl erkenne in seinen Augen Ehre und Reputation verscherzt zu haben, was ihn betrübe, aber nicht erniedrige, weil er sich vollkommen unschuldig fühle. Eine Untersuchung 1) Bei Henckel I. S. 262. 2) Bei Schöning Siebenjähriger Krieg l. S. 74. 62 Buch VIII. Zweites Hauptstück. seines Verfahrens würde er für eine Gnade halten müssen, weshalb er nicht darauf rechnen könne. Anstrengungen und Gram hätten seine Gesundheit erschüttert, weshalb er nach Bautzen gegangen sei, um sie wiederherzustellen. Der Herzog von Bevern werde über alle Angelegenheiten Auskunft geben. Der König antwortete ihm scharf: „Nicht die Feinde, sondern Ihre übel gewählten Maßregeln ziehen mir alles Unglück zu, von dessen Folgen Sie und Ihre Kinder mehr werden betroffen werden als ich. Ihre Ohren sind nur an Schmeicheleien gewöhnt. Daun hat Ihnen nicht geschmeichelt und Sie sehen die Folgen davon. In dieser traurigen Lage bleibt mir nichts weiter übrig als das Aeußerste zu wagen. Ich werde angreifen, und wenn wir nicht siegen können, so wollen wir uns Me ltodtschicßen lassen. Ich beklage mich nichts über Ihr Herz, >wol aber über Ihre Unfähigkeit und Ihre zu geringe Beurtheilungskraft bei der Wahl der möglichst guten Entschlüsse." Er wünschte, der Prinz möchte aus den Widerwärtigkeiten, die er erfahren, lernen, Sachen von Wichtigkeit mit mehr Sorgfalt, Einsicht und Entschlossenheit zu behandeln. Der ohnehin kränkliche Prinz bat nun tief gebeugt den König nach Dresden gehen zu dürfen, worauf dieser erwiderte: er könne gehen, wohin er wolle. Er begab sich dann nach Oranienburg und starb, noch ehe ein Jahr verfloß, ohne vorher, wie er sehnlichst gewünscht hatte, in einer Schlacht seine Hingebung zeigen zu können. Der König steckte jetzt die Ueberreste von 18 sächsische» Bataillonen unter und schickte' 2 Regimenter nach Stettin. Das 115 Bataillone starke Heer, welches er im Frühjahre nach Böhmen geführt hatte, war bis auf 85 Bataillone geschmolzen, die höchstens 50,000 Mann zählten. Die Reiterei war noch 20,000 Mann stark. Binnen vier Monate» hatte das Heer 50,000 Mann eingebüßt. Und gerade in dieser unglücklichen Zeit trafen den König von allen Seiten immer härtere Schläge. Friedrich hatte gehofft, der Einfluß seines Freundes, des Großfürsten Peter, und dann Englands werde die Russen von ernstlichen Bewegungen zurückhaltcn und diese sich mit Drohungen begnügen. Wirklich war der Feldmarschall Apraxin, dem die Kar- Apraxin rückt in Preussen ein. 63 serin Elisabeth unbeschränkte Vollmacht ertheilt hatte'), schon seit dem Anfänge des Februar in Riga, ohne etwas zu thun. Endlich hatte er den dringenden Aufforderungen Oesterreichs und Frankreichs doch nachgeben müssen und war Ende Juni mit über 100,600 Mann und 300 Geschützen in mehreren Colonnen in Preussen eingerückt. Friedrich konnte dieser großen Uebermacht nur etwa 30,000 Mann, wobei 2000 Milizen und 64 Geschütze, unter dem 76jährigen Feldmarschall Lehwald entgegenstellcn, dem der einsichtsvolle Major von Golz als lRathgebcr zugesellt war. Es war ein solcher Mangel an Kanonieren, daß der König im zweiten Treffen nur sechs Mann für jedes Geschütz bewilligte, weil er in Sachsen keine Kanoniere entbehren konntet). Zugleich erschien eine russische Flotte mit Landungstruppen und Belagerungsgeschütz vor dem curischen''Haff.UsSo hatten denn die Russen nach kurzer doch heftiger Beschießung Me-5. Juli mel zur Uebergabe gezwungen, waren nun im^Besitze^ eines Hafens und bedrohten"Königsberg. Eine ^englische Flotte. konnte zum Schutze Preußens nicht, wie mit Friedrich vertragen war, sin der Ostsee erscheinen, weil die Russen an- zeigtcn, sie würden das für eine offene Kriegserklärung arischen, was England vermeiden wollte"). Von den 28,000 Mann regelmäßiger Truppen, welche ausdauernd und tapfer zur Vertheidigung, aber zu ungeübt waren, um die einfachsten Heeresbewegungen auszusühren, bildeten 16,000 Grenadiere den" Kern. Die Reiterei war nur zum Theil gut beritten, das Material der Artillerie vortrefflich, der Troß un- geheuerzxsdie zahlreichen, völlig 'zuchtlosen, unregelmäßigen Truppen, «Kosaken I und Kalmuken^ «Apraxins durchstreiften plündernd, raubend und brennend das unglückliche Landend verübten, während Fermors Heer gute Ordnung^ hielt,'die abscheulichsten Grausamkeiten an den Bewohnern, was die Bauern zum Widerstande reizte, daß sie viele Kosaken erschossen, was dann zu noch erhöhten Ausschweifungen der Russen führte, welche zu hemmen auf Lehwalds Beschwerde 1) Stuhr I. S. 285. 2) Bei Schöning Artillerie II. S. 41. 3) Bei Stuhr I. S. 287. 64 Buch VIII. Zweites Hauptstück. Apraxin selbst sich außer Stande erklärte'). Der König, dem Winterfeld eine große Verachtung der Russen einge- flößt hatte, während Keith, der sie später und genauer kennen gelernt hatte, vor ihnen warnte, befahl schon von Lcit- meritz aus dem Feldmarschall Lehwald, er solle dem erste» besten, der ihm zu nahe käme, auf den Hals gehen und ihn schlagen. Doch war es durch den Ungehorsam des Generals Grafen Dohna den Russen — welche so langsam vorrückten, daß sie fünf Wochen brauchten, um 11 Meilen zurückzule- gen — endlich gelungen alle ihre Heeresabtheilungen bei Insterburg zu vereinigen und Lehwald über den Pregel zurückzudrängen. Lehwald griff darauf, durch den Befehl des Königs genöthigt, die 90,000 Mann starken, ihm 30. Aug. fast vierfach überlegenen Russen bei Groß-Iägerndorf zwischen Wehlau und Insterburg an, ohne deren Aufstellung - genau ermittelt zu haben, wurde daher, jedoch erst nach dem tapfersten Kampfe, mit Verlust von 4500 Mann und 28 Geschützen zum Rückzuge genöthigt, während der Verlust der Russen auf 9000 Mann geschätzt wurde. Apraxin könnt! nun ungehindert vorrücken, so weit es ihm beliebte, that cs aber nicht, so sehr ihn der sächsische General Sibilski dazu aufforderke. Der König war sehr unzufrieden über die Regimenter, welche bei Zägerndorf gefochten hatten, und ließ sie das später stark und bitter empfinden °). Die Franzosen waren unter dem Marschall d'Estms, über 100,000 Mann stark, sehr langsam bis an die Weser vorgedrungen. Theils hemmten Marsch- und Verpflegungs- Hindernisse, theils die eigene bis zur Aengstlichkcit gehende Bedächtigkeit des Marschalls, theils die Beschaffenheit seines Heeres und seine eigene sehr unsichere Stellung am Hoff wo alles Umtrieben der Hofleute preisgegeben war. Es befanden sich in seinen! Heere 41 Generallieutenants, lauter Marquis oder Herzöge, 52 Brigadegenerale, ebenfalls vom höchsten Adel, dann noch die Prinzen von Geblüt, der Herzog von Orleans, der Prinz Conde und Andere mit einer 1) Heldenleben IV. S. 381, 41V und 423 ff., wo 15 von den K«- saken verbrannte Dörfer namentlich genannt werden. 2) Rehow I. S. 312. Schlacht bei Hastenbeck. 65 Menge vornehmer Freiwilligen. Dazu ein ungeheurer Troß für die Unzahl großer und verwöhnter Herren. Die zum Theil von Geburt vornehmen, unwissenden, aber vom Hofe begünstigten widerstrebenden Unterbefchlshaber und das durch Luxus, Ungehorsam und Frechheit verwilderte Heer machten des Marschalls Lage sehr schwierig und lähmten vollends alle Entschiedenheit des ängstlich besorgten Feldherr«. Er hatte mit großer Anstrengung die fast aufgelöste Kricgszucht herzustellen gesucht, und soll in wenig Monaten gegen 1000 Plünderer und Nachzügler haben aufhängcn lassen. Er war der Meinung, es sei genug, wenn er in diesem Feldzüge bis an die Weser vorgehe und Minden und Hameln erobere'). Die Klcinmüthigkcit des hannöverschen Ministeriums, welches nur daran dachte die Neutralität für Hannover zu erhalten, hatte ihm wenige Hindernisse in den Weg gelegt, so eifrig Friedrich auf kräftigen Widerstand gedrungen hatte. Der ebenfalls sehr unfähige Herzog von Cumberland hatte sich mit seinem 54,000 Mann starken hannöverschen Bcob- achtungshccre fortwährend zurückgezogen, den Franzosen selbst den Zug durch die haltbarsten Pässe nicht streitig gemacht und die günstige Gelegenheit, eine französische Heercsabthei- lung abgesondert zu schlagen, unbeachtet vorübergehcn lassen. Der Landgraf von Hessen-Kassel hatte seine Hauptstadt, seine festen Plätze und Zeughäuser und sein ganzes Land den Franzosen überlassen müssen, welche große Lieferungen aus- schricben und die Landmiliz entwaffnetcn. Unwillig hatte Friedrich seine 5000 Preusscn nach Magdeburg abberufen. Durch Befehle von Paris gedrängt, war d'Estre'es endlich über die Weser gegangen und hatte den Herzog von Cum- 26. Zull berland bei Hastenbeck angegriffen. Der Herzog verlor durch Mangel an Einsicht und Kraft den Sieg, den er durch die Tapferkeit des Erbprinzen von Braunschweig bereits in Händen hatte, indem er das Schlachtfeld vorzeitig aufgab, welches doppelt soviel todte und verwundete Franzosen als Verbündete bedeckten"), und zog sich zurück. Hameln ergab sich 1) Stuhr l. S. 116. 2) Schlosser Geschichte des 18. Jahrhunderts II. S. 323 und 326 Anmerkungen. Stenz el, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 5 66 Buch VIII. Zweites Hauptstück. zwei Tage nach der Schlacht. Der Herzog verlor alle Zuversicht und den Kopf völlig. Den Franzosen standen die Wege nach Hannover und Magdeburg offen. Ein zweites französisches Heer von 24,000 Mann unter dem Prinzen von Soubise rückte von Frankfurt a. M. zu dem in Franken versammelten Reichsheere unter dem Prinzen von Sachsen- Hildburghausen und drohete durch Thüringen vorzugehn. Der König wendete sich unterdessen mit seiner Hauptmacht gegen den nächsten und gefährlichsten Feind, gegen die Oesterreicher, um diese zu schlagen, während er die übrigen Feinde durch schwächere Heeresabtheilungen zu beschäftigen und hinzuhalten suchte. Durch die in jener Zeit sehr schwierigen Verpflegungsrücksichten aufgehalten, indem alles Brot von Dresden herbekgeschafft werden mußte, konnte er erst den 15. August mit seinem 52,000 Mann starken Heere, indem er eine Besatzung in dem befestigten Bautzen zurückließ, fest entschlossen eine Schlacht zu liefern, gegen das österreichische 70—80,000 Mann starke Heer unter dem Herzoge Karl von Lothringen und Daun aufbrechen. Diese beiden sehr uneinigen Befehlshaber zogen sich jedoch gegen Zittau zurück und nahmen eine so starke Stellung auf den Wittgendorfer Bergen an der Neisse unfern von Zittau, daß der König zum ersten Male in sechs Feldzügen auf Andringcn seiner entmuthigten Generale und des Prinzen Heinrich von einem Angriffe zur Schlacht abstand'). Auch der Versuch, durch Wintcrfeld mit 15,000 Mann Nadasdy zu vertreiben und dadurch die Verbindung der Ocsterreicher mit Böhmen zu unterbrechen, schlug bei der unangreifbaren Stellung Nadasdys fehl. Der König ließ Görlitz mit 4000 Mann besetzen und blieb mit. den ihm noch übrigen 30,000 Mann drei Tage scheinbar sorglos vor den mehr als doppelt so starken Oesterreichern stehen, in der Hoffnung angegriffen^ zu werden, doch vergeblich: die Oesterreicher blieben fest in ihrer sichern Stellung. Endlich, nachdem er nichts erreicht hatte als die I) Siche Einzelheiten bei Henckel I. S. 275, auch ?rince ÜLiiei p. 33. Das preussische Heer gegen d. Oesterreichcr u. Franz. 67 Eröffnung der kürzesten Verbindung mit Schlesien, zog er 20 . Aug. am Hellen Tage unverfolgt ab, um sich gegen das Reichs- Heer zu wenden. Er ließ mit dem 45,000 Mann starken Hauptheere den Herzog von Bevern in der Lausitz den Oesterreichern gegenüber zurück, um die Lausitz und Schlesien zu decken. Der Herzog, wol ohnehin verletzt durch die Aufnahme, welche er mit dem Heere des Prinzen von Preussen gefunden hatte, fühlte sich der schwierigen Aufgabe mit so geringer Macht gegen die weit überlegenen Oesterreicher nicht gewachsen. Der König, welcher des Herzogs Fähigkeiten überschätzte, suchte durch die schmeichelhaftesten Aeußerungen dessen Vertrauen zu wecken und wies ihn auf Wintcrfelds und Zietens Beistand hin. Er hoffte, die Oesterreichcr würden sich dadurch schwächen, daß sie eine Heercsabtheilung nach der Saale schickten, und wies den Herzog an gute Stellungen, zuletzt bei Görlitz wegen der dortigen Magazine, zu nehmen, sich möglichst lange zu behaupten, jedes nicht augenscheinlich vortheilhafte Gefecht zu vermeiden, sich um keinen Preis von Schlesien abdrängen zu lassen, um sich im Nothfalle dorthin zurückziehen zu können. Es komme alles darauf an das Heer bis Ende September zu erhalten, bis der König von seinem Zuge gegen Soubise werde zurückkehren können. Er selbst ging mit etwa 12,000 Mann nach Dresden, wohin sich der Prinz Moritz von Dessau hatte zurückziehen müssen, und mit diesem vereinigt, 22,000 Mann stark, bei 11. Sept. Naumburg über die Saale, in der Hoffnung das mit Soubise vereinigte Reichsheer bei Erfurt zu treffen und, zu schlagen. Dieses eilte jedoch nach Gotha, und als der König bis dahin vordrang, bis Eisenach zurück. Der König konnte nicht weiter verfolgen und mußte bald dem von einem österreichischen Strcifcorps bedrohten Berlin zu Hülfe eilen. Aber noch hatte das Schicksal seine Schläge nicht erschöpft. Die Oesterreichcr hatten sich in der Oberlausitz bis Ende August ruhig verhalten, sich jedoch nicht durch Entsendung einer Heercsabtheilung an die Saale geschwächt. Der Herzog von Bevern war dennoch, zu ängstlich besorgt um den Unterhalt des Heeres, im Anfänge des Septembers ! 68 Buch VIll. Zweites Hauptstück. nach Görlitz zurückgegangen. Hier hatte er auf dem linken Neifscufer, gegen die Landskrone hin, mit 29,000 Mann ein festes Lager bezogen. Winterfeld legte seine 14,000 Mann starke Heercsabtheilung auf dem rechten Neifscufer in ein verschanztes Lager zwischen dem Dorfe Moys und den Vorstädten von Görlitz, und wollte das, obwol es der Herzog mißbilligte, dennoch, starrsinnig wie er war, nicht ändern. Die Oesterreichcr, welche fast völlig unthätig waren und das prcussischc Heer nur zu beobachten schienen, rückten langsam nach, wodurch besonders Winterfeld sehr sicher wurde und mit Geringschätzung auf die Feinde blickte, welche keines kühnen Unternehmens fähig wären. Ganz unerwartet aber 7. Sept. griff Nadasdh, begünstigt durch einen starken Nebel, mit 25,000 Mann Wintcrfclds Stellung an, welche zugleich durch die Nachlässigkeit der Patrouillen völlig überfallen wurde. So tapfer sich nun auch die überraschten Preussen gegen die übermächtigen Oesterreichcr schlugen, so kühn auch Winterfcld die vorgedrungenen Feinde vom Jäkelsbcrge zurückwarf, so ging doch das Dorf Moys verloren. Winter- ^ fcld wurde tödtlich verwundet und die Preussen mußten nach einem höchst hartnäckigen und daher blutigen Kampfe ihre Stellung mit Verlust von 2000 Mann und 5 Kanonen aufgcbcn, während die Oesterreichcr gegen 1600 Mann verloren. Winterfcld starb am folgenden Tage an seinen Wunden. Der Verlust dieses Mannes war in diesem Augenblicke i um so größer, als gerade er bei dem Heere des Herzogs von Bevern der bedeutendste Mann war, auf welchen der Köniz bei den Maßregeln zur Vertheidigung Schlesiens am meisten ^ gerechnet hatte'). „Gegen die Menge meiner Feinde," rief > der König bei der Nachricht vom Tode Wintcrfelds aus, ^ „hoffe ich noch Rettungsmittel zu finden, aber nie werde ich ! wieder einen Winterfcld antreffen °)." Fortwährend in Angst um den Unterhalt des Heeres, welcher nachlässig besorgt wurde, zog der Herzog nun mit dem gesammten Heere über 1) Siehe Histairs de §uei-re de sept euis. Oeuvies 4 l^ p. 141. 2) Retzow I. S- 220. Vertrag von Kloster Seeven. 69 Bunzlau nach Liegnitz, wo er unverfolgt mit einigen und 30,000 Mann anlangte, während die Ocsterreicher ihm zur Seite über Löwenbcrg vorgingen. Es war wenig Hoffnung, daß der Herzog sich werde in Schlesien gegen die überlegene Macht der Oesterreicher behaupten können. Um dieselbe Zeit war durch Hofränke an der Stelle des Marschalls d'Estre'es der Herzog von Richelieu Oberbefehlshaber des französischen Heeres in Niedcrsachsen geworden. Dieser durch glänzende Laster und glänzende Tapferkeit und Glück bei der Vertheidigung von Genua und der Eroberung Minorkas, sowie durch Gewandtheit ausgezeichnete, leichtsinnige und genußsüchtige Hof- und Kriegsmann war sonderbarer Weise zum Oberbefehlshaber eines französischen Heeres im Interesse Oesterreichs ernannt worden, während er sich, den Grundsätzen seines Großoheims, des Cardinals, gemäß, überzeugt hielt, daß zwischen Frankreich und Oesterreich eine natürliche Feindschaft auf Leben und Tod herrsche und das Bündniß mit Oesterreich allen richtigen Grundsätzen entgegen, für die Dauer unhaltbar, ja für die Würde des französischen Volks so verletzend sei, daß in Folge desselben eine Revolution entstehen könne'). Er hatte den ausdrücklichen Befehl erhalten, das Land zwischen Weser und Elbe einzunehmcn und besonders im Preussischcn den Einwohnern keine Waffen in den Händen zu lassen. Er hatte sogleich den durch seine Unfälle betäubten Herzog von Cumberland bis nach Kloster Seeven zwischen Bremen und Hamburg zurückgedrängt. Hier wurde unter Vermittelung des dänischen Ministers, des Grafen Rochus von Lynar, zwischen beiden 8. Sept. Heerführern ein Vertrag geschloffen, vermöge dessen die Feindseligkeiten aufhörcn, die hessischen, braunschweigischen, sachsen-gothaischen und lippc-bückeburgischen Micthstruppen Entwaffnet und nicht als Kriegsgefangene in ihre Heimat zurückgehcn, dort wie der König von Frankreich und die Höfe, denen sie gehören, Übereinkommen würden, verlegt werden sollten, die Hannoveraner aber in zwei Abtheilun- 1) Siehe die Anführungen und Auseinandersetzungen bei Stuhr Siebenjähr. Krieg S. 52. 70 Buch VIII. Zweites Hauptstück. gen, bei Stade und auf dem linken Elbufer im Lauen- burgischcn, Cantonnirungsquartiere beziehen sollten'). Uebcr die Dauer des Vertrags, über das Verhältniß des hannoverschen Landes wurde nichts festgesetzt und die Hannoveraner sowol als die Miethstruppen blieben vollständig bewaffnet. Nach Zurücklassung einer kleinen Heeresabtheilung bei Kloster Scevcn führte der Herzog von Richelieu seine übrigen Truppen nach Celle zurück, um die preussischen Länder auf dem linken Elbufer in Besitz zu nehmen, welche ihm nun widerstandslos preisgegeben waren. Richelieu verhandelte mit den Landesherren der Miethstruppen, um diese in französischen Sold zu nehmen. Der Herzog von Braunschwcig, der Schwager Friedrichs, hatte ihm bereits seine festen Plähe 30 . Sept. übergeben. Sein Minister vertrug mit Oesterreich, daß die braunschweigischen Truppen von dem hannoverschen Hem abberufen werden und zum Reichsheere stoßen sollten, ja der Herzog zeigte sich geneigt ganz auf die Seite Frankreichs zu treten °). 12. Sept. Nun rückten auch die Schweden unter dem Marschall Ungern-Sternberg, 22,000 Mann stark, über die Peene vor und durchstreiften, zwar nicht mordend und brennend wie die Russen, auch nicht plündernd wie die Französen, jedoch starke Kriegssteuern erhebend, die kleine Uckermarks, ohne daß ihnen der König nur den geringsten Widerstand hätte entgegensetzen können. Die schwache Besatzung von Stettin reichte kaum hin, diese Festung zu verthcidigen. Die Mark stand den Schweden wehrlos offen, und es wurde daran gedacht, es sollte eine französische Hceresabtheilung über die Elbe gehen und vereint mit den Schweden Berlin einnehmen. Zn dieser schrecklichen Lage, — seine sämmtlichen Länder von übermächtigen Feinden überzogen und zum Theil wider- 1) Bei Wenck III. S. 152. 2) Stuhr I. S. 121; s. den Vertrag vom 20. Septbr. in der KriegLkanzlci 1753 III. S. 119. 3) Binnen 6 Wochen 200,000 Lhlr. Contribution, Heldengesch. IV S. 687. Friedrichs traurige Lage. 71 standslos in deren Händen, sein schwaches Heer entmuthigt durch die Schlacht von Kolin, durch die Verluste in der Lausitz, zu erschöpft durch Entbehrungen und Märsche, um den überall vordringenden zahlreichen Gegnern >dic Spitze zu bieten, seine Brüder, seine Feldherren ohne Vertrauen, ja ohne Hoffnung auf die Möglichkeit eines günstigen Erfolges, — stand Friedrich allein aufrecht gegen das halbe Europa, nur die Kraft seines Geistes gegen das Unglück, entschlossen zu siegen oder zu sterben, und ehe er das von ihm geschaffene Reich aufgebe, sich mit dem Schwerte in der Hand unter dessen Trümmern zu begraben. Ein wahrer, ein echter König, groß wie je einer, der in der weiten Vorzeit auf einem Throne saß, und dessen Andenken unter den Preuffen, unter den Deutschen mit Stolz genannt werden wird, so lange ihre Sprache noch das Wort Groß bewahrt, so lange noch ein Deutscher Gefühl für dieses Wortes Bedeutung haben wird. Der König erlag darum nicht, weil er Charakterstärke genug besaß, um bis auf den letzten Augenblick auszuharren. Gleich nach dem großen Schlage, der ihn bei Kolin getroffen hatte, bewies er eine bewunderungswürdige Fassung, Geisteskraft und Charakterstärke. Er schrieb noch am Abende der Schlacht an Lord' Marishal und äußerte sich mit großer Achtung über die Tapferkeit der kaiserlichen Grenadiere und das vortreffliche Gcschützwescn der Oesterreicher, sowie über den Muth der Preuffen und besonders seiner Brüder Heinrich und Ferdinand. Er gestand dabei offen, daß er mit mehr als 23 Bataillonen Fußvolks hätte angrcifen müssen, um 60,000 Mann aus ihrer vorteilhaften Stellung zu vertreiben. „Das Glück," fährt er fort, „hat mir den Rücken gewendet. Ich mußte das erwarten von einer Frau, weil ich nicht galant bin. Der Erfolg, mein lieber Freund, flößt oft ein schädliches Zutrauen ein. Wir werden unsere Sachen ein andermal besser machen. Was sagen Sie zu dem Bunde, dessen Gegenstand nichts als der Markgraf von Brandenburg ist? Der große Kurfürst würde sehr erstaunt sein seinen Enkel im Kampfe mit Russen, Oesterreichern, fast ganz Deutschland und 100,000 Mann französischer Hülfstruppcn zu sehen. Ich weiß nicht, ob cs für mich schmachvoll sein wird, zu unterliegen, aber ich weiß, daß wenig Ruhm dabei sein wird mich zu besiegen')." Er schrieb dem Marquis d'Argens im Juni von Leitmeritz aus: „Ich lese wiederholt den dritten Gesang des Lucretius, habe aber darin nur die Nothwendigkeit des Uebels und das Unnütze der Heilmittel gefunden. Linderung für meinen Schmerz gibt mir die tägliche Arbeit und die fortwährende Zerstreuung, welche mir die Zahl meiner Feinde verschafft. Wäre ich bei Kolin getödtct worden, so wäre ich im Hafen ohne Furcht vor Stürmen; jetzt aber muß ich noch auf dem stürmischen Meere fahren, bis ein kleiner Winkel der Erde mir das Glück verschafft, das ich auf dieser Welt nicht habe finden können 2)." „Betrachten Sie mich," schrieb er demselben am 19. Juli, „wie eine Mauer, in welche das Unglück seit zwei Jahren Bresche geschossen hat. Ich werde von allen Seiten erschüttert. Häusliches Unglück (der Tod seiner geliebten Mutter), geheime Leiden, öffentliches Unglück und bevorstehende Trübsal, das ist meine Nahrung. Dennoch glauben Sie nicht, daß ich nachgcbe, und wenn alle Elemente zu Grunde gingen, so würde ich mich unter ihren Trümmern mit so kaltem Blute begraben lassen, als ich Ihnen schreibe. In dieser schrecklichen Zeit muß man sich mit ehernen Eingeweide» und stählernem Herzen waffnen, um alle Empfindung zu verlieren. Da ist die Zeit des Stoicismus. Die armen Schüler Epikurs würden jetzt nicht einen Satz ihrer Philosophie zum Besten geben können. Der nächste Monat wird furchtbar und?für mein armes Land entscheidend werden. Was mich betrifft, der ich cs retten oder mit ihm zu Grunde gehen will, lso^habe ich mir eine der Zeit und den Umständen angemessene Denkweise gebildet. Sic sind zu entfernt, um Sich eine Vorstellung von der Krise machen zu können, in der wir uns befinden, und von den Greueln, welche uns umgeben. Die Philosophie ist gut, um vergangene oder zukünftige Ucbcl zu mildern, aber Len gegcnwär- 1) Oeuvres 1. XX. ^>. 267. 2) Oeuvres 1. XIX. p. 43. Friedrichs Muthlosigkeit. 73 tigen Uebeln erliegt sieAuf dem Wege von der Obcr- lausitz nach Sachsen gegen die Reichsarmee, Ende August, sagte er zum Prinzen Heinrich: „Urtheilen Sie selbst, ob ich etwas Besseres thun kann, als mich so lange zu schlagen, wie ich nur immer kann. Ich habe kein anderes Mittel. Ich sehe wohl, daß der Krieg sich seinem Ende naht, und bin daher in die Nothwcndigkcit versetzt mich so lange als möglich zu Haltens." Wie er später seine Lage überblickte, — Westfalen verloren, das hannoversche Heer bei Hastenbeck geschlagen, bald durch den Vertrag von Kloster Seevcn außer Thätigkeit gesetzt, der Weg nach Magdeburg den Franzosen, nach Berlin den Schweden, nach Wintcrfclds Tode auch Schlesien den Ocsterreichern offen, Preusscn mit 20,000 Mann, die dann bei Groß-Jägcrndorf geschlagen und sehr geschwächt worden waren, gegen 100,000 Russen nicht mehr zu vertheidigen, die Reichsarmee mit Soubise in Thüringen, der Versuch Unterhandlungen anzuknüpfen fehlgeschlagen, seine Feldherren, selbst sein Bruder Heinrich, entmuthigt'), - Feinde ringsum — da glaubte er selbst nicht mehr, daß er seinem Untergänge werde entgehen können. Der König zeigte daher in einer Epistel aus Erfurt dem Marquis d'Argens seinen festen Entschluß an, - sich eher das Leben nehmen, als den Triumph seiner Feinde, I den er für sicher hielt, verherrlichen zu wollen. Es leuchte I ihm das Beispiel eines Cato und Brutus vor, — der Au- I gcnblick, wo Leben ein Verbrechen, Sterben Pflicht sei. Er betrachtet den Tod als Zufluchtsort bei unausweichbarem Schiffbruche, glaubt nicht an die Unsterblichkeit der Seele, 1) Oeuvres 1. XIX. p. i 2) Hcnckel I. S. 283. 3) Daß dcr Prinz Heinrich im Oktober lieber gesehen, wenn der König eine Provinz (Schlesien! abgetreten und Friede gemacht hätte, bezeugt Henckel I. S. 319. Damit stimmt ein Schreiben des Königs an seinen Bruder vom 19. Octbr. überein, in welchem er ihm sagt: kvur la paix ii sst taciie äs äire gu'il ia taut tsire, mais il kaut gu'on Is veuilie des äeux psrts; in Schönings Siebenjährigem Krieg I. S. 78. 23. Sept. 74 Buch Vlll. Zweites Hauptstück. will die Ketten brechen und seinen Henkern entgehen'). I» einer Ode an seinen Bruder Heinrich drückt er seinen ent- 4—6. Oct. schlossenen Muth zum Widerstande aus, daß nur der Mensch untergehe, der erschrocken sich selbst verlasse, daß jedoch zuleht edle Verzweiflung das einzige Hülfsmittcl gegen verzwcif. lungsvolle Uebel und das Unglück Quelle des Glückes sei. Wunder geschähen nicht mehr. Kühnheit und Muth wären den Sterblichen gegeben, um das Unglück zu unterjochen. Dann ermuthigt er seinen Bruder den Staat zu stützen, dessen Ruhm im Begriffe sei verdunkelt zu werden"). Er hatte seine Epistel an d'Argens Voltaire mitgetheilt, dieser schrieb ihm sehr ischön und kräftig. Er warf dem Könige vor, er verzweifle nur aus Selbstliebe, um nicht von seinen Feinden sgcdemüthigt zu sein, während ihm seine höherr Vernunft sagen müsse, daß er nicht gedemüthigt sei und es nicht werden könne. Immer bleibe ihm als Mensch noch etwas, um glücklich zu sein, weil er ein Philosoph und nicht ein bloßer König sei. Er wies ihn auf das Beispiel an- . derer Fürsten hin, welche ihren Thronen entsagt hätten. Unter keiner Bedingung sei der Selbstmord erlaubt. Ver- s lohnte es sich denn der Mühe Philosoph zu sein, wenn n nicht als Privatmann leben oder als Fürst Widerwärtig- - keiten ertragen könne? Der große Kurfürst sei noch angesehen ! und geachtet genug gewesen^). > 9. Oct. Der König antwortete ihm durch eine Epistel, in welcher er ihm sagte, Jedem gebe seine Stellung sein Gesetz, und schloß mit den so berühmt gewordenen Worten: „Voltaire in seiner Einsiedelei kann sich in Frieden den Tugenden des Weisen hingebcn, aber ich, vom Schiffbruche bedroht, muß dem Sturme trotzend als König denken, leben und ij sterben*)." In ähnlicher Weise drückt er seinen an Vcr- zweiflung gränzenden Kummer und seine Absicht nur als s 1) Oeuvres 1. XIII. p. 152. 2) Oeuvres 1'. XIII. x. 131. 3) Oeuvres cle Voltaire psr Leueliot. 1. I.VII. P. 31^ Bergl. S. 354. 4) Oeuvres l'. XIV. p. 115. Friedrichs Charakterstärke. 75 König zu enden in dichterischen Ergüssen an seine Schwester, die geliebte Wilhelmine von Baircuth, und an Amalie, Aebtissin von Quedlinburg, aus'), und seine Schwester Wil- helminc war sehr besorgt, er werde seinen gewaltsamen Entschluß ausführen"). „Ein Grab," schrieb sie an Voltaire, 16. Oct. „ist unsere Aussicht, doch eins bleibt, was man uns nicht nehmen kann — Standhaftigkeit Der König hofft nichts von Gott oder der Vorsehung; er hält seinen Untergang für unvermeidlich, dennoch verzweifelt er nicht so, daß er die Hände in den Schoos legt. Er ist muthig und entschlossen zum Kampfe gegen die alte Knechtschaft und Unwissenheit, welche Deutschland wieder bedrohen'). Er verdoppelt vielmehr seine Thätigkeit, er bietet dem Unglück die Spitze. Liegt ihm auch das Ende ziemlich klar, und daß er das nicht überleben will, bestimmt vor Augen, so ist er dennoch seiner durchaus mächtig und geht von Gegenständen der Wissenschaft zu den schwierigsten Staats- und Kriegs- angelegcnheiten mit der größten Leichtigkeit und Sicherheit über. Als er auf seinem Marsche von Weißenfels zur Rct- l5. Oct. tung Berlins in Leipzig angekommen war, ließ er sogleich den berühmten Professor Gottsched zu sich rufen und unterhielt sich mit demselben 3^ Stunde hindurch über Dichtkunst, Philosophie, Geschichte, Beredsamkeit u. s. w., wie Gottsched sagte, einem Gelehrten gleich, der sein Lebcnlang mit sonst nichts beschäftigt gewesen. Der König las dem Professor die Uebcrsetzung einer auf seine damalige Lage sich deutlich beziehenden Ode des Horatius vor und bezweifelte, daß Gottsched werde eine Ode des I. B. Rousseau gleich schön und kurz deutsch geben können. Gottsched erbot sich das zu versuchen, schickte dem Könige am folgenden Tage die Uebcrsetzung und erhielt nach einer Stunde dcs Königs 1) Oeuvres IV XU. p. 36,'43, 57; IV xm. p. 167. 2) Oeuvres de Voltaire IV I.VI1. p. 342, 349. 3) Daselbst p, 353. 4) Siehe Brief an Keith vom II. Octbr. in Varnhagens Leben Kelchs S. 173. 76 Buch Vlll. Zweites Hauptstück. Dank in einer Epistel desselben, in welcher dieser ihn den Schwan der Sachsen nennt, welcher der geizigen Natur das Gcheimniß entrissen habe durchs seine Gesänge die harten und abscheulichen Töne einer barbarischest Sprache zu mildern'). ' , 26 . Oct. Gleich nach seiner Rückkehr nach Leipzig unterhielt er sich wieder zweimal drei Stunden lang mit Gottsched über ähnliche Gegenstände wie das erste Mal. Während der Unterredung abgcrufen, ertheilte er der im Vorzimmer versammelten Generalität den Befehl zum Angriffe auf den nur eine Meile von der Stadt entfernten Feind, kehrte nach wenigen Minuten zurück und setzte die abgebrochene Unterhaltung fort, als ob ihn nichts darin gestört hätte'). Diese bewunderungswürdige Selbstbeherrschung, welche ihn nur selten für Augenblicke verließ"), war es auch allein, 1) Oeuvres 1. XII. x. 82 u. 1. XIII. p. 163. ^ 2) Siehe Das Neueste aus der anmuthigcn Gelehrsamkeit NR S. 122 u. 141, die von G ottsch ed selbst gegebene Nachricht; dann dessen Brief vom 13. Novbr. 1757 in Hcnckels Nachlasse I. S. 321 An- mcrk. 1. j 3) „Niemals," schreibt Mitchell, welcher sich damals fortwährend ^ bei ihm befand, „ist er cntmuthigt oder außer Fassung." Diese Sclbji- ^ bcherrschung verließ ihn nur selten für einige Augenblicke. So mag er s wol in einem Ansalle von Verzweiflung seinem Bruder Heinrich den S 12. Octbr. auf die Nachricht, daß sein Versuch mit Frankreich Frieden ^ zu schließen nicht gelungen sei, davon gesprochen haben, sich sogleich j das Leben zu nehmen. Hcnckel I. Abth. 2. S. 319. ! Nur in einem Falle gegen einen Mann nahm er eine seiner unwürdige Rache. Er konnte seinen Widerwillen gegen den ihm so »er- ^ haßten Brühl nicht unterdrücken und ließ Ende October 1757 auf sei- i nem Marsche durch Grochwitz bei Annaburg das Brühl gehörige Schloß durch seine Garde plündern und gab ihr Hausgeräth, Silbergeschirr, ; Porzellan, Tapeten, Alles preis zum Mitnehmcn oder Verderben. Dai , aus Ccdcrnholz verfertigte Hausgeräth wurde von den Soldaten verbrämt. - Henckel I. Abth. 2. S. 328. Er zwang dir Gräfin Brühl den 1. April 1757, welche er allerdings in Verdacht hatte mit seinen Feinden in unerlaubter Verbindung zu stehen, Dresden zu verlassen und nach Polln zu gehen, indem er ihr eigenhändig drohend schrieb, sie und ihr Ehe- Herr, den er verachte, möchten seine Geduld nicht ermüden, oder sie wurden davon die schrecklichste Wirkung sehen. Siehe Deutsche Kriegskanzlei von 1759 1. S. 394. Rückzug der Russen. 77 welche ihm in seiner unglücklichen Lage neue Hilfsquellen eröffnen, neue Wege, um sich zu retten, zeigen konnte. Allerdings wurde er dabei sehr wesentlich durch die geringe Ucbcreinftimmung unterstützt, welche unter seinen verbündeten Gegnern herrschte; denn außerdem würden, wie er selbst sehr wohl einsah, alle seine Anstrengungen dennoch vergeblich und Preussens Untergang sicher gewesen sein'). Zuvörderst machten die Russen von ihrer unwiderstehlichen Ucbcrmacht auch nach der Schlacht bei Groß- Jägerndorf gar keinen Gebrauch. Der Marschall Apraxin zog sich sogar unter dem Vorwände des Mangels an Lebensmitteln, der wirklich durch die Verheerung des Landes entstanden war, anstatt dem durch weiteres Verrücken abzuhelfen, seit dem Anfänge des Septembers langsam nach Rußland zurück. In der Mitte des Oktobers stand außer der schwachen Besatzung in Memel kein Russe mehr auf preußischem Boden. Die Ursachen dieses auffallenden Rückzuges sind bis jetzt noch nicht völlig aufgeklärt und nur so viel gewiß, daß derselbe gegen den Willen der damals kranken Kaiserin durch Umtriebe am Hofe, wahrscheinlich mit lebhafter Theil- nahme des Großfürsten Peter bewirkt wurde. Es scheint, als wenn der in seinem Amte schon wankende Bestuschef Preussen hätte an Sachsen und dafür Kurland und Samo- gitien an Rußland bringen wollen, wogegen sowol England als auch^Frankreich war"), welches durchaus keine Erwei- 1) Es ist doch ein schönes Zeugniß, wenn der englische Gesandte Mitchell den II. Aug. von dem wahrscheinlichen Untergange des Hauses Brandenburg sagt: „womit die Freiheit der Menschheit zu Boden fällt. Freilich, die Wahl bleibt noch, ob man ein Sklave Oesterreichs oder Frankreichs sein will; welch' ein jämmerlicher Wcchselfall!" bei Raumer II. S. 438. 2) Friedrich II. Oeuvres 1. IV. p. 179 sagt, er habe im Dresdner Archive einen Brief von Bestuschef gefunden, in welchem er dem Grafen Brühl gerathen sich der russischen Residenten in Warschau durch Gift zu entledigen. Damit der König diesen Brief nicht bekannt mache, habe Bestuschef die Verhaltungsbefehle Aprarins so vortheilhaft für Preussen gemacht. 78 Buch VIll. Zweites Hauptstück. terung der russischen Macht auf Kosten Polens dulden wollte. Oesterreich und Frankreich waren zugleich höchst unzufrieden über Apraxins Verfahren'). Sowol der Feldmarschall all bald darauf auch der Kanzler fielen bei ihrer Kaiserin in Ungnade. Jedenfalls aber war für dieses Jahr Preussen von 17. Oct. den Russen befreit, und Friedrich konnte dem General 8eh- wald befehle^ sich mit 15,000 Mann gegen die Schweden in Pommern zu wenden. War dem Könige im Osten das Glück günstig, so war es das nicht viel weniger im Westen; der Herzog v. Richelieu war zwar ein genialischer Wüstling, zugleich aber ein Anhänger der Politik seines Urgroßoheims, des Cardinall Richelieu, daher auch der Politik der Pompadour und des Cardinals Bernis abgeneigt und ein Gegner Oesterreichs sowie der Schwächung Preussens'). Er wußte auch sehr wohl, daß man sich in Frankreich keiner Gefahr zu Gunsten Oesterreichs aussetzen wollte. Dabei war er sorglos, eitel, - genuß- und habsüchtig. Voltaire gab der Markgräfin von Baireuth den Rath, der König selbst möge sich an Richelieu wenden, dem das schmeicheln werde. Er selbst schrieb dein Herzoge, wie ihm als Helden nach allen großen Erfolgen, die er im Kriege gehabt, nur noch die Rolle eines Schiedsrichters in dem Streite Sachsens mit Brandenburg und eines Friedensstifters übrig bliebe^). 7. Sept. Der König schickte daher während seines Marsches noch der Saale gegen das Reichsheer und Soubise den Obersten Balby mit einem Schreiben und wahrscheinlich ansehnlichen Geldsummen'') an den Herzog v. Richelieu. Er wisse zwar 1) Stuhr I. S. 151 u. 309. 2) Die Franzosen erhielten ihre Partei in Polen gegen die russisch! aufrecht und waren allgemein der Vergrößerung Rußlands im Wesim entgegen. Dazu hatte Brühl einen Lheil Schlesiens für Sachsen verlangt, und Bernis wollte wol den zu weit gehenden Ehrgeiz Friedrich« demüthigen, aber weit weniger dessen Macht brechen. Stuhr >1 S. 297. 3) Oeuvres äs Voltsire 1. 1-VI1. p. 315 U. 316. ä) Siehe lVIämoires äs Hicbelieu 1. IX. p. 211. Stainville in Wien schrieb an Richelieu, als rühme sich Friedrich dessen. Siehe auch 79 Verhandlungen mit Frankreich. wohl, daß der Herzog nicht zum Verhandeln gekommen sei; er wäre jedoch überzeugt, daß ein Neffe des großen Cardi- nals Richelieu ebenso geeignet sei Verträge zu schließen als Schlachten zu gewinnen. „Ich wende mich an Sie in Folge der Hochachtung, welche Sie Jedem einflößen, der Sie, wenn auch nur oberflächlich, kennt. Es gilt nur eine Kleinigkeit — Frieden zu schließen, wenn man will. Ich zweifle nicht, daß Ihr König, Ihrer schnellen Erfolge sicher, Sie auch in den Stand gesetzt hat an dem Frieden Deutschlands zu arbeiten. Ich schicke daher einen Mann zu Ihnen, dem Sie völlig vertrauen können. Obgleich ich kaum hoffen kann, daß bei den Ereignissen dieses ^Jahres Ihr Hof noch günstige Gesinnungen für mich hegt, so kann ich mir doch nicht denken, daß eine 16jährige Verbindung keine Spur der Erinnerung zurückgelassen haben sollte. Wie es auch sei, ich ziehe es vor dem Könige, Ihrem Herrn, vor Andern meine Interessen anzuvertrauen. Haben Sie keine Verhaltungsbefehle für die Vorschläge, welche ich Ihnen mache, so bitte ich Sie diese cinzuholen und mich davon zu unterrichten. Wer Bildsäulen in Genua verdient, ^wer ungeachtet der größten Hindernisse die Insel Minorka erobert hat und im Begriffe ist Niedersachscn zu unterwerfen, kann nichts Glorreicheres thun als Europa den Frieden verschaffen. Das wird der schönste Ihrer Lorbeeren sein')." Der Herzog antwortete sehr artig, er glaube seinem Könige am besten zu dienen, wenn er zum allgemeinen Frieden beitrage. Doch habe er keine Verhaltungsbcfehle; schicke jedoch einen Eilboten ab, um Friedrichs Eröffnungen mitzutheilen. Er selbst werde, was nur möglich, zum großen Werke beitragen. Richelieu correspondirte seitdem mit Rehow 7. S. 197. Daß Richelieu von Friedrich 17. nicht eigentlich habe bestochen werden können, kann man zugebcn und anerkennen, daß er Geld nahm, um zu thun oder zu lassen, was er außerdem auch würde gcthan oder gelassen haben. 1) IVIemoires kiclielieu 1. IX.'p. 175; auch Mitchell sagt bei Raumer II. S. -IM: „Ich sehe keine Rettung für ihn (Friedrich) als in den Armen Frankreichs." 80 Buch Vlll. Zweites Hauptstück. Friedrich II. in Chiffern, deren Auflösung unmöglich schien, weil jede Zeile eine andere Chiffer hatte'). Obgleich du Friedensvcrhandlungen mit Frankreich den erwünschten Erfolg nicht hatten, so schickte der König dennoch nur 4000 Mann unter dem Herzoge Ferdinand von Braunschweig zur Beobachtung der Franzosen in das Magdeburgische. Mit diesem schloß Richelieu den 17. October einen Waffenstillstand bis zum 15. April des folgenden Jahres ab, vermöge dessen die Franzosen gegen Lieferungen von Lebensmitteln das Halberstädtischc räumten, und die Bode weder von Franzosen noch von Prcusscn überschritten werden sollte. Zwar verweigerte Ludwig XV.") die Genehmigung, dennoch that Richelieu wesentlich nichts, als daß er in den von seinem Heere überzogenen Provinzen, so viel als er vermochte, für sich raubte und erpreßte. Allein von den Provinzen Cleve und Mark wurden im September dieses Jahres ins- gesammt 5 Millionen Thaler verlangt, was mehr als das Zwölffache der gewöhnlichen jährlichen Contribution betrug"). Darin ahmten ihm seine Truppen nach, sodaß die von d'Estre'cs mühsam hcrgestellte Kriegszucht gänzlich zerfiel und das Heer fast mehr einer großen Räuberbande als geordneten Kricgsleuten glich. Friedrich II. benutzte zugleich diese Umstände, um Gerüchte von seinen Friedensverhandlungen mit Frankreich zu verbreiten und dadurch den Argwohn der Oestcrrcicher zu erregen'). Er äußerte sich überall günstig gegen die Franzosen, als könne er sich nicht überzeugen, daß sie im Ernste seine Feinde seien. Der König hatte auf seinem Zuge gegen das Reichs- Heer und Soubise Seidlitz mit 20 Schwadronen in Gotha gelassen und war nach Erfurt zurückgegangcn. Er wechselte die Cantonnements fast täglich und oft die Namen der Regimenter, um die feindlichen Heerführer über seine Schwäche 1) Siehe IVIemoires äs kislielieu 1. IX. p. 199. 2) Stuhr I. S. 137 u. 161. 3) Denkschrift in der Kriegßkanzlei im Z. 1758 I. S. 171. 4) Stuhr I. S. 218. Vorrücken der Franzosen. 81 zu täuschen. Als das Reichsheer und Soubise wieder auf Gotha vorrückten, gingen sie bei der entschlossenen Haltung des kühnen Seidlitz, der sie in Gotha überfiel, mit Hinterlassung einer Anzahl von Gefangenen auf das falsche Gerücht, der König rücke heran, eilig wieder zurück. Unterdessen war der österreichische General Haddik mit 3100 Mann gegen Berlin vorgedrungen. Der König besorgte, daß dem eine stärkere österreichische Heeresabtheilung folgen und auch die Schweden dahin vorrücken würden. Er ließ Keith mit einer kleinen Heeresabtheilung an der Saale zurück und eilte von Naumburg über Torgau seiner Hauptstadt zu Hülfe. Auch der Prinz Moritz von Dessau mußte in Eilmärschen Berlin zu retten suchen. Als. er in Groß- 17. Oct. Beeren angelangt war, erfuhr er, daß Haddik sich bereits wieder zurückgezogen hatte. Haddik war am 16. October vor Berlin erschienen. Der General Rochow, welcher die Oesterreicher für viel stärker hielt, als sie waren glaubte mit seinen 7000 Mann die Stadt nicht halten zu können und that fast gar nichts, so eifrig die Bürger auch bereit.waren, sie zu vertheidigen. Nach kurzem Widerstande sprengten die Oesterreicher das schlesische Thor, der Commandant brachte die Königin und den Hof nach Spandau, die Besatzung räumte die Stadt, welche sich ergab. Auf die Nachricht von der Annäherung des Prinzen Moritz von Dessau begnügte sich Haddik mit 185,000 Thlrn. und zog noch an demselben Tage ab'). Der König war schon in Herzberg angekommen, wo er sich mit Idem von Berlin zurückkehrenden Prinzen Moritz von Dessau vereinigen und nach Schlesien gehen wollte, um dem Herzoge von Bevern beizustehen. Dieser hatte sich vom 19—27. September bei Liegnitz behauptet, hatte dann die Besatzung von Schweidnitz durch drei Bataillone, die Besatzungen von Brieg, Glatz, Neisse und Cosel jede durch ein Bataillon verstärkt und sein Heer dadurch noch mehr geschwächt. Dann nach einem Gefecht vom Herzoge Karl bedroht und 1) Neue Berliner Monatsschrift X. S. 115 von einem Augenzeugen. Stenzel, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 6 82 Buch MI. Zweites Hauptstück. bereits vom rechten Wege nach Breslau abgedrängt, war er durch einen meisterhaften Marsch oberhalb Steinaus über die Oder, dann auf dem rechten Ufer hinauf nach Breslau, dort wieder auf das linke Ufer zurückgegangen, den Oesterreichern 1. Oct. fo zuvorgekommen und hatte eine Meile von der Stadt an der Lohe eine feste Stellung genommen, in welcher er den i König erwartete. Da erhielt der König Nachricht von dem in dieser Jahreszeit nicht mehr erwarteten abermaligen Vorrückcn des Rcichsheeres und des Prinzen Soubise, der nach vielen Zögerungen endlich, durch Befehle von Paris aus dazu gezwungen, dem Herzoge von Richelieu eine Verstärkung unter dem Herzoge von Broglie geschickt hatte. Es wurde nun ^ beschlossen, beide Heere sollten vereinigt bis an die Saale Vorgehen. Auf die Nachricht von dem Marsche des Königs von der Saale über die Elbe rückten die beiden Heerführer gegen Leipzig vor, als Soubise eben den Befehl von Paris erhielt die Saale nicht zu überschreiten, auf deren rechtem Ufer er ruhige Winterquartiere nehmen sollte. Keith war so genöthigt worden sich mit seinen 4000 Mann nach Leipzig " zurückzuziehen, wo er die Aufforderung die Stadt zu übergeben entschieden ablchnte, die schönen Vorstädte anzubrcn- nen drohte und die Ankunft des Königs erwartete, welche am 26. Octobcr erfolgte, worauf sich Soubise und Hildburghausen zurückzogen. Die Heercsabtheilungen des Prinzen Moritz von Dessau und des Herzogs Ferdinand von Braunschweig stießen in Eilmärschen zu dem Könige. Der Prinz Moritz legte in sechs Tagen 23 Meilen und der Herzog Ferdinand in vier Tagen 15 Meilen zurück. Der König hatte seine am 22. Octobcr bei. Berlin, Annaburg, Leipzig und Magdeburg stehende Heeresabtheilung in sieben Tagen zu- fammengezogen und den 28stcn in Leipzig 24,000 Mann versammelt. Richelieu hatte bereits angcfangen seine Truppen in die Winterquartiere zu legen. Der König folgte den sich zurückziehenden 64,000 Mann Franzosen und Reichstruppcn mit 22,000 Mann über die Saale, wo seine Gegner auf den Höhen von Mücheln, Merseburg gegenüber, zwischen Unstrut und Saale eine feste Stellung genommen hatten, in der Hoffnung, der König werde es nicht wagen ihnen über die Saale zu folgen. Die Reichsarmee bestand aus den Truppen derjenigen Reichsstände, welche gegen Preuffen Partei genommen, vor- ! züglich aus Baiern, Pfälzern, Würtembergern, schwäbi- ^ schcn, fränkischen Md oberrheinischen Kreistruppen. Diese Mannschaft war von derselben Beschaffenheit wie diejenige, welche Baiern, Würtemberg und Pfalz für Geld an Frankreich oder Oesterreich überließen. Als der verschwenderische und tyrannische Herzog von Würtemberg dem französischen Commissär 4000 Mann in Stuttgart übergeben 2V. Juni ließ, fingen die Soldaten an zu murren, riefen: daß sie verkauft wären, und liefen zu 20 und 30 Mann fort. Bald kam es zum förmlichen Aufstande gegen die Officiere, ^und H es zogen Haufen zu 3—500 Mann mit klingendem Spiele ' ab, von den Generalen um Gotteswillen gebeterr nur in Frieden fortzugehen, weil man Mord und Brand in der Stadt fürchtete. So entwichen beinahe >3000 Mann, von denen sich viele zu dem preussischen Parteigänger Mayr in Franken begaben; die übrigen wurden entlassen. Man glaubte, p Bürger und selbst höhere Beamtete, sogar die Landstände ^ und die Prediger wären Miturheber des Aufstandes. Die ss Officiere waren ohnehin für den großen König gestimmt, x gegen den sie fechten sollten.'). Im Lager von Geislingen ^ kam es unter den dann wieder zusammengebrachten würtcm- belgischen Truppen, als sie nach Böhmen marschiren sollten, - abermals, und in der Gegend von Kolin zum dritten Male zum Aufruhrs, Als der Markgraf von Baden-Durlach ^ seinen Truppenbeitrag wollte zum Reichsheere stoßen lassen, > brach auch unter diesen der Aufruhr aus, und es gingen auf einmal 500 Mann fort, um über Fürth zu den Preussen b M stoßen. Die Markgräfin von Baireuth gab jedem De- ! serteur 5 Thlr. Reisegeld^). Der patriotische Lcgationsrath und nachherige Minister . 1) Danziger Beiträge II. S. 714. -! 2) Stuhr I. S. 321. st 3) Datelbst I. S. 328. 84 Buch VHI. Zweites Hauptstück. v. Herzberg vermochte seine armen Landsleute, die Pommern, eine Landmiliz zu errichten, welche in wenigen Wochen 5006 Mann stark war. Diesem Beispiele folgten die.brandenburgi- schen und magdeburgischen Stände zusammen mit 4000 Mann, welche die Stände auf ihre Kosten unterhielten und die, von verabschiedeten und invaliden Officieren befehligt, zur tap- 'l fern Vertheidigung der Festungen Kolberg, Stettin, Küstrin, Magdeburg und selbst Berlins viel beitrugen,, auch in dem kleinen Kriege in Pommern gegen die Schweden und spät» gegen die Russen viel nützliche Dienste leisteten'). War doch die Theilnahme der Gebildeten für Friedrich so groß, daß die Freimaurer sämmtlichcr deutscher Provinzen ihm ihre Hülfe anboten, da das Augenmerk der Feinde des Königs nur dahin gerichtet sei ihn als den mächtigsten Pro- ^ tcctor deutscher und besonders protestantischer Nation erst klein zu machen, um nachher die deutsche Freiheit umzustürzen; doch nahm er den Antrag nicht an'). Die Meinung, daß Preussen gegen die katholischen Mächte für den Protestantismus streite, verbreitete sich, s durch preußische und hannoversche Agenten genährt, ini Volke, und es wird behauptet, daß in Sachsen, Würtcm- berg und andern protestantischen Reichsländern für den König von Preussen von den Geistlichen in den Kirchen gebetet worden sei. So strenge Befehle auch von Paris kamen den Protestanten jede Veranlassung zur Beschwerde zu nehmen, so wenig hinderte das die Franzosen, die Protestanten in Thüringen als Ketzer zu verhöhnen, deren Kirchen auf das schändlichste zu verunreinigen und so die Erbitterung des Volks zu vermehren. Freiburg und Weißenfels mit der Umgegend, bei Freiburg allein über 20 Dörfer, plünderten sie völlig aus, sogar die Kirchen, und zerstörten, was ft nicht mitnehmen konnten'). Die Deutschen waren den , 1) Preuß H. S. 120 aus guten angeführten Quellen. 2) Nicolai in Biesters neuer Berliner Monatsschrift XVII. S. IN. 3) Siehe die Beschwerde an den Kurfürsten in den Danziger Beiträgen II. S. 678. Zn Gotha wurde der König den 15- Septbr. 1751 unter Freudengeschrei der Einwohner nach dem Schlosse begleitet. Hen> ckel ll. S.299. Stimmung im Reichsheere. 85 Franzosen ohnehin außerordentlich abgeneigt. Diese Sol- ^ baten meinten wol, daß sie nicht dazu da wären, um sich ^ todt schießen zu lassen, und sowol unter ihnen wie unter ihren Officieren wurde Friedrich bewundert. Die Ofsiciere ^ der schwäbischen Kreistruppen wollten lieber zu ihm über- > gehen als nach Böhmen marschiren. Ein gefangener schwä- ! bischer General, den Seidlitz wegen dessen Mißgeschick aus Höflichkeit trösten wollte, erwiderte, ihm sei das ganz recht, ^ er wünsche gar nicht ausgcwechselt zu werden '). War Friedrich doch der Einzige, dem zu dienen trotz aller Gefahr und Beschwerde für diese fast vaterlandslosen Deutschen noch rühmlich scheinen konnte. Wie hätten sie gegen ^ diesen mit Hingebung fechten sollen! Selbst die kurkölnischen ' Truppen flößten daher den Franzosen kein Vertrauen ein'). > Die Reichsstände selbst waren ihrerseits nichts weniger als ! treue Anhänger Oesterreichs und Frankreichs, sondern suchten j nur augenblickliche Vortheile für sich. Wir haben schon ge- ! sehen, wie der Streifzug Mayrß nach Franken Kurbaiern ^ und andere Reichsfürsten geschreckt hatte, daß sie bereits mit Preusscn über Parteilosigkeit unterhandelten. Die Stadt Nürnberg mußte durch Execution gezwungen werden ihren Truppenbeitrag in das Lager bei Fürth rücken zu lassen. Sechstausend Pfälzer, welche zum französischen Heere stoßen sollten, machten sogar auf die Nachricht von ! Friedrichs Siege bei Prag auf Befehl ihres Hofes plötzlich Halt'). Man wird sich leicht vorstellen können, wie schlecht die Ausrüstung und Einrichtung des Reichsheeres beschaffen war. ! Die Artilleriepferde wurden auf dem Marsche, ebenso das ! Schanzzeug in den Dörfern mit Gewalt und unter schwerem Unfuge erpreßt. Stehlen und Plündern war an der Tages- i ordnung. Der König von Polen schrieb daher dem Prinzen > Karl von Lothringen einen anzüglichen Brief, daß die ^ Reichsarmee in Sachsen weit feindseliger als die Preussen I 1) Stuhr I. S. 326. j 2) Daselbst I. S. 317. 3) Daselbst I. S. 318. 86 Buch VIII. Zweites Hauptstück. verführe'). Von je 1000 Gewehren gaben kaum 200 Feuer. Die Regimenter waren aus 10—20 verschiedenen Contin- genten zusammengesetzt. Zeder Reichsstand versah seine Leute mit verschiedenem Solde und Proviant und hatte sein besonderes Magazin und seine Bäckerei. Bei jeder Entsendung von nur 50 Mann verschiedener Contingente gingen ebenso viele Unternehmer mit, um deren Verpflegung abgesondert zu besorgen. Indem das vorher angezeigt werden mußte, blieb keine Bewegung geheim'), und außerdem hatte Friedrich ohne Zweifel viel Einverständnisse im Reichsheere'). Bei dieser Beschaffenheit des Reichsheeres war es natürlich, daß cs wenig gefürchtet und allgemein verachtet war. Friedrich meinte wol im Scherze, er werde auch seinen Truppenbeitrag dazu stellen. Nur einige dazu geschickte österreichische Reiterregimenter waren wirklich brauchbar. Es würde wol einem tüchtigen Feldherrn kaum möglich geworden sein mit einem solchen Heere etwas Bedeutendes auszufühm. Nun war aber der Herzog Joseph von Sachsen-Hildburghausen als Reichsgeneral ein ganz unfähiger Mann und sch verhaßt. Weder die Ocsterreicher noch der ebenso .unfähige Soubise trauten ihm. Soubise wollte nicht unter ihm stehen, und es wurde dann bestimmt, daß er in Hildburghau- scns Abwesenheit den Oberbefehl führen solle. Die Generale des Reichsheeres verlangten den Rang vor den französischen Generalen. Soubise wollte sein Heer nicht durch kaiserliche Beamte verpflegen lassen, und bei dem Mangel an Kriegszucht reizten die Plünderungen und Ausschweifungen auch der Franzosen das Landvolk fast zum Aufstande, vor dein man allgemein besorgt war. Belleisle war entschieden gegen die Vereinigung Son- bises mit dem Reichsheere, welche erst auf ausdrücklichen Befehl des französischen Hofes erfolgte. Die Franzosen hielten nicht mit Unrecht das Reichsheer mehr für eine Last, welche hindere, als für eine Hülfe; allein wahrscheinlich wurde die > 1 ) k 1) Afters Kriegswirr. S. 286. 2) S. deutsche Kriegskanzlei 1758, I. S. 121. 3) Stuhr I. S. 229. Schlacht bei Roßbach. 87 französische Heeresabtheilung unter Soubise auch deshalb auf > Anliegen Oesterreichs zum Reichsheere geschickt, um dieses ! und die dem Kriege abgeneigten Reichsfürsten im Zaume zu halten. ! Natürlich war fortwährend Zwiespalt zwischen Soubise ^ und Hildburghausen. Jeder stellte sich, als wolle er etwas thun, und fand dann Schwierigkeiten, wenn es zur Ausführung kommen sollte. Daher das fortwährende Schwanken in der Bewegung des verbündeten Heeres. Schon hatten die Franzosen sich darauf eingerichtet auf dem linken Saalufer ruhige Winterquartiere zu beziehen, als, wie gesagt, der Marsch Friedrichs an die Elbe sie mit dem Reichsheere zum Vorrücken bis Leipzig bewog, worauf sie dann, als der König kam, eilig über die Saale zurückgingen, wohin dieser ihnen folgte. Er besichtigte die Stellung der 64,000 Mann starken 4 . Nov. Feinde, beschoß sie eine Zeitlang mit Kanonen, fand sie aber j so stark, daß er es nicht wagen konnte sie mit seinen 22,000 / Mann ernstlich anzugrcifen. Er lagerte sich daher dem rechten feindlichen Flügel gegenüber, zwischen den Dörfern Roßbach und Bedra. Wären die Reichstruppen und Franzosen nur ruhig stehen geblieben, so hätte der König wegen der Gefahr, in welcher er war Schlesien völlig zu verlieren, bald von ihnen abstehen und ihnen Sachsen überlassen müssen. Glücklicherweise für ihn faßte der Herzog von Hildburghausen, aufgeblasen dadurch, daß der König vom Angriffe abgelassen und sich etwas zurückgezogen hatte, den Beschluß, 5 rechts abzumarschiren und bei Reichcrtswerbcn in der linken Flanke des Königs ein Lager zu beziehen, um ihn so zum ^ Rückzuge über die Saale zu nöthigen und ungestörte Winterquartiere zu beziehen, oder, wenn er das nicht thäte, am ^ folgenden Tage des Königs linken Flügel anzugreifen, wäh- y. Nov. ^ rend ihm der General Graf St. Germain mit einer Heeresabtheilung in den Rücken fiele'). Am 5. November früh 1) Brühl bei Stuhr 1. S. 373 und 376; Soubise in seinem Schreiben an den Kriegsminister vom 10. November daselbst S. 378 und ist so naiv zu sagen: ^lotre ciisposition stait trss bonns: Is koi äs krusse »e nous a pas äonns le tewps äs I'exsouter. 88 Buch VIII. Zweites Hauptstück. rückte daher St. Germain auf eine Höhe gegen den rechten Flügel des preussischen Lagers vor und beschoß ein vor demselben liegendes Dorf, um die Aufmerksamkeit der Preußen von dem linken Flügel und dessen beabsichtigter Umgehung ab- und auf sich zu ziehen. Er blieb dann ruhig dort sie- - hen, während der rechte Flügel des Heeres eilig, 52 Schwa- ' dronen Reiter voran, in einem weiten Bogen um den linken preussischen Flügel herumzog, als wolle er dem Könige den Rückzug nach der Saale abschneiden und ihn dann von zwei Seiten angreifen. Der König, dessen Heer ruhig iin . Lager stand, beobachtete diese ihm anfangs unglaublich schei- ^ nendc Bewegung selbst von dem hochliegenden Schlosse des Dorfes Roßbach aus, stieg dann von diesem vergnügt herab, verzehrte sein Mittagsmahl mit vielem Appetite'), stieg um 1 Uhr wieder hinauf und ließ um 2 Vi Uhr die Zelte abbre- chen, was schnell und in der größten Ordnung geschah. Der General Seidlitz, welchen, obwol er der jüngste Reiter- general war, der König an die Spitze seiner gestimmten 38 Schwadronen Reiter gestellt hatte, rückte, dem Feinde durch A einen schmalen Höhenzug verdeckt, links ab. Der König folgte ebenso mit dem Fußvolke. Als die Feinde um 2 Uhr glaubten das preussische Heer bereits völlig umgangen zu haben, wurde auf Hildburghausens Andringen trotz der Gegenvorstellungen Soubises beschlossen noch an diesem Tage anzugreifen. Sie wendeten sich daher links, um den Preus- sen völlig in den Rücken zu kommen. Der König ließ sogleich auf dem Janushügel, dem höchsten Punkte des Höhenzuges, eine starke Batterie von 18 schweren Geschützen auffahren und die Spitzen der feindlichen Heersäulen beschießen, ohne sie dadurch aufzuhaltcn, als Seidlitz, welcher sah, daß er unbemerkt von den Feinden diese schon über- l ragte, plötzlich um 8/4 Uhr mit seinen 38 Schwadronen gegen Reichertswerben hervorbrach, die feindlichen 52 Schwadronen, ohne ihnen Zeit zum Aufmarschiren zu lassen, mit Ungestüm angriff und nach geringen Versuchen zur Gegenwehr völlig sprengte, so daß sie mit Verlust vieler Gefan- 1) Core IV. S. 236. Schlacht bei Roßbach. 89 gcnen bis über die Unstrut flüchteten, ohne wieder auf dem Schlachtfelde zu erscheinen. Dann zog er sich weiter links in den Rücken des feindlichen Fußvolkes, gegen welches der König, diesem ebenso unerwartet, mit 19 Bataillonen über den Höhenzug, der ihn verdeckt hatte, vorrückte, es links weit überflügelte und durch seine herangebrachten Geschütze in den dichten Heersäulen große Verwirrung anrichtete. Von ihrer Reiterei verlassen, von der preussischen im Rücken bedroht, auf ihrer rechten Seite überflügelt vom preussischen Fußvolke, ohne Raum und Zeit zum Entwickeln, versuchten die Feinde, noch in Heersaulen von großer Tiefe mit 50 Mann in der Front, gegen des Königs Fußvolk anzurückcn. Sie wurden mit furchtbarer Wirkung zuerst von dem wohlgelciteten preussischen Kartätschenfeuer, dann von dem raschen Feuer des Fußvolks empfangen, so daß, ehe eine Viertelstunde verging, zuerst die Vordersten, bald alle klebrigen in großer Unordnung die Flucht ergriffen. Diesen Augenblick nahm Seidlitz wahr, um mit der Reiterei in den Rücken der Feinde einzuhauen und deren Niederlage zu vollenden. Nur einige französische Brigaden suchten sich noch einmal zu setzen, wurden aber größtcntheils gefangen. Der feindliche linke Flügel, welcher an der Schlacht gar keinen Antheil genommen hatte, schloß sich dem Rückzuge an, den er vergeblich durch Reiterei zu decken suchte. Graf St. Ger- main, der mit seiner Heeresabtheilung unthätig auf der Höhe geblieben war, von der aus er am frühen Morgen die Preus- sen beschossen hatte, zog sich mit dem geschlagenen Heere, das er nur wenig deckte, nach Freiburg zurück. Der König ließ die ganze Linie seines Heeres zur Verfolgung des Sieges Vorgehen und erst bei cinbrechendcr Finsterniß Halt machen. Nur diese bewahrte das feindliche Fußvolk vor noch größerem Verluste'). Es waren nur 7 Bataillone des lin- I) Das von der Reichertswerbener Gemeinde im Jahre 1766 auf dem Janushügcl gesetzte Denkmal der Schlacht ist längst nicht mehr vorhanden. Die im Jahre 1786 auf Veranlassung des Prinzen Louis errichtete Denksäulc wurde 1806 nach Paris geschafft und den 30. März 1811 in die Seine gestürzt, wo sie noch liegen soll. Nach der Leipziger 90 Buch VIII. Zweites Hauptstück. ken preussischen Flügels zum Gewehrfeuer gekommen, und nur von 2 Bataillonen hatten der Mann je 12 — 15 Patronen, die übrigen fünf hatten noch weniger verschossen. Die Preussen verloren nur 165 Tobte und 376 Verwundete, ins- gcsammt 541 Mann. „Der Prinz Heinrich," schrieb Keith an seinen Bruder, „ist, obwol nicht gefährlich, verwundet ) worden. Diese Familie kann nicht lange leben, wenn der ! Krieg dauert, so sehr fetzt sie sich der Gefahr aus. Der König war auf dem gefährlichsten Posten')." Von Feinden fand man 6—700 Tobte auf dem Schlachtfclde, verwundet wurden über 2000, dazu über 5000 gefangen, unter denen ^ gegen 300 Officiere. Außerdem nahmen die Preussen 67 Geschütze, viele Fahnen, Standarten und Gepäck. „Gestern L. Nov. war Exemtion über die Executionsarmee," schrieb Bcren- ^ Horst an den Erbprinzen von Dessau. „Die Franzosen, die Oesterrcicher, die Kreisvölker haben so erstaunliche Schläge bekommen, daß es die Einbildung und die Wahrscheinlichkeit übersteigt. O glücklicher fünfter November! Ich habe diesem Siege nicht beigewohnt. Ich stritt mosaisch; denn ^ mein Gebet stieg von den Thürmcn bei Merseburg, welches unser Bataillon besetzt hatte, zum Himmels." Der König folgte den flüchtigen Feinden über die Unstrut, wobei seine Reiter noch viele Gefangene einbrachten und ihnen vier Geschütze und viele Munitionswagen, welche in Eckartsberga stehen geblieben waren, in die Hände sielen. Die weitere Verfolgung des Reichsheeres gegen Erfurt und der Franzosen gegen Mühlhausen hin wurde unthunlich bei der Eile der Flucht derselben, indem die Franzosen schon am 7., am zweiten Tage nach der Schlacht, das 10 Meilen von Roßbach entfernte Langensalza erreicht hatten. Gegen 12,000 Franzosen durchzogen in gänzlicher Auflösung, plündernd und verheerend, Thüringen und das Eichsfeld, und noch 12 Tage nach der Schlacht kamen täglich Versprengte durch Dingelstädt. Wie sehr diese Lchlacht ist ein neues Denkmal gesetzt worden. Rödenbeck Beiträge I. S. 299. 1) Zn Doveß Friedrich 17. Th. II. S. 400. 2) E. v. Bülo w auß dem Nachlasse von Berenhorsts II. S. 145. 91 Die Ocsterreicher in^Schlesien. Schlacht dazu beitrug, das Einverständniß der Feinde Friedrichs zu verringern, sieht man aus einem Schreiben Soubi- ses an den Kriegsminister Paulmy, in welchem er sagt: Vor allen Dingen müsse man theilweise die Ehre der Na-10. Rov. tion retten und alle Schuld auf die Kaiserlichen werfen'). Der König gab mehrere französische Ofsickere frei und äußerte, daß er sich nicht daran gewöhnen könne die Franzosen als seine Feinde anzusehen"), was Vieler Neigung für ihn nur vermehrte. Er konnte seinen Sieg nicht weiter verfolgen, übergab den Oberbefehl der bis über die Unstrut vorgerückten Truppen vorläufig dem Herzoge Ferdinand von Braunschweig, welcher bereits zum Befehlshaber des wieder auftretenden hannoverschen Heeres gegen die Franzosen bestimmt war, und ging mit dem übrigen Theile des Heeres nach Leipzig, um von hier nach Schlesien zu ziehen, wohin ihn die Be- drängniß des Herzogs von Bevern rief. Die Lage Schlesiens wurde von Tage zu Tage schwieriger und erforderte unumgänglich des Königs baldige Gegenwart. Schon am 12. Juli hatte der österreichische General- Kriegs-Commissar, vom Hauptquartiere Münchengrätz aus, in einem Patente den Schlesiern deck landesmütterlichen Schutz der Kaiserin zugesichert und sie aufgefordert, das Heer gegen Quittungen zu versorgen und sämmtliches in allen öffentlichen Kassen befindliche Geld dem Landescom- nnssar Sedlo v. Wrazcn anzuzeigen und abzuliefern'). Der ! König verbot darauf streng, dem Folge zu leisten. Da-22. Juli ! gegen erklärte die Kaiserin selbst ihren Unterthanen in 21. Sept. ! Ober- und Niederschlesien und der Grafschaft Glatz, daß der König von Preuffen den Frieden und die Verträge gebrochen, was ihr das Recht gebe die von ihr abgetretenen Länder wieder zu erobern, weshalb sie den Schlesiern und Glatzern ohne Unterschied d«r Religion ihren Schutz zusicherte, sie aufforderte ihrem Heere, welches strenge 1) Bei Stuhr l. S. 378. 2) Daselbst I. S. 236. 3) Kriegskanzlei 1757 Th. Hl. S. 157. 92 Buch VIII. Zweites Hauptstück. Mannszucht halten würde, allen Beistand zu leisten, und nichts als die gewöhnliches Kontribution und Lebensmittel für ihr Heer gegen Empfangscheine zu verlangen 'versprach'). Dagegen erließ der Herzog von Braunschweig- Bevcrn im Oktober Patente, in welchen er zur Treue gegen , den König ermahnte, und weil mehrere mit den ausgeschrie- denen Lieferungen und Leistungen für das preussische Heer ' zurückgeblieben, warnte er die Widerspänstigen, welche meinten, für den König sei Alles verloren, und bedrohte die Meineidigen mit der schärfsten Rache an Habe und.Gut, 2S. Oct. an Leib und Leben'). Der König selbst erließ ein Patent, ^ in welchem er die Schuld des Friedbruchs auf Oesterreich ' warf, an die Verfolgung der Protestanten.unter dessen Regierung erinnerte, wie auch, daß er keine neuen Auflagen gemacht und alle Lieferungen bezahlt, was die Oesterreichcr nie thäten —, sie ermahnte sich von der ihm schuldigen Treue nicht abwendig machen zu lassen, vielmehr dem Herzoge von Bevern zu gehorchen, den Oesterreichern Beistand l zu leisten verbot, ihnen seinen Schutz zusicherte und Unge- § horsame als Empörer zu bestrafen drohte'). Oestcrrcichische Hceresabtheilungen drangen indessen in Oberschlcsicn ein und bemächtigten sich der Grafschaft Glatz, außer der Festung. Ein ansehnlicher Theil der Bevölkerung, ohnehin der österreichischen Herrschaft zugeneigt, wurde wankend in der Treue gegen den König, dessen Sache für verloren galt. Der Herzog von Braunschweig-Bevern hatte bei den entgegengesetzten Ansichten seiner Unterfeldherren, von denen der eine das Heer nach Neiffe, der andere nach Glogau ziehen wollte, sich fortwährend so unentschlossen gezeigt, daß der König ihm bereits irgend einen Kriegsrath zu halten untersagt hatte. Unterdessen hatte der bald auf 30,000 Mann verstärkte Nadasdy Schweidnitz den 13. October eingeschlossen ! und belagerte es seit dem 26. October. Die Festung, welcher ^ 1) Kriegskanzlei 1757, III. S. 637. ! 2) Danziger Beiträge III. S. 515. ! 3) Kriegskanzlei 1757, III. S. 913. ! Die Oesterreicher in Schlesien. 93 stark zugesetzt wurde, vertheidigte sich anfangs tapfer. Der Herzog von Bevern beschloß endlich nach langem Hin- und Hcrschwankcn den ihn, gegenüberstehenden Herzog von Lothringen anzugceifen, um Schweidnitz zu entsetzen, als die Siegesnochricht von Roßbach ankam. Anstatt diese sofort mit dem dadurch neu geweckten Eifer der Truppen zu benutzen, wurde der Herzog wieder unschlüssig. Nun lief auch des Königs nachgesuchte Erlaubniß zum Angriffe ein. Der Herzog zauderte wieder zwei Tage, und als er dann eben angreifen wollte, kam den 14. November die Nachricht von der Uebergabe der Festung Schweidnitz. Nachdem die Preussen einen Sturm auf die Außenwerke theilweise glücklich abgeschlagen hatten, verloren der Commandant und der Befehlshaber der Truppen den Kopf und übergaben die Festung mit 6000 Mann, 180 Geschützen, großen Munitkonsvorräthen und einer Kasse von 230,000 Thalern. Nun hatten die Oesterreicher einen sichern Waffenplatz, waren Meister des Gebirges und der dahin führenden Pässe, und der Herzog Karl konnte, verstärkt durch das Nadasdysche Heer, mit seiner Uebermacht von 80,000 Mann den Herzog von Bevern angreifen, welcher ihm mit kaum 30,000 Mann gegenübcr- stand. Dennoch thak er das erst, als ihn der französische Gesandte Montazet dazu antrieb und er die Nachricht von dem Anmarsche des Königs erhielt. Der Herzog hatte seine Stellung an der Lohe bis zu deren Einflüsse in die Oder möglichst verschanzt und durch Verhaue gesichert. Am 22. November, an einem nebeligen Morgen rückte Nadasdy gegen den linken preussischen Flügel bei Kleinburg an. Zieten warf ihn jedoch durch einen plötzlichen Angriff zurück, hieb eine Grenadiercompagnie nieder und eroberte 13 Kanonen. Nun gingen die Oesterreicher im Centrum an mehren Punkten mit großer Ueberlegenheit vor und drängten die Preussen trotz der tapfersten Gegenwehr zurück, während der rechte preussische Flügel bei Pilsnitz alle Angriffe abschlug, so daß der Herzog eine neue Stellung bei Gandau nehmen und sich dort bis zum Einbrüche der Nacht behaupten konnte. Er eilte nun sehr thätig nach dem siegreichen linken Flügel und verabredete dort mit dem General 94 Buch VIII. Zweites Hauptstück. Zielen, daß dieser um Mitternacht mit der Reiterei den rechten Flügel der Oestcrreicher angreifen solle, während er, der Herzog, mit den Truppen um Gandau den linken angreifen würde. So hoffte er die Feinde wieder über die Lohe zurücktreiben zu können. Als er jedoch nach Gandau zurückkehrte, ^ fand er, daß .die von ihm dort aufgestellten Truppen aus ^ einer noch bis jetzt nicht aufgeklärten Veranlassung') nach Breslau zurückmarschirt waren. Nun blieb nach des Herzogs Ansicht nichts weiter übrig, als nach Verlust von etwa 23. Nov. 9000 Mann in der Schlacht sich mit den ihm noch übrigen 18,000 Mann nach Breslau zurück und auf das rechte Oderufer zu ziehen, um sie über Glogau dem Könige zuzuführen. Eben hatte der König den Befehl ausgefcrtigt, der Herzog solle in Breslau bleiben und mit seinem Kopfe dafür stehen, daß die Stadt binnen 14 Tagen nicht übergeben werde"). Dieser ließ 5000 Mann unter dem General Lestwih f in Breslau zurück, mit dem Befehle die Festung bis auf ! das Aeußerste zu vertheidigcn, und marschirte die Oder hinab. Am 24. Abends stieß er, nur von einem Reitknechte beglei- ^ tct, auf einen österreichischen Vorposten und wurde gefangen"). Der General Kyau führte nun das sehr entmuthigte Heer nach Glogau, während Zielen dessen Rückzug deckte, ; welcher von den Oesterreichcrn, die sich unter General Beck ^ auch schon auf dem rechten Oderufer befanden, nicht erschwert ^ wurde. H 24. Nov. An demselben Tage, an welchem der Herzog von Bevern ^ in die Hände der Oestcrreicher fiel, übergab Lestwitz, welcher h den Kopf völlig verloren, den Oestcrreichern ohne Gegen- i wehr Breslau mit 98 Geschützen und vielem Kriegsbedarf E unter Bedingung des freien Abzugs der Besatzung, welche ^ 1) S. auch den Bericht bei Henckel I. S. 374. ^ 2) Schöning Artillerie II. S. 355. f 3) Man hat fast allgemein geglaubt, der Herzog habe sich absicht- s lich gefangen nehmen lassen, und das ist nach dem, was Retzow l. ^ S. 234 darüber äußert, auch wahrscheinlich, ungeachtet es der übrigens ^ sehr glaubwürdig« Gaudy, welcher sich aber nicht bei dem Heere des » Herzogs, sondern bei dem des Königs befand, bestimmt in Abrede stellt. Schlacht bei Breslau. 95 der schwache Alte seinem Könige erhalten wollte'). Es wurde ! das den Soldaten nicht einmal bekannt gemacht; diese, fast ! sammtlich gcborne Schlesier, denen eingeredet wurde, ihr l Land sei nun doch für den König verloren und sie würden ! ihre Heimat nicht Wiedersehen, die dazu fürchteten in harte f Gefangenschaft zu gerathen, wurden aufsässig. Die Solda- > ten eines ganzen Bataillons auf der Hauptwachc gingen l noch vor dem Einrücken der Oesterreicher zu diesen über, indem sie die Gewehre und Posten im Stiche ließen. Die übrigen folgten ihnen fast sammtlich, indem sie von den Oesterreichern noch Geld dazu erhielten, so daß von 4288 Mann der Besatzung außer 120 Officieren nur 471 Mann25. Nov. ausrückten, welche sich nachher ebenfalls noch zum Theile verliefen. In Breslau zeigte sich besonders die Stimmung der Katholiken für Maria Theresia. Um das Vertrauen der Protestanten zu erwerben, wurde ein reformirter General zum Gouverneur, ein lutherischer zum Commandanten ernannt. ! In den Kirchen aller Glaubensbekenntnisse wurde feierlicher ! Dankgottesdienst gehalten. Der Inspector Burg stellte die ^ rechte Andacht einer Stadt vor, welche Gott wieder unter > den Sccptcr führt, unter dem ehemals ihre Vorfahren glücklich gewesen, so daß er keiner Partei Anstoß gab. Der Eccle- siast Weinisch dagegen verglich Breslau mit einer verlaufenen Magd, zu welcher Gott sagte, wie ehemals zu Hagar: „Kehre wieder um zu deiner Frau und demüthige dich unter ihrer Hand!" worauf er mit den Worten des Evangeliums: „Gelobt sei, der da konimt im Namen des Herrn!" eine etwas plumpe Anwendung auf die österreichische Regierung machte^). In der Domkirche hielt der Bischof, Graf Schaffgotsch, in eigener Person das feierliche Hochamt in Gegenwart des Herzogs von Lothringen und der österreichischen Generale. Dieses Benehmen des uns bereits als leichtsinnig und charak- 1 terschwach bekannten Grafen Schaffgotsch, welcher dem Könige 1) S. Bericht des Grafen Golz in Schönings Artillerie II. S. 358. 2) So die glaubwürdige Nachricht des Oberconsistorialraths Ger- ! hard in Menzels topographischer Chronik von Breslau II. Nr. 97, ! S. 746. 96 Buch VIII. Zweites Hauptstück. außer vielen andern Gunstbezeigungen es auch allein verdankte, daß er, bei dem lebhaften Widerstreben des gesäumten Domkapitels und der Katholiken überhaupt, das reiche Bisthum erhalten hatte, fiel doch ungemein auf und wurde ihm sehr übel ausgelegt, auch sein Betragen durch mancherlei Erdichtungen und Mißverständnisse noch mehr entstellt'). Er war als katholischer Bischof natürlich sehr bald in mancherlei schwierige Verhältnisse mit Friedrich ll. gekommen, welcher die von ihm in Anspruch genommenen fürstlichen Rechte nicht zu beschränken geneigt war. Schon daß er nicht sogleich nach der vom Könige mit so vieler Mühe erwirkten päpstlichen Bestätigung seiner bischöflichen Würde zur Huldigung nach Berlin kam, hatte der König sehr übel genommen, weil er das als Verletzung der Schicklichkeit ansah °). Es war wol durch beiderseitige Nachgiebigkeit und durch die wohlwollende und kluge Vermittelung des geistreichen Papstes Benedict XIV. vieles zur gemeinschaftlichen Zufriedenheit ausgeglichen worden. Man entnimmt indessen aus des Bischofs gesammtem Verfahren, daß er vorzugsweise bemüht war mit dem Papste und der katholischen Kirche in ein gutes Vernehmen zu kommen und so eine seines hohen Amtes würdige Stellung einzunehmen. Allein zweien Herren zu dienen ist ohnehin schwer; in des Bischofs Lage mußte es zur Unmöglichkeit werden. Eine sehr lebhafte Verstimmung war zwischen dem Bischof und dem Könige entstanden, als dieser durch ein Edict vom 21. Zuni 1753, mit Aufhebung aller dem zuwiderlaufenden Synodalstatuten und bischöflichen Verfügungen, allen Ordensgeistlichen — als bürgerlich todt — untersagte, Testamente zu machen und Erbschaften oder andere Vorlheile zu erwerben, welche vielmehr an deren nächste Verwandte fallen sollten. Alle Vermächtnisse von über 500 Thaler an fromme und geistliche Stifte, außer an Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser, an die Barmherzigen Brüder und die Elisabethinerinnen, wurden bei hoher 1) Menzel XI. S. 329. 2) Seine Schreiben an Schlabrcndorf bei Preuß Urkundenbuch V S. 11V vom 25. Mai und 8. Zuni 1748. 97 Graf Schaffgotsch, Bischof von Breslau. Strafe verboten; deshalb sollten alle Testamente, Codicille und Schenkungen, in denen etwas an fromme Körperschaften vermacht wurde, der Regierung zur Einsicht und Bestätigung vorgclcgt werden. Alle Bemühungen des Papstes und des Bischofs, den König zur Zurücknahme dieser der katholischen Kirche sehr nachtheiligen Verfügung zu bewegen, waren vergeblich. Der König wurde noch aufgebrachter, als er bemerkte, daß der Papst in dem Breve über Verminderung der Feiertage in Schlesien auf Veranlassung des Bischofs geäußert hatte, er habe sich zum Erlasse desselben in Erwägung der unglücklichen Zeiten in Schlesien bewogen gesehen, welche cs erheischten, daß die armen Leute mehr Zeit zum Arbeiten gewännen. Friedrich warf im Jahre 1754 dem Bischöfe geradezu vor, dieser nehme sich heraus die königlichen Majestätsrechte in Schlesien in Betreff der Angelegenheiten der katholischen Geistlichkeit zu untergraben. Er bezeigte dem Bischof sein Mißfallen über dessen undankbares Betragen und drohte ihm mit den Mitteln, ihn zu seiner Pflicht zurückzuführen. Er befahl alle bischöflichen Erlasse so wie alle päpstlichen Bullen und Breven vor dem Drucke dem dirigircnden Minister in Schlesien zur Genehmigung vorzulegen. Der Bischof gerieth darüber dermaßen in Angst, daß er sich nach seinem Schlosse Johannisberg im österreichischen Schlesien zurückzog, von wo er dem Papste alles mittheilte und die Besorgniß ausdrückte, vom Könige entweder vertrieben oder in eine Festung gesperrt zu werden, welches das gewöhnliche Ende unter dieser Herrschaft sei. Er bat den Papst für den Fall, daß er aus Schlesien vertrieben werden solle, wos sicherlich nicht fehlen werde, ihn in Rom unterzubringen und ihm für den Rest seiner Tage ein kleines Unterkommen anzuwcisen. Er kehrte nun zwar bald wieder nach Breslau zurück. Das Edict über die Vermächtnisse wurde nicht streng beobachtet. Das gute Vernehmen mit dem Könige schien wieder hergcstellt und noch im Frühjahre 1756 hielt sich der Bischof mehre Wochen hindurch in Berlin auf. Er hatte jedoch die Zähne des Löwen zu sehr in der Nähe gesehen, um nicht in fortwährender Angst zu schweben. In einem Schreiben vom 22. September Stenzel, Gesch. d. Prcussisch. Staats. V. 7 98 Buch VIll. Zweites Hauptstück. 1757 gab ihm der König bereits, man weiß nicht aus welchem Grunde, Mißtrauen und Verdacht der Untreue zu erkennen und ließ den bischöflichen Hofkanzlcr Romberg verhaften'), und als nun nach der Schlacht an der Lohe und der Einnahme Breslaus durch die Oestcrreichcr Schlesien ziemlich j allgemein als für Preuffcn verloren angesehen wurde, wendete sich der schwache charakterlose Mann schmiegsam auf die Seite der Sieger und suchte durch Zeichen der Ergebenheit diese für sich zu gewinnen, welche ihm wegen seiner frühem Verhältnisse zu Friedrich sehr abgeneigt waren"). Natürlich mußte das Benehmen des Kirchcnfürstcn einen großen Eindruck auf die den Ocsterrcichcrn ohnehin geneigte katholische Bevölkerung Schlesiens machen und bei der damit überhand nehmenden Niedergeschlagenheit der Evangelischen dem Könige die Behauptung und Wicdercroberung des Landes erschweren. Die Oestcrreichcr dachten nur daran in Schlesien sichere Winterquartiere zu halten, was die Franzosen sehr verdroß, welche die ihnen immer nöthigcr werdenden Rücksichten für sich in Anspruch nahmen, aus Besorgniß, der König könne sich gegen sie wenden und ihre Winterquartiere in Nieder- sachsen überfallen. Friedrich hatte jedoch, wie wir sehen wcr- 1) Menzel XI. S. 317. 2) Am ausführlichsten und gründlichsten aus den Acten Menzel XI. S- 301 ff., wo namentlich S. 329 recht scharfsinnig die Veranlassung vieler unbegründeten Volksgerüchte über das Benehmen des Bischofs, namentlich nach der Einnahme Breslaus durch die Oesterreicher, nachgewiesen wird. Was die unterlassene Anlegung des schwarzen Ad- lerordens bei dem Hochamte nach der Eroberung Breslaus angeht, so bemerke ich noch, daß der Bischof den II. Februar 17-19, nachdem er ihn erhalten, dem Papste versicherte, daß dieser Adler nie auf seinem Kleide gesehen werden solle, wenn er öffentliche Functionen als Bischof verrichten werde, was der Papst billigte und ihm 8. März einschärste, den Orden auch nicht wenn er im Talar gekleidet, sondern nur in der gewöhnlichen kurzen Kleidung bei allen gleichgültigen Handlungen zu tragen, die nichts mit der Kirche zu thun hätten, was der Bischof I. April versprach. Lheiner Zustände der katholischen Kirche in Schlesien II. S. 18, 50 und 51 und Urkund. S. 335. Wahrscheinlich hat der Bischof daher den schwarzen Adlcrordcn überhaupt niemals bei seinen Amtsvcr- richtungen getragen, was auch so wenig wie bei andern Geistlichen zur besonderer Erbauung der Gemeinde gedient haben würde. » 99 Friedrich wendet sich nach Schlesien. den, bereits dafür gesorgt, daß die ihm wenig gefährlichen Franzosen beschäftigt wurden, und wendete sein Hauptaugenmerk auf die Ocstcrrcichcr in Schlesien als seine Hauptgcgner. Er war während der erzählten Vorgänge in Schlesien mit höchstens 14,000 Mann von Leipzig in Eilmärschen dahin aufgcbrochcn, zunächst um Schweidnitz zu entsetzen. Der Fcldmarschall Kcith mußte 2500 Mann unter dem Prinzen Heinrich, welcher wegen seiner bei Roßbach erhaltenen Wunde in Leipzig zurückblicb, an der Saale stehen lassen und selbst mit 6000 Mann gegen Leitmcritz in Böhmen cinbrcchen, die feindlichen Magazine zwischen der Elbe und Egcr zerstören, Kricgsstcuern ausschreibcn und dadurch den österreichischen General Marschall bestimmen, aus der Gegend von Bautzen und Zittau nach Böhmen zurückzugehcn und dem Könige den Weg durch die Obcrlausitz offen zu lassen. Das gelang vollständig und war um so wichtiger, als der König, bei der nothwcndigcn Beschleunigung des Marsches, dem Mangel an Magazinen und den sehr Übeln Wegen, in der rauhen Jahreszeit von der gewöhnlichen Verpflcgungswckse der Truppen abgchen und sie in den der Marschlinie nächsten Ortschaften untcrbringcn mußte. Als er in Bautzen von dem Herzoge 21. Rov. von Bevern die Nachricht von der Uebcrgabe der Festung Schweidnitz erhielt, schrieb er diesem aufgebracht: „Die Umstände zwingen mich, daß ich Ihnen ohne die wrmos zu mosurirsn sagen muß, daß es Ihr erster Fehler gewesen ist sich durch Entsendungen zu sehr zu schwächen. Ich bin heut in Bautzen und marschkrc gerade auf Breslau. Sie müssen mir mit Ihrem Kopfe r^poncliron, daß Sie Sich von dem Feinde nicht weiter rückwärts zwingen, Sich aber auch von demselben keinen Marsch vorwärts abgcwinnen lassen, sondern demselben, sobald er gegen mich aufbricht, gleich auf den Hals gehen und ihm in den Hacken sitzen." Der König gab dem Herzoge unter strengstem Befehle des Geheimhaltens genau den Tag seiner beabsichtigten Ankunft in Jauer an, daß er aussprengen werde, er wolle Schweidnitz nehmen und den Feind von seinen Magazinen abschncidcn, während er demselben vielmehr wirklich in die Flanke gehen und ihn, wenn dann der Herzog vorn angreifen würde, nach der Oder 7 * 100 Buch VNI. Zweites Hauptstück. hkndrä'ngen wolle. Er verbot dem Herzoge ausdrücklich, Rücksprache mit den Generalen zu nehmen, befahl ihm selbst gute Anordnungen zu treffen und jeden General bei Lebensstrafe zur genauen Vollziehung derselben anzuhalten'). Noch ehe dieser Befehl ankam, war der Herzog bereits bei Breslau geschlagen und hatte das linke Oderufer ge- 25. Nov. räumt. Der König erfuhr das in Naumburg am Queis. Er hoffte noch, der alte General Lestwitz werde Breslau auf das Aeußerste verthcidigen, und befahl dem Herzoge von Bevern eiligst mit dem Heere nach Breslau zurückzukehren, cs koste was cs wolle, und sich absolut nicht zu ergeben. Bald darauf erhielt er die Nachricht von der Ucbcrgabe Breslaus und der Gefangenschaft des Herzogs. „Alle diese Unglücksfälle haben mich nicht niedergedrückt," schrieb der König sei- 30. Nov. nem Bruder Heinrich von Parchwitz aus, indem er ihm Nachricht von den Vorgängen gab. „Ich werde mich morgen mit dem Bevernschen Heere, jetzt unter Zicten, vereinigen und dann mit 36,000 Mann geradezu den Feind an- greifen, welcher nicht über 39,000 Mann stark fein kann. Wenn das Glück mich begünstigt, was bis zum 6. Decembcr entschieden sein muß und wozu ich mich mit schwerem Geschütze aus Glogau verstärke, so werde ich Breslau und Schweidnitz wieder nehmen und in Schlesien Alles wieder in Ordnung bringen, aber weiter werde ich in diesem Feldzuge nichts thun können und auch das nur mit vieler Mühck)." Er hatte seine Anstrengungen verdoppelt. Um sich mit dem geschlagenen Heere vereinigen zu können, war er nicht mehr wie bisher täglich drei, sondern zuletzt vier Meilen mar- schirt. Nach 16 Tagen (einschließlich dreier Ruhetage) war er in dem 41 Meilen von Leipzig entfernten Parchwitz, 7 Meilen von Breslau angckommen, ein in solcher Jahreszeit bei den äußerst schlechten Wegen damals unerhört schneller Marsch. Der Herzog Karl von Lothringen hatte cs versäumt ihm den Uebergang über die Katzbach zu verwehren und so die Vereinigung mit dem Bevernschen Heere, das von Glogau kam, streitig zu machen, was bei seiner Ucbermacht 1) Bei Schöning Gesch. der Artillerie H. S. 71. 2) Bei Schöning Siebenjähriger Krieg. I. S. 94. Friedrich in Parchwitz. 101 leicht gewesen wäre und ihm wahrscheinlich die Winterquartiere in Schlesien gesichert hätte. Die in Parchwitz befindlichen 800 Ocsterrcicher wurden von den Preussen überrascht und die Brücke über die Katzbach gerettet. Der König sah sehr wohl ein, daß er die Oesterreicher unvcrwcilt angreifcn und aus Schlesien vertreiben, oder den Besitz dieser Provinz für immer aufgeben müsse. Er ließ seine Truppen sich von den angestrengten Märschen etwas erholen, um das 18,000 Mann starke Bcvernsche Heer zu erwarten, über welches er Zielen den Oberbefehl gegeben hatte, der ihm dasselbe nun in Eilmärschen über Glogau nach Parchwitz zuführte, wo es den. 1. Decembcr anlangtc und seine laute Freude kundgab wieder unter dem siegreichen großen Könige zu stehen. Zog doch selbst aus dem Lager der Ocsterrcicher der Zauber seines Namens eine große Menge von Uebcrläufcrn in sein Lager. Sein Heer bestand nun etwa aus 32,000 Mann, wobei 11,000 Reiter mit 167 Geschützen, worunter 71 Stück schwere, von denen Zielen auf Retzows Rath, ungeachtet der Schwierigkeiten des Transports, hatte 17 aus Glogau mitbringen müssen, worauf der König bei der Schwäche seiner Truppcnzahl ein großes Gewicht legte. Er hatte keine Zeit zu verlieren. Als er erfuhr, daß die Ocsterrcicher in der sehr festen Stellung zwischen der Lohe und Breslau ständen, welche früher der Herzog von Bevern eingenommen, schrieb er seinem Bruder Heinrich: „Uebermorgcn werde ich I. Dcc. geradezu gegen den Feind aufbrcchen und ihn in seiner Stellung, hinter Lissa, mit so vielem Nachdruck und Feuer als Vorsicht und zweckmäßiger Anordnung angreifcn. Ich sehe mich gcnöthigt das gefahrvolle Wagniß zu unternehmen; doch hoffe ich, cs werde, wenn auch nicht ohne Mühe und Glück, gelingen. Dann werde ich sogleich Breslau wieder nehmen und mich dann bemühen, Schweidnitz wieder in meine Gewalt zu bekommen. Ein gutes Stück Arbeit bis zum Anfänge des Januar!"') Es war ein Entschluß der Verzweiflung, von dem auch die muthigsten seiner Generale einen günstigen Erfolg kaum für möglich hielten. Er war I) Schöning Siebenjähriger Krieg I. S. 96, 97. 102 Buch VIII Zweites Hauptstück. aber so fest entschlossen unter allen Umständen die Oester- reicher anzugrcifcn, daß er sagte, er werde es thun, und wenn sie auch auf den Kirchthürmen von Breslau oder auf dem Zobtcn ständen. Er traf dann zu dem höchst gefährlichen Unternehmen die nöthigcn Vorbereitungen und An- ^ ordnungcn. Zunächst suchte er den Muth, vorzüglich der bei Breslau geschlagenen, ihm von Zictcn zugcführtcn Truppen zu heben- Er faßte die Ofsicierc bei dem Ehrgefühle, indem er mehrere derselben zu höhcrn Rangstufen beförderte, sie an ihre frühem Thaten erinnerte und auch durch Wein erheiterte, um ihre trüben Vorstellungen zu verscheuchen. Den Soldaten ließ er reichlich! Lebensmittel austhcilcn, sprach ihnen zu und that, was er nur ersinnen konnte, um das alte Sicgsvcrtrauen wieder zu erwecken. Die Ansprache der von Roßbach kommenden Truppen trug nicht wenig dazu bei, die bei Breslau geschlagenen Soldaten mit dem Gedanken zu erfüllen, den Schimpf der Niederlage bei erster Gelegenheit abzuwaschcn und sich ihren Kriegsgenosscn wieder gleich zu stellen. * Des Königs eigenes Beispiel unerschütterlichen Muthcs und Selbstvertrauens leuchtete Allen vor. Nachmittags den 3. Deccmber vor dem Abmarsche von Parchwitz sprach er zu den deshalb um ihn versammelten Generalen und Stabs- ofsicicrcn von den erlittenen Unglücksfällen, daß er aber dennoch ein unbegränztes Vertrauen zu ihrem Muthe und ihrer Standhaftigkeit und Vaterlandsliebe habe, die sie so oft bewiesen, wie er mit inniger Rührung anerkenne. Es sei fast Keiner unter ihnen, der sich nicht durch große ehrenvolle Thaten ausgezeichnet hätte; er schmeichle sich daher, daß sic bei vorfallender Gelegenheit nichts an dem würden mangeln lassen, was der Staat von ihrer Tapferkeit zu fordern berechtigt sei. Dieser Zeitpunkt rücke heran. Er würde glauben nichts gethan zu haben, wenn er die Ocstcrreichcr im Besitze von Schlesien ließe. „Ich werde," fuhr er mit dem ihm cigcnthümlichcn durchdringenden Feuer fort, „gegen alle Regeln der Kunst das fast dreimal stärkere Heer des Herzogs Karl angreifcn, wo ich cs finde. Es ist hier nicht die Frage nach der Zahl der Feinde oder nach der Wichtigkeit Friedrich vor Leulhen. 103 ihres gewählten Postens; alles das, hoffe ich, wird die Herzhaftigkeit meiner Truppen und die richtige Befolgung meiner Anordnungen zu überwinden suchen. Ich muß diesen Schritt wagen, oder es ist Alles verloren. Wir müssen den Feind schlagen, oder uns alle vor seinen Batterien begraben lassen. So denke ich, so werde ich handeln. Machen Sie diesen meinen Entschluß allen Of- ficicrcn des Heeres bekannt; bereiten Sie den gemeinen Mann zu den Austritten vor, welche bald folgen werden. Kündigen Sie ihm an, daß ich mich berechtigt halte unbedingten Gehorsam von ihm zu fordern. Wenn Sie bedenken, daß Sie Preusscn sind, so werden Sie sich gewiß dieses Vorzugs nicht unwürdig machen. Ist aber Einer, der sich fürchtet alle Gefahren mit mir zu theilcn, der kann noch heute seinen Abschied erhalten, ohne von mir den geringsten Vorwurf zu leiden." Er hielt etwas inne. Eine heilige Stille herrschte. Die Worte des Königs hatten die Begeisterung aller Zuhörer geweckt; er sah cs an ihren Zügen und fuhr dann mit freundlichem Lächeln fort: „Schon im Voraus hielt ich mich überzeugt, daß Keiner von Ihnen mich verlassen würde, ich rechne also ganz auf Ihre treue Hülfe und den gewissen Sieg. Sollte ich bleiben und Sie für Ihre geleisteten Dienste nicht belohnen können, so muß cs das Vaterland thun. Gehen Sie in das Lager und wiederholen Sie Ihren Regimentern, was Sie jetzt von mir gehört haben." Dann von dem Eindrücke, den seine Worte gemacht hatten, überzeugt, sprach er als König: „Das Cavallcrieregiment, welches nicht sogleich, wenn es befohlen wird, sich unaufhaltsam auf den Feind stürzt, lasse ich sogleich nach der Schlacht absitzen und mache es zu einem Garnisonregimente. Das Bataillon Infanterie, das, es treffe worauf es wolle, zu stocken anfängt, verliert Fahnen, Säbel und Borten der Montirung. Nun, meine Herren!" endete er, „leben Sie wohl; in Kurzem haben wir den Feind geschlagen, oder wir sehen uns nicht wieder!"') Als Friedrich dann gegen Abend durch das Lager ritt und sich mit Einzelnen jedes Regiments freundlich untcr- I) Retzow l. S. 210 ff. 104 Buch VIII. Zweites Hauptstück. hielt, drängten sich die alten Krieger treuherzig um ihren König, unter dem sie so manche Schlacht gewonnen, und bethcuertcn unter derben Schwüren, sie würden die Oester- reicher, und wenn sie den Teufel um sich hätten, dennoch aus ihren Schanzen schmeißen, wenn Er sic führe. Zu einem Hommerschen Regimente von bekannter Tapferkeit sagte er: „Nun, Kinder, wie wird's aussehcn? Der Feind ist noch einmal so stark als wir!" „Das laß gut sein," antworteten ! die Braven, „cs sind doch keine Pommern drunter! Du weißt ja wohl, was die können!" „Freilich weiß ich das/ erwiderte der König, „sonst könnte ich die Schlacht nicht liefern. Nun schlaft wohl. Morgen haben wir also den Feind geschlagen, oder wir sind alle todt!" „Za wohl," ^ wiederholte das Regiment, „todt oder die Feinde geschlagen!" ? Die Begeisterung, welche der König cingcflößt hatte, ! ergoß sich bald durch das ganze Heer. Lauter Zubel ertönte im Lager. Die Alten reichten sich die Hände, versprachen ! einander treulich beizustehn und beschworen die jüngcrn Sol- l datcn den Feind nicht zu scheuen, ihm vielmehr dreist unter *> die Augen zu treten. Alle Vorstellungen der Gefahr verschwanden, und allgemeine Zuversicht verbreitete sich als gün- '1. Dec. stiger Vorbote eines nahen Sieges. So brach das Heer von Parchwitz nach Ncumarkt auf. ^ Der Herzog Karl von Lothringen befand sich dem Kö- ^ nigc gegenüber in der günstigsten Lage, im Besitze von ; Breslau und Schweidnitz und damit des größten Theils von Schlesien, in einer an sich sehr festen und noch durch Kunst verstärkten Stellung an der Lohe, mit einem Heere > von 80—90,000 Mann erprobter und seit Kolin durch erfochtene Siege crmuthkgtcr Soldaten unter tüchtigen Un- ' terfeldhcrrcn. Die vier im Rücken seines Heeres befindlichen Festungen, Bricg, Koscl, Neissc und Glatz, mußten schon ! aus Mangel an Lebensmitteln fallen, wenn er die Winterquartiere in Schlesien behaupten konnte. Zu diesen hatte er ! bereits Anordnungen getroffen, indem das kleine prcussischc Heer nur als „Berliner Wachtparade" verspottet wurde und I völlig gefahrlos schien. Die Oesterrcicher hatten sich einer I so behaglichen Sicherheit hingcgcbcn, daß sie das geschlagene Lage der Oesterreicher. 105 Bevernsche Heer fast gar nicht verfolgten. Als die Nachricht von dem Anmarsche Friedrichs nach Schlesien kam, wurden deshalb dagegen keine ernstlichen Vorkehrungen getroffen, weil man gar nicht glaubte, daß er mit seinem schwachen Heere in der vorgerückten Jahreszeit wagen würde etwas Ernstliches zu unternehmen, fast noch weniger, daß er so unglaublich schnell ankommen würde, als es geschah. Hierzu kam, daß der als Mensch sehr achtbare, tapfere und von den Truppen, für deren Verpflegung er sehr besorgt war, geliebte Herzog von Lothringen, wie er sehr leicht von kriegerischem Aufschwünge zur völligen Abspannung überging, so auch den Rathschlägen derjenigen zu leicht folgte, welche cs verstanden sich seine Gunst zu erwerben. Überhaupt fehlte ihm hinlänglich ruhige Besonnenheit und Uebcr- sicht zum Entwürfe, sowie die nöthige Festigkeit im Handeln. Unter ihm, und gewissermaßen ihm zur Seite, stand der höchst besonnene, überlegte, methodische und charakterfeste Daun, der Sieger von Kolin, der als Retter der Monarchie in hohem Ansehen stand und, sich seines überlegenen Feldherrntalentes sehr wohl bewußt, mit Recht den Oberbefehl erstrebte, welcher ihm wirklich vor dem begünstigten Schwager der Kaiserin, der allgemeinen Meinung nach, auch gebührte. Beide Feldherren waren daher auf einander eifersüchtig, schon fortwährend uneinig über die zu ergreifenden Maßregeln gewesen. Es trat das wieder recht deutlich hervor, als auf die Nachricht von der Annäherung des Königs der Herzog, aus seiner Sicherheit aufgcschreckt, einen Kricgs- rath berieft). Der vorsichtige Daun wollte in der festen Stellung hinter der Lohe verharren, worin ihm vorzüglich der obwohl äußerst tapfere General Serbelloni mit Eifer und Nachdruck beistimmte, weil Zaudern jetzt nothwcndiger und zweckmäßiger sei als je. Andere meinten, man müsse bis an die Weistritz vorrücken und hinter diesem ebcn- 1) Kutzen sagt S. 40: nach der Ankunft des Königs in Parch- witz, — was nicht wahrscheinlich ist; wol sicher früher. Ich kann nicht sagen, schreibt ein Prediger aus Breslau, wie groß die Furcht, nicht »°r des Königs Armee, sondern vor dem König allein war. Kriegskanzlei von 1758 I. S. 205. 106 Buch VIII. Zweites Hauptstück. falls leicht zu verteidigenden Flusse den Angriff des Königs abwarten. Der Herzog aber trat dem General Lucchefi und der Mehrzahl der Mitglieder des Kriegsraths bei, welche es unter der Würde der österreichischen siegreichen Waffen hielten mit einem furchtbaren Heere vor einer Handvoll Volkes stehen zu bleiben. Dem Herzoge Karl schmeichelte cs, nicht allein dem Feldzuge, sondern dem ganzen Kriege durch eine offene Fcldschlacht ein Ende zu machen und die Lorbeeren zu erringen, welche ihn vier gegen den König verlorne Schlachten nicht hatten gewinnen lassen. Es bestimmte ihn noch mehr ein Schreiben, welches er eben von seinem Bruder, dem Kaiser, erhalten hatte, in welchem ihn dieser aufmuntertc Alles anzuwenden, um durch unausgesetzte Angriffe das prcussische Heer möglichst zu schwächen, weil die mit Oesterreich verbündeten Mächte rücksichtlich der De- müthigung Preussens nicht einig wären und Maria Theresia sonst Schlesien nicht zurückerhaltcn würde. Der Herzog beschloß daher dem Könige ungesäumt nicht nur über die Lohe, sondern auch über die Weistritz cntgegenzurücken. Es wurde in der Erwartung, der König werde auf seinem Marsche länger verweilen, die Fcldbäckcrci nach Neumarkt vorausgeschickt und dort Vorkehrung zur Absteckung eines Lagers getroffen, und das Heer selbst ging 4. Dec. bei Lissa über die Weistritz. An demselben Tage war, wie wir sahen, der König auch seinerseits von Parchwitz gegen Ncumarkt vorgerückt. Er ritt wie gewöhnlich mit den Husaren auf der großen Landstraße voraus, als er erfuhr, daß Neumarkt von Kroaten besetzt und die Feldbäckerei dort eingerichtet sei. Es lag ihm viel daran eine Höhe, von ihm aus jenseits Ncumarkt, nach Lissa hin besetzen zu können. Weil indessen sein Fußvolk noch zurück war, so ließ er sogleich einige Schwadronen der Husaren absitzen und von ihnen die Stadtthore sprengen. Er bemächtigte sich der Stadt, griff die sich zurückziehenden Oesterreichcr nachdrücklich an, tödtcte 100 Mann, nahm 600 Gefangene, und eine Kanone und die Feldbäckerei mit 80,000 Brotportionen fiel in seine Hände. Er erfuhr nun mit Gewißheit, daß die Oesterreichcr ihr Lager an der Lohe verlassen hätten und ihm ! Vorrücken der Oesterreicher. 107 cntgcgcnrücktcn. Er ließ sogleich seinen Vortrab noch eine halbe Meile über Ncmnarkt Hinausrücken und das Heer bei dem Städtchen selbst lagern. Als er Abends um acht Uhr das Vorgehen der Oesterrcichcr auch über die Wcistritz erfuhr, konnte er seine Freude nicht verbergen und sagte bei dem Austhcilcn der Parole lächelnd zum Prinzen Franz von Braunschwcig: „Der Fuchs ist aus seinem Loche gegangen, nun will ich auch seinen Uebermuth bestrafen." Er crthcilte sogleich die nöthigen Befehle, um früh am nächsten Tage aufzubrcchcn, in der Ueberzcugung, daß ihm die Oesterreicher cntgcgcnkommcn und eine Schlacht anbictcn würden. Der Herzog Karl aber beschloß auf die Nachricht von der Ankunft des Königs in Ncumarkt, sein Heer 2^ Meile davon Halt machen zu lassen. Am folgenden Tage, sehr früh, 5. Dcc. stellte er sein 80—90,000 Mann starkes Heer mit 210 leichten Geschützen so auf, daß dasselbe in der Ausdehnung von mehr als einer deutschen Meile von Nipcrn über die große Breslauer Landstraße bei Frobelwitz nach Lcuthcn bis Sagschütz unfern der Weistritz reichte. Das prcussische 32,000 Mann starke Heer, mit 96 leichten und 70 schweren Geschützen, brach frohen Muthcs von Ncumarkt auf, indem die Soldaten unter Begleitung der Feldmusik ^geistliche Morgenlicder sangen. Die Nachricht, der Feind sei vorgerückt und die Schlacht nahe, erregte allgemeine Freude. Die Preussen konnten kaum den Augenblick des Angriffs erwarten. Der Monatstag des Sieges bei Roßbach galt ihnen als gute Vorbedeutung. Hinter Borna auf der Landstraße Istand der Graf Nostitz mit fünf Reiterregimentern, unter welchen drei der sächsischen Regimenter waren, welche bei Kolin den Ausschlag gegeben hatten und jetzt zu spät gekommen waren, um Ncumarkt zu verthcidigen. Als Nostitz eben ansing sich zurückzuzichn, griffen ihn die preussischcn Husaren an, hieben viele seiner Leute nieder, nahmen 540 gefangen und verfolgten ihn bis vor die österreichische Schlachtlinie, fast ohne selbst Verlust zu leiden. Das hob den Muth der Soldaten immer mehr und stimmte den König zur heitersten Laune. Der Anmarsch der Preussen schien den rechten öster- 108 Buch VIII. Zweites Hauptstück. rcichischcn Flügel zu bedrohen, weshalb der ihn befehligende General Lucchesi wiederholt und nachdrücklichst Unterstützung verlangte, welche er endlich durch Daun mit dem Rcscrvc- corps und einem großen Thcile der Reiterei des linken Flügels erhielt, ohne von seinem Zrrthumc zurückzukommen und ohne doch Maßregeln zu nehmen, um die Stellung der Prcussen genau zu erkunden. Der König, der die Schlachtordnung der Feinde sorgfältig erforscht hatte und die Gegend genau kannte, zog stch vielmehr rechts, marschirte auf, hielt dann seinen linken Flügel zurück, Und griff mit der Hauptmacht auf seinem rechten Flügel den feindlichen linken vorn und, ihn überragend, in der Seite an, ohne den Ocsterrcichcrn Zeit zu den nöthigen Gegcnbewcgunge» zu lassen. Es gehörten prcussische Truppen dazu, um unter dem Prinzen Moritz von Dessau, Zictcn und Wcdcll eine solche Hecrcsbcwegung mit voller Sicherheit in genauester Ucbcrcinstimmung der einzelnen Abteilungen, sicher wie auf dem Ucbungsplatzc, auszuführcn. Während der König diese schwierige Bewegung hauptsächlich gegen den österreichischen linken Flügel ausfiihrtc, blieben die Ocstcrreicher ganz ruhig und singen sogar an zu glauben, der König habe die Absicht nach Striegau hin zu marschircn, um sie von Böhmen abzuschncidcn. Daun soll daher, wahrscheinlich um von einer übereilten Bewegung abzuhaltcn, zum Herzoge von Lothringen gesagt haben: „Diese Leute ziehen davon; lassen wir sie." Während daher Nadasdy mehr als zehn Ofsiciere an den Herzog von Lothringen schickte und die dem linken Flügel drohende Gefahr verstellte und dringend um Verstärkung bat, geschah dasselbe, wie wir sahen, von Lucchesi für den rechten Flügel, sodaß der Herzog ganz außer Fassung kam und nun alle einheitliche Leitung aufhörte. Es war 1 Uhr, als der Prinz Moritz von Dessau mit dem Fußvolke und zehn schweren Geschützen, Zictcn mit der Reiterei des preußischen rechten Flügels ihren Angriff auf den österreichischen linken Flügel unter Nadasdy begannen. Die dort befindlichen Würtcmbergcr und deren Geist haben wir aus wiederholten Empörungen gegen ihre Ofsiciere bereits kennen gelernt. Schlacht bei Leuthen. 109 Sie wollten auch als Protestanten nicht gegen den König von Preussen fechten und hatten noch den besonder» Befehl ihres Herzogs erhalten zur Schonung der Munition langsam zu feuern. Sie widerstanden wenig, ergriffen dann die Flucht und rissen die ebenfalls nicht sehr kampfbcgierigcn Baicrn mit sich fort. Die Preussen eroberten 14 Kanonen, der ganze österreichische linke Flügel wurde bis hinter Gohlau, gegen Leuthen hin, zurückgcworfen. Im vollen Siegesläufe brachen die Preussen allen Widerstand und verbreiteten unter den Oestcrreichern Schrecken und Verwirrung. Die von dem rechten Flügel wieder zurückgcschickte Verstärkung kam zu spät. Unterdessen hatten die Ocstcrreichcr ihren nur scheinbar bedrohten, wirklich aber ganz ungefährdeten rechten Flügel links gezogen und sich ziemlich übereilt in Leuthen und auf beiden Seiten dieses großen Dorfes ausgestellt, als der König nun von gegenüber in Schlachtordnung heranrückte. Erst nach einem höchst hartnäckigen Kampfe gelang es den Preussen das Dorf zu erobern, dann mit Anstrengung aller Kräfte (auch des linken Flügels und der gesammten höchst wirksamen schweren Geschütze) auch die hinter dem Dorfe gedrängt ausgestellten Ocstcrreichcr in Verwirrung zu bringen, worauf die preussische Reiterei des linken Flügels die ihr gegenübcrstchende österreichische völlig aus dem Felde schlug und die gänzliche Niederlage und Flucht der Oester- reicher vollendete, welche Nadasdy noch so deckte, daß sie nicht in völlige Auflösung des Heeres ausartcte'). Mit einbrechendcr Dunkelheit zwischen 4 und 5 Uhr war der Sieg Friedrichs auf allen Punkten entschieden. Sein fortwährendes Vorrücken und das unablässige Einhauen seiner Reiterei verhinderte jeden neuen Widerstand. Zn der größten, bald durch die Dunkelheit vermehrten Unordnung flüchteten die Ocstcrreichcr aller Regimenter untereinander gemischt nach den Brücken über die Weistritz, vorzüglich nach Lissa. Eine große Anzahl fiel den Preussen in die Hände. Nur die Nacht rettete die Oesterreicher vor gänzlicher Auflösung ihres Heeres. I) Veteran II. S. -136. 110 Buch VIll. Zweites Hauptstück. Das preussische Heer war bis in die Nähe von Liste vorgedrungcn, als cs Halt machte. Der König, welcher sich bei der eifrigen Leitung der Schlacht oft in Gefahr gesetzt hatte, ritt jetzt heran und fragte, ob noch einige Bataillone Lust hätten ihm bis Lissa zu folgen. Es lag ihm nämlich i sehr viel daran sich sobald als möglich des dort besonders schwierigen Ucbcrgangcs über die Wcistritz auf der großen Straße nach Breslau zu versichern. Sogleich nahmen drei Bataillone die Gewehre auf und folgten ihm. Vorausgeschickte Reiter untersuchten bei der großen Dunkelheit die Gebüsche in der Nähe der Straße, und der Wirth des > Gasthauses in dem Dorfe Saara leuchtete dem Könige mit einer Laterne. Von Zeit zu Zeit wurden Kanonenschüsse gegen Lissa hin abgefcucrt, um die Oestcrreicher zu schrecken. Zn der Nähe von Lissa feuerten zwei österreichische Bataillone auf die anrückcndcn Prcussen, ohne diese weiter auf- zuhaltcn. Des Generals Seydlitz Kürassiere brachten unterwegs ganze Hausen von Gefangenen ein. Als der König > um 7 Uhr in Lissa ankam, das noch voller Flüchtlinge war, ließ er sogleich die Brücken über die dortigen Arme der Wcistritz besetzen und begab sich auf das Schloß, wo sich eine große Anzahl verwundeter und flüchtiger österreichischer Ofsiciere und Soldaten befand. Beiin Eintreten war der König in Begleitung weniger Adjutanten mitten unter ihnen. Voller Geistesgegenwart rief er ihnen freundlich zu: „von soie, Llossiour^! Gewiß sind Sie mich hier nicht vcrmu- ^ thcnd. Kann man hier auch noch Unterkommen?" Ucberrascht und erfreut begleiteten sic ihn in den Saal des zweiten Stockwerks und entfernten sich, als nach kurzer Unterredung mit dem Könige sich dessen zahlreiches Gefolge cingefundcn hatte. Die gegen die Brücken vorrückendcn Soldaten wurden hier aus den Häusern mit Gewehrfeuer empfangen, machten ' erbittert alles, was sich zur Wehr setzte, nieder und bemächtigten sich der Brücken und der dort aufgefahrcnen feindlichen Kanonen, aus welchen nun der sehr heiter gewordene König zu feuern befahl, so lange Pulver vorhanden wäre. Unterdessen war ohne erhaltenen Befehl nach und nach das ganze preussische Heer aufgebrochcn und den ersten drei 111 Schlacht bei Leuthen. Bataillonen und seinem Siegcsfürsten anfänglich still nach- gezogen, bis ein Grenadier das Lied: Nun danket alle Gott! anstimmte, welches von allen mehr als 25,000 Kriegern andächtig mitgcsungen wurde. Zn der tiefen Dunkelheit der Nacht, bei der übrigens ringsum herrschenden, nur von einzelnen Kanonenschüssen von Zeit zu Zeit unterbrochenen Stille, auf dem Grausen erregenden Schlachtfelds, wo man fast bei jedem Schritte auf eine Leiche stieß, machte der Gesang einen tiefen und feierlichen Eindruck. Als das Ka- noncnfeucr hinter Lissa gehört wurde, eilten alle jubelnd vorwärts, um ihrem Könige beizustehn. Als so die Generale und Staabsofficierc, eher als der König vermuthet hatte, in Lissa ankamen und ihm Glück wünschten, erwiderte er: „Nach einer so gethanen Arbeit ist gut ruhen!" Er dankte ihnen dann für ihren Muth und Eifer in den gütigsten Ausdrücken: dieser Tag werde den Ruhm ihres Namens sowie der Nation auf die späteste Nachwelt bringen. Er bewies sich auch dankbar. Dem General Prinzen Moritz von Dessau, den er seit Kolkn mehrfach unverdient gekränkt und der in dieser Schlacht sich ebenso tapfer als geschickt bewiesen hatte, rief er noch am Abend auf dem Schlachtfclde zu: „Ich gratulire Ihnen zur gewonnenen Schlacht, Herr Feldmürschall!" Als dieser, mit dem Dienste beschäftigt, den Sinn der Worte nicht sogleich gefaßt hatte, wiederholte der König: „Hören Sie nicht, daß ich Ihnen gratulire, Herr Fcldmarschall?" Da erst verstand der Prinz, daß ihn der König zum Fcldmarschall ernannt habe, und dankte ihm dafür, worauf der König erwiderte: „Sie haben mir bei der Schlacht geholfen und alles vollzogen, wie mir noch nie einer geholfen hat!" Dem Heere befahl er bekannt zu machen, wie besonders zufrieden er mit dessen tapferm Benehmen sei. Die Prcussen verloren an diesem wahrhaft glorreichen Tage wenig über 5000, die Oesterreicher gegen 10,000 Lobte und Verwundete, außerdem aber noch 12,000 Gefangene und 116 Kanonen, für deren jede der König den Truppen 100 Ducaten auszahlen ließ. Das österreichische Heer war dermaßen auscinandcr- gesprengt, daß auch am folgenden Tage nach der Schlacht 112 Buch VM. Zweites Hauptstück. nur einzelne Regimenter einen Anstrich von Haltung erhielten, und cs würde wahrscheinlich völlig vernichtet worden sein, wenn der König anstatt auf Breslau zu mar- schircn und dort zu verweilen, ihm den Rückzug nach Böhmen und Mähren abgeschnitten hätte'). Erst den 7. Dc- ccmber trug der König Zictcn mit einem starken Hcerhauftn die unablässige Verfolgung der Ocsterreicher auf, und schrieb demselben rücksichtlich der Ermüdung der angestrengten Truppen eigenhändig: „Ein Tag Anstrengung verschafft uns 10V ! Tage Ruhe. Frisch, General, immer im Sattel, immer dem ! Feinde auf den Hackens." Der höchst niedergeschlagene Herzog von Lothringen ließ in Breslau eine Besatzung von 17,000 Mann und zog sich, , lebhaft von Ziethen verfolgt, nach vielem Verluste über ! Schweidnitz nach Böhmen zurück. Hier traf kurz vor Weih- ! nachten der Ueberrest feines früher gegen 90,000 Mann starken Heeres, höchstens noch 37,000 Mann, im erbarmungswürdigsten Zustande ein, von denen zwei Drittel durch Mangel und Anstrengungen krank, alle völlig ent- muthigt waren '): Der Herzog Karl schrieb dem Kaiser sei- ^ nem Bruder: wie die schöne österreichische Armee nicht wenig delabrirt, vom langen Feldzuge abgerissen, ohne Montur, ^ mit einem Worte, in so mißlichem und erbarmungswürdigem Zustande fei, als sie noch niemals gewesen, und dennoch wegen Nähe des Feindes ohne Zelte lagern müsse. Zieten wurde durch schlechtes Wetter und grundlose Wege an der Verfolgung gehindert, auf welcher dennoch den Oesterreichern ^ noch über 2000 Kassen-, Fourage- und andere Wagen ab- genommcn wurden. Der König hatte unterdessen Breslau cingeschlosscn, belagert und seit dem 13. December beschossen. Am 16. December fiel eine Bombe in den Pulverthum auf der Taschcnbastei, welche in die Luft sprang, und außer der 1) Wie er auch beabsichtigte nach seinem Schreiben an Keith, von dem er freilich verlangte, er solle mit 6000 Mann Prag überrumpeln. Barnhag ens Keith S- 197. 2) b,. 1. I.. Os Hlumsntbal Vis Os Mieten II. p. 89. Er wiederholte das in vier Schreiben. 3) Die Schilderung des österreichischen Heeres von Montazet bei Stuhr II. S. 5. „6eci, a parier vrai, sst uns Osroute entiere.' Einnahme von Breslau. 113 Zerstörung ganzer Straßen der Umgegend, Wall und Mauer dermaßen in den Stadtgraben warf, daß cs als eine Bresche gelten konnte, worauf die Oestcrreichcr die Festung mit 19. Dec. großen Vorräthcn an Lebensmitteln und Geld übergaben. Die 17,000 Mann starke Besatzung streckte das Gewehr. „Ich habe," schrieb der König an diesem Tage seinem Bruder Heinrich, „in meinem Leben keine größer» Hindernisse gefunden als bei meiner letzten Unternehmung. Jetzt haben wir Gcnugthuung für alle Schmach, die uns widerfahren, und die Reputation unserer Truppen ist vollständig her- gestellt;" und später: „Das ist doch noch ein Feldzug für drei; 26. Dce. doch mehr vermag ich nun nicht vor Erschöpfung meines Körpers')." Auch das nur leicht befestigte Licgnitz ergab sich mit vielen Vorräthcn gegen freien Abzug der Besatzung, 28. Dce. welche ein Jahr hindurch nicht gegen Preuffen dienen durfte. Es blieb den Oestcrrcichern in Schlesien nur noch die Festung Schweidnitz. Fouque schlug eine starke österreichische Abthcilung bei Landshut, verfolgte und vertrieb sie aus Schatzlar und erbeutete ein ansehnliches Magazin von Mehl und Rauhfuttcr, worauf ihn der König freudig als Imperator begrüßtes. Fouque schloß darauf Schweidnitz ein. t-Jan. Der Marschall Kcith war auf Befehl des Königs mit 17. Nov. 6000 Mann von Merseburg nach Böhmen marschirt. Nachdem er dort mehre feindliche Magazine zerstört hatte, war er bis vier Meilen von Prag vorgerückt, von wo bereits Alles zu flüchten begann. Nachdem er jedoch 14—16,000 Oestcrreichcr aus der Lausitz auf sich gezogen und dadurch des Königs Marsch nach Schlesien erleichtert hatte, war er, besorgt durch die feindliche Ucbcrmacht gefährdet zu werden, wieder nach Chemnitz in Sachsen zurückgcgangcn, wo er 5. Dce. mit seinen nach so starken Märschen dennoch nicht ermüdeten Truppen glücklich eintraf'). Dem Könige, welcher gar meinte, Kcith hätte Prag überrumpeln sollen, hatte er 1) Bei Schöning Siebenjähriger Krieg I. S- 111 u. 115. 2) Der König an seinen Bruder Heinrich 26. Dccbr. 1757, bei Schöning Siebenjähriger Krieg 1. S. 111. 3) Keith an seinen Bruder in Dovers Leben Friedrichs II., LH. II. S. 313. ' Stenzel, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 8 114 Buch VIII Zweites Hauptstück. noch nicht genug gcthan'). Keith, welcher, wie wir wissen, nach seinem Austritte aus russischen Diensten sogleich als Marschall von Friedrich II. angestcllt worden war, verband mit feiner Bildung die Ruhe und äußere Kälte eines Engländers, konnte aber deshalb und als Ausländer, ungeachtet . seines Heldenmuthcs nicht das Vertrauen seiner Untergebenen erwerben, welche gewohnt waren unter Führern zu stehen, die durch alle Dicnststufcn im preussischcn Heere cmpor- gesticgcn waren °). Das mag den König veranlaßt haben dem ehrgeizigen Prinzen Heinrich bald darauf den Oberbefehl in Sachsen an Keiths Stelle zu übertragen. > Auch auf andern Punkten erklärte sich das Geschick vor ' Ablauf des Jahres günstig für Friedrich. Das schwedische Heer befand sich in einem traurigen Zustande. Die Schweden waren, wie sie bei mehreren Gelegenheiten bewiesen, nicht so durchaus unkriegerisch geworden, wie man vielfach behauptet hat; allein ihre Befehlshaber waren thcils unfähig, theils abhängig und untereinander uneinig. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, daß die Königin, die Schwester Fric- ' drichs II., noch, wenn auch nur sehr geheim, eine Partei unter ihnen hatte. Der Rcichsrath, welcher alles leite» wollte, bestand aus Personen, .welchen alle Eigenschaften dazu fehlten und denen der innere Zustand des Heeres ganz unbekannt war. Sie verlangten große Thatcn und Eroberungen für Schweden, stellten aber ihre Befehle so auf Schrauben, daß sic im unglücklichen Falle die Schuld auf die Befehlshaber schieben konnten, welche ihrerseits nicht geneigt waren die Verantwortlichkeit zu übernehmen. Hierzu kam, daß der französische Bevollmächtigte Montalcmbcrt die Beschlüsse des Senats öfters durchkreuzte, weil er die Kricgs- bewegungcn im französischen Interesse gegen Prcussen zu richten suchte, während die Russen andere Entwürfe hatten. So schwankten die schwedischen Befehlshaber hin und her, thatcn nichts ganz, noch lieber wenig, am liebsten gar nichts. Friedrich II. wußte das und beachtete die Schweden daher wenig')- 1) Bcj Schöning Siebenjähriger Krieg I. S- 106. 2) Retzow I. S. 285. .1) Daselbst S. 391 ff. Die Schweden in Pommern. 115 Der Marschall Ungern-Stcrnberg, welcher sie jetzt befehligte, hatte 40 Jahre im Frieden gedient, nie ein Heer geführt und wollte nichts thun und nichts zu verantworten haben. Weit entfernt auf Berlin vorzurücken, wie cs mit den Franzosen verabredet worden war, verlangte Ungern- Stcrnberg, auf die Nachricht von dem Anrücken Lehwalds aus Prcussen, französischen Beistand zur Vertheidigung Pommerns. Richelieu versprach auch 20,000 Mann nach Meklcn- burg zu schicken, dachte aber nicht daran das wirklich zu thun. So konnte der alte Marschall Lehwald die bereits im Oktober über die Peene zurückgegangenen Schweden bis Ende Dcccmbcrs ohne große Anstrengung fast aus ganz Pommern vertreiben, Wollin, Anklam, Demmin mit vielen Waffen, Munition und Montirungsstückcn nehmen und 3000 Gefangene machen. Es blieb den Schweden nur Rügen und Stralsund, welches Lehwald einschloß und seine Winterquartiere im schwedischen Pommern nahm. Der König wollte gar, daß Lehwald, wie Fürst Leopold von Dessau, Rügen angriffc. Er hoffte, das werde die bettclhaften Schweden, wie er seinem Bruder Heinrich schrieb, zum Frieden nöthigcn'). Doch war eine Landung auf Rügen nicht ausführbar und die Schweden für die Fortsetzung des Krieges durch ihren Adel an Frankreich verkauft'). Viel wichtiger für den König war der Umschlag, den die Kricgsangelcgcnheiten in Nicdersachscn erhielten. Nach dem Vertrage von Kloster Scevcn hatte der sorglose, gegen das Bündniß mit Oesterreich gestimmte Herzog von Richelieu weder dafür gesorgt, daß die hessischen und übrigen Hülfsvölker des hannöverischcn Heeres von diesem getrennt in ihre Heimat gingen, noch daß dieses Heer überhaupt entwaffnet würde, was zu bewirken ihm doch von Paris aus bestimmt befohlen worden war. Sein Heer blieb einen Monat hindurch völlig unthätig und verübte, in Folge des 1) Schöning Siebenjähriger Krieg I. S. 121. Bergt. 122. Desselben Artill. I. S. 101. 2) Nontsleindsrt tlorresponännce I. p. 8. Der ist die zuver- Wgstc Quelle über die Verhältnisse des schwedischen Heeres. 8 * 116 Buch VIll. Zweites Hauptstück. Müssiggangcs und der fast aufgelösten Kricgszucht, Räubereien, Plünderungen und Gcwaltthätigkcitcn, wie zum Zeitvertreibe'). Richelieu verhandelte mit dem Landgrafen von Hessen-Kassel und dem Herzoge Karl von Braunschwcig um die Ucbcrlassung ihrer Truppen an Frankreich, wozu der > Herzog auch bereit war. Als die Hessen bereits auf dem Marsche in ihre Heimat waren, verlangte der Herzog von Richelieu ganz unerwartet, ste sollten, sobald sie über die ! hessische Grenze kämen, ihre Waffen ablicfcrn, damit diese in ein Zeughaus gebracht würden, weil er nicht 12,000 Bewaffnete in seinem Rücken lassen könne. Das war gegen den Vertrag von Kloster Seeven. Der alte Landgraf, welcher wegen seiner Kränklichkeit kein Pferd besteigen konnte, erklärte sogleich, er werde in seinem Cabriolet seine Truppen befehligen und eher kämpfend an ihrer Spitze sterben, als einen solchen Schimpf dulden. Die Truppen mußten so- ^ gleich Halt machen. Der Vorschlag des Grafen Lynar, die hannövcrischen Soldtruppcn im dänischen Gebiete aufzunch- mcn, wurde von den Franzosen abgelehnt °). So blieben diese Truppen beisammen. Dabei wurden das Hessische, Braunschweigische und Hannövcrische von den Franzosen wie > eroberte Länder behandelt, Brandschatzungen ausgeschrieben, Erpressungen waren an der Tagesordnung, und cs erschien sogar ein französischer Gcneralpächtcr in Hannover zur Erhebung der Steuern"). Der König Georg hatte anfänglich, um Parteilosigkeit und damit Schonung für Hannover zu erhalten, den Vorstellungen des hannövcrischen Ministeriums nachgegcbcn und den Vertrag von Kloster Seeven gebilligt. Auf die bittern Klagen Friedrichs II. über das Schimpfliche des Vertrages, von dem Hannover gar keine wesentlichen Vortheile hatte, dann genauer unterrichtet über die gestammten Verhältnisse, > wurde er über seinen Sohn, den Herzog von Cumbcrland, 1) Stuhr I. S. 113. 2) Kasselsches Memorial vom 26. April 1758 in der Kricgskanzlci vom Jahre 1758. 1. S. 625., vcrgl. bcsond. S. 667 ff. 3) Kurbraunschweigisches Memorial, Kriegskanzlei vom Jahre 1757. 111. S. 1638. 117 Theilnahme Englands. höchst aufgebracht. Hierzu kam hauptsächlich, daß Pitt wie- 29. Zum der an die Spitze des englischen Ministeriums getreten war und ebenso einsichtsvoll als entschlossen und thatkräftig die angestrengtesten Rüstungen veranstaltete, um dem bisher in Ostindien, Amerika und Europa unglücklich geführten Kriege eine andere Wendung zu geben. Das Parlament war wie Pitt unzufrieden über den Abschluß des schimpflichen Vertrages von Kloster Seeven und beide hielten denselben für ungültig, weil er ohne Wissen und Theilnahme Englands nur hannöverischerscits für Truppen abgeschlossen war, welche doch in englischem Solde standen; daher blieben auch die Hessen und Braunschweiger in ihrem alten Standquartiere, weil sich die Engländer weigerten sie außerdem zu unterhalten, womit auch der alte Landgraf von Hessen ganz einverstanden war. Der große englische Minister würde vielleicht den Krieg in Deutschland nicht angcfangen haben; allein nun hielt er cs für unehrenhaft den wundervollen Mann, wie er sagte, zu Grunde gehen zu lassen, welcher Englands Bundesgenosse und allerdings gegen seine Absicht und Erwartung durch seinen Anschluß an England in eine für ihn sehr gefährliche Lage gekommen war. Er drückte offen seine Verehrung und seinen Eifer für den Fürsten aus, welcher als das unerschüttcrte Bollwerk Europas dastand wider die mächtigste und boshafteste Verbindung, die jemals der Menschen Unabhängigkeit bedrohte'), und der zugleich allein noch im Stande war den Franzosen in Deutschland die Spitze zu bieten. Die mehrfachen Verletzungen des Vertrags von Seiten der Franzosen gaben daher die erwünschte Veranlassung zu dem geheimen Beschlüsse ihn ganz aufzuheben"). Es wurde das dem Könige Friedrich mit der Bitte angezeigt, einen Fcld- 1) Pitts Worte im Schreiben an Mitchell 31. Marz 1757 bei Raumer II. S. 423. 2) Zn den Danziger Beiträgen V. S. 54; die Erklärung König Georgs vom 16. September 1757, daß er den Vertrag von Kloster Seeven für sich als König nicht für bindend halte und daß er seine Verpflichtungen gegen Prcussen gewissenhaft erfüllen werde, ist wol spater als sie gegeben, bekannt gemacht worden. 118 Buch VIII. Zweites Hauptstück. Herrn für das zum Wiederauftrcten bestimmte hannoverische Heer zu ernennen, und mit der Erklärung, daß England das Acußcrste für ihn thun werde. Der König ernannte, wie cs gewünscht wurde, am 28. Oct., also schon 8 Tage vorder Schlacht von Roßbach, zum Befehlshaber den Herzog Ferdinand von Braunschwcig, den Bruder des regierenden Herzogs Karl. Dieser Fürst hatte den ersten schlesischen Krieg im Gefolge des Königs, den zweiten in dessen Heere mitgcmacht und sich in der Schlacht bei Soor sehr hervorgcthan. Als wis- > scnschaftlich gebildeter und zugleich diensteifriger Mann er- I warb er die Gunst, und durch das Geschick, mit welchem er i ihm gewordene Aufträge auch gegen den Herzog von Richelieu vollzogen, das Vertrauen des Königs. Als braunschweigi- l scher Prinz war er, abgesehen von den vortrefflichen Eigen- > schäften, die ihn auszeichnctcn, besonders geeignet zum Oberbefehle über das, wie wir sahen, aus sehr verschiedenen Bc- standtheilen zusammengesetzte hannövcrische Heer. Er begab sich sogleich nach der Schlacht von Roßbach sehr geheim über Hamburg nach Stade in das Hauptquartier der Han- ' noveraner. Der Herzog von Richelieu stand zwar, nachdem er vergeblich versucht hatte die Hessen in französische Dienste zu ziehen, bei dem entschlossenen Widerstande des Landgrafen von deren Entwaffnung ab, verlangte aber, weil das Vorhaben den Vertrag von Kloster Sceven aufzuhebcn ruchbar geworden war, unter Bedrohung des Landes mit Feuer und Schwert, daß sie vom hannöverischcn Heere ab- berufcn würden. Die Hessen blieben dessenungeachtet bei demselben. Nachdem der Herzog Ferdinand die nöthigstcn Vorkehrungen getroffen, schrieb er als Befehlshaber der alliir- ten Armee, wie sie nun genannt wurde, an den Herzog von Richelieu und kündigte diesem die Erneuerung der Feind- M. No», scligkcitcn an. Der König von England machte die Ursachen öffentlich bekannt, welche ihn zur Wiedercrgrcifung der Waffen gegen die Franzosen gcnöthigt'), der Herzog 1) Kriegskanzlci vom Jahre 1757 IV. S. 579. Es erschienen dann noch sehr viele überflüssige Schriften für und gegen die Aufhebung des Vertrages von Kloster Sceven. 119 Herzog Ferdinand von Braunschweig. Ferdinand aber gewann die Herzen der Truppen durch freundliche Anrede und Zusicherung jeder möglichen Erleichterung bei der vorgerückten Jahreszeit und begann an demselben Tage seine kriegerischen Bewegungen mit Einschließung des von 2000 Franzosen besetzten Harburgs. Die Hannoveraner und Hessen gehorchten ihm mit Freuden, dagegen hatte sein Bruder, der Herzog Karl von Braunschwcig, welcher sein Land nicht hatte verlassen wollen und sich in Blankenburg ganz in den Händen der Franzosen befand, schon seinen 14. No». Truppen befohlen in ihre Heimat zch marschiren. Diese waren indessen noch geblieben, bis der Herzog Ferdinand ankam. Sobald die braunschweigischen Befehlshaber jedoch von der Aufhebung des Vertrages von Kloster Scevcn hörten, wollten sic daran keinen Theil nehmen, sondern sofort nach Hause marschiren. Der Herzog Ferdinand ließ sie daher fcstnchmcn, die Braunschweigcr von Hannoveranern umringen und mit Gewalt zurückhalten, der sic auch nicht ungern nachgaben. Der kriegslustige Erbprinz von Braunschweig, Karl Wilhelm Ferdinand, hatte nach Holland reisen wollen, begab sich aber nun, von seinem Oheime dazu veranlaßt, zum Heere. So laut auch sein Vater, der schwache Herzog Karl, darüber, und dass man seine Truppen zurück- gehalten, seinen Unwillen äußerte, so wenig kümmerten sich sein Bruder und Sohn darum, da sie wohl wußten, daß er sich bald beruhigen werde, weil er nur aus Acngstlichkcit, mehr zum Scheine, Partei für Frankreich genommen'). Während der Herzog Ferdinand Harburg belagerte, zog zwar der Herzog von Richelieu seine zerstreuten Truppen in etwas zusammen, ging auch bis Lüneburg vor, zog sich aber bald nach Celle zurück und ließ sein 30,000 Mann starkes Heer hinter der Aller cantonniren. Der Herzog Ferdinand, welcher weit größere Erfolge gehabt haben würde, wenn ihn nicht tiefer Schnee und Mangel an Lebensmitteln aufgchal- tcn hätte und wenn er sogleich auf Bremen gerückt wäre, suchte vergebens den Ucbergang über die Aller zu erzwingen, ging dann zurück und bezog am Ende Deccmbers Wintcr- I) S. Danziger Beiträge VI. S. 9. nv. Dcc. quartiere um Harburg, das sich ihm aus Mangel an Lebensmitteln, nach fast ununterbrochenem vicrwöchcntlichen Bombardement, ergab. Die Franzosen bezogen ebenfalls Winterquartiere von Celle bis Goslar, woran sich weiter bei Eisenach die Hccrcsabthcilung Soubiscs anschloß, während das Rcichshccr in Franken rastete. Die Erstcrcn waren, nach dem über ihren Zustand amtlich cingcschicktcn Berichte, in Folge der Anstrengungen seit 9—10 Monaten völlig ermattet, das Fußvolk unbekleidet, die Reiterei ohne Sättel und Stiefeln, daher durchaus nicht im Stande die Allürtcn anzugrci- fen'). Zum Glücke für sie war auch der Herzog Ferdinand i noch nicht in der Lage nun sogleich etwas Wirksames unternehmen zu können. Dieser mußte sein aus sehr verschiede- ! nen Bcstandthcilen, als Hannoveranern, Braunschwcigcrn, ^ hessischen und lippcschen Soldtruppcn und wenigen Preusscn , zusammengesetztes Heer selbst erst bilden. Am meisten konnte > er auf die ihm und ihrem Herzoge treu ergebenen Braun- ^ schweizer rechnen. Die wenig zahlreichen Bückcburgcr waren wirkliche Mustcrtruppen. Indessen hatten die wackcrn Han- > novcraner das Gefühl, daß sie gewissermaßen den Haupt- bcstandthcil des Heeres ausmachtcn, das nur ihretwegen eri- stirtc. Die tapferen Hessen.hielten landsmannschaftlich eng zusammen, wurden aber schlecht bezahlt von ihrem habsüchtigen Landesherrn, welcher so viel als möglich von den englischen Hülfsgcldern, die seine Soldaten verdienten, für sich behielt, was daher natürlich den Neid der Hessen gegen die übrigen Truppen und großen Mißmuth erregte. Hierzu kamen nun bald noch die ebenso tapfern als eigenwilligen und stolzen Engländer, deren Officicrc ihre Stellen damals bis zum General aufwärts gekauft hatten, vom Dienste nichts verstanden und sich nicht um denselben bekümmerten, sich daher die gröbsten Nachlässigkeiten zu Schulden kommen ließen, während sie ihre Forderungen rücksichtlich der Verpflegung und Bequemlichkeit auf das Höchste spannten. Hierzu kamen die mancherlei Ansprüche, welche die Generale und Ofsicicre dieser verschiedenen Truppen machten, die zu 121 Herzog Ferdinand von Braunschweig. gegenseitigen Reibungen führten und leicht große Spannung und Unordnungen hätten veranlassen können. Wenn den Herzog seine hohe Geburt und die nahe Verwandtschaft mit den beiden verbündeten Königen von England und von Preussen bei seiner schwierigen Aufgabe einigermaßen unterstützte, so that hierzu doch noch weit mehr des Prinzen feiner Takt in der Auffassung der Menschen, seine Gewandtheit in deren Behandlung und seine Selbstbeherrschung in den gefährlichsten Augenblicken; denn diese bewahrten ihn nicht nur vor Uebercilungcn, sondern beseitigten auch eine Menge von Schwierigkeiten. Seine offenbar ohne alle Berücksichtigung der Person oder seiner selbst,! nur für das allgemeine Beste genommenen Maßregeln und getroffenen Anordnungen, seine völlige Unparteilichkeit und große Uneigennützig- kcit erwarben ihm die allgemeine Achtung der verschiedenen Truppentheile. Seine ausnehmende Herzcnsgüte dagegen, welche sich nicht nur in höflicher Begegnung, sondern in Miene und Blick ausdrückte, so daß er niemals Jemand hart oder lieblos behandelte, gewann ihm die Herzen. Als Feldherr zeigte er, wo sich Gelegenheit bot, seinen Muth und ruhige Geistesgegenwart, in dem entscheidendsten Augenblicke ungestört von jeder Gefahr, richtigen Blick für Wahl des Angriffs, sehr gute Beurtheilung seiner Gegner und geschickten Takt in der Auswahl seiner nächsten Gehülfcn. So gelang es diesem talentvollen Manne die aus verschiedenen Volksstämmen zusammengesetzten ungebildeten Truppen in kurzer Zeit zu einem Ganzen zu verschmelzen, zum Gehorsam zu leiten und mit Eifer zu beleben, wie derselbe kaum in höherem Grade bei dem Heere des Königs zu finden war. Der Herzog hatte vor den ihm gegcnüberstchen- dcn französischen Feldherren voraus, daß weder das englische Ministerium noch der König an sich Einfluß auf die Bewegungen seines Heeres hatten, dessen Leitung ihm vielmehr ausschließlich überlassen blieb, außer daß ihm zur Bedingung gemacht war die hannöverischen Lande zu beschützen. Die Billigung des Königs von England, welche ihm nie fehlte, band dagegen die Fürsten, welche Söldner gestellt hatten. Auch von Friedrich II. war der Herzog ganz unabhängig, obgleich er 122 Buch Vlll. Drittes Hauptstück. ^ gern mit ihm in Ucbercinstimmung handelte. Er theilte seine ^ Entwürfe stets dem Könige mit und bat um dessen Belehrung. ^ Dieser billigte sic immer, indem er noch die Hauptgegenständc > besonders hervorhob, freilich dann auch öfters mißlungene Ver- ! suche tadelte, aber doch wieder den Herzog nach verfehlten Unternehmungen, wenn cs nöthig schien, aufzurichten und zn trösten bemüht war. Von großer Wichtigkeit war dem Herzoge sein Privatsecrctair Wcstphalen, ohne welchen er fast nichts unternahm und der nicht nur nach den Ideen des Herzogs alle Bewegungen entwarf, sondern demselben auch seine eigenen mit vielem Scharfsinne aufgcfaßten und mit großer Klarheit und Folgerichtigkeit dargelegtcn Pläne und Entwürfe vorlcgte, welche der Herzog fast immer genehmigte. Besonders in seinem Neffen, dem Erbprinzen von Braun- schweig und mehreren andern Unterbefehlshabcrn fand der Herzog wahrhaft tüchtige Unterstützung. Drittes Hauptstück. Verhandlungen und Zustände in den Jahren 1757 — 1758 . Die erstauncnswürdigen Erfolge der Waffen Friedrichs bei Roßbach, dann hauptsächlich bei Leuthen, die Wicdereinnahme von Breslau und der Rückzug der Ueberblcibsel des großen österreichischen Heeres nach Böhmen, dann die Aufhebung des Vertrages von Kloster Seevcn und die Wiederaufstellung eines . hannöverischen Heeres in Niedcrsachsen, der fluchtähnliche Rückzug der Schweden nach Stralsund und Rügen, so wie früher i der unerklärbarc Rückzug der Russen aus Preußen, hatte» ^ die Lage des großen Königs seinen Feinden gegenüber außer- j ordentlich verändert. Diese waren zum Theilc entmuthigt und noch mißtrauischer gegen einander als früher. Friedrichs Hoffnungen. 123 Der König selbst sprach zu dem englischen Gesandten Mitchell sehr bescheiden über seine Siege'). „Ihre Freundschaft verführt Sie," schrieb er an d'Argens, welcher ihm 19. Dec. unter vielen Lobeserhebungen zu seinen Siegen Glück gewünscht hatte: „Zch bin nur ein Lümmel gegen Alexander und nicht werth Cäsar die Schuhriemen aufzulöscn^)." Er hoffte anfänglich im Frühjahre Frieden zu haben, wonach er sich ausnehmend sehnte"), und wollte in Breslau mit dem Grafen Fink, mit Knyphausen, d'Argens und Anderen sich wenigstens einige Zeit hindurch in gebildeter und erheiternder Gesellschaft erholen, indem ihn die rauhen durch den Krieg verwilderten Sitten anwidertcn^). Er lud daher in der heitersten Weise und im scherzhaftesten Tone seinen göttlichen Marquis d'Argens von Berlin zu sich nach Schlesien ein, indem er meinte, d'Argens habe nun acht Monate hindurch im Bette genug ausgeführt, und indem er ihn, bat, die Freundschaft über die Faulheit den Sieg davontragcn zu lassen. Er sicherte ihm alle nur möglichen Bequemlichkeiten auf der Reise und Pelze und Kleider zu, um völlig cingcpackt zu werden. „Sie werden mich ganz so finden, wie Sie mich verlassen haben," schrieb er, „und können überzeugt sein, daß Dinge, welche in der Ferne sehr glänzen, in der Nähe oft sehr klein find. Niemand wünscht den Frieden mehr als ich; unterdessen werde ich mit Ihnen meine Mußestunden zum Studiren verwenden. Man kann keinen besseren Gebrauch von seiner Zeit machen")." Der König glaubte selbst, daß Maria Theresia dem Frieden nicht abgeneigt wäre. Die Unfälle ihres Heeres und das üble Vcrhältniß zu ihren Verbündeten mochten sic, wie die so unerwarteten Siege des Königs, anfänglich erschüttert haben. Man wollte bemerken, daß die Ausdrücke in 1) Bei Raumer H. S. 417. 2) Oeuvres '17 XIX. p. 47. 3) 28. Dec. an seinen Bruder Heinrich, bei Schöning, Siebenjähriger Krieg I. S. 116; — an d'Argens Oeuvres 4?. XIX. p. 48. 4) An seinen Bruder Heinrich bei Schöning I. S- 123. 5) An d'Argens 13., 19. und 26. Decembcr 1758. Oeuvres 47 XIX, x. 46—48. 124 Buch Vlll. Drittes Hauptstück. den Schriftstücken von Wien und vün Regensburg milder ^ würden. Maria Theresia gab sogar dem Könige Nachricht ! von der eingebildeten Verschwörung dreier Italiener gegen ! ihn, was dieser für einen annähernden Schritt hielt'). Er ^ soll nun durch den aus der Kriegsgefangenschaft entlassene» Fürsten von Lobkowitz der Kaiserin Maria Theresia haben eröffnen lassen, wie geneigt er zum Frieden sei, ohne weitere Ansprüche zu machen. Doch war das bei der bald wieder crmuthigtcn Kaiserin ohne allen Erfolg, indem sic Befriedigung und Sicherstellung des Hauses Oesterreich und Schadloshaltung des Kurfürsten von Sachsen verlangt habe, das hieß so viel als die völlige anfänglich beabsichtigte De- müthigung Preußens"). Friedrich gab bald seine Friedens- Hoffnungen auf'). Der Cardinal Bernis dagegen hatte, ent- muthigt durch die schmählichen Unfälle des französischen Heeres bei Roßbach und dann durch die Ereignisse in Nieder- sachsen, so wie durch den unglücklichen Gang, welchen der Krieg gegen England zu nehmen anfing, gleich nach der Schlacht bei Leuthen den Gedanken gefaßt, es würde zweckmäßig sein, wenn unter französischer und schwedischer Vermittelung Frieden mit Preusscn geschlossen und dessen vollständige Demüthigung verschoben würde. Er mißtraute den Russen und hatte Besorgnisse vor Dänemark und selbst vor Holland. Er klagte für den Fall, daß Oesterreich den Krieg fortsctzcn wolle, über die Erschöpfung Frankreichs, welches ungeheure Summen auf den Krieg gewendet habe und von dem nun noch mehr verlangt werde. Er lehnte jedoch den Antrag zum Frieden, welchen die für ihren Bruder den 1) Oeuvres 1. IV. p. 180. 2) So der Veteran H. S. 111 und die Danziger Beiträge IV. S. 126. Älöbcr, Von Schlesien seit dem Jahre 1710,Lhl.I1, S. 180 theilt einen Brief des Königs an Maria Theresia mit, den ich aber nicht für echt ^ halten möchte. Der König sagt Oeuvres IV. p. 180 nichts davon, und irrt sogar, indem et glaubt, Frankreich habe den Frieden gehindert. Core weiß auch nichts von Friedensanträgen, und überhaupt Niemand etwas Genaues. Preuß II. S- 130, wie fast überall, nur ein unkri tischer Sammler. i 3) Sein Schreiben vom 16. Januar 1758 an Algarotti: Oeuvres XVII. S. 112. 125 Fricdensvcr Handlungen. König Friedrich zärtlich besorgte Markgräsin von Baireuth durch den Cardinal Tcncin hatte machen lassen, ab, weil der König Ludwig persönlich dem Frieden abgeneigt sei. Er erklärte der Kaiserin, der König werde an dem geheimen (Thci- lungs-) Vertrage gegen Prcussen festhalten, obgleich er diesen rücksichtlich des Austausches der Niederlande nicht mehr für ausführbar halte, weil England nie darin willigen werde. Kaunitz, welcher sah, daß Frankreich, das er mit so vieler Gewandtheit und Aufopferung mit Oesterreich verbunden, im Begriffe sei ihm zu entschlüpfen, suchte cs auf jede Weise fcstzuhalten, weil dieses das einzige Mittel sei, das Glück beider Nationen im Kriege wie im Frieden zu sichern. Er erklärte, Oesterreich werde bei dem, was cs mit Frankreich geheim vertragen, beharren, jedoch, wenn cs sein müsse, den Entwurf rücksichtlich der Niederlande aufgebcn, durchaus aber den zur völligen Demüthigung des Königs von Prcussen unter den jetzigen, vielleicht nie wicderkchrcndcn Umständen festhalten. Jetzt sei der Friede, welcher doch nicht lange dauern werde, das Schlimmste, indem der bald wieder ausbrcchcndc Krieg die Mächte völlig erschöpft treffen würde. Unter allen Umständen wolle Oesterreich Schlesien zurückhabcn; dazu müsse es unabweisbar von Frankreich Geld und Menschen verlangen und auf schleunige Bezahlung der rückständigen Kricgsgcldcr dringen, weil cs sonst den Krieg nicht fort- setzcn könne. Deshalb möge sich Bcrnis offen erklären, ob Frankreich noch an die Schwächung Prcusscns denke, damit man außerdem an einem baldigen Frieden arbeite. Frankreich bestand auf Nachlaß der Hälfte der rückständigen Hülfs- gcldcr; Oesterreich wollte nur ein Vicrthcil Nachlassen und behielt sich seinen Anspruch auf die vertragenen 12 Millionen Gulden vor. Es glaubte, Frankreich halte, seitdem es nicht mehr an Erwerbung der Niederlande denke, die Hülfsgcldcr zurück, um die Fortschritte gegen Prcussen zu hemmen'). Man entnimmt aus diesen Vorgängen, daß Bcrnis sich bereits damals von dem geheimen Vertrage mit Oesterreich gegen Prcussen loszumachen suchte, was dann, weil er den I) Neue Actenstücke S. 49 ff. 126 Buch VIll. Drittes Hauptstück. König Ludwig für sich zu einem Frieden mit Preussen zu bewegen suchte, noch im Laufe des Jahres seine Entlassung zur Folge hatte. Es erklärt sich daraus der geringe Eifer, mit welchem die französischen, noch dazu meistens unpassend auscrwählten Befehlshaber den Krieg gegen Preussen führten. Es war nur noch der persönliche Wille des in den Händen seiner Beischläferin befindlichen Königs, welcher gegen die immer lauter werdende Stimme seiner besten Kriegs- und Staatsmänner bei einem Bündnisse blieb, das ^ an sich nicht nur völlig unpolitisch war, sondern nunmehr, ohne Aussicht auf die wichtigen Erwerbungen in den Niederlanden, auch für die großen dargcbrachten Opfer nicht den > geringsten Ersatz bot. Wesentlich nicht anders war cs mit den übrigen Verbündeten Oesterreichs. In Rußland vcr- j harrte die Kaiserin aus persönlichem Hasse gegen Friedrich, i in Schweden der Adel, um noch ferner Hülfsgcldcr zu erhalten und dabei so wenig als möglich zu wagen, bei dem ! Bündnisse gegen Preussen. Ebenso blieben aus des Kaisers Seite, mehr oder weniger widerstrebend, viele Reichsständc. Dänemark wurde aus Rücksicht auf Holstein durch französische 1758 Hülfsgcldcr veranlaßt, vermöge eines abgeschlossenen Vertrages 4. Mai 24,000 Mann zum Schutze dieser Provinz, sowie Hamburgs ^ und Lübecks aufzustellen'), ohne doch gegen Preussen geradezu feindlich aufzutreten, wozu die Verbündeten cs doch wol noch zu bringen hofften. Jedenfalls hielten sie sich nun für gesichert, daß Dänemark nicht Partei für Preussen nehmen werde. So wenig günstig sich indessen im Allgemeinen diese Verhältnisse Maria Theresias zu ihren Bundesgenossen gestaltet hatten, so wurde sie doch besonders durch den thäti- gen Anthcil Rußlands ermuthigt, befand sich Preussen gegenüber immer noch in großer Ucbcrmacht und beschloß daher mit der ihr eigenen Standhaftigkeit den Krieg fortzu- führcn. Friedrich blieb, seinen immerhin noch zahlreichen und übermächtigen Feinden gegenüber ohne alle wirkliche Aussicht auf neue Bundesgenossen, hauptsächlich auf die , 1) Bei Koch und Scholl Hist, äes l'. III. p. 192. Friedrichs Gegner und seine Hülfsquellen. 127 Hülfsqucllcn seiner eigenen und der von ihm eingenommenen Länder, sowie auf den Beistand seines einzigen Verbündeten, des Königs von England, beschränkt. Seine eigenen Untcr- thanen suchte er, so viel er vermochte, zu schonen, weil sie ohnehin genug zu leisten hatten. Preussen, Pommern, Schlesien, die Marken und die westfälischen Provinzen hatten außerdem, thcilweise oder ganz, auf kürzere oder längere Zeit, durch Russen, Schweden, Ocsterreichcr und Franzosen viel gelitten. Preussen gewährte ihm bis zum Jahre 1762 gar keine Bcihülfe. Im letzten Nothfalle würden seine eigenen Länder doch noch haben das Beste thun müssen. Er erhöhte daher für die ganze Dauer des Krieges die Steuern in seinen Staaten gar nicht, mußte sie vielmehr da, wo die Feinde zu hart gedrückt hatten, noch erlassen. Nur den Vorschuß eines Kapitals, welches das 25fache der Ritterpferdegelder betrug, verlangte er von seinen Vasallen'), i Nur gegen die katholischen geistlichen Körperschaften machte er in dieser Beziehung eine Ausnahme. Er war bc- > sonders durch die Stimmung, welche nach der Schlacht von Kolin die Katholiken in Schlesien für Oesterreich kund gegeben hatten, nachdem er schon vorher gegen diese argwöhnisch gewesen, ihnen nun wirklich abgeneigt geworden. Bereits hatte er die sehr strenge, an Grausamkeit gränzende 1757 Verordnung erlassen, welche monatlich in jeder Kirche ver-25. März lesen werden mußte, daß jeder der einen Soldaten zum Ausreißen verleiten oder ihm dazu behülflich sein, oder Ausreißer nicht anhalten und an die nächste Garnison ablicfern würde, ohne Unterschied der Person, sie sei geistlichen oder I weltlichen Standes, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Weib oder andere Verwandte, ohne weitläufigen Proccß, ohne Gnade und ohne Zulassung eines Geistlichen, neben s dem Ausreißer aufgchenkt, und selbst wenn es erst nach dem Kriege bekannt würde, diese Strafe dennoch vollzogen werden solle'). Zu gleicher Zeit (21. März) hatte der Bischof 1) Es wurde diesen bald nach dem Frieden zurückgezahlt, RetzowI. S, 268. 2) Kornsche Edictensammlung Thl. VI. S. 673. 128 Buch VIIi. Drittes Hauptstück. von Breslau einen Hirtenbrief erlassen, in welchem er den Geistlichen die Verpflichtung aufcrlcgte jeden beichtenden Soldaten jeder Waffengattung, auch wenn keine besondere Veranlassung dazu vorhanden wäre, vor der Absolution zur Haltung seines dem Könige gcschworncn Eides zu ermahnen und ihm die Sünde des Meineids und die demselben ' unausbleiblich folgende Strafe zu Gemüthe zu führen. Der Bischof erklärte jeden boshaften Seelsorger und Beichtvater, der Soldaten zum Ausreißer: verleite (wie man Grund habe zu glauben, daß cs geschehe), sofort für suspendirt und seine Befähigung zum Beichthören und Absolviren für nichtig. Würde durch die Aussage des Soldaten die Ucbcrzeugung erlangt, daß der Beichtvater gegen diesen Hirtenbrief gehandelt, so werde er von Seiten des Königs ohne Weitläufigkeit unausbleiblich mit derselben Strafe belegt werden, welche die Kriegsartikel dem ausreißcnden Soldaten zucrkcnntcn, wodurch die katholischen Geistlichen einer außerordentlich großen Gefahr ausgesctzt wurden. Dieser Hirtenbrief wurde von allen Kanzeln verlesen, in den Städten an die Kirch- > thüren, auf dem Lande an die Beichtstühle angeschlagen, und zwar nicht nur im Sprengel des Bischofs von Breslau, sondern auch in den Thcilcn des prcussischcn Schießens, welche unter anderen Bischöfen standen, sowie in der Grafschaft Glatz. Hier gab nun ein im Mai des Jahres 1757 wieder ergriffener Ausreißer an, der Pater Andreas Faulhaber, ein Weltgeistlichcr in Glatz, habe ihm auf seine Frage, ob es eine so große Sünde sei, die nicht vergeben werden könne, wenn er als Katholik entweiche, indem der König doch evangelisch sei? gesagt: „Freilich wol ist cs eine große Sünde, aber doch nicht so groß, daß sie nicht könnte vergeben werden." Der Commandant von Glatz, der strenge Fouque, ließ darauf den Faulhaber einzichcn, hielt ihn bis Ende Dcccmbers gefangen, und weil er sich, allerdings den Vorschriften seiner Kirche gemäß, weigerte Rede und Antwort über einen Beichtgegcnstand zu geben, auch für überwiesen, ohne jedoch ein Strafurtcl zu fällen. Der König indessen, ohnehin durch das Benehmen des Bi- 29. Dec. schoss und anderer katholischer Geistlichen gereizt, befahl Bestrafung von Geistlichen und Beamten. 129 der Verordnung vom 25. März und den Androhungen des bischöflichen Hirtenbriefs gemäß, den Faulhaber zu hängen, ohne ihm einen Beichtvater zu gestatten. Das wurde am folgenden Tage vollzogen und der unglückliche Weltprie- stcr an eine Säule gehängt, an welcher bereits seit zwei Monaten ein österreichischer Spion hing. Es machte dieses harte, an Grausamkeit gränzende Verfahren auf die Katholiken einen tiefen und dem Könige sehr nachtheiligcn Eindruck, schreckte sie indessen zugleich nicht wenig. Bald nach der Besetzung Breslaus befahl der König, besonders angeregt durch den schlesischen Minister Schlab- rcndorf, der den Katholiken sehr abgeneigt war, dem Großkanzler Zarriges, zwei zuverlässige Männer nach Breslau zu schicken, um summarische Proccsse gegen die malitiösen Leute zu machen, welche treulos und verrätherisch gegen ihn gehandelt, und Exempcl zu statuiren. Diese Angelegenheit wurde so beschleunigt, daß schon im Februar des folgenden Jahres das von einer dazu bestellten Commission abgefaßte und > vom Könige bestätigte Urtel bekannt gemacht werden konnte. > Demgemäß wurden wegen verdächtiger Aufführung und wirklich geäußerter übcler Gesinnung zwei Kriegs- und Domai- nenräthe, welche ihr Amt während der österreichischen Besetzung der Stadt fortgeführt hatten, abgcsetzt, sechs höhere Unterbeamtete der Kammer mit 1—300 Thalcrn Strafe belegt, die übrigen begnadigt. Ein bereits pensionirter Kriegsrath verlor seine 150 Thaler betragende Pension, weil er bei dem Grafen Collowrath um deren Erhaltung gebeten. Der Rathssyndikus Löwe wurde abgesetzt und erhielt Festungsarrest wegen eines von ihm verfaßten, den König sehr verletzenden nach Wien geschickten magistratualischcn Sub- ^ missionsschreibcns. Die übrigen Mitglieder des Magistrats hatten nur ihren Antheil an den Proccßkosten zu tragen. Der Marschcommissarius von Rothkirch, welcher den Oesterreichern gedient hatte, erhielt vier Jahre Festungshaft; dessen Bruder wurde frcigesprochen. Zwei v. Stcntsch, welche als preußische Officiere um österreichische Dienste gebeten hatten, wurden einer zu zehn-, der andere zu zweijähriger Festungshaft verurtheilt. Die Prälaten und Oberen von neun katholischen Stiftern in Stenzel, G-sch. d. Preussisch. Staats. V. 9 130 Buch VIll. Drittes Hauptstück. Breslau, welche wegen übelgesinnten Betragens bei dem Ausmarsche der Prcusscn nach der Uebcrgabe Breslaus an j die Oestcrreichcr, ferner wegen Verhehlung von Ausreißern, Gewehren und dergleichen mehr, größtcntheils in strenge Hast genommen worden waren, wurden, wie cs ausgedrückt wurde, verdienter strenger Strafe gnädig losgezählt, und kehrten, ! einige schon vor, einige nach dem Urtel, in ihre Stifter zurück, mit Ausnahme der Jesuiten, denen das nicht erlaubt wurde. Der Magistrat in Jaucr wurde abgesetzt, mehrere Beamtete wegen des den Oesterrcichern geleisteten Verspre- . chens des Gehorsams mit 100—200 Thalcr Strafe belegt h. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß die Rechtlichkeit der vom Könige bestellten Richter den besonders von dem Minister v. Schlabrendorf der Stiftsgeistlichkcit zugcdachtcn Schlag vereitelte °). Dagegen mag dieser es vorzüglich durchgesetzt haben, daß der König den Obcramtsregierungen und den Kammern in Schlesien verbot Katholiken Bedie- 1757 nungcn zu geben, welche über 300 Thaler eintrügen, und 31. Dec. einen Cabinctsbefehl erließ, durch welchen er: auf Vorstcl- > lung und flehentliches Ansuchen der schlesischen Landstande und aus anderen bewegenden Ursachen aus souverainer Macht alle Unterthanen evangelischer Religion von Erlegung der Stolgcbührcn an katholische Pfarrgeistliche entband^). Nach der bisherigen Verfassung hatten vermöge des seit dem Jahre 1542 bestehenden sogenannten Nexus die Stolgcbührcn dem ordentlichen Ortspfarrcr ohne Rücksicht auf das Glaubcns- bckcnntniß, sowol von Katholiken an evangelische wie von > Evangelischen an katholische Pfarrer, daher in solchen Fällen immer doppelt, entrichtet werden müssen. Es überwog nun, was Evangelische an katholische Pfarrer, dasjenige weit, was Katholiken an evangelische Pfarrer an Stolgcbührcn zu entrichten hatten, war daher für die Evangelischen, besonders > in den Fürstcnthümern Schweidnitz, Jauer und Glogau, wo in vielen Ortschaften wenige oder gar keine Katholiken, die 1) Nach den von mir> benutzten Acten. Vergl. auch im Wesentlichen durchaus übereinstimmend: Mentzel XI. S. 303 ff. 2) Nach Menzel XI. S. 312. 3) Korn sche Edictensammlung Lhl- VL S. 701. j Bedrückung der Kathol. Bestrafung des Bischofs. 131 evangelischen Geistlichen aber seit dem dreißigjährigen Kriege ^ - sämmtlich vertrieben worden waren, sehr drückend. Bald 175,8 ! darauf befahl der König, daß auch alle Abgaben an Zehn- 8- Marz l tcn, Garben und Broten, welche die evangelischen Eingc- pfarrtcn an katholische Pfarrer bisher entrichtet hatten, gänz- ^ lich zum Besten der Unterthancn Wegfällen sollten'). Das waren größtenteils Grundlastcn, welche die Käufer der Grundstücke mit übernommen hatten und nun geschenkt er- ! hielten, worauf sic gar keinen Anspruch hatten. Erst im Jahre 1775 wurden auch die Katholiken von ParochiÄlab- gabcn an die evangelischen Pfarrer befreit°). Friedrich handelte hier offenbar nicht nur gegen die Friedensschlüsse mit Oesterreich, welche dieses allerdings selbst für aufgehoben erklärt hatte, sondern noch mehr ungerecht gegen seine katholischen Unterthancn, vielleicht ebenso sehr aus wirklicher Abneigung, als um die Evangelischen durch ihnen erwiesene r Wohltaten noch mehr an sich zu fesseln, welche sie nur so üi lange zu genießen hoffen konnten, als Schlesien prcussisch t blieb. Er wendete nun in dieser Provinz, wie wir sehen werden, noch viel herbere Mittel an, welche sich der Form nach noch weit weniger rechtfertigen lassen dürften. Der Bischof von Breslau war, nachdem er den eifrig österreichisch gesinnten Domherrn von Frankcnbcrg zum Gc- ncralvikar bestellt hatte, noch am Tage der Leuthcner Schlacht von Breslau nach Nikolsburg in Mähren gegangen. Er mußte bald bemerken, daß sein schwaches charakterloses Benehmen ihm die Achtung des Wiener Hofes nicht erworben. Er schrieb daher an den König und klagte, daß er schon seit 175,8 dem Herbste des letzten Jahres keine Hoffnung mehr gehabt 30. Jan. dessen Gnade wieder zu erlangen; deshalb habe er nach Rom gehen und dort entfernt von jeder Lage, die ihm bisher von Seiten Oesterreichs und Preusscns fo viel Verdruß und Unglück zugezogen, das Ende des Krieges abwarten wollen. Er habe jedoch, bald nach der Einnahme Breslaus durch die Ocsterreichcr, auf Befehl des Grafen Collowrath nach Jo- 1) Korn sche Edictensammlung Thl. VI. S- 707. 2) Menzel XI. S. 313 aus den dort angeführten Quellen. . ' 9 * 132 Buch VIII. Drittes Hauptstück. hannisberg gehen müssen, dann wegen mehrerer Ursachen dic Reise nach Rom nicht fortsetzen können. Dabei versicherte er seine unveränderliche Treue und Dankbarkeit. Der König konnte durch ein so ungeschicktes Schreiben nur noch aufgebrachter über den Bischof werden, als er schon war. 14. Febr. Er befahl dem Minister v. Schlabrendorf, weil er nun von dem Undanke des Bischofs überzeugt sei, der unter den nichtigsten Vorwänden Schutz bei des Königs offenbaren Feinden suche, die gcsammten Einkünfte desselben zu sequcstrircn. Er selbst warf in seiner Antwort (den 15. Februar) dm Bischöfe vor, in dem Augenblicke, wo er mit seinem Heere vorgerückt, um Schlesien zu befreien, diese Provinz verlassen und sich aus Angst eines bösen Gewissens unter den Schutz einer Macht begeben zu haben, mit welcher er sich im offenen Kriege befinde. „Nach einem so empörenden Betragen," fuhr er fort, „kann ich Si^ für nichts anderes als einen Verräther ansehen, der auf die Seite meiner Feinde getreten ist und von freien Stücken seinen Posten verlassen hat, auf dem schon die Pflichten Ihres Standes Sie hätten festhal- ten sollen. Ich will Sie Ihrem eigenen Schicksale über- ^ lassen. Weder der göttlichen Rache noch der Verachtung der ! Menschen werden Sie entgehen können; denn so verderbt - diese auch immer sein mögen, so sind sie es doch nicht in ^ solchem Grade, daß sie nicht Verräther und Undankbare verabscheuen sollten." Der König ließ sowol den Brief des Bischofs wie seine Antwort in den Zeitungen veröffentlichen, und verbot später (am 17. December 1758) der Geistlichkeit, bei Verlust ihrer Pfründen und nach Umständen bei empfindlicher Leibcsstrafe, mit dem pflichtvergessenen und meineidigen Bischöfe Briefwechsel zu unterhalten oder zu ihm zu reisen'). Außer den weltlichen Einkünften des Bischofs wurden auch ohne weitere Rechtsförmlichkeiten dessen gcsammtc Hab- seligkcitcn, als Pferde, Hausgeräth u. s. w., mit Beschlag belegt und dann an die Meistbietenden für 11,500 Thaler verkauft. Eben das geschah, sicher nicht ohne Rücksicht auf die großen Geldverlegenheiten des Königs, mit dem Eigen- thume seines Bruders, des Dompropstes, und des Domherrn 1) Menzel XI. S. 322--Z27. Bedrückung der katholischen Geistlichkeit. 133 Grafen Praschma, welche beide ebenfalls Breslau verlassen hatten. Aus dem Ertrage der Einkünfte des Bischofs zugleich als Abts des Sandstifts wurden bis zum Jahre 1762, nach Abzug der Verwaltungs- und anderer Kosten, jährlich im Durchschnitte 27,000 Thaler an die Militairkaffc abgc- liefcrt'). An die Stelle des von dem Bischöfe ernannten Genc- ralvikars v. Frankenbcrg setzte der König den von ihm sehr begünstigten, von dem Bischöfe bitter gehaßten Domherrn Bastiani, den Sohn eines venetianischen Schneiders. Als dieser schon nicht vom Papste Benedict XIV, und nach dessen Tode noch weniger von dessen bis zum Fanatismus eifrigen Nachfolger Clemens XIII. anerkannt wurde und daher selbst zurücktrat, so übertrug der König aus landesherrlicher Macht und Gewalt dem gesammtcn Domkapitel die Verwesung des Gcneralvikariats^). Seit dem Jahre 1758 mußte auch die katholische Kloster- und sonstige Stiftsgeistlichkcit den zehnten Theil ihrer Einkünfte an die Kriegskasse zahlen, weil, hieß es, dem Wiener Hofe zur Fortsetzung des auf ungerechteste Weise dem Könige abgezwungencn Krieges vom Papste der zehnte Theil der Einkünfte der ganzen Klerisei in den gesammten Reichslanden nachgelassen worden sei. Ebenso erhob der König von den katholischen geistlichen Stiftern von Zeit zu Zeit nach Bedürfniß mehrfache Darlehn, wie das ebenfalls im Oesterreichischen zu geschehen pflegte. Er war dazu durch die Noth gedrängt und hatte die nicht unbegründete Ueber- zeugung, daß die katholische Geistlichkeit im Allgemeinen eine geheime Feindin Preußens sei, wie er denn dadurch überhaupt argwöhnischer gegen die Katholiken wurde, — nicht ganz mit Recht, denn wesentlich waren sie ihm gehorsam und offene Widersetzlichkeit wurde gar nicht gewagt. Die Staatsgewalt war damals viel zu übermächtig, als daß Katholiken hätten mit höchst unwahrscheinlichem Erfolge das Märtyrcr- 1) Menzel Xl. S- 336, welcher, wie die Berechnung dort zeigt, die jährliche Durchschnittssummc zu hoch auf 50,000 Thaler angibt. 2) Am gründlichsten und ausführlichsten aus den Acten Menzel XI. S. 331—331. 134 Buch VIII. Drittes Hauptstück. thum durch Widerstand gegen sie übernehmen sollen. Doch 1758 befahl Friedrich die 533 Mann, deren der Marschall Lchwald 15. 2an. ^ Bedienung seiner Feldgeschütze bedurfte, aus den M. fischen Gebirgsgegenden aus sicheren, durchgehends evangcli- schen Leuten zusammcnzubringcn'). Es war, wie wir sahen, nicht Widerwille gegen Las dem Könige sehr gleichgültige Glaubcnsbekenntniß der Katholiken, was ihn zu diesen nicht völlig zu rechtfertigende» Schritten bewog, sondern die Meinung, daß jene seiner Staatsgewalt widerstrebten. Noch weit weniger darf man mit dm Maßstabe des Rechts die Behandlung messen, welche Sachsen, Anhalt, Meklcnburg und überhaupt alle diejenigen Länder mit ihm nicht fverbikndeter Fürsten von ihm erfuhren, welche er in seine Gewalt bekam. Er mußte sich retten, auf jede Weise, konnte sich und seine Untcrthancn nicht schonen, wie hätte er Gegner oder auch nur Andere schonen sollen, 175-7 die ihm nicht freiwillig beistanden? „Man sagt," schrieb er 28 . Dec. seinem Bruder Heinrich, „daß wir einigen Ruhm haben; wenn das ist, so sind wir dennoch nur BcttclhcldeN: wir ! brauchen Geld, und ich will, weil es sein muß, lieber feindliches Land als meine armen Unterthancn treten")." „Wenn ! der Krieg fortdauert, mein lieber Bruder," schrieb er deni- ^1758 selben später, „so muß ich Straßenraub treiben, um meine 19. April Truppen zu bezahlen^)." Am härtesten traf der unverschuldete Druck des Kriegs das unglückliche Sachsen. Außer der entschiedenen Abneigung des Kurfürsten gegen den Frieden, daun der feindseligen Stimmung, welche Friedrich in Sachsen, vorzüglich bei den Truppen fand, welche dann auch Lei Kolin so blutige Vergeltung geübt, hatte ihn noch besonders gereizt, als im Nadasdyschcn Gepäckc, welches den Preussen in die Hände gefallen war, ein geheimer ihm nachtheiliger Briefwechsel der in Dresden zurückgebliebenen Königin und ihres Hofes mit den Ocstcrrcichcrn entdeckt wurde. Er verfuhr nun nicht mehr mit der frühem Schonung, ließ einen Kammerhcrrn v. Schönbcrg feststen, 1) Bei Schöning Artillerie II. S- 89. 2) Schöning Siebenjähriger Krieg I. S. 117. 3) Daselbst S. 181. Härte gegen Sachsen. Rache an Brühl. 135 3000 bei ihm gefundene Thaler wcgnehmcn, und als er 1757 Dresden verließ, dessen sechsspännigen Wagen und Bedienung 1 . Sept. zurückschickcn und ihn in Ketten zu Fuße neben den Truppen fortschlcppcn. Er soll sogar dem General Fink als Commandanten von Dresden befohlen haben Pulver in die Keller des königlichen Schlosses zu bringen und in die katholische Kirche Schießscharten zu brechen, was dieser, als gegen seine Ehre, verweigert'). Er schickte ( 12 . Dcc.) seinem Bruder Heinrich einen Befehl an den Marschall Kcith: ohne alle Schonung so hohe Kriegssteucrn und Lieferungen als möglich in Sachsen auszuschreibcn und aus demselben zu ziehen. „Man wird schreien," fährt er fort, „aber meine Absicht ist (was Sie doch als tiefes Geheimniß bewahren werden) dadurch den König von Polen zu drängen, ernstlich an den Frieden und an eine Ucbcreinkunft mit mir zu denken und sich nicht mehr von den Ocsterrcichern bei der Nase herum- führcn zu lassen')." Aus demselben geheimen Grunde schrieb er schon dem Marschall Keith ( 12 . Dec.), er werde es gern sehen, wenn der Obcrstlieutenant Mayer mit einigen Compagnien seines Freicorps auf den Gütern des Grafen Brühl bei Leipzig und Nossen Hause, doch in seinem eigenen Namen, denn er, der König, wolle nichts davon wissen'). Das Brühlsche Gut Nischwitz bei Wurzen wurde demnach auf die roheste Weise geplündert, die Mauern des Schlosses nie- dcrgcrissen, die eingelegten Fußböden zerstört, Bildsäulen zerschlagen, Fruchtbäume umgehauen. Als sich die Gräfin Brühl darüber beschwerte, weil der König ihr früher Zusicherungen rücksichtlich der Sicherheit ihrer Güter gegeben, antwortete er ihr im Februar 1758 eigenhändig: „Die Zeiten haben sich geändert. Die Bundesgenossen des Königs von Polen haben mein Land beraubt und verheert; ich habe müssen Repressalien brauchen, um ihren Grausamkeiten und Räubereien Einhalt zu thun." Sic dürfe sich nicht wun- 1) S- bei Henckel Lhl. I. Abth. 2 S. 343 die Anzeige einer zum Nachtheile Preussens gepflogenen Correspondenz. Vergl. S. 286. 2) Bei Schöning Siebenjähriger Krieg I. S. 103. 3) Preuß Urkundenbuch II. S. 8. 136 Buch VIII. Drittes Hauptstück.' der», daß die Bestrafung denjenigen getroffen, der am meisten daran Schuld sei. Der prachtvolle Palast des Grafen in Dresden wurde in ein Hospital für 2000 Kranke und Verwundete verwandelt und völlig zu Grunde gerichtet. Einen prächtigen Pavillon oder Belvedere im Garten mußte der Dresdener Magistrat auf Kosten der Stadt abbrcchcn lassen. Das führte nicht zum Ziele, weshalb auf Befehl des^Königs auch Pforten, eine dem Grafen Brühl gehörige Herrschaft, den 7. September 1758 durch 200 Husaren geplündert.und das Schloß verbrannt wurde. Die Einwohner wurden mit Gewalt vom Löschen abgchalten. Natürlich hatte auch das weiter keinen Erfolg, als daß cs als eine des Königs unwürdige That persönlicher Rache erschien'). Weit wirksamer war, man kann es wol Lagen, die systematische und regelmäßige Aussaugung Sachsens. Die 1758 Sachsen behaupteten, der König von Preußen habe außer 30. Jan. den 17,000 Mann, die er am Lilicnsteine gefangen, noch 13,600 Mann ausgehoben, also dem Lande über 30,000 Mann genommen. Hierzu kämen noch die eigenen prcussi- schcn gewaltsamen Werbungen, ferner die Freicompagnien und eine große Anzahl von Menschen, welche sich dem Kriegsdienste durch die Flucht entzogen hätten, während sonst in den höchsten Nothfällen für den eigenen Landeshcrrn nur 6—8000 Rekruten gestellt worden wären °). Die Stellung der Rekruten wurde mit der Zeit immer schwieriger. Die Stadt Wolkenstein kaufte im Jahre 1761 einen Rekruten für 125 Thaler. Das Porccllan der Meißener Fabrik ließ der König auf seine Rechnung in Hamburg verkaufen. Weil man prcussischerseits anfänglich keine neuen Contributions- gelder ausschreiben wollte, mußte allein die Stadt Leipzig bis Ende des Jahres 1757 über eine Million Thaler außerordentlicher Kontribution, theils unter dem Namen von Douceur-Geldern, theils vorschußweise erlegen, welche zuletzt 1) Kriegskanzlei von 1759 I. S- 376—396. 2) Kaiserliches pro memoria in der Kriegskanzlei vom 31. Januar 1753 Lhl. I. S. 23. Erpressungen in Sachsen. 137 gewaltsam beigetrieben wurden. Ebenso verfuhr man verhältnismäßig in Dresden, Merseburg, Görlitz und an andern Orten. Die Stadt Görlitz berechnete, was sie bei der Anwesenheit des Königs an baarem Gelbe, an Lcbcnsmit- 1758 teln und Leinwand zu Zelten hatte geben müssen, auf gegen 26. Oct. 100,000 Thalcr. Im Februar 1758 wurde der Stadt Leipzig eine Vermögenssteuer von 800,000, der Stadt Dresden von 500,000 Thalern als zu leistender Vorschuß aufgelegt. Die sächsische Ritterschaft mußte 500,000 Thalcr als freiwilliges Geschenk erlegen. Weil die Kaiserin von Rußland die Magistrate in Preussen für sich in Eid und Pflicht genommen hatte, that der König dasselbe in Sachsen'). Es wurde den Landständen der Antrag gemacht, gegen Ueber- lassung der Verwaltung sämmtlicher Landcscinkünfte an sie, jährlich die feste Summe von 4,000,000 Thalern an Preussen zu zahlen. Als sie das nicht annahmen, schrieb das Gene- ralfeldkricgscommissariak diese Summe selbst aus, hielt aber 1758 dabei streng auf Ordnung und schützte nach Vermögen die 16. Febr. Einwohner vor einzelnen Erpressungen"), wodurch allein die Lasten für die Dauer einigermaßen erträglich wurden. Es wird berechnet, daß Friedrich II. an Contributionen und Lieferungen hauptsächlich von Lebensmitteln während des Krieges aus Sachsen 40—50,0§0,000 Thaler erhoben. Rechnet man dazu, was den Oesterreichern, dem Reichsheere und den Franzosen gegeben werden mußte, so mag sich diese Summe wol auf 70,000,000 Thaler und mit Zurechnung der Kriegs- schädcn durch Plünderung und Brand auf 100,000,000 Thalcr belaufen haben. Man entnimmt aber aus dem, was allein Preussen erhob, von welcher Wichtigkeit der Besitz Sachsens für den König war. 1) Die Huldigungsformcl Kriegskanzlci von 1758 1. S. 175. 2) Herings Geschichte des sächsischen Hochlandes I. S. 189. Die kleine Schrift eines recht einsichtsvollen Mannes über die Sache Friedrichs und Maria Theresias in der Kriegskanzlei von 1759, I. S. 337 ff. bemerkt daher ganz richtig S.352: „Das weiß ich, daß die Bedrückungen und Plünderungen der Oesterrcicher und Reichstruppcn in Sachsen alle Herzen von ihnen abneigten und man öffentlich sagte, daß man lieber die ordentliche Last der Preussen als den beschwerlichen Trost der Befreier tragen wolle." 138 Buch VIU. Drittes Hauprstück. Kaum minder hart traf, abgesehen von den weniger zahlreichen Durchmärschen, den Plünderungen und Bränden, der Krieg Mcklenburg-Schwerin. Der Herzog Friedrich von Mcklenburg-Schwerin, dessen Vater schon früher wegen ! gewaltsamer prcussischer Werbungen in lebhaften Streit mit ^ Friedrich II. gerathcn war, hatte sich demselben, durch seine ! 1757 Abstimmung auf den Antrag des Kaisers-zum Reichskriege ^ ui. Jan. gegen Preussen sowie später, abgeneigt bewiesen. Unter > dem Vorwände, daß der Herzog die Schweden bei ihrem Einfalle in Pommern möglichst unterstützt habe, 1758 verlangte das prcussische Fcldkricgscommissariat von dein 5. Jan. Lande 2,500,000 Lhalcr, 22,000 Mispel Mehl, Roggen und Hafer, sowie andere große Lieferungen, besonders an Pferden. Die Landstände, welche verständig genug waren, der Gewalt nachzugeben, vertrugen sich mit den Commissariaten über die ordentliche Vertheilung dieser Leistungen aus das ganze Land. Der Herzog äußerte sich anfangs sehr ungehalten darüber, daß die Ritterschaft zu den Leistungen für Preussen weit mehr Bereitwilligkeit gezeigt als zur Bezahlung der sogenannten Römermonate zum Reichskricge gegen Preussen. Einige prcussische Regimenter besetzten im Anfänge des Februar 1758 Wismar und dann Rostock, wo der Magistrat der herzoglich meklcnburgischen Besatzung den Gebrauch des städtischen schweren Geschützes verweigerte; dann auch Güstrow, dessen Besatzung gefangen abgcführt wurde. Es wurden dazu 3000 Rekruten für Preussen gefordert. Der Herzog wendete sich an den Kaiser, welcher wie gewöhnlich an Preussen unfruchtbare Abmahnungcn von landcsfricdbrüchigcn Erpressungen und Vergewaltigungen unter Androhungen des Bannes erließ, den der König von I Dänemark als Herzog von Holstein zu vollstreckcn sich wci- ! gertc. Der Herzog sah sich durch die Stände selbst zur Nachgiebigkeit genöthigt und trug gezwungen den auf seine Domaincn kommenden Betrag der Leistungen an Preussen ab'). Die meklcnburgischen Landstände berechneten, daß die 1) Unparteiische Geschichte der Streitigkeiten des herzoglichen Hau ses Mcklenburg-Schwerin mit der Krone Preussen 1703 in Quart S. 127. Mcklenburg -Strelih wurde nicht belästigt, wie Prcuß H- Bedrückungen Meklenburgs, Anhalts. 139 von den Herzogthümern Schwerin und Güstrow während der Dauer des Krieges bezahlten Kontributionen, die von ihnen geleisteten Naturallicferungen an Mehl, Korn und Pferden, und die Exccutionsgebühren und sonstigen Kosten 17,000,000 Thalcr betragen haben, was den gesammten Grundwerth aller Hufen des Landes übersteigt'). Auch das mit Preussen thcilweise so eng verbundene Anhalt glaubte der König nicht verschonen zu können. Er befahl seinem Bruder Heinrich, die Fürsten von Anhalt mit 1757 Ausnahme des Fürsten von Zerbst (als Bruders der Groß- 25. Mai fürstin Katharina) um Lieferungen an Mehl, Korn und Stellung von Rekruten zu bedrängen und im Falle der Weigerung durch Einlegung eines Reiterregiments zu zwingen. Der Prinz that das und forderte unter Androhung der Exemtion 1000 Rekruten, während das gesammte Anhalt bei stärkerer Bevölkerung 50 Jahre später nur 800 Mann Contingent zum Rheinbunde zu stellen hatte. Friedrich lobte seinen Bruder deshalb sehr und äußerte, diese Herren müsse 1758 man nicht schonen, weil sie sich in dem Falle der Christen ^an- befänden, welche Gott verworfen, weil er sie nicht treu gefunden °). Der junge Fürst Franz von Dessau hatte nämlich nach der Schlacht von Kolin, welcher er nebst seinem Oheime, dem Prinzen Moritz, beigewohnt, auf Veranlassung seines wegen der Reichsabberufungserlasse besorgten andern Oheims und Vormundes Dietrich, den Abschied aus prcussischcn Kriegsdiensten genommen, dann, auf sein Gesuch vom Kaiser für volljährig erklärt, die Regierung seines kleinen Landes selbst angetreten. Sein Oheim Moritz hatte in gleicher Besorgniß und zugleich verdrießlich über das rauhe kränkende Benehmen, mit welchem ihm der König seit der Schlacht von Kolin begegnete, schon dem Könige vorgestcllt, daß er 1757 durch die Rcichsabberufungserlasse für seine Apanage und S. 186 irrigerweise angibt. S- Buchholz Geschichte der Mark Brandenburg VI. S. 238. Der Herzog Adolph Friedrich hielt sich an Hannover und.hatte nichts als von Durchmärschen zu leiden. 1) Retzow II. S. 21. 2) Bei Schöning Siebenjähriger Krieg I. S. 93 und 120. 140 Buch VIII. Drittes Hauptstück. sein Vermögen gefährdet werde, und der König ihm empfindlich geantwortet, er habe eine Menge von deutschen Prinzen bei seinem Heere, die sich an dergleichen unwürdige Reichsverfassungs - und gesetzwidrige, so zu sagen infam- proo6ä<-8 des Reichshofraths nicht kehrten. Er sei überzeugt, auch der Prinz Moritz werde solchen patriotischen Gesinnungen folgen, sich an nichts kehren und künftig diese Materie nicht wieder berühren'). Das Fürstcnthum Dessau wurde nicht geschont. Schon im Jahre 1757 betrugen die Lieferungen an Lebensmitteln für Preusscn, allein aus diesem kleinen Lande, über 100,000 Thaler, sicher über die Hälfte des damaligen jährlichen Einkommens des Fürsten; die übrigen anhaltischcn Fürstenthümcr wurden nicht weniger bedrückt. Der Fürst von Zerbst hatte nämlich einen Marquis de Fraigne als französischen Bevollmächtigten bei sich, welcher wirklich ein französischer Spion war. Als er diesen auf Friedrichs II. Verlangen nicht entfernen wollte, so ließ ihn der König mit Gewalt in Zerbst im Schlosse des Fürsten festnehmen und nach Magdeburg bringen, worauf der Fürst das Land verließ. Später stieg durch die Noth des Königs auch der Druck für Anhalt. Zm Jahre 1759 mußten die vier Fürstenthümcr 360,000 Thaler, 2200 Rekruten und 1800 Pferde liefern"). Allein die Leistungen des Fürstenthums Dessau an Lieferungen von Lebensmitteln,, Futter, Pferden und Soldaten sollen während der Dauer des Kriegs gegen eine Million Thaler betragen haben. Auch das Bisthum Hildcsheim mußte, als es der Prinz Heinrich im Februar 1758 besetzte, starke Kriegsstcuern zahlen und 80,000 Thaler zur Ausrüstung des neu errichteten Bellingschen Husarenregiments geben. Im folgenden Juni sollte der Prinz Heinrich-über 300,000 Thaler im Bambergischcn ausschrci- ben, doch war cs nicht möglich mehr als 90,000 bcizutrci- ben"). Die äußerste Noth zwang den König noch andere, > wenn auch theilwcise und für den Augenblick weniger drückende, 1) Bei Orlich Moritz von Dessau S- 74. 2) Schreiben des Königs an General Wedell 18. November 1758, in der Geschichte des siebenjährigen Krieges bearbeitet von den Officicren des großen Generalstabes III. S- 14. 3) Bei Schöning Siebenjähriger Krieg 1. S. 215. Prägung leichten Geldes. 141 doch im Allgemeinen noch verwerflichere Wege einzuschlagcn, um sich die nöthigcn Mittel zur Fortsetzung des Krieges, das heißt zu seiner Rettung zu verschaffen. Er hatte sich mit dem Lande auch der sächsischen Münzstätten bemächtigt und in denselben bis zum Jahre 1757, zum Theil mit sächsischem Wappen, Münzen von leidlichem Gehalte prägen lassen. Als ihn im Jahre 1758 seine Bedürfnisse dazu nö- thigten, ließ er in Dresden unter preussischcm Stempel aus je einer Mark 20 Thalcr in Maricngroschcn prägen; dann als er im Jahre 1759 Dresden verloren, wurden von den Juden Ephraim und Hitzig nun noch in Leipzig unter sächsischem Stempel mit der verfälschten Jahreszahl 1753 Geldstücke geprägt, welche nach und nach bis zum Jahre 1762 so geringhaltig wurden, daß nur 33^/g Thalcr, endlich 45 Thaler derselben eine Mark Silber enthielten. In den letzten Kriegsjahren war ein Augustd'or nur 1 Thaler 13 bis 14 Sgr. Silberwerth, während alte Friedrichs- und Augustd'or 20 Thalcr in schlechter Münze galten. Das alte gute Geld und silberne Hausgcräth wurde überall von Juden zu scheinbar hohen Preisen, aber immer unter dem wirklichen Wcrthe mit leichtem Gelbe aufgckauft und in leichtes Geld umgcprägt'). Das Prägen leichten Geldes ahmten auch andere Fürsten nach, welche sich nicht in einer solchen Lage wie Friedrich II. befanden, daher keine solche Entschuldigung für ihre unwürdige Handlungsweise in Anspruch nehmen können. In Ansbach und Baireuth, im schwedischen Pommern, in Anhalt-Bcrnburg und Zerbst, Meklenburg-Strelitz, Sachscn-Hildburghauscn, Neuwied und in andern Ländern wurde ebenfalls schlechtes Geld in großer Menge geprägt. Der Graf von Wied-Runkel verbreitete eine ungeheuere Masse geringhaltigen Geldes vermittelst eigener Comptoirs durch ganz Deutschland. Der Kaiser verbot zwar die geringhaltige prcussischc, brandenburgischc und andere fremde Münze bei schwerer Strafe, berief die Münzmcistcr ab und untersagte die Silberlieferungen. Allein man war an der- 1759 16. Aug I) Klotz sch Chursächsische Münzgeschichte Lhl. II. S. 840. 142 Buch VIII. Drittes Hauptstück. gleichen fürchterliche Drohungen in Deutschland schon seit langer, zur Ausführung derselben weit bequemerer Zeit gewöhnt, so daß das fast ohne alle Wirkung blieb. Nur gegen den Grafen von Wied-Runkel wagte der Kaiser thätlich cin- zuschreitcn. Der König wendete alle Mühe an, das schlechte Geld von seinem Lande abzuhaltcn und es so viel er vermochte nur in andern Ländern in Umlauf setzen zu lassen. Natürlich wirkte die Verschlechterung des Geldes nach und nach auf das Steigen der Preise aller Gegenstände» Kaufleute, Wechsler, Lieferanten und Pächter von Grundstücken gewannen, was Andere verloren. Während des Krieges war das weniger fühlbar für die Besitzer des schlechten Geldes als nach dem Frieden bei dessen Herabsetzung. Nächst diesen allerdings sehr bedeutenden, obwol durch ihren Ursprung sehr gehässigen Hülfsquellcn blieb Friedrich II. hauptsächlich auf den Beistand seines mächtigen Verbündeten, des Königs von England, angewiesen. Während sich im Jahre 1741 die Stimme des hochherzigen Volkes gegen Friedrich und dessen Verbündete für die fast von allen Seiten angefallene junge Maria Theresia laut erhoben hatte, so erhob sie sich jetzt nicht weniger laut für den von allen Seiten angefallenen heldcnmüthigcn König, der seinen ihm an Masse so vielfach überlegenen Feinden entschlossen die Spitze bot. Der englische Gesandte Mitchell, welcher dem Könige sehr ergeben war, drang darauf diesem die verlangte unerläßliche Hülfe zu leisten. Es war allerdings ein wichtiger Anfang damit durch die Aufhebung der Convention von Kloster Sccvcn und die Wiedcraufstellung des hannöverischcn oder alliirten Heeres gemacht worden; doch genügte das nicht. Dazu kam, daß das englische Ministerium verlangte, Friedrich solle, wie allerdings vertragen war, Truppen nach Hannover schicken, während die Russen bereits gegen ihn anrückten. Es widersprach schon dem stolzen Selbstgefühle des Königs, Hülssgelder zu verlangen, und nur die äußerste Noth hatte ihn dazu bewegen können; in keinem Falle aber wollte er sich rücksichtlich der Verwendung seines Heeres die Hände von England binden lassen, sondern sich dieselbe Bündniß mit England. 143 völlig frei Vorbehalten. So kam cs denn zum Abschlüsse eines 1758 Freundschafts ° und Subsidienvcrtragcs zwischen Friedrich Dpnl und Georg. Beide Könige erklärten darin, daß ihr erster Vertrag vom 16. Januar 1756 nicht vermocht habe, den Frieden in Europa und in Deutschland zu erhalten, daß vielmehr Frankreich Deutschland mit zahlreichen Heeren überzogen, beide Könige und deren Verbündete angegriffen, auch andere Mächte gegen sie aufgereizt hätte, so daß der König von Preußen von allen Seiten angcfallen worden wäre. Deshalb hätten beide Könige beschlossen: zu ihrer gegenseitigen Verthcidigung, zum Schutze ihrer Verbündeten und zur Aufrechthaltung der Freiheit Deutschlands ihre Anstrengungen fortzusctzen, und zu diesem Zwecke wolle der König von England den König von Preußen mit einer Million Thalcrn unterstützen. Beide Theile verpflichteten sich, nur gemeinschaftlich irgend eine Art von Vertrag mit einer der kriegführenden Mächte zu schließen. Außerdem versprach der König von England sich an das Parlament wenden zu wollen, damit cs in Deutschland ein Heer von 50,000 Mann auf englische Kosten unterhalte, wozu der König als Kurfürst von Hannover sein Heer um 5000 Mann vermehren wolle, — ferner die französischen Küsten der Nordsee so viel als möglich zu beunruhigen, um die Franzosen von Preußen abzu- lenkcn, auch Emden durch englische Truppen besetzen zu lassen. Eine Flotte in die Ostsee zu schicken lehnte England, als anderwärts zu sehr beschäftigt, flim nicht förmlich und völlig mit Rußland und Schweden zu brechen, ab, versprach jedoch, offen zu erklären, daß beide verbündete Könige dieselben Freunde und Feinde hätten, was die Kaiserin von Rußland sehr übel nahm und was wenigstens zur Abbrechung des gcsandtschaftlichen Verkehrs mit Schweden führte'). Dieser Vertrag wurde in den folgenden Jahren, zuletzt den 12. December 1760, noch dreimal ohne Veränderung erneuert*). 1) S. die Aktenstücke ln der Kricgskanzlei von 1753 II. S. 227 und SOI. 2) Wenck HI. S. 173. 144 Buch VIN. Viertes Hauptstück. , ' ! I Viertes Hauptftück. Feldzüge im Jahre 1758. Oesterreich hatte zu dem bevorstehenden Feldzuge 194M Mann aufstcllen wollen, hatte aber mit großer Anstrengung nur 122,000 Mann aufgebracht'). Das sehr mangelhaft eingerichtete Reichsheer betrug ,32,000 Mann, das französische war fast ohne Schwcrtschlag von 134,000 Mann auf > , 80,000 geschmolzen. Die Russen waren angeblich 104,000, wirklich nur 75,000 Mann stark; von 21,000 Schweden konnten ! ' anfänglich nur 7000 Mann im Felde erscheinen. Das gab zusammen gegen Friedrich eine Streitmacht von 316,000 Manu. Der König hatte sich durch Friedenshoffnungcn nicht cin- schläfcrn lassen. „Selbst wenn der Frieden sicher wäre," schrieb 1757 er seinem Bruder Heinrich, „muß man nichtsdestowenigerar- 28. Dec. beiten, sich in eine furchtbare Verfassung zu setzen; denn die Gründe der Gewalt sind das Einzige, was man gegen diese Könige und Kaiser anwenden kann')." Er setzte seinen Feinden im Felde 145,000 Mann eigene Truppen und 30,000 Hannoveraner, Hessen und Braunschweiger (die sogenannte alliirte Armee), insgcsammt also 175,000 Mann entgegen. Außerdem hatte er 61,000 Mann Besatzungen in den Festungen. Wenn man den Krieg des hannoverischen Heeres unter dem Herzog Ferdinand von Braunschwcig gegen die Franzosen abgesondert betrachtet, wie er es wesentlich war, so blieben den " 145,000 Mann Preußen 237,000 Mann Ocsterrcicher, Reichstruppen, Russen und Schweden im Felde gegenüber. Das Mißverhältnis wurde indessen ziemlich ausgeglichen durch die .,cs mit 61,000 Mann besetzten Festungen in Schlesien, an der '' i Oder und an der Elbe. Diese deckten den König in seiner Centralftcllung und legten den Feinden große Hindernisse in den Weg. Ferner war cs wie früher von der höchste» Wichtigkeit, daß der König allein die unumschränkte Leitung 1) Veteran III. S. 7. 2) Bei Schßning Siebenjähriger Krieg I. S. 116. Die Russen besetzen Preussen. 145 seines Heeres gegen vier von einander getrennte feindliche Heere hatte, deren Befehlshaber ohnehin durch die verschiedenen politischen Interessen ihrer Höfe bestimmt wurden und auch außerdem unter einander nicht einig waren, was jede übereinstimmende Bewegung gegen den König verhinderte. Dieser konnte aus seiner durch die Festungen gewissermaßen verschanzten Stellung, wo cs ihm beliebte, plötzlich hcraus- brcchen und ein feindliches Heer mit Ucbermacht angreifcn, während er die übrigen verthcidigungsweise zurückhiclt oder beschäftigte. Es standen demnach die Angelegenheiten Friedrichs im Anfänge des Jahres 1758 weit weniger ungünstig, als cs den Anschein hatte, obgleich die Russen unter dem General Fermor bereits wieder in Königsberg waren und 22. Jan. sich des gänzlich unvertheidigtcn Königreiches leicht bemächtigt hatten. Fermor versprach die gcsammten dortigen Einrichtungen unverändert zu lassen, und wurde zum General- Gouverneur ernannt. An die Stelle der preussischcn Adler wurden russische ausgestellt. Die Behörden, welche ihre Besoldungen behielten, und die Untcrthanen mußten der russischen Kaiserin huldigen, für welche auch das Kirchcngebet gehalten wurde, und das Land wurde seitdem während der Dauer des Krieges ohne Rekrutcnaushcbungcn im Ganzen sehr schonend behandelt, weil die Russen ohne Zweifel die Absicht hatten, cs für immer zu behalten. Sie legten außer den gewöhnlichen Abgaben nur eine Kontribution von 1,000,000 Albertsthaler auf das Land, welche dann auch noch auf nur 1,000,000 preussische Thalcr herabgesetzt und so nachsichtsvoll erhoben wurde, daß im Dccembcr des Jahres 1758 noch nicht zwei Drittheile entrichtet waren. Ihr Heer rückte indessen so langsam vor, daß cs sieben Monate brauchte, um von Königsberg über Posen bis Küstrin etwa 70 Meilen zurückzulcgcn, was dem Könige und dem Herzoge Ferdinand hinlängliche Zeit ließ, sich gegen die übrigen Feinde zu wenden. Der Feldzugsplan der verbündeten Gegner des Königs wurde dahin verabredet, daß die Oestcrreicher den Hauptangriff auf Schlesien unternehmen und den Russen an der Oder entgegenkommen, einen Ncbenangriff aber auf Sachsen Stenzel, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 10 146 Buch VIII. Viertes Hauptstück. ! machen und den Franzosen an der Elbe die Hand biete» ! sollten, während diese verlangt hatten, der Hauptangriff solle auf Sachsen gerichtet werden, worauf die Oesterreich« nicht eingchen mochten. Uebcrhaupt wollten die Franzose») ihre Kricgsbewegungcn abgesondert von denen ihrer Verbum dctcn erhalten, indem sie bereits an den Frieden mit Eng-! land dachten; dann wollten sie nicht Gefahr laufen ihre Trup pcn dem Willen ihrer Verbündeten untcrzuordncn, währen!) sic selbst nicht erwarteten von den Heeren dieser Letztem, für sich Vorthcilc ziehen zu können. Das haben sic seitdem im Wesentlichen fcstgehaltcn, und während die Oesterreich« immer auf Schlesien gingen, fortwährend gesucht sie nach Sachsen zu ziehen'). Der König dagegen wollte erst des französische» Heeres entledigt sein, sich dann hauptsächlich gegen Oesterreich wenden, zuvörderst Schweidnitz nehmen, was er durchaus nicht in seinem Rücken lassen konnte, dann, was die Oestcrreicher gar nicht besorgten, in Mähren ei»' dringen, Olmütz belagern, den zum Entsätze heranrückeiiden. Daun schlagen und die Festung nehmen, während der Prim ! Heinrich, dem der König dann den Oberbefehl in Sachse» übertragen, das Reichsheer angreifcn und Prag nehme» sollte. Durch so kühne, in das Herz des österreichische» Staates eingreifende Unternehmungen hoffte er die Oestcrreicher zu schrecken, um sich dann, wenn es nöthig werden sollte, von ihnen ungehindert gegen die Russen wenden zu können. Der Herzog Ferdinand von Braunschwekg eröffnet! demnach mit dem hannövcrischcn Heere den Feldzug. Er hatte, wie wir sahen, nach seinem Auftreten bis zum December des Jahres 1757 den Landstrich zwischen der Elbe und der Aller wiedcrgcwonnen, wogegen die Franzosen das l Land von da bis zur französischen Gränze inne hatten. Diese gaben cs auf, dem Herzoge von Meklcnburg-Schwerin Beistand zu leisten, wollten angeblich 24,000 Mann unter Soubise nach Böhmen, einen Theil des Haupthecrs aber nach Frankreich zurückschicken, um ihn in besseren Stand zu 1) S- Schreiben des Herzogs von Choiseul den 21. August 1760 bei Stuhr II. S- 311. sctzcn, überhaupt aber nur verthcidigungsweise verfahren und die Winterquartiere so legen, daß sie etwaigen Angriffen die Spitze bieten könnten'). Das, wie schon gesagt mehr durch Unordnung als durch den Krieg, von 134,000 Mann auf 80,000 Mann herabgcbrachte Heer dehnte seine Winterquartiere von Goslar über Braunschweig und Celle bis Verden und rückwärts bis Ostfricsland aus. Das bis dahin als neutral betrachtete Bremen zwangen sie zur Ein- 16. Jan. nähme einer Besatzung und nöthigtcn die Preusscn Halberstadt zu verlassen, wo der Marquis d'Argenson viel Geld und Lebensmittel mit schonungsloser Härte, indem mit Plünderung und Brand gedroht wurde, erpreßte"). So hofften sic, einige Zeit hindurch Ruhe zu haben und das Heer besonders durch Wiederherstellung der Zucht in guten Stand . zu setzen. An die Belagerung Magdeburgs dachten sie nicht mehr, erwarteten dagegen 10,000 Sachsen, welche in Ungarn ausgerüstet worden waren, und wollten die deutschen Sold- ! truppen bis auf 47,000 Mann vermehren. , Der Herzog ^von Richelieu wurde vom Oberbefehle ab- 1758 ^ berufen und ging, bereichert durch zahllose Erpressungen, 16. Jan. ^ deren Ertrag er schamlos kund gab, nach Paris zurück. Aber 8. Fcbr. nicht lange vorher ließ ihn Friedrich, aufgebracht über seine ! Plünderungen und Erpressungen im Halbcrstädtischcn und über das dabei beobachtete rohe und gewaltsame Verfahren, durch einen Heerhaufen unter dem Prinzen Heinrich im Januar aus dem Halbcrstädtischcn vertreiben. Auch mußte auf Befehl des Königs, welcher nun etwas freier als früher aufath- mcn konnte und die Franzosen nicht mehr in dem Grade zu schonen nöthig hatte, Prinz Heinrich dem Herzoge schreiben, ! man werde ebenso in den Ländern der Verbündeten des Kö- j nigs von Frankreich Hausen und außerdem den gefangenen ! französischen Ofsiciercn das unwürdige Verfahren fühlbar ^ machen, das man sich gegen prcussische Untcrthancn erlaubte. I 1) Schreiben von Paulmy an Richelieu vom 16. Jan. 1758 bei i Stuhr II. S. 42. ! 2) Siehe die Actcnstückc in dem militärischen Nachlasse des Victor Amadäus Grafen Hcnckcl von Donncrsmark, herauSgegcben von Aa- bcler II. S. 43, auch Hcldcngcschichtc IV. S. 125. 10 * 148 Buch VIII. Viertes Hauptstück. Der König erklärte, weil man im Halbcrstädtischcn nur von Feuer und Schwert gesprochen und Pechkränzc zur Drohung aufgchängt, er werde französische Ofsicierc, welche sich zu dergleichen brauchen ließen, wie Mordbrenner behandeln. Er I meinte, die Franzosen hätten sich schlechter wie die Russen betragen'). An Richclicus Stelle trat der Graf Clcrmont, ein Prinz des königlichen Hauses, von früher Jugend Abt, dann Soldat, ein wohlgesinnter und als Privatmann acht- , barer Mann, doch ohne alle Fähigkeit ein Heer zu befehligen °). Der Kricgsministcr hatte ihn an den Grafen Mor- taignc gewiesen, ohne den er nichts that und der ihm nicht gut ricth. Das Heer lag ohne Mannszucht, schlecht verpflegt und daher plündernd in seinen ausgedehnten Quartieren. Der Herzog Ferdinand hatte die ihm gelassene Zeit benutzt, um sein Heer zu verstärken und mit den nöthigcn Bedürfnissen zu versehen. Friedrich II. schickte ihm dazu 15 Schwadronen Reiter aus Pommern und überließ ihn, die bei der Räumung Wesels nach Tönningen gebrachten 1758 Geschütze. So sehr auch der König drängte, so konnte der Februar Herzog doch erst in der Mitte des Februar mit etwa 30,W Mann den Feldzug eröffnen, als eben Clcrmont den Oberbefehl übernommen hatte und unentschlossen hin und hcr- schwankte, wie er dem Angriffe begegnen solle. Der Herzog Ferdinand bemächtigte sich Verdens, der Erbprinz ging über die Weser und nahm durch Uebcrfall Hoya. Zugleich rückte ! auf des Königs Befehl der Prinz Heinrich mit 8600 Mann über die Ocker in das Hildeshcimischc ein und bedrohte die Rückzugslinie der Franzosen gegen die obere Weser. Cler- mont war in Furcht, die Prcusscn unter Lehwald rückten i aus Pommern an, die Engländer würden am Einflüsse der I Weser landen, und hielt sich von großer Ucbermacht bedroht. , 1) Bei Schöning Siebenjähr. Krieg I. S. 126 u. 133. ^ 2) Daß ihm gleich anfänglich vier Generale beigeordnct worden wären, ist ein Zrrthum. Es geschah erst nach der Schlacht von Krefeld, worauf er seinen Abschied nahm. Stuhr II. S- 47. Daß ihn ! Mortaignc vcrrathen, ist nicht zu erweisen und nicht aufzuklärcn. Siche ^ Stuhr Daselbst S. 166 u. 438. Rückzug der Franzosen. 149 Die zerstreuten, durch die Witterung und schlechte Verpflegung ermatteten und bei mangelhafter Bekleidung und Zuchtlosigkeit bald völlig entmuthigtcn Franzosen') leisteten mit den sehr unzuverlässigen 6000 Mann pfälzischer Soldtruppen nirgends wirksamen Widerstand. Minden ergab sich nach einer viertägigen Belagerung. Der außer Fassung 14. Marz gebrachte Clermont räumte Hameln und Rinteln, zerstörte die Brücken über die Weser und zog das gcsammte Heer schleunig gegen Wesel an den Rhein zurück. Auf fast grundlosen Wegen von den Verbündeten verfolgt, kam er mit Zurücklassung sämmtlichcr kupferner Pontons, nach der Vernichtung mehrcr Tausend Ccntncr Pulver und mit Auf- gebung aller Magazine sowie des größten Thcils seines Gepäckes, mit Verlust von 15,000 Mann Ende März in Wesel an. Kaum bewogen hier kurze Zeit Halt zu machen, ging er sogleich im Anfänge des April mit dem ganzen Heere über den Rhein zurück und legte cs, noch 40,000 Mann stark, auf dem linken Ufer in Quartiere. Dasselbe that der Herzog Ferdinand mit seinem 25,000 Mann starken Heere auf dem rechten Ufer. Er hatte zwar nur einige Hundert Mann im Gefechte verloren, doch lag viele Mannschaft in den Hospitälern. Nicdcrsachscn, Hessen und Westfalen bis an den Rhein waren so von Franzosen befreit. Die Franzosen lagen zwischen Rhein und Maas, gedeckt durch Wesel, das befestigte Düsseldorf und Kaiserswerth, in ausgedehnten Quartieren, um ihr Heer zu erquicken, zu ordnen und zu verstärken. Die abgesondert unter Soubise stehende Hcercsabthcilung am Mittelrhein, welche versprochenermaßen hatte nach Böhmen gehen sollen, woran die Franzosen wol nie ernstlich dachten'), setzte Hanau in Verteidigungszustand, und cs erregte den Argwohn und Un- 1) Schreiben Mermonts vom 18. Febr. bei Stuhr II. S. 423, Beilage zu S. 55. 2) Außer dem, was Stuhr darüber mitgetheilt hat, sehen wir das aus einem Schreiben der Markgräfin von Baireuth an ihren Bruder, den König, vom 10. Mai 1758. Die Franzosen wollten, Oesterreich solle sich zum Frieden neigen, dann wollten sie vermitteln. Schöning Siebenjähr. Krieg I. S. 197. 150 Buch VIII. Viertes Hauptstück. willen selbst des Kurfürsten von Mainz und des Kaisers, als Soubise Frankfurt besetzen wollte. Aus Besorgniß vor einer Landung der Engländer schickte Clermont Truppen nach Flandern und schwächte dadurch sein Heer. Obwol der Prinz Heinrich von Preussen mit seiner Hecresabtheilung nach Sachsen hatte zurückkehren müssen, verstärkte unterdessen der Herzog Ferdinand sein Heer bis auf 43,000 Mann, während er zur Deckung Hessens eine neue Hecresabtheilung unter dem Prinzen von Isenburg bildete. Er hoffte, durch eine allerdings kühne Bewegung, die wegen der Besetzung von Ostende und Nieuport gcgc» Frankreich sehr gereizten Holländer, dann die dem nicht abgeneigten Kurfürsten von Köln, Baiern und der Pfalz.zum englischen Bündnisse zu bringen. Deshalb ging er unerwartet und ungehindert im Anfänge des Juni unterhalb Emmerichs mit 30,000 Mann über den Rhein und trieb die 42,000 Mann starken Franzosen, welche nur bei Rhein- bergen kurze Zeit Stand hielten, vor sich her. Wegen der dcmüthigenden Vorwürfe, welche sämmtlkche Verbündete Frankreich über die unverantwortliche und schmachvolle Verwendung seines Heeres machten, wurde Clermont wiederholt durch den Kricgsministcr Belleisle aufgcfordert mit seiner überlegenen Macht eine Schlacht zu wagen. Soubise Me unterdessen auf dem rechten Rheinufer gegen Düsseldorf Vordringen. Endlich machte Clermont bei Krefeld Halt und nahm hier mit seinem auf 47,000 Mann verstärkten Heere eine durch Wälle, Gräben, Sümpfe und Gehölze, Zäune und Gärten schwer zugängliche Stellung ein. Dennoch wagte es der Herzog, im Vertrauen auf die Unentschlossenheit und das Ungeschick Clermonts sowie auf die Uneinigkeit 1758 der französischen Unterbefehlshaber, mit seinem jetzt 33,000 23. Juni Mann starken Heere die Franzosen anzugrcifen. Er beschäftigte mit seinem linken Flügel und Mitteltrcffcn das französische Heer, umging mit seinem rechten Flügel höchst verwegen den feindlichen linken Flügel und war glücklich genug, diesen zu schlagen, indem die französischen Untcr- bcfehlshabcr die ihnen crtheiltcn Befehle nicht ausführten und ihre Reiterei einen Angriff zu 'machen sich geradezu Schlacht bei Krefcld. 151 weigerte'). Clermont zog sich, che noch der größte Theil seiner Truppen des rechten Flügels und des Mittcltreffcns ins Gefecht gekommen war, nachdem er 4000 Mann und 4 Geschütze verloren, in guter Ordnung und ohne weitern Verlust zurück, obwol er sich schon am folgenden Tage durch Heranziehung entsendeter Truppcnthcile verstärkt hatte. Der Herzog Ferdinand suchte die festen Plätze am Niedcrrhcine in seine Gewalt zu bekommen, eroberte Düsseldorf und Rocrmonde, und seine leichten Truppen streiften bis gegen Brüssel. Es wurde endlich die Unfähigkeit Clermonts so weit erkannt"), daß man ihm einen Kricgsrath von drei Ge-28. Zum ncralcn zuordnctc, mit der Erklärung des Königs Ludwig, er solle den Herzog Ferdinand in jedem Falle schlagen und über den Rhein zurückdrängen. Clermont empfand das hinlänglich, um nun sogleich seine Entlassung zu erbitten, worauf 4. Zuli Contadcs den Oberbefehl erhielt und bald darauf zum Marschall ernannt wurde. Den Franzosen lag auch ohne die lebhaften Vorwürfe der Oestcrreichcr bei der Schmach, welche die bisherige Leitung ihrer Heere auf sie geworfen hatte, besonders daran, sich wieder in den Besitz des linken Rhcin- ufcrs zu setzen, zugleich um Holland abzuhalten, Partei für England zu nehmen. Uebrigens hatten sie gar nicht die ernstliche Absicht, bis an die Elbe, ja nur bis an die Weser vorzugchn, vielmehr wollten sie nur den Main und den Nie- dcrrhcin während der Dauer des Feldzugs behaupten und bis zum Ende desselben so viel als möglich im feindlichen Lande leben und dasselbe aussaugcn^). Der Prinz von Soubisc drang mit etwa 18,000 Mann, anstatt nach Böhmen zu marschiren, von Hanau gegen Kassel vor. Broglio io. Juli 1) Siche die Bertheidigung Mortaignes bei Stuhr II. S. -1-10, Clermont sagte zu Mortaigne: „7s lui (der Reiterei) en si äesii eirvo^s «ieux lais I'orelrs (anzugreifen); eil« ns >e veut, ^ias; l)US vouIkL- vous c;uo pz- fasse?" 2) Siche Bellcislcs Urtheil über Clermont 11, Juli 1758 bei Stuhr II. S. 118. 3) Siehe bei Stuhr II, S> 128, 129, 152 Buch VIII. Viertes Hauptstück. 23. Juli mit dem Vortrabe von 7000 Mann schlug unfern davon, bei Sangcrhauscn, des Prinzen von Isenburg neu ausgestellte 4000 Mann, nachdem diese sich tapfer gewehrt hatten. Contadcs war wenigstens ein alter versuchter Kricgs- mann, wenn auch kein unternehmender und geschickter Befehlshaber. Erst als sein Heer bis auf 50,000 Man» angcwachscn und Soubise auf Kassel vorgedrungcn war, sah sich der Herzog Ferdinand gcnöthigt langsam über den Rhein zurückzugchen. Er bewirkte das bei der Saumsclig- 9—10. kcit der Franzosen mit großem Geschick und ohne Verlust. ^"8- Contadcs folgte ihm langsam über den Rhein und verstärkte sein Heer auch durch sächsische Soldtruppcn bis auf 75,000 Mann, während Soubise nun mit 25,000 Mann, unter denen freilich 6000 widerspenstige Würtcmbergcr, links von ihm lange unthätig bei Kassel stehen blieb. Der Herzog Ferdinand stand Contadcs gegenüber mit seinem durch englische Truppen bis auf 50,000 Mann angewachsenen Heere. Als Contadcs vorwärts ging, zog sich der Herzog langsam bis Münster zurück. Obwol nun der unvorsichtige General Oberg mit seinen 12,000 Mann in der Nähe Kassels bei Luttcrnberg von dem durch eine Hccresabthcilung Contadcs' unter dem 10. Oct. kühnen Chcvcrt übermächtig verstärkten Soubise geschlagen wurde, gelang cs dem gewandten Herzoge Ferdinand dennoch, bei der Unthätigkeit, in welcher Soubise fortwährend verharrte, die Vereinigung beider französischen Heere zu verhindern. Weil nun der Kaiserin Maria Theresia bestimmt versprochen worden war, daß das französische Heer nicht eher Winterquartiere nehmen solle, als bis der Herzog Ferdinand über die Weser getrieben sei, so drängten der Kriegsmiuistcr und König Ludwig den Marschall Contadcs unaufhörlich, die Ehre des Heeres zu retten und ein ruhmvolles Ende des Feldzugs hcrbeizuführcn. Contadcs aber erklärte cs geradezu für unmöglich den Herzog Ferdinand anzugrcifcn. Es erregte das lebhaft den Argwohn der Ocstcrrcichcr, daß sich die ganze französische Kriegsmacht von dem, wie sic meinten, unbedeutenden Heere des Herzogs Ferdinand in Schach halten ließ. Maria Theresia äußerte sich höchst aufgebracht und verlangte die endliche Erfüllung des ihr gegc- Contades' Uüthätigkeit. 153 bcncn Worts'). Allein cs war alles vergeblich. Nachdem der Herzog Ferdinand noch Contades' Versuch auf Münster vereitelt und der Kriegsministcr, Herzog von Bcllcislc, ausdrücklich befohlen hatte das Land zwischen Weser und Rhein zur Wüste zu machen, um die Winterruhc zu sichern °), brach Contades auf, um mit Räumung des rechten Ufers sein Heer 15. zwischen Rhein und Maas in die Winterquartiere zu legen, was Soubisc, nachdem er über den Main zurückgcgangcn war, zwischen diesem Flusse und dem Rheine, der Herzog Ferdinand in den Bisthümcrn Münster, Paderborn und Osnabrück bis rückwärts zur Weser that. Westfalen bis zum Rheine, Niedersachsen und das Hessische bis zur Lahn blieben von Franzosen befreit. Der Geist des französischen Heeres besserte sich nicht. Der Krieg für Oesterreich gegen Preusscn widersprach der Gesinnung nicht nur vieler hoher Staatsbeamten, sondern auch der Ofsicicre und iusgcsammt des Heeres und des Volkes, ebenso der Stimmung der deutschen Soldner. Die Unfähigkeit der Oberanführcr, die Uneinigkeit der Untcr- befchlshabcr, der Unwille der Ofsicicre über die schlechte Führung, das Plagen der Truppen durch unnützes Hin- uud Hcrmarschircn, wobei endlich, wenn cs zum Treffen kam, Schande statt Ehre cingccrntct wurde, machte die Unzufriedenheit so allgemein, daß sie fast zur völligen Auflösung des Heeres führte. Friedrich hatte von den Franzosen, so lange der Herzog Ferdinand von Braunschwcig an der Spitze des alliirtcn Heeres stand, wesentlich nichts mehr zu besorgen und konnte seine gcsammten Kräfte gegen seine übrigen immerhin noch übermächtigen Feinde wenden. Die Ocsterrcichcr versammelten ihre Strcitkräfte zum neuen Kampfe bei Trautcnau in -Böhmen, während Laudon die verschanzten Landshuter Zugänge deckte, der Oberst Janus mit 5000 Mann im Glatzischcn und General Dcville mit einer gleich starken Abthcilung im österreichischen Schlesien ausgestellt waren. So gern Maria Theresia dem von ihr 1) Bei Stuhr II. S. 115- 2) Ebendaselbst S. 148. 154 Buch Vlll. Viertes Hauptstück. hochgeschätzten Schwager, dem Herzog Karl von Lothringen, den Oberbefehl gelassen hätte und wie ungern sie den zaudernden Daun an die Spitze stellte'), so stark erhob sich doch die 1758 öffentliche Stimme gegen den Herzog. Bei seiner Ankunft in ! 7. Jan. Wien wurde öffentlich bekannt gemacht, daß sich Niemand bei > harter Ahndung unterstehen sollte von dem Prinzen in Absicht der letzten unglücklichen Schlacht unanständig zu reden, indem er weiter nichts gethan als die Befehle der Kaiserin- Königin zu vollziehen. Ein Verbot gleicher Art war vorher schon in Prag bekannt gemacht worden H. Er sah sich selbst gcnöthigt zurückzutreten, womit auch Nadasdy entfernt wurde und Daun den Oberbefehl erhielt. Der Prinz von Pfalz- Zwcibrückcn, welcher eben zum österreichischen Fcldmarschall ernannt worden war und an des Herzogs von Hildburg- Hausen Stelle den Oberbefehl über das 30 — 32,000 Mann starke Rcichshecr erhalten hatte, sollte sich in Böhmen mit den dort befindlichen 15,000 Ocsterrcichcrn unter Scrbelloni vereinigen und dann, 50,000 Mann stark, durch das Voigt- land in Sachsen cinrückcn. Ihm gegenüber stand der Prinz ! Heinrich mit etwa 30,000 Mann, indem er insgesammt mit etwa 40,000 Mann Sachsen deckte. Der König hatte ihm nach seiner Rückkehr vom Zuge gegen die Franzosen zu Ende des März den Oberbefehl an Keiths Stelle gegeben, indem er ihm ausgedehnte allgemeine Vollmachten und freie Hand gab zu schlagen oder nicht. „Denn," sagte er, „der Buchstabe tödtct, der Geist macht lebendig." Er empfahl ihm die Haltung strenger Mannszucht und Sorgfalt für die Soldaten, Kranken und Verwundeten, welche sich für das Vaterland aufopferten. Er sollte zwar Sachsen verthei- digcn, aber immer angreifcnd verfahren; doch verbot er ihm ' ausdrücklich, Kriegsrath um vorzunehmendcr Kricgsbcwe- ! gungen willen zu Haltens. Der König, welcher sein Heer in Schlesien großcntheils durch Einstellung österreichischer Kriegsgefangenen bis auf 1) Siche was sie darüber im Dccember 1758 zu dem französischen Gesandten Montazet sagte, bei Stuhr II. S. 189: 1'ai beau clierclicr, >s n'en ai point ä'autrs ä mettrs ä In töte äa mes armees. 2) Danzigcr Beiträge IV. S- 426. 3) Bei Schöning I. S- 149 ff. Einnahme von Schweidnitz. 155 53,000 Mann gebracht hatte, ließ durch Fouque mit 8000 Mann den gefürchteten Obersten Janus aus dem Glatzischcn jagen. Der Prinz von Würtemberg stand dem General Deville in Oberschlcsicn gegenüber/ Das Heer bezog im März gedrängte Quartiere um Landshut und deckte die Belagerung von Schweidnitz. Der österreichische Commandant, General Thicrheim, hatte mit seiner Besatzung von 8000 Mann die Stärke der Festung nach Vermögen erhöht, während sie außerdem mit allem Nothwendigcn versehen war. Die zur Belagerung nöthigcn Gegenstände konnten nur mit großer Anstrengung beschafft werden '). Erst am 1. April erlaubte die Witterung die förmliche Belagerung und anfänglich wenig wirksame Beschießung der seit mehr als drei Monaten eingcschlossencn Festung. Durch Ausreißer erfuhren indessen die Prcusscn, daß die Wachen des Galgenforts wegen der preussischcn Bomben sich sämmtlich unter demselben in den Kasematten aufhieltcn. So gelang in der Nacht zum 16. April die Ersteigung dieses Forts fast ohne Widerstands, worauf der General Thicrheim am folgenden Tage die Festung mit den noch waffenfähigen 5000 Mann Besatzung übergab. Der General Daun hatte durch kleine auf dem linken Flügel des Königs absichtlich angeordncte Gefechte, besonders aber durch das Vordringen Fouquc's in das Glatzische die Ucbcrzeugung gewonnen, der König wolle in Böhmen cinbrcchen. Er konnte auch außerdem nicht wohl etwas Anderes vcrmuthcn. Wegen der Entmuthigung und der durch Krankheiten noch vermehrten Schwächung seines mühevoll zusam- mcngcbrachten und großcntheils aus Rekruten bestehenden Heeres suchte er Böhmen durch die stärksten Vcrschanzungen und Verhaue zu decken. Ganze Wälder wurden zu Verhauen verwendet, alle Wege gründlich zerstört; Soldaten und Landlcute erlagen fast unter der Anstrengung, welche die Anlegung und Bewachung dieser den Preussen cntgcgen- gcstclltcn Hindernisse verursachten. 1) Schöning Artillerie II. S. 91 ff. 2) Schreiben Kciths in Dovers Leben Friedrichs II., 111. S. 9. Der König war cincrsckts nicht bekannt genug mit den, Übeln Zustande, in welchem sich Dauns Heer befand, und i wollte andererseits auch seine Kräfte nicht gegen die ihm von Daun entgegengesetzten und schwer zu überwindenden > Hindernisse verschwenden. Allerdings war ihm der Zustand , von Olmütz auch nicht genau bekannt. Er hatte cs im Jahre 1742 leicht erobert und erwartete, daß ihm das wieder gelingen werde. Jedenfalls hoffte er Daun aus dessen fester Stellung zum Entsätze der Festung hcrbcizuzichn und dann Gelegenheit zu erhalten, diesen zu schlagen. Ucbrigens sah ^ er das Gefahrvolle des Unternehmens ein, auf 30 Meilen entfernt von seinen Hauptmagazincn eine Festung in der Nähe eines starken zum Entsätze hcranrückcndcn Heeres zu belagern; allein er gab hier, wie in andern Fällen, zu viel auf günstige nicht vorherzusehcnde Umstände oder Zufälle, welche er für sich zu benutzen dachte. Außerdem war er einem eigentlichen Vcrthcidigungskricge entschieden abgeneigt, und wollte seine Feinde nur angriffswcisc in deren eigenen Län- ^ dern beschäftigen. Zur Erreichung des nächsten Zieles bc- j durfte cs des strengsten Geheimnisses und der größten j Schnelligkeit, um Daun durch Gewinnung einiger Märsche ! zuvorzukomincn. Friedrich brach daher sogleich nach der April Ucbcrgabc von Schweidnitz mit den dazu bestimmten Truppen nach Ncisse auf, gewann den Ocsterrcichcrn, welche den Angriff auf Böhmen und nicht auf Olmütz erwarteten, einen ^ . Mai Vorsprung ab und kam über Troppau ohne Hindernisse vor ! Olmütz an. Dieses hatte eine 9000 Mann starke Besatzung, in dem General Marschall einen sehr wackcrn Commandantcn und tüchtigen Ingenieur, war mit Geschütz, Schicßbedarf und allem sonst Nothwcndigcn reichlich versehen und zur wirksamen und dauernden Verthcidigung völlig eingerichtet. Umschwärmt von feindlichen Truppen deckte der König mit seinem insgcsammt 55,000 Mann starken Heere durch fünf abgesonderte Hccrhaufcn auf beiden Seiten der Morawa die Einschließung der Festung, deren Vcrtheidigungsmittel er für schwächer hielt, als sie wirklich waren'). Weil das Be- 1) Bci Schöning Artillerie II. S. W. Marsch nach Mähren u. Belagerung von Olmütz. 157 ! lagcrungsgcschütz nicht sogleich mitgenommen worden war, konnte die von dem Marschall Kcith geleitete Belagerung ^ erst nach 14tägigcr Einschließung mit der Beschießung beginnen. Die Belagerten verthcidigtcn sich tapfer und einsichtsvoll, während die Belagerung von dem Obersten Balbi ' bis zur dritten Parallele nicht mit der nöthigcn Zweckmäßigkeit eingerichtet war. Dazu kam, daß Fouguc den Balbi gegen Kcith unterstützte, welcher das Fehlerhafte des Bclagerungsvcrfahrcns ebenso wie der König einsah, welches den l. Juli, 42 Tage nach Eröffnung der Laufgräben, noch wenig Aussicht auf Eroberung des Platzes gewährte. Der König war bereits den 1l. Juni so unzufrieden über Balbi, daß er an Kcith schrieb: „Wenn Cochorn und Vauban auf- wachten, so würden sie mit Eselsohren diejenigen beehren, welche sich jetzt in ihr Handwerk mischen')." Bei einem Ausfälle vernagelten die Oestcrrcichcr zehn prcussische Geschütze. Daun hatte mit seinem bis auf einige und 80,000 Mann angewachscncn Heere sehr vorsichtig keinen Angriff auf den König machen wollen. Er ließ anfangs die Prcusscn durch Laudon und Janus beobachten, rückte dann, als er sah, daß cs mit dieser Belagerung Ernst war, näher heran und bezog 44/z Meile westlich davon ein festes Lager bei Gcwitz. Durch den Aufenthalt der Prcusscn vor Olmütz erhielt er Zeit, seine großcnthcils neuen Truppen an den Krieg zu gewöhnen. Nach und nach engte er die Prcusscn immer mehr ein und erschwerte denselben durch seine leichten Truppen die Beziehung der Unterhaltsmittel. Wäre er ebenso unternehmend gewesen, als er fast ängstlich vorsichtig war, so hätte ! er mit seiner Uebcrmacht sehr leicht das sehr gewagte Untcr- k nehmen der um Olmütz zerstreut ausgestellten Prcusscn durch ^ einen entscheidenden Schlag beenden können. Er stützte sich indessen auf die Stärke der Festung und deren tüchtige Verteidigung, gewann durch Zaudern an Zeit so viel als der König verlor, und wollte ohne Schlacht zum Ziele gelangen, das sicher zu erreichen war, wenn er sich nur nicht schlagen l) Bei Schöning SieLenjähr. Krieg I. S. 205. 158 Buch VIII. Viertes Hauptstück. ließ. Der König dagegen wollte, anstatt sich gegen Daun zu wenden, durchaus die Festung erobern, was doch in Gegenwart der überlegenen österreichischen Macht kaum ausführbar war. Daun umgab nach 'und nach mit seinem Heere die preussischcn Hccrcsabtheilungcn, welche die Belagerung deckten, im weiten Umkreise. Die Hoffnung des Königs, Daun werde, um nicht Olmütz vor seinen Augen wcgnehmen zu sehen, sich zu einem unvorsichtigen Schritte verleiten lassen, schlug gänzlich fehl. Der kleine, zwischen beiden Theilcn geführte Krieg erschwerte die Zufuhren der Prcusscn immer mehr. Außer Mehl, Reis und Schlachtvieh mußten die meisten Bedürfnisse mit dem Schicß- bcdarfe aus Schlesien bezogen werden. Im preussischcn Lager kostete ein Maß Branntwein 20—25 Sgr., ein Maß schlechten Weins 1 — 2 Thlr., ein Pfund Kaffee l^l, Thlr, Endlich stellte Daun den unternehmenden Laudon an dcs General Harsch Stelle auf der Verbindungslinie der Preufsn zwischen Olmütz und Troppau auf, während er selbst mit etwa 45,000 Mann in entgegengesetzter Richtung eine Stellung einnahm, welche der König unangreifbar fand. Der Commandant von Olmütz blieb dabei fortwährend im Briefwechsel mit Daun, welcher ihm Ingenieure und Artilleristen schickte, an denen cs in der Festung mangelte; ja es gelang Juni Daun eine Verstärkung von 1200 Mann in dieselbe zu bringen. So mangelhaft waren die Anstalten, welche die Prcusscn zur Einschließung getroffen hatten. Zn Schlesien waren unterdessen 12,500 Mann ausge- wcchsclte Kriegsgefangene neu organisirt und von diesen 7—8000 Mann, unter welchen 900 junge ausgchvbcne Pommern, dazu bestimmt worden, unter dem Obersten Mosel einen Transport von 4000 Wagen mit Lebensmitteln, Geld und Schicßbedarf zum Belagcrungshecre vor Olmütz zu bringen. Das war den Oesterreichcrn sehr wohl bekannt. Sie täuschten den König durch scheinbare Anstalten zum Angriffe auf sein Heer, während sie den Transport aus Schlesien im Auge hatten. Der aufmerksame Marschall Kcith wurde doch durch die Vorkehrungen, welche die Oesterreicher dazu trafen, bewogen, den General Zieten mit 3000 Belagerung von Olmütz. 15') Mann Fußvolks und 3 Reiterregimentern dem Transporte cntgcgcnzuschickcn '). Dieser Zug wurde sowol durch seine Größe als durch die schlechten Gebirgswege aufgchaltcn und darauf von den Generalen Laudon und St. Jgnon angc- 28. Juni griffen. Die Preußen vcrthcidigtcn ihn ungemein tapfer gegen die große Ucbcrmacht der Ocsterrcichcr, worauf sich Laudon bei Zictens Annäherung zurückzog. Als der Transport nun bei Domstädtl angekommcn war, wurde er aber- 30. Juni mals von den beiden österreichischen Generalen mit großer Ucbcrmacht an beiden Seiten angegriffen. Ungeachtet der Bildung einer Wagenburg und der tapfersten Vcrthcidigung war der Transport gegen den überlegenen Angriff und vorzüglich gegen das feindliche Geschützfcucr nicht zu behaupten. Die 900 neu ausgehobcncn Pommern blieben todt oder verwundet bis auf 100 sämmtlich auf dem Platze; sie starben, da sie nicht siegen konnten. Ein großer Theil der Pulvcr- wagcn sprang in die Luft. Mit Verlust von 2400 Mann und 6 Kanonen zog sich Zictcn nach Troppau zurück. Zu spät waren vom Bclagcrungsheere Anordnungen getroffen worden, ihn zu unterstützen. Als der Transport nicht, wie erwartet wurde, den 1. Juli eintraf, dagegen der Unfall, der ihn betroffen, bekannt wurde, zog sich der Marschall Kcith geschickt und glücklich mit seiner Heeresabtheilung auf das rechte Morawaufcr zum Könige. Olmütz war auf dem linken Ufer entsetzt, großer Aufwand an Geld, Schicßbedarf, Menschen und Zeit vergebens aufgeopfcrt. Das preussischc Heer stand auf dem rechten Morawaufcr, von Schlesien getrennt, ohne Schießbedarf und Lebensmittel einem überlegenen Feinde gegenüber in der schwierigsten Lage. Der König beschloß sogleich das ganze nun verfehlte Unternehmen aufzugcbcn. Er theilte sämmtlichcn in seinem Hauptquartiere versammelten Generalen und Staabsofficieren das Mißgeschick des Transports mit, schilderte ihnen seine Lage, forderte sie für die zu bestehenden Gefahren zur Tapferkeit, als dem einzigen Rettungsmittcl, auf und erhielt die bün- 1) Schreiben Keiths an seinen Bruder vom 4 Juli 1758. Dover Friedrich II., III. S. 1-tI. 160 Buch VIII. Viertes Hauptstück. digstcn Zusicherungen. Zugleich drohte er jedem Ofsicicrc, der sich muthlos zeigen und seine Soldaten nicht ermuntern würde, um sic vom Ausreißer: abzuhalten, mit Cassation und Festungshaft'). Er täuschte Daun durch eine falsche Nachricht, welche er ihm in die Hände spielen ließ, als wolle er über Troppau nach Schlesien gehen, was ihm wirklich unmöglich war, indem 25,000 Ocstcrrcichcr die Pässe dahin besetzt hatten °). Weil auch der Weg nach Glatz zu gefährlich war, schlug er den Oestcrrcichcrn ganz unerwartet den Weg nach Böhmen ein, so viel dieser auch Schwierigkeiten bot. Er gewann glücklich einen Vorsprung, ließ nur 6 Kanonen ohne Laffettcn stehen, alles Ucbrigc, auch die Verwundeten und Kranken, nahm er mit. Mit einem unermeßlichen Wagcnzuge, gefolgt von Daun, öfters gedrängt von Laudon, gehemmt von Lasch und Zanus, umschwärmt von zahlreichen feindlichen leichten Truppen, gelangte er so, indem er sich stellte, als wolle er auf Prag 9. Aug. zichn, über Königingrätz und Fricdland mit allem Geschütz und Gepäck und sonst ohne wesentlichen Verlust mit dem Heere glücklich nach Landshuk. Er war auf seinem höchst beschwerlichen Marsche immer bereit zum Schlagen, um die Blößen zu benutzen, welche Daun sich geben würde, was dieser aber vermied. So wenig sich das Unternehmen des Königs auf Olmütz mochte völlig rechtfertigen lassen, so große Bewunderung erregte dessen mit außerordentlich richtigem Blicke gewählter uüd mit ungemeinem Geschicke geleiteter und ausgcführter Rückzug. Ucbcrhaupt wird man cs bemerken, daß der König bei glücklichem Gange seiner Angelegenheiten im Gefühle seiner Ueberlcgenhcit nicht selten Schritte wagte, welche nur er verantworten konnte; daß sich dagegen bei den ihn dann treffenden Schlägen die ohnehin so große Spannkraft seines ebenso erfinderischen als starken Geistes auf das Acußcrste erhöhte und dadurch die Nach- thcile ausglich, welche aus einem gewissen Uebcrmuthc und der Verachtung seiner Gegner entsprungen waren, so daß 1) Bei Schöning Siebenjähr. Krieg I. S. 220. 2) Retzow I. S. 295. Die Russen in Polen. 161 i er als Besiegter dem Sieger bald wieder gleich furchtbar entqegentrat. Er wußte schon seit einem Monate von dem Anmarsche der Russen, deren Langsamkeit ihm Zeit ließ, Schlesien zu gewinnen. Seine Lage würde verzweiflungsvoll gewesen sein, wenn die Russen unter Fermor den Feldzug drei Monate früher eröffnet und überhaupt den Krieg planmäßig und kräftig geführt hätten. Sie waren unterdessen, ohne sich daran zu kehren, daß Polen keinen Antheil an dem Kriege nahm, dennoch völlig ungehindert durch dieses seit langjähriger Auflösung seiner inncrn Ordnung seinem Untergänge sich nähernde Land gezogen. Der russische Großkanzler Woronzof hatte dem polnischen Krongroßfeldherrn 3. April als Antwort auf dessen Beschwerden über die Besetzung von Elbing und Thorn fast höhnisch bemerkt, daß die Herren Polen fast einstimmig zugäben, der Zug der russischen Truppen durch Polen sei unvermeidlich, und daß sie selbst den Landen ihres Königs zu Hülfe eilen würden, wenn ihr Zustand ihnen solches erlaubte. Die Kaiserin könne daher nicht glauben, daß die Polen geneigt wären durch die geringste Widersetzlichkeit gegen das Einrücken der Russen das Gegen- theil von so edcln Gesinnungen darzuthun'). Die Russen hatten sogar versucht Danzig zur Aufnahme von 6000 Mann russischer Besatzung und zur Uebergabe der Außenwcrke zu bewegen. Als aber die Danzigcr, auch durch die preussischcn Minister in Berlin dazu gereizt^), Anstalt zur Gegenwehr machten, standen sie von ihrer Forderung ab^). Gegen Ende des Mai überschritten sie die Weichsel und besetzten im Anfänge Juli Posen, während ihre leichten Truppen bereits bis Glogau streiften. Sie hatten von den Vorthcilcn, welche durch die Richtung einer Operationslinie erlangt wird, keine Idee, sondern folgten langsam, wie wilde wandernde Völkerschaften, dem Laufe der Ströme und hielten als Hauptaugenmerk die Mittel sich zu ernähren fest. Daher fehlte auch wol bei einer 1) Zn der Kriegskanzlei von 1758, II. S. 49. Preußen arbeitete in Polen sonst ohne Erfolg den Russen entgegen. 2) Kriegskanzlei von 1758, II. S. 53. 3) Schreiben an den Prinzen Heinrich vom 12. und 14. April 1758 bei Henckel II. S. 73 fg. Stenzel, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 11 162 Buch VIII. Viertes Hauptstück. Schlacht die Reiterei oder eine Hcercsabtheilung, welche sich der Lebensmittel wegen vom Haupthccre entfernt hatte. Die prcussischcn Truppen in Pommern, an deren Spitze seit dem April dieses Jahres an des alten Marschalls Lch- wald Stelle der Graf Dohna stand, hatten auf Befehl des ^ Königs bei der Annäherung der Rüsten die Einschließung ^ 6. Juli von Stralsund aufgegeben und sich bei Schwedt auf dem linken Odcrufcr ausgestellt. Fcrmor hatte schon im Jahre 1757 den Verdacht erweckt, daß er gegen das Bündniß Rußlands mit Oesterreich und Frankreich sei, und wurde daher von diesen Mächten mit Mißtrauen betrachtet. Er gab keine Auskunft über seine Entwürfe, schien launisch bald den einen, bald den andern Weg mit seinem Heere cinschlagcn zu wollen; ob links zu den Ocftcrreichcrn, geradeaus in die Mark oder rechts zu den Schweden, wußte Niemand und schien vom Zufalle abzuhängen. Sämmtlichc russische Generale rückten ungern vorwärts und widerstrebten den Anordnungen des Oberbefehlshabers. Endlich kam die russische Hauptmacht mit ihrem unermeßlichen Gepäck in Märschen von einer hal- 2. August ben Meile täglich über Mcscritz an die preussische Grenze, ging dann bei Landsbcrg über die Wartha und wendete sich plötzlich gegen Küstrin. Die Russen, besonders die zahlreichen unregelmäßigen Truppen, als Kosaken und Kalmücken, plünderten das Land fürchterlich und verbrannten die Dörfer, marterten, schändeten, mordeten und verübten ohne Schonung des Alters und Geschlechts die gröbsten Gcwaltthätig- kcitcn und Grausamkeiten gegen die Einwohner, was den König außerordentlich erbitterte'). Man kann durchaus nicht sagen, daß Fcrmor die groben Ausschweifungen seiner Truppen billigte. Er hielt nach Vermögen auf Mannszucht, konnte sie aber bei dem besten Willen, besonders unter den unregelmäßigen Truppen, nicht durchsetzen. Er ließ auf Klagen der Einwohner die Knute geben; Nasen und Ohren ab- I) Der König an seinen Bruder Heinrich am 1. September 1758 bei Schöning 1. S. 255. 1e ns saursis vous faire uns iäöe äe lautes Iss barbaries yue «es infames commsttent et les cbeveux m'en clrsssent a la tete. Die Russen vor Küstrin. 163 schneiden, an einem Tage 100 Mann, jeden mit 50 Stock- schlagen bestrafen, doch ohne wesentlichen Erfolg'). Obgleich nicht mit hinlänglichen Mitteln zu einer Belagerung versehen, ließ Fcrmor dennoch seit dem 15. August Küstrin auf dem rechten Oderufer beschießen, während sich Dohna gegenüber auf dem linken Ufer befand. Zn der Stadt griff das dadurch entstandene Feuer so schnell um sich, daß sie sogleich völlig abbrannte. Dennoch wollte der entschlossene Commandant von Wuthenow die Festung nicht übergeben, woraus die Russen ansingen eine Art von Parallele zur eigentlichen Belagerung zu ziehen. Die drohende Aufforderung zur Ucbcrgabe blieb ohne allen Erfolg. Dohna hielt sich mit seinem Heere mit Recht für zu schwach, um die Russen aufhalten zu können. Der König, welcher diese mit Unrecht übermäßig geringschätzte, war darüber sehr unwillig. Er schrieb dem Grafen besonders sehr 12. Aug. unzufrieden über die ostpreussischen Regimenter, welche ihm bei Jägerndorf und vor Stralsund nicht genügt hatten: „Wir müssen nun anfangcn die Russen tüchtig abzuprügcln. Wenn Ihr über die Oder geht, so sagt allen Eucrn Ofsi- cicren, mein Wahlspruch wäre: Siegen oder sterben! wer nicht so denke, könne sich zum Teufel scheren")." Er ließ in Landshut den Markgrafen Karl von Brandenburg- Schwedt mit Zictcn und Fouque und 40,000 Mann zur Vcrtheidkgung Schlesiens gegen 70—75,000 Oestcrreichcr unter Daun, seinen Bruder Heinrich mit etwa 30,000 Mann zur Vcrthcidigung Sachsens zurück, ernannte diesen für den 10 . Aug. Fall seines Todes mit unbeschränkter Gewalt zum Vormunde seines Neffen Friedrich Milhelm, als Thronerben und empfahl für diesen Fall die möglichste Thätigkeit in den Hcercsbcwegungcn, damit der Feind nichts von der Aen- dcrung des Oberbefehls merke, indem er auf den Frieden hoffte, wenn man sich in diesem Feldzüge tüchtig behaupte. Er wollte zuerst die Russen schlagen, dann Dohna geil Daß wird mit vielen Einzelnheitcn in den (preussischen) Nachrichten von der Aufführung der Russen in der Gegend von Küstrin umständlich gemeldet. Deutsche Kricgßkanzlci von 1759, I. S. 715 — 825. 2) Bei Schöning I. S. 2L1. 11 * 164 Bstch VIII. Viertes Hauptstück. gen die Schweden schicken, nach der Lausitz zurückkchren und Dcville aus Obcrschlcsicn verjagen. Er hoffte, dieser Feldzug werde seine Gegner so erschöpfen, daß sie den Frieden ! wünschen würden'). Am 11. August, zwei Tage nach seiner Ankunft aus Böhmen in Landshut, brach er von dort aus legte unerhört schnell in 11 Tagen 35 Meilen zurück und traf am 22. mit seinem Heere im Hauptquartiere des Grafen Dohna bei Küstrin ein. Am folgenden Tage, den 23., ging er, die Russen täuschend, vier Meilen unterhalb Kü- strins bei Güstcbicse mit seinem nunmehr 32,000 Mann starken Heere und 117 Geschützen über die Oder und rückte gegen die Rüsten an. Zahlreich umringten ihn die Landlcutc mit ihren Weibern und Kindern und empfingen ihn als ihren Retter. Fcrmor, welcher auf die ihm von Daun zur Ucbercinstimmung ihrer Bewegungen mitgetheiltcn Entwürfe gar keine Rücksicht nahm, hob sogleich die Belagerung Kü- strins auf und stellte sein 50 — 52,000 Mann starkes Heer zwischen den Dörfern Quartschen an der Mützel und Zorn- 1758 dorf auf. Der König brach schon früh den 25. August um 25. Aug. Uhr auf, umging im Bogen den linken Flügel der Russen und richtete seinen Hauptangriff auf den rechten Flügel. Er eilte dabei so sehr, daß er sich des in seinen Händen befindlichen, vom Hauptheere ganz getrennten russischen Gepäcks nicht bemächtigte, was leicht gewesen wäre und nebst einigen Märschen allein schon die Russen zum Rückzuge gebracht haben würde. Er mochte hoffen, cs werde ihm ohnehin in die Hände fallen, wenn er die Russen erst geschlagen; denn bei der Geringschätzung, mit welcher er diese betrachtete, wollte er ihnen eine tüchtige Lehre geben, sie durch eine völlige Niederlage schrecken und so dauernd zum Rückzüge uöthigcn. Er hoffte, weil ihm die Zeit mangelte, mit seinem tüchtigen schlagfertigen Heere die übermächtigen Feinde bald zu schlagen. Die Erbitterung bei dem Anblicke seines verheerten Landes und der Jubel, mit welchem ihn seine Un- terthanen als Retter empfingen, reizte ihn noch mehr. 1) Sein Schreiben an seinen Bruder Heinrich vom 10. August 1758, bei Schöning I. S. 212 vollständiger als bei Preuß I. S. E, Beilage zu S. 258. Schlacht bei Zorndorf. 165 Um 9 Uhr begann der preussische linke Flügel den Angriff auf die eng zusammengedrängten Massen des rechten russischen Flügels, auf welchen bald 40 Geschütze mit grauenerregender Wirkung feuerten, so daß einmal eine Kugel 42 Mann kampfunfähig gemacht haben soll. Leider wurden die trefflichen Anordnungen des Königs durch Zufälle oder Mißverständnisse von den Generalen Mantcuffcl und Kanitz nicht völlig befolgt und nur unzureichende Kräfte zum Angriffe entwickelt. Plötzlich brach daher das russische Fußvolk mit lautem Geschrei zum Angriffe hervor. Die preussischen, schon geschwächten Bataillone wichen, die russische Reiterei warf 15 Bataillone des Vortrabes und des linken preussischen Flügels und nahm 15 Kanonen. Das russische Fußvolk rückte zur Verfolgung dieses Vortheils weiter vor, gericth aber dabei wegen Mangels an Uebung in Unordnung. Seid- litz sah das; der König hatte ihm früher befohlen schneller hinter dem Fußvolke vorzugehcn, was Seidlitz nicht wollte, um seine Reiterei nicht unnützcrweise dem feindlichen Kano- ncnfcuer auszusetzen. Als ihm der König den Befehl bei Verlust des Kopfes wiederholen ließ, hatte Seidlitz erwidert: „Sagen Sie dem Könige, nach der Schlacht stehe ihm mein Kopf zu Befehl; in der Schlacht möge er mir aber noch erlauben, daß ich davon für seinen Dienst guten Gebrauch mache." Jetzt sieht er die eingetretcne Gefahr, rückt eilig heran und stürzt mi5 31 Schwadronen Reiter vor, wirft die russische Reiterei und dringt von zwei Seiten in das russische Fußvolk ein. Die Russen wurden durchbrochen und nie- dcrgehaucn, flüchteten aber nicht, sondern sammelten sich wieder in Haufen und wehrten sich, so lange sie es vermochten. Gnade wurde nicht verlangt und nicht gegeben, sondern ohne Erbarmen Alles niedergehauen, wie es der König befohlen. So wurde doch der rechte russische Flügel durch den tirpfern Seidlitz geworfen. Der König ließ nun um 1 Uhr seinen rechten Flügel gegen den russischen linken vorrücken. Die russische Reiterei stürzte plötzlich vor, nahm eine zu weit vorstehende schwere Batterie, griff das Fußvolk an und wurde nur durch die preussische Reiterei zurückgetriebcn. Bei einem mit lautem Geschrei wiederholten Angriffe der russischen Rei- 166 Buch VIII. Viertes Hauptstück. terei des rechten Flügels wichen 13 ostpreussische Bataillone, welche früher bei Jägcrndorf wacker gefochten, und flüchteten in Unordnung, während die vom Könige aus Schlesien mit- I gebrachten Bataillone Stand hielten. Abermals rettete der i Scharfblick und die Entschlossenheit des tapfcrn Scidlitz die ! Schlacht. Mit 61 Schwadronen, welche seit 12 Stunden in den Sätteln waren, warf er mit dem lauten Rufe: „Kinder, folgt mir!" die russische Reiterei auf ihr Fußvolk, welches tapfern Widerstand leistete, bis das preussische Fußvolk hcran- kam. Nun bekämpften Fußvolk und Reiterei, beide Thcile untereknandcrgcmcngt, in einzelnen Haufen einander wüthcnd mit den blanken Waffen. Endlich wichen die Russen den leichter wieder in Ordnung gebrachten Bataillonen und Schwadronen der Prcusscn und gingen gegen die Mühe! hin etwas zurück. Als sie aber dort die Brücken abgebrochen fanden und keinen weitern Ausweg hatten, behauptete» sie sich hier gegen alle Angriffe mit Erfolg. Der König stellte sein Heer vor Zorndorf gegen Quartschen hin auf, Fermor das seinrge, nachdem er es in der Nacht wieder geordnet hatte, ihm gegenüber hinter Zorndorf, nur eine Mertelmeile entfernt von seiner ersten Stellung. Erst um 8'/> Uhr endete die Schlacht, welche Morgens 9 Uhr begonnen hatte. Am folgenden Tage entspann sich zwischen beiden Theilen, deren keiner wegen großen Verlustes, Erschöpfung und Mangels an Schießbedarf etwas Ernstliches unternehmen wollte, nur eine mehrstündige Kanonade. Ein Angriff der russischen Reiterei wurde zurückgewicscn. Die Schlacht bei Zorndorf war sicher die blutigste in dem bisherigen Kriege. Friedrich sah jetzt ein, wie wahr ihm Keith gesagt hatte: „Die Russen sind leichter todt zu schlagen als zu überwinden." Sic verloren in dieser Schlacht über 21,000 Mann und 103 Kanonen. Die Preusscn über 11,000 Mann und 26 Kanonen. Daher schrieben sich beide Theile den Sieg zu') und stellten feierliche Dankgebete für den- 1) Fermor in seinem Bericht an die Kaiserin vom 26. August: er habe nach zehnstündigem Kampfe das Schlachtfeld behauptet, Gefangene gemacht, Kanonen und Fahnen erobert. Kriegskanzlei von 1758, II S. 760. Schlacht bei Zorndorf. 167 selben an, welcher jedoch unzweifelhaft'), wenn auch an sich ohne große Wirkung, auf Seiten der Preussen war, insofern sie das Schlachtfeld behaupteten. Der König erkannte öffentlich an, daß er ihn Scidlitz verdanke. Noch auf dem Schlachtfclde, umgeben von seinen Untcrfeldherren, sagte er zu dem englischen Gesandten Mitchell, der ihm Glück wünschte, auf Seidlitz zeigend: „Ohne diesen da würde es schlecht ausgcsehcn haben." Er hielt ihn seitdem besonders hoch. „Die Reiterei," schrieb er an Lord Marishal, „hat fast Alles gethan')." Fcrmor, welcher nicht im Marsche angegriffen werden wollte, zog sich unbemerkt in der darauf folgenden Nacht rechts ab nach seiner Wagenburg bei Camin und verschanzte sich dort. Der König wagte es nicht ihn hier anzugreifen/ schickte vielmehr bereits am 27. August Zielens Husaren über Küstrin nach Frankfurt, um Laudons Streifzuge Einhalt zu thun. Er wollte die Russen durch Bewegungen zum wirklichen Rückzuge nöthigen, als Fermor bereits den 1. September aus freien Stücken nach Landsberg zurückging. Im Allgemeinen waren die Russen unzufrieden darüber, daß sie sich von ihren Gränzen entfernen sollten. Sie rühmten sich schon zwei Siege erfochten, ein weites Ländergebiet erobert und weit mehr gethan zu haben als ihre Verbündeten. Die Kaiserin wollte lebhaft die Fortsetzung des Krieges, die Generale widerstrebten, und im Allgemeinen hatten die Russen keine Lust sich weiter anzustrengen und Gefahren für ihnen fremde Interessen zu übernehmen'). Dem Könige konnte nichts erwünschter sein, als daß die Russen das freiwillig thaten, wozu er sie nur sehr schwer hätte zwingen können, nämlich sich zurückzuziehen. Er ließ den General Dohna mit etwa 17,000 Mann zu ihrer Beobachtung stehen und brach mir 28,000 2. Sept. Mann nach Sachsen auf, wo sich der Prinz Heinrich der 1) Daß die Schlacht unentschieden gewesen, schreibt selbst Keith an seinen Bruder den 12. October bei Dover III. S. 35. 2) Osuvreo XX. p. 270. 3) Bericht bei Stuhr II. S. 159 ff. 168 Buch VIII. Viertes Hauptstück. großen Uebermacht Dauns und des Reichshceres kaum mehr ^ erwehren konnte. Fermor ging dessenungeachtet, obgleich er s noch durch eine Heeresabtheilung unter Romanzof verstärkt worden war, den 20. September über Pyritz bis hinter die I Plöne, den 16. October noch weiter bis Dramburg zurück, wohin ihm Dohna mit seinem Heere beobachtend folgte. Fer- , mor wollte bis über die Weichsel zurückgehcn, als ihm seine Kaiserin aus Klagen ihrer Verbündeten drohend befahl Dohna zu schlagen, Quartiere an der Oder zu nehmen und in Ucbereinstimmung mit ihren Verbündeten zu handeln. Ebenfalls auf ausdrücklichen Befehl der Kaiserin hatten die Russen seit dem 4. October mit 3000 Mann Kolberg angegriffen und sogleich bombardirt. In der Festung waren 144 ^ Geschütze mit nur 14 Artilleristen und 700 Mann Landmiliz. Die Entschlossenheit und Tapferkeit des braven Comman- danten, Majors von der Heide, und die größte Hingebung der wackcrn Bürgerschaft, welche keine Opfer scheute, ersetzte nach Möglichkeit, was fehlte. Es wurden eilig 130 Mann zu Artilleristen eingeübt, die Bürgerschaft bildete sich in Hauptmannschaften und übernahm den Dienst im Inner» der Festung. Nach einer Unterbrechung von drei Tagen setzten die Russen das Bombardement fort und drangen, durch Zuzug verstärkt, schon über den bedeckten Weg, als sie auf die falsche Nachricht, Dohna rücke mit dem Heere heran, die Belagerung den 30. October aufhoben, worauf die Besatzung eilig sämmtliche Angriffswcrke einriß. Zu einer neuen Belagerung schien die Jahreszeit zu weit vorgerückt. Der Versuch einer Erstürmung mißlang, weil er zu früh entdeckt wurde. Fermor zeigte überhaupt keinen rechten Ernst in dem Unternehmen. Ungeachtet Dohna mit dem größten Theilc seines Heeres hatte nach Sachsen gehen müssen und nur 6000 Mann unter Manteuffel in Pommern zurücklassen können, ging Fermor dennoch über die Weichsel zurück und legte ^ sein Heer auf dem rechten Ufer in die Winterquartiere. Man argwöhnte, um dieses Verfahren zu erklären, die Russen hätten die Absicht sich Danzigs zu bemächtigen, was ihnen im Frühjahre nicht gelungen war. Das regte die Polen und die französische Partei derselben sehr auf. Indessen erhielt Die Schweden in der Mark. 169 Fcrmor für seine Thaten den höchsten russischen Orden des heiligen Andreas. Unter den schwedischen Truppen war durch starken Genuß von Pökelfleisch und Häringen der Scharbock eingcris- sen und cs lagen 6000 Mann krank in den Hospitälern. Es fehlte an Pferden und Arbeitern. Stralsund war von 2500 Mann besetzt und von 21,000 Mann konnten noch im Juni nur 7000 im Felde erscheinen. Der General Rosen, welcher nach Ungern-Sternbcrg befehligte, that nichts ohne Befehl von Schweden, war unentschlossen und schwach. Der General Hamilton, welcher dann den Oberbefehl erhalten hatte, konnte sich daher erst Ende Juli, sechs Wochen nach Aufhebung der Einschließung Stralsunds durch die Preus- sen, mit 14—16,000 Mann in Marsch setzen. Er eroberte die Peenemünder Schanze und breitete sich bis Treptow an der Tollense aus. Hier verweilte er vier Wochen, um den Beschluß des Reichsraths über drei verschiedene Operationspläne abzuwartcn. Er erhielt darauf den Befehl nach bester Einsicht zu verfahren. Hamilton, der ohnehin bei seinen schwedischen Untcrbefehlshabcrn wenig Willfährigkeit fand, war so wenig als sein Vorgänger zu Unternehmungen geneigt, deren Verantwortlichkeit er im unglücklichen Falle zu tragen hatte. Auf Fermors Einladung, sich den Russen links nach Schwedt hin zu nähern, war er, obwohl sehr ungern, Ende August gegen die Uckermark bis auf Fricdland vorgerückt. Der französische General Montalembert suchte ihn vergeblich zu bewegen rechts auf Wittstock und gegen die Elbe hin vorzugehen, wogegen die Russen ernstliche Vorstellungen machten. Er blieb daher lieber in Fricdland und wartete den Erfolg der russischen Bewegungen ab. Als die Nachricht von der Schlacht von Zorndorf und dem Rückzüge der Russen eintraf, ging er unerwartet bis nach Strasburg gegen die Uckermark vor, um die angeblich unter Dohna an- rückcnden Preusscn zu erwarten. Dohna mußte indessen, ohne sich um die Schweden zu bekümmern, die Russen beobachten. So konnten sich die Schweden ungehindert in der Uckermark ausbreitcn; aber Montalembert vermochte sie durchaus nicht zu bewegen, sich Berlins, was sehr leicht gewesen 170 Buch VIII. Viertes Hauptstück. wäre, zu bemächtigen. Bei den reichlichen Lebensmitteln, welche sie in der Uckermark fanden, drangen sie nur bis Ncu- Ruppin und Fehrbellin, acht Meilen von Berlin vor. Nur 2500 Mann wurden aufZehdenick gegen Berlin hin geschickt So war in den Bewegungen der Feinde Friedrichs nirgends Uebereinstkmmung: Ocsterreicher, Russen, Franzosen und - Schweden folgten jeder seinem augenblicklichen Interesse oder der Laune und der Ansicht ihrer Befehlshaber. Der Prinz Heinrich, welchem sein Bruder Friedrich II, im Frühjahre den Oberbefehl über das bis auf etwa 20,00» ^ Mann verstärkte Heer in Sachsen übergeben hatte, wozu noch 9000 Mann Besatzungen in Dresden, Leipzig und Tor- gau kamen, war ein Mann von völlig französischer Bildung und sehr feinem Benehmen. Er gewann durch Leutseligkeit seine Umgebung und die Truppen, welche ihm mit Vertrauen und Hingebung folgten, wie sie sein Bruder durch geistige Ueberlegcnheit und Charakterstärke sich unterwarf und fesselte, mit sich fortriß und begeisterte. Der Prinz nahm zweckmäßige Stellungen, gab sich keine Blößen, während er die seiner Gegner sorgfältig benutzte, und fetzte nicht leicht etwas aufs Spiel. Er besaß bei vieler Vor- und Umsicht ebenso großes Talent zur Führung des so schwierigen hinhaltenden Vertheidigungskrieges, wie sein Bruder bei großer Lebendigkeit und fester Willenskraft zum rasch entscheidenden Angriffskriege. So ergänzten beide einander vortrefflich, und wie der Prinz des Königs Drang zu kecken Wagestücken mäßigte, so reizte der König des Prinzen vorsichtige Besonnenheit zu kühnen' Unternehmungen. Der Rückzug der Preussen aus Böhmen und vorzüglich der Anmarsch der Russen veranlaßte die Oesterreichcr, weil ein Angriff auf den Markgrafen Karl, welcher Schlesien deckte, nicht geeignet schien, zugleich zur Unterstützung, der Russen ^ die Oberlausitz und die linke Seite des Prinzen Heinrich zu bedrohen und ihn von dem Markgrafen Karl in Schlesien zu trennen, während ihn der Prinz von Pfalz-Zweibrückcn mit dem Reichsheere vorn beschäftigte. Dieser erhielt daher den Befehl gegen den Prinzen Heinrich vorzurücken, traf aber erst im Juli zwischen Hof und Plauen ein. Der Prinz 171 Begeisterung für Friedrich. Heinrich hatte bis dahin ohne großen Erfolg die Zurüstungen des Rcichsheercs zu hindern gesucht, daher schon seit April die feindlichen Magazine bis Hof zerstört, im Bam- bcrgischen Brandschatzungen bcigctricbcn und einen solchen ^ Schrecken erregt, daß viele Einwohner aus Nürnberg und s Franken bis gegen den Rhein hin flüchteten. Die Stirn- i mung unter den Reichstruppcn war so übel, daß der Oberbefehlshaber dem französischen Bevollmächtigten offen gestand, zwei Dritthcile derselben würden zu den Preusscn übergehen, wenn man ihnen das möglich mache. Dabei waren die Truppen, wie die Rcichsstände selbst, den Franzosen ! sehr abgeneigt und wollten auch für den Kaiser nichts thun. Friedrich war trotz aller Gcgcnbemühungcn seiner Feinde der Held der Zeit und hatte Anhänger genug, welche diese Stimmung erhielten und verbreiteten. Wenn die Protestanten der Unterdrückung des mächtigsten protestantischen Fürsten durch ^ katholische Mächte gleich anfangs widerstrebten, wenn sich , die Toleranten und Aufgeklärten schon damals gefragt hatten, was dann aus Toleranz und Aufklärung werden solle, so hatten Friedrichs Thatcn im Zahrc 1757, wie er sich am Rande des Abgrundes erhob und nach den Siegen von Roß- bach und Lcuthcn streitfertiger wie je dastand, bewunderndes Erstaunen und lebhafte Begeisterung erregt. Es wurde der tief schlummernde, ritterliche Geist der Nation erweckt gegen die unritterliche Ucbcrmacht sogar fremder, gebildeter und ungebildeter Räuber und Plünderer, welche den tapfersten und geistreichsten Fürsten unterdrücken wollten. Man glaubte ! seinen Siegcsberichtcn und mißtraute denen seiner Feinde. In beiden Fällen wuchs die Theilnahme und wurde lebendiger. Es erwachte endlich doch vielfach das besonders durch Oesterreichs Bündniß mit den Franzosen und Russen verletzte und so lange Zeit tief unterdrückte nationale Selbstgefühl der Deutschen. Sie sahen doch wieder einen Helden auf einem Thron mit dem Schwerte in der Hand, bereit zu siegen oder unterzugehcn, wie ihre Väter ihn seit Jahrhunderten so nicht gesehen. Hatte doch eine hessische Prinzessin zu Ehren Friedrichs ein eigenes, ordensähnliches Zeichen für Männer und Frauen 172 Buch VIII. Viertes Hauptstück. erdacht, ein rothes mit Sternen bcsa'etes Band mit dem Namenszeichen des Königs und der französischen Umschrift! „Der Triumph der guten Sache," — und: „Es sei im Frieden oder im Kriege, er ist der größte König auf Erden')." Herren und Frauen trugen das öffentlich. Selbst in München war eine starke Partei (bei welcher sogar der Beichtvater des Kurfürsten) wenigstens für Parteilosigkeit und sogar günstig') für Preussen und Hannover gesinnt. Der Landgraf von Hcsscn-Darmstadt ließ seine Truppen gar nicht zum Reichshccre stoßen und verweigerte den Franzosen Winterquartiere in Gießen. Der Kurfürst von der Pfalz erregte bereits großen Verdacht bei den Franzosen. Die Abgeneigtheit auch anderer Reichsfürstcn, wol gar, wie mehrere erfuhren, zu ihrem Nachthcile, vielleicht wie bisher ganz erfolglos, Opfer für Oesterreich zu bringen, kam dazu; denn alle waren des Krieges müde und, wie die Truppen, besonders den Franzosen abgeneigt'). Unter solchen Umständen war auf kräftige Mitwirkung des Rcichshccres wenig zu rechnen, so lange es abgesondert handelte. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß Maria Theresia, besonders um sich des Reichsheeres selbst und der schwankenden Reichsfürstcn besser zu versichern^), den Prinzen von Pfalz-Zweibrücken bewog mit dem Reichshccre in Böhmen einzurücken, wo er dann, mit den dazu gestoßenen Oesterreichcrn 50—52,000 Mann stark, bei Saaz stand. Der Prinz Heinrich zog sich nach Dresden zurück. Das Erzgebirge trennte beide Heere. Nach mehreren Gefechten drang das Rcichshcer gegen Ende August 1) I,e Irioinpbs äs In bonns cnuss. 8oit en pnix, soit en guerre, s'est Is plus gnanä Loi äs In tsrrs. Bericht bei Stuhr II. S. 103. 2) Kurbaiern wollte den 5. Zuni wegen eigener Gefahr sein Kontingent vom Reichßhcere zurückrufen, siehe Schreiben desselben und die empfindliche Antwort des Kaisers in der Kriegskanzlei von 1758, II. S. 291 ff. 3) Kaunitz sagte daher in einer Conferenz vom 6. November 1758 l Die Ercesse der französischen Generalität und der Officiere seien die vornehmste und Hauptursache der widrigen Gesinnung der deutschen Fürsten. Neue Aktenstücke S. 78. 4) Henckels Bermuthung II. S. 26. Das Reichsheer in Sachsen. 173 bis Pirna vor. Daun schickte Laudon mit 10,000 Mann voraus auf Görlitz und folgte diesem mit seinem insgcsammk 70 — 75,000 Mann starken Heere. Laudon drang dann in die Nicderlausitz ein und streifte bis Krossen und Frankfurt, während der General Harsch gegen Landshut vordrang. Der Markgraf Karl ließ Fouque mit 7—8000 Mann bei Landshut gegen die demselben gegenüber-stehenden 15,000 Ocsterrci- chcr unter Harsch und Janus, ging gegen Daun und, um sich dem Prinzen Heinrich zu nähern, nach Löwcnberg, bezog hier bei- Plagwitz ein istarkes Lager und deckte Schlesien. Zicken mit 6000 Mann zog weiter auf Naumburg am Bober, Laudon nach. Fermor nahm weder auf diese Bewegungen, noch auf den Vorschlag der Ocsterrcicher Rücksicht den König von der Oder abzuziehen: während Daun Sachsen erobern wollte, lieferte er die Schlacht bei Zorndorf und ging dann, wie wir erzählten, langsam nach und nach bis über die Weichsel zurück. Unterdessen ließ Daun zur Deckung Zittaus gegen den Markgrafen Karl 20,000 Mann unter dem Prinzen von Badcn-Durlach zurück und drang über Bautzen und Königsbrück gegen die Elbe vor, über welche er zwischen Meißen und Dresden gehen wollte. Das Reichshccr erhielt Befehl zu gleicher Zeit vorzurückcn. Der Prinz Heinrich, welcher in dem Lager bei Gamich unfern Dresden dieses sehr geschickt deckte, um sich bis zur Ankunft des Königs zu behaupten, sollte so zugleich vom Reichsheere und Daun vorn und im Rücken angegriffen werden. Das Neichshecr hatte bereits eine Brücke über die Elbe geschlagen und den Son- ncnstein bei Pirna genommen; cs schien kaum möglich, daß der Prinz Heinrich sich werde in Sachsen gegen eine so große Ucbermacht behaupten können, als die Nachricht von dem Anrücken des Königs ankam, welcher in 7 Tagen 24 Meilen zurückgelegt hatte. Daun zog sich sogleich in ein Lager bei Stolpen zurück, um vereint mit dem Reichshecre den Prin-10. Sept., zen anzugreifen. » Der Markgraf Karl war dem Könige cntgegcngcrückt; Laudon hatte sich eilig auf Daun zurückziehcn müssen. Der König, durch Vereinigung mit dem Markgrafen Karl und 174 Buch VIII. Viertes Hauptstück. Zieten nun 52—53,000 Mann stark, rückte eilig gegen Daun an, um ihn- vom Angriffe auf seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, abzuhaltcn. Als der König in Rcichcnberg, 1^ Meile von Dresden angelangt war, setzte Daun den Angriff auf den Prinzen aus; seine Stellung bei Stolpcn war indessen so stark, daß sie dem Könige unangreifbar schien, und überall wich Daun mit seinen Unterbcfehlshabern einem Angriffe aus. Unterdessen bedrohten die Schweden Berlin; der König schickte den General Wedelt mit 6000 Mann gegen sie; — die Schweden nahmen eine feste Stellung hinter Seen und Morästen bei Ruppin und litten, umschwärmt von de» kühnen Prcusscn, dort bald Mangel. Sie wurden nach einem für sie nicht unehrcnvollcn Gefechte von Wedelt zum Rückzüge über die Ucker gcnöthigt, während der Herzog von Bevern mit einem Thcile der Besatzung Stettins die Magazine in ihrem Rücken wegnahm, was die Schweden zwang sich über Prcnzlau an die Peene zurückzuzichen. 16. Sept. Der König machte einen Versuch den eine Meile von Daun entfernt stehenden Laudon zu überfallen, was jedoch bei der Wachsamkeit dieses Feldhcrrn mißlang, der sich nun näher an Daun hcranzog. Das war die einzige Blöße, welche der vorsichtige Daun seinem großen Gegner in Sachsen geboten. Unterdessen rückte General Dcvillc aus Mähren mit 5000 Mann nach Obcrschlcsicn, schloß mit 1500 Mann Koscl ein und stieß mit seinen übrigen Truppen zum General Harsch, welcher über Silbcrbcrg im Marsche auf Ncissc war, um das zu belagern, während Zanus bei Trau- tcnau stehen blieb. Als der König nun sah, daß er Daun bei Stolpcn nichts anhabcn konnte, marschirte er, um ihn von Bautzen und Zittau abzuschncidcn und ihn durch Bedrohung seiner rechten Seite zu entscheidenden Schritten zu bewegen, auf Bischofswerda. Laudon hielt sich seitwärts und deckte Dauns rechte Seite; dieser verlegte die Hauptstraße nach Schlesien, wich aber jedem Angriffe aus, weil er ebenso sehr des Königs entschlossene Gewandtheit fürchtete, als er der Geschicklichkeit seiner Unterbcfchlshabcr mißtraute'). Die 1) Stuhr II. S. 188. — Der französische Gesandte Montazet Lager von Hochkirch. 175 Jahreszeit wurde immer rauher, die Wege schlechter, die Zufuhren schwieriger und der König ungeduldiger einen Schlag zu thun. Als er den General Rctzow mit 13,000 Mann gegen Bautzen schickte, um Zittau und Gabel zu bedrohen, verließ endlich Daun sein Lager bei Stolpcn und bezog ein Lager bei Wilthcu, südlich von Bautzen gegen Böhmen hin. Der König rückte ebenfalls nach Bautzen und war der Meinung, Daun ziehe über Zittau nach Böhmen ab und nur dessen Nachtrab stehe bei Löbau. Er wollte mit seiner 10 . Oct. ganzen Macht Daun über Löbau nach Zittau folgen. Als er nach Hochkirch IV-z Meile von Bautzen gekommen und der Morgennebel gefallen war, sah er aber deutlich das ganze österreichische Heer vor dem Lager bei Kittlitz unweit Löbau, von wo aus dieses den Anmarsch der Prcussen deutlich wahrnchmcn konnte. Obgleich sich nun der preussische Nortrab bereits thcilwcise im Bereiche der feindlichen Geschütze befand, befahl der König dennoch unmittelbar den gegen 90,000 Mann starken Oestcrreichern gegenüber für sein 42,000 Mann starkes Heer ein Lager zwischen dem Hoch- kirchcr Gebirge und dem Löbaucr Wasser zu nehmen, wodurch er gleichzeitig die Straßen nach Zittau und nach Görlitz fcsthiclt. Die anwesenden Generale erkannten das Gefahrvolle dieser Stellung so sehr, daß der Prinz Moritz von Dessau Vorstellungen dagegen machte. Der König achtete nicht darauf und befahl dem Gcneralquarticrmeistcr Marwitz das Lager sofort abzusteckcn. Dieser weigerte sich, weil er nicht glaubte die daraus für das Heer zu besorgenden ilnglücksfällc seinerseits verantworten zu können, und wurde deshalb, so hoch er sonst in der Gunst des Königs war, auf dessen Befehl verhaftet. Der König beharrte eigensinnig auf schrieb am 29. September 1758 an Bcllcisle: II est susts äs äirs pvur es justitiostion gu'il (Dann) compts si peu sur ses Z^nsraux st en s uns vginion si mince gn'il m'a avouö gu'ii surait ex^cuts un projet gue je lui üvimai pour attaguer Is roi cls krusss 5 Liscliols- "erela, s'il n'avait sts persuacl^ gus tont ^ anrait ste üe travers, weil er sein Heer hätte in vier Lhcile thcilcn müssen. Er gestand auch, sie hätten fast keine Generale, wenige junge Männer ausgenommen, welche sich erst ausbilden müßten, um zu befehligen. s 176 Buch VIII. Viertes Hauptstück. seinem Willen und bestimmte selbst die Richtung des Lagers, bei dessen Abstccken bereits die Fourierschützen von den Oestcr- reichern mit Kanonenschüssen begrüßt wurden. Die preussi- schc Stellung war durch Brüche, Gründe und Hohlwege sehr durchbrochen, der linke Flügel, 12,000 Mann unter General Retzow, durch ein tiefes Thal und den von den Oesterrci- chern besetzten Strombcrg völlig getrennt vom Hauptheere. Der rechte Flügel der Preussen wurde von Laudons Heercs- abtheilung, welche im Besitze der Höhen war, völlig umfaßt. Das Lager selbst konnte von den Oestcrrcichern ganz übersehen werden und von ihnen unbemerkt nichts Vorgehen, während die Bewegungen der Oesterrcichcr durch Höhen und Wälder den Preussen verdeckt blieben. Dazu wurden die Preussen durch die feindlichen leichten Truppen so eingeengt, daß ihre Strcifwachcn nicht 300 Schritte über die Vorposten hinausgehen konnten. Laudon wagte auch sogleich nur eine halbe Meile vom preussischcn Lager, wenn auch ohne Erfolg, einen Angriff auf einen Transport zu machen, welchen du Marschall Kcith von Bautzen dem Heere zuführte. VcrgA ^ lich versuchte der König den Strombcrg wcgzunchmen, wcl- ' cher Rctzows Stellung gefährdete und ihn von dem Haupt- Heere trennte. Obwohl der König das höchst Gewagte seiner Stellung >i erkannte, so beharrte er doch mit dem ihm eigcnthümlichcn ^ Eigensinne darin. Er war zugleich sicher gemacht durch dcn von ihm gewonnenen österreichischen Major Schöllncr, welcher in Folge zufälliger Entdeckung seines Vcrraths, um sein Leben zu erhalten, dem Könige nun falsche Nachrichten geben mußte'). Er wollte dazu dem Feinde nicht die Ehre erweisen sich vor ihm zurückzuziehcn, jedenfalls Daun hindern mit seinem Heere in Sachsen zu leben, was er sich vor- j behielt, während die Oesterrcichcr ihre Lebensmittel aus Bödmen beziehen mußten, weshalb sie, wie cs scheint, schon Man-! I) Der Veteran III. S- 37 leugnet das, Retzow I. S- 318 hält es aus guten Gründen, die er von seinem Batcr haben konnte, für glaublich. 177 Lager bei Hochkirch. gel litten; denn es kamen täglich 30—40, ja in einer Nacht 150 Ausreißer aus ihrem Lager zu den Preuffen'). Der König blieb daher bei seiner einmal vorgefaßten Meinung, Daun werde sich über Zittau nach Böhmen zurückziehen, worauf er selbst über Görlitz gerade nach Schlesien gehen und das von Harsch belagerte Ncisse entsetzen wollte. Indem er sich zugleich auf den ihm bekannten Charakter seines Gegners stützte, hielt er sich für völlig sicher vor einem plötzlichen Angriffe, so daß er sogar alle Vorsichtsmaßregeln vernachlässigte und die Truppen in der Nacht unangeklcidet in ihren Zelten ruhen ließ. So gab er dem zaudernden und fast ängstlich bedächtigen Daun durch seinen Uebcrmuth die günstigste Gelegenheit von der Welt zu einer von diesem bisher sorgfältig vermiedenen Schlacht und zu einem fast gewissen Siege. Auf des Marschalls Keith Aeuße- rung, die österreichischen Generale verdienten sämmtlich den Galgen, wenn sie die ihnen so günstige Gelegenheit zum Angriffe vorübergehcn ließen, erwiderte der König: „Es sei zu hoffen, daß sie die Preussen mehr als den Galgen fürchten würden." Weil indessen Daun gar keine Anstalten zum Abmarsche traf, wollte der König die vom Daunschen Heere auf dessen rechter Seite getrennt stehende Heeresabthcilung des Prinzen von Durlach den 13. October angrcifen, was dann wegen der schwierigen Verpflcgungsverhältnisse auf den 14. October verschoben wurde, als ihm Daun zuvorkam. Dieser hatte seit dem 10. October die Stellung des preußischen Heeres sorgfältig besichtigt und bei Erkennung der Schwäche derselben sogleich einen Angriff beschlossen. Ohnehin nahmen die Ocsterrcicher allgemein mit Recht das geringschätzige Benehmen des Königs für eine große Beleidigung, und cs sprach sich unter den Ofsiciercn öffentlich die Meinung aus, ihre Generale verdienten alle kassirt zu werden, wenn sie eine solche Herausforderung nicht annähmcn. Den König bestärkte Daun in dessen Ansicht, er werde nichts unternehmen, indem er sorgfältig Schanzen zur Verteidigung seiner Stellung aufwerfen ließ. Während Laudon den I) Keith an seinen Bruder bei Dover III. S. 35. Stenzel, Gesch. d. Preusfisch. Staats. V. 12 178 Buch VIII. Viertes Hauptstück. rechten preussischcn Flügel umging, wollte er selbst voiffTa- gcsanbruch die Hauptstellung der Preussen bei Hochkirch angreifen. Zugleich sollte die andere Hccresabthcilung gegen den Mittelpunkt und den linken Flügel der Preussen Vordringen und der Prinz von Durlach den General Rctzvw hindern sich mit dem Könige zu vereinigen. Am 13. October um 8 Uhr Abends brachen die Oester- reicher demgemäß bei tiefer Finstcrniß in aller Stille auf und verdeckten das unvermeidliche Geräusch noch durch den Lärm, welchen eine Menge von Arbeitern beim Fällen der Bäume in den Wäldern, unter stetem Singen und Anrufen machen mußten. Es gelang das vollkommen. Bereits eine Stunde vor dem festgesetzten Zeitpunkte des Angriffs befanden sich die österreichischen Heersäulen fast auf Flintenschußweite von den Vorposten des rechten preussischcn Flügels, wo durchaus nichts von dem bemerkt wurde, was wenige Hundert Schritte davon vorging. Die Preussen lagen in der sehr dunkeln Nacht auf Befehl des Königs, welcher ihnen für den Marsch am folgenden Tage eine ruhige und bequeme Nacht lassen wollte, gegen alle Vorstellungen der Generale, ^ sorglos entkleidet in ihrem Lager, selbst die Reiterei hatte abgesattclt. Nur Zieten, der auch zuerst dem Könige gehör- ! sam gewesen war, hatte sein Regiment besorgt vor einem Ucbcrfallc nach einer halben Stunde wieder satteln lassen'). Eben hatte die Thurmuhr in Hochkirch 5 geschlagen, als die Kroaten Laudons und Dauns Fußvolk den Angriff begannen. Die vor Hochkirch stehenden Frcibataillone wurden überfallen und mit Verlust ihrer Kanonen zurückgeworfen. Bei dem zunehmenden Gewehrfeuer, welches anfangs nur für eine gewöhnliche Beunruhigung durch leichte Truppen gehalten worden war, griffen, unterstützt durch einen tapfcrn Angriff Zictens auf die feindliche Reiterei, die Bataillone des rechten Flügels großentheils ohne Tornister und noch ' nicht völlig angeklcidet zu den Waffen, gingen den Oester- reichcrn entgegen und warfen sie zurück. Bald vorn und im Rücken angegriffen, fochten sie in der dunkeln Nacht 1) Vis 6s Mieten II. p> 138. 179 Schlacht bei Hochkirch. Mann gegen Mann, mußten endlich aus dem Lager weichen und mit Verlust ihrer Geschütze, vieler Todten, Verwundeten und Gefangenen sich nach Hochkirch durchschlagen. Bei dem Donner des Geschützes auf dem rechten Flügel ergriff nun das ganze preussische Heer die Waffen. Der König kleidete sich schnell an, hielt anfänglich das Ganze für einen falschen Lärm und vereinzelten Angriff und ordnete dann schnell seine Schaaren, um die Oesterrcicher aus dem eroberten Lager von Hochkirch zu vertreiben. Das gelang für den Augenblick; doch drangen die Feinde vorn und im Rücken immer stärker heran und bemächtigten sich nach einem weichenden Kampfe um 5^ Uhr der großen Batterie des rechten Flügels von 4 Feld- und 22 schweren Geschützen, des eigentlichen Schlüssels der Stellung. Der Lag brach an, doch tiefer Nebel verhinderte die Aussicht. Daun ordnete seine während .der Nacht in Unordnung gerathcnen Truppen, während die Prcussen unter Keiths Führung gegen die große Batterie heranrückten, sie wieder eroberten und wieder verloren, wobei der schon zwei Mal verwundete Keith blieb. Die Oesterreicher nahmen auch das brennende Dorf Hochkirch, allein alle Angriffe von acht Grenadierbataillonen auf den Kirchhof scheiterten an der heldenmüthigen Vertheidi- gung desselben durch Sas Bataillon des tapfern Major Lange. Der König, welcher den Ernst und die Gefahr des Angriffs völlig erkannte, ordnete die Unterstützung des rechten Flügels an. Vergeblich aber drang der kühne Prinz Franz von Braunschwcig zur Wicdereroberung der großen Batterie vor. Eine Kanonenkugel tödtete ihn. Vergeblich eroberte der Prinz Moritz von Dessau das brennende Dorf Hochkirch wieder und warf die Oesterrcicher weiter zurück. Wie seine Vorgänger vorn und in der Seite angegriffen, mußte er zurückgehcn. Auch der Major Lange erlag, nachdem sein Bataillon alle Patronen verschossen und alle Angriffe abgewiesen hatte, als cs sich endlich durchschlagen wollte. Nochmals drang der Prinz Moritz von Dessau gegen Hochkirch vor; er siel schwer verwundet in die Hände der Feinde, Der König selbst setzte sich dem stärksten Feuer aus und wurde nur durch dringende Vorstellungen des Markgrafen Karl be- 12 * 180 Buch VIII. Viertes Hauptstück. wogen an seine persönliche Sicherheit zu denken. Das Dorf Hochkirch war trotz aller wiederholten heftigen Angriffe, welche der König anordnete, nicht wieder zu nehmen. Nach - zweistündigem, mehrmals wechselndem, sehr blutigem Kampfe behauptete cs Daun, obwohl mit eigenem großen Verluste an Menschen. Der König hatte noch während der wiederholten Angriffe, welche er auf Hochkirch machen ließ, etwas rückwärts eine Höhe und einen Hohlweg bei dem Dorfe Drcsa besetzen lassen. Der damalige Major Möllendorf be- hauptctc diesen wichtigen Punkt mit einem Bataillon Garde ^ sehr tapfer und hielt dadurch das Vorrückcn des östcrrcichi- > scheu llinken Flügels auf. Als nun nach 7 Uhr der Nebel fiel und eine Ucbcrficht gestattete, jetzt auch der rechte öfter- i rcichische Flügel vordrang, nahm der König nur etwas hin- ^ ter der Höhe von Dresa eine neue Stellung, um dem wei- ^ tcrn Vorrücken der Oesterreicher zu begegnen, während er ^ dem stark andringcnden rechten Flügel derselben unter heftigem Kampfe die Spitze bot. Es gelang auch dem General Rctzow, ohne durch den Prinzen von Durlach besonders ge- ^ hindert zu werden, zum Könige zu stoßen und durch seine ^ gut gewählte Stellung bei Belgcrn gegen den österreichische» rechten Flügel den Rückzug des preussischen Heeres zu sichert,. Diesen befahl endlich der König, als. er unabweislich war. Scidlitz deckte ihn mit der gesammtcn Reiterei. Das Heer marschirtc in großer Ordnung, wie auf dem Uebungsplatzc, zurück und der König stellte es nur eine Meile vom Schlacht- fclde bei den Kreckwitzer Höhen in der Nähe von Bautzen j auf. Wol war er ein bewunderungswürdiger Mann, aber I nie mehr, als wenn er nach den härtesten Schlägen die volle Stärke seines Charakters, die erstaunliche Spannkraft seines f Geistes zeigte. Daun, dessen Truppen bei dem heftigen ^ Kampfe sehr in Verwirrung gcrathen waren, ordnete diese!- > bcn und begnügte sich seinem Grundsätze gemäß damit: was f er gewonnen zu behaupten. Er wollte das durchaus nicht ! durch Verfolgung der dann vielleicht zur Verzweiflung ge- ^ brachten Preußen und ihres immer außerordentlich gefürchteten Königs aufs Spiel setzen. Ohnehin erschwerte die Trennung seines Heeres in einzelne Theile ein gleichmäßiges Zu- Schlacht bei Hochkirch. 181 sanmenwirken derselben. Er verschanzte sich daher in seinem Lager und ließ den ambrosianischcn Lobgesang anstimmcn, was hier, wie bei Kolin, wesentlich zur Rettung des Königs beitrug. Die Preußen verloren in dieser kurzen aber sehr blutigen Schlacht 101 Geschütze, unter welchen 52 schwere Kanonen, und an Todten, Verwundeten und Gefangenen über 9000 Mann, unter denen allein 3500 Verwundete waren. Auch die Oestcrreicher, vorzüglich die Grenadiere, der ! Kern ihres Fußvolks, hatten sehr gelitten. Sie verloren über 5600 Todte und Verwundete nebst 300 Gefangenen ohne die Vermißten. Des Königs Muth war durch den Verlust der Schlacht von Hochkirch durchaus nicht gebeugt. Als er den Rückzug ordnete, traf ihn der Sohn des Generals Retzow, zu dem er ruhig, fast lächelnd sagte: „Daun hat mir heut einen glupschen Streich gespielt. Er (Retzow) soll aber sehen, wie ich Daun fassen werde; ich bcdaure nur, daß heute so viele brave Leute ums Leben gekommen')." Er schrieb seinem Bru- t der Heinrich noch am Tage der Schlacht, er habe sich eine 1 halbe Stunde weit gegen Bautzen zurückziehen müssen, wolle sich dort halten und wo möglich wieder angrcifcn'). Am " Tage nach der Schlacht äußerte er: „Daun hat uns aus dem Schach gelassen und das Spiel ist nicht verloren. Wir werden uns einige Tage hier erholen, dann nach Schlesien gehen und Ncisse befreien." Einen Angriff auf Daun zu unternehmen, war nicht thunlich. Er verlangte vom Prinzen Heinrich 6 — 7000 Mann, und als dieser nicht glaubte mit seinem dadurch zu sehr geschwächten Heere Sachsen ferner vertheidigen zu können und um Erlaubniß bat selbst zum Heere des Königs stoßen zu dürfen, übertrug dieser den Oberbefehl in Sachsen dem General Fink, dem obwohl jün- > gern, doch talentvoller» Führer, nebst den älteren Generalen Henplitz und Hülsen. Er befahl ferner Dohna aus Pommern und Wedell aus der Uckermark zur Verstärkung Finks ! nach Sachsen zu rücken; Dohna konnte nur 5000 Mann 1) Retzow I. S- 359, 360. 2) Bei Schöning Sieben). Krieg 1. S. 280. 7 182 Buch VIII. Viertes Hauptstück. unter dem General Manteuffel gegen die Schweden zurücklassen. Zugleich gab der König dem Minister von Schla- brendorf den Befehl für die Verpflegung des hcranrückendcn Heeres in Schlesien zu sorgen, und täuschte dann sehr gewandt die Ocstcrrcicher, indem er durch Gewaltmärsche in Bogen dem um einen Tagmarsch näher an Görlitz stehenden Daun am 26. October zuvorkam, welcher sicher gehofft hatte ihn von Schlesien abhaltcn zu können, den König jedoch nicht angriff, sondern sich selbst gegen ihn verschanzte. Die Preusscn wußten, wie ihnen ihre Gegner vorwarfcn, gegen die verfolgenden Ocstcrrcicher kein bequemeres Verthcidi- gungsmittcl zu finden, als daß sie bei ihrem Abzüge die Dörfer anzündetcn, wo sich ihre Feinde sehen ließen, wie sic denn seit der Schlacht von Hochkirch alle in ihrem Bereiche befindlichen Dörfer ausplündcrtcn'). Friedrich rückte dann mit großem Geschicke und vieler Vorsicht nach Lauban, schickte den Prinzen Heinrich mit 15,000 Mann nach Hirschbcrg gegen Daun und zog mit seinen übrigen 24,000 Mann über Schweidnitz auf Münsterberg und Neissc. Es war ein günstiges Geschick für ihn, daß der schlesische Minister v. Schla- ^ brcndorf, ein ebenso einsichtsvoller als thätiger und rücksichtslos durchgreifender Mann, den strengen Befehl des Königs, alle in Obcrschlcsicn und bis über die Ncisse hinaus befindlichen Magazine nach Schweidnitz und Breslau in Sicherheit zu bringen, nicht buchstäblich befolgt, sondern in der Voraussicht, der König werde Neissc entsetzen, wenn auch mit Gefahr seines Kopfes, noch gefüllte Magazine auf dem linken Ncisscufer gelassen hatte, welche nun den schnellen Marsch des Heeres zum Entsätze der Festung möglich machten'). Der > General Harsch, welcher seit dem 26. October mit 140 Geschützen der von dem General Trcskow tapfer vcrtheidigten Festung Ncisse hart zugesetzt hatte, hob,, obgleich bis auf 30,000 Mann verstärkt, bei der Annäherung des Königs die ^ Belagerung sogleich (3. November) auf und zog sich mit 1) Kurzgefaßtc Nachricht der preussischen Bedrückungen in den sächsischen Landen, Deutsche Kriegskanzlei von 1759, II. S. 12. 2) Retzow I. S. 376. Friedrich in Schlesien. 183 Zurücklassung vielen Schießbedarfs nach Mähren. Auch die Berennung Koscls wurde aufgegeben. Sogleich jedoch mußte sich der König wieder nach Sachsen zurückwendcn, indem er am 7. November in der Nähe von Neisse Nachricht von dem Unternehmen Dauns gegen Dresden erhielt. Daun hatte nämlich dem Könige nur Laudon mit einer Hecresabthei- lung nach Schlesien folgen lassen und war über Bautzen auf Dresden marschirt, während das Rcichsheer auf Pirna anrücktc. Die Generale Jtzenplitz und Hülsen folgten in Sachsen, obgleich älter, dennoch ohne Eifersucht, mit lobenswerther Selbstverleugnung, wie sie besonders im preussischen Heere fast ohne Beispiel war, den Anordnungen des jüngern Generals v. Fink. Dieser hatte vom Könige Befehl erhalten Dresden bis zu seiner Rückkehr aus Schlesien oder bis zur Ankunft der Generale Dohna und Wcdell aus Pommern und der Uckermark zu decken. Die umfangreiche, schlecht befestigte Hauptstadt Sachsens, auf beiden Seiten der Elbe, mit 60,000 Einwohnern, hatte der Commandant Graf Schmcttau mit 5000 Mann, welche doch übrigens mit allem Kriegsbedarf versehen waren, zu vertheidigen. General Jtzenplitz zog sich > scheinbar zurück auf das linke Elbufer. Daun ließ Batterien aufwcrfcn. Schmcttau drohte, im Fall er angegriffen würde, ^ bei dem ersten Kanonenschüsse die schönen Vorstädte abbren- i nen zu lassen, was er, dazu genöthigt, den 10. November zum Theil that. Es brannten 280 Häuser ab und gegen 1800 Familien verloren das Ihrige. Der gcsammte Schade wurde auf mehr als eine Million berechnet. Daun machte ihm Vorwürfe, als sei das gegen das -Völkerrecht. Schmet- tau drohte mit Verbrennung des Uebcrrestes der Vorstädte und daß er sich nach eröffneter Bresche Haus für Haus bis zum Schlosse und noch in diesem vertheidigen werde'). Da ^ erhielt Daun Nachricht von dem Anmarsche des Königs. 1) Bei Schöning Siebenj. Krieg l. S. 302. S. Vollständige, wahrhafte und documentirte Nachricht, was mit Abbrennung der Vorstädte von Dresden vorgegangen, in der Deutschen Kriegskanzlei von 1758,111. S. 761; dagegen: Kurzgefaßte Nachricht der preussischen Bedrückungen, daselbst 1759, II. S. 14. Dieser hatte 6000 Mann bei Landshut zur Beobachtung der Ocsterreicher unter Harsch zurückgclassen und war mit dem übrigen Heere über Schweidnitz nach Sachsen aufgebrochen, Daun suchte durch Haddick Torgau zu nehmen, um das Anrücken Wedells zu verhindern. Die kühne Entschlossenheit des Obersten Grolmann, der mit 600 Mann und einer Kanone von Torgau aus d^n Oesterreichcrn cntgegcnging, diese stutzig machte, Zeit gewann, dann einige Unterstützung durch die ersten Truppen des heranrückendcn Wedel! erhielt, rettete den für den Ucbcrgang über die Elbe so wichtigen Platz. Der Graf Dohna war seit dem 31. October ohne Ruhetag von Stargard über Stettin und Berlin marschirt und stieß den 1-4. November in Torgau zu Wedcll. Als sic am folgenden Tage gegen Haddick aufbrachcn, wich dieser über Col- ditz nach Penig zurück. So wurde auch Leipzig befreit, welches die Ocsterreicher und Reichstruppcn eingeschlossen hatten. Das Reichsheer ging über Chemnitz nach Franken in die Winterquartiere, Daun zugleich langsam nach Böhmen zurück. Der König erfuhr das den 17. November vor Bautzen und ließ den größten Theil seines Heeres unter dem Markgrafen Karl in der Oberlausitz stehen, um dort, so lange Lebensmittel vorhanden wären, zu bleiben, dann in Schlesien die Winterquartiere zu beziehen. Er selbst ging mit den 6—7000 Mann, welche ihm sein Bruder Heinrich den 21. October in Bautzen zugeführt hatte, nach Dresden, wo er den 20. November ankam. Den General Dohna schickte er gegen die Schweden zurück. Diese waren bis dahin mit ihren uneinigen Befehlshabern vom General Mantcuffel und dessen 5000 Mann im Schach gehalten worden und wagten nicht, diesen anzugrcifen. Ein Regiment Dalekarlier weigerte das geradezu, und als General Hamilton den zehnten Mann derselben.erschießen lassen wollte, standen mehrere Regimenter auf und befreiten die Gefangenen'). Dann räumten sic aus Mangel an Lebensmitteln die Uckermark und zogen sich nach Anklam zurück. Hamilton hatte aus Verdruß über die Wi- dcrspänstigkcit der Unterbefchlshabcr seine Entlassung ver- 1) Der König an Prinz Heinrich bei Schöning I. S. 269. Rückzug der Schweden. Winterquartiere. 185 langt und erhalten. Der General Lantingshausen befehligte !! die Schweden, als Dohna aus Sachsen zurückkehrte und sie, mit Manteuffel vereinigt, durch keckes und geschicktes Vorgehen nöthigte sich nach Stralsund zurückzuziehcn. Anklam l und Demmin ergaben sich den Preussen bald. Die Schweden verloren dadurch und durch Verlust mehrerer Posten, welche ^ ihre Winterquartiere sichern sollten, noch 3000 Mann. ! Der König richtete für das Heer seines Bruders Heinrich die Winterquartiere in Sachsen, für das seinige in Nic- derschlcsien ein. Fouque nahm sie in Oberschlesien. Den alten ihm seit langer Zeit ungemein verhaßten österreichischen Feldmarschall von Seckendorf, welcher in Meuselwitz auf seinem Gute seit dem Ausbruche des Krieges unaufhörlich politische und kriegerische Entwürfe an die kaiserlichen Minister i und Generale geschickt hatte, ließ er im Deccmber aufhcben. Ein Großneffe desselben beschäftigte den dazu abgeschicktcn I preußischen Officier mit Tokaier hinlänglich, um unterdessen I seines Großoheims Papiere verbrennen zu können, nach dc- ^ nen der Officker nicht fragte. Seckendorf wurde noch im ^ Fahre 1759 gegen den Prinzen Moritz von Dessau ausge- s wechselt, welcher schwer verwundet bei Hochkirch gefangen werden war und im April 1760 einer furchtbaren Krankheit erlag'). Drei Jahre hindurch war der Krieg mit großer Ueber- macht gegen Preussen geführt, elf Schlachten waren geschlagen, Deutschland großentheils verwüstet und ausgesaugt, und dennoch kein entscheidendes Ergcbniß herbcigeführt worden. ^ Friedrich war immer noch unbesiegt und außer den cntfern- ' ten und unvcrtheidigten Provinzen Ostpreußen und Kleve hatte ihm noch nichts entrissen werden können, während er Sachsen, Meklenburg, das schwedische Pommern und Anhalt, wie einige westfälische Länder eingenommen hatte und als eroberte Länder behandelte. 1) Seckendorfs Leben II. S. 382 und Orlichs Moritz von Dessau S. 146. 186 Buch Ml. Fünftes Hauptstück. Fünftes Hauptstück. Verhandlungen und Zustände in den Jahren 1758 — 1759 . Die Erklärung, welche den 25. November England und Preusscn durch den Herzog Ludwig von Braunschweig den im Haag befindlichen Gesandten der Krieg führenden Mächte machen ließen, daß sie bereit seien an zu bestimmendem Orte über Herstellung des Friedens zu verhandeln, war ohne Erfolg. Der belebende Mittelpunkt für die Fortsetzung des Krieges, der sonst von allen Theilnehmcrn gern beendet worden wäre, blieb Maria Theresia. Sie war um so mehr dafür entschieden, weil sie die Hoffnung hatte, endlich, nachdem Friedrichs Kräfte im Feldzuge von 1758 wesentlich geschwächt worden waren, ihr Ziel, mindestens die entschiedene Schwächung und Demüthigung Preusscns zu erreichen. Mit großer Anstrengung brachte sie die dazu vorzüglich nöthigen Geldmittel zusammen, unterstützt von ihrem Gemahl, dem Kaiser Franz, der ihr aus seinem großen Vermögen, welches er als Banquier mit mehr Einsicht und Erfolg als das weniger einträgliche Kaiserthum verwaltete, ansehnliche Summen lieh und selbst große Lieferungen für das Heer unternahm, welche sein Vermögen noch vergrößerten. Nächstdem war ihr Verhältniß zu Frankreich von hoher Wichtigkeit. Allerdings hatte der Cardinal Bernis den Ver- . Nov. such einen einseitigen Frieden mit Preusscn anzubahnen damit gebüßt, daß er seine Ministerstclle verlor und in Ungnade fiel. Der König und die Pompadour blieben in ihrem Widerwillen gegen Friedrich II. standhaft. Der als ge- borner Lothringer dem Hause Oesterreich, dem auch sein Vater diente, sehr ergebene Graf Stainville, bisher Gesandter in Wien, war bald als Herzog von Choiscul an Bernis Stelle getreten und erfreute sich der bcsondern Gunst des Stimmung und Verhandlungen mit Frankreich. 187 Königs und der Pompadour. Er war sonst ein äußerst stolzer Mann, der durch Entschiedenheit und Charakterstärke seine Umgebungen beherrschte'). — Dennoch war Frankreich durch die Verluste seiner Seemacht, seiner Kolonien und besonders seines Handels, den es auf jährlich 200 Millionen Livres anschlug, so geschwächt worden, daß es die Lasten, welche es in dem geheimen Vertrage vom 1. Mai 1757 übernommen hatte, nicht mehr tragen konnte. Auf kräftige Mitwirkung Rußlands und Schwedens rechnete es nicht. Die eigenen Staatsmänner und Heerführer waren durch den letzten schimpflichen Feldzug entmuthigt und dem Kriege gegen Preußen überhaupt abgeneigt, den sie für unpolitisch hielten. Das spanische Ministerium war ebenfalls der Meinung, cs müßte im Innern Deutschlands ein Fürst sein, welcher Oesterreich im Zaum halten und es hindern könne seine Macht in Italien auszudehnen, weshalb die Erhaltung des Königs von Preußen für Spanien wichtig sei. Choiseul erklärte, daß er diese Ansicht theile; Frankreich wolle zwar während dieses Krieges seine Zusagen an Maria Theresia halten, von deren Aufrichtigkeit man überzeugt sei; doch könne sich das ändern. Maria Theresia habe keinen andern Zweck, Gedanken und Leidenschaft, als den König von Preußen zu zermalmen und würde, um das zu erreichen, ganz ruhig alle Besitzungen ihrer Verbündeten aufopfern sehen. Nach dem Kriege und der Vernichtung des Königs von Preußen könne Oesterreich seine Verbindungen mit England wieder anknüpfen und eine Stellung nehmen, welche weder Frankreich noch Spanien anstehen würde. Man sehe daher sehr wohl ein, daß der König von Preußen hinlänglich zu Grunde gerichtet sei und daß es gegen Frankreichs Interesse sei, daß er es völlig werde. So sah sich sogar Choiseul genöthigt in Wien darauf anzutragen, entweder sogleich gemeinschaftlich Frieden mit Preußen zü schließen, wobei sich Oesterreich, weil doch nicht auf mehr zu hoffen wäre, mit der Grafschaft Glatz und den preussischen wenig bedeutenden Enklaven in der Lausitz begnügen müßte, um so durch Preußens Vermittelung Frie- 1) S. Flassan VI. S. 127. 188 Buch VIII. Fünftes Hauptstück. den mit England zu erhalten, oder noch einen Feldzug zu wagen. Zn diesem letzten Falle.wollte aber Frankreich, bei der Erschöpfung seiner Geldmittel, den geheimen Thcilungs- vertrag vom 1. Mai 1757 gänzlich aufgcben und auf den ersten Vertrag mit Oesterreich vom 1. Mai 1756 zurückkommen, weil es nach Beendigung des bevorstehenden Feldzuges vom Jahre 1759 durchaus Frieden schließen müsse. Kaunitz : erklärte sich hierauf natürlich entschieden gegen den Frieden, ! hauptsächlich wenn derselbe zwischen Frankreich und England durch Preussen vermittelt würde; das werde Friedrich II. noch stolzer machen und er sich für den Schiedsrichter Europas halten. Kaunitz ermunterte zur Fortsetzung des Krieges und meinte, wenn gleich der gehcimeTheilungsvcrtrag vom 1. Mai 1757 ein ewiges und glorreiches Denkmal des innigsten Einverständnisses zwischen Oesterreich und Frankreich und des genauesten Verhältnisses ihres gegenseitigen Vortheils sei, so sei Oesterreich doch bereit einen neuen Vertrag einzugehen; doch müsse die Demüthigung des Königs von Preussen Hauptgegenstand bleiben. Es wolle zugleich seine Vermittelung zum Frieden zwischen England und Frankreich anbietcn und dann das ! Kurfürstenthum Hannover und dessen Verbündete, wenn diese Preussen,auf keine Art begünstigen, sondern sich ruhig halten würden, vor einem Angriffe Frankreichs sicher stellen. Doch hatte das keine Folgen, weil Georg II. auch später noch s Preussen dessen Feinden nicht preisgcbcn wollte. Es schloss ' scn nach diesen Verhandlungen am 30. December 1758, mit völliger Aufhebung des geheimen Theilungsvertragcs vom 1. Mai 1757, beide Mächte ein Schutz- und Trutzbündniß, welches zwar für Oesterreich hauptsächlich als Trutzbündniß und auch in mehreren Punkten günstiger war als dessen Vertrag vom 1. Mai 1756, allein weit weniger günstig als der nun aufgehobene Lheilungsvertrag vom 1. Mai 1757). 1) Weil die Genehmigung des Vertrags vom 1. Mai 1757 bisher unbekannt war, sind die Urtheile bei Flassan VI. S. 130 und Andern über das durch den Vertrag vom 30. December 1758 gegenüber dem Vertrage vom 1. Mai 1756 veränderte Verhältniß Frankreichs zu Oesterreich zrößtentheils unrichtig. Man sieht, daß Frankreich allerdings, Verhandlungen mit Frankreich. 189 Allerdings gewährleistete Frankreich der Kaiserin, jedoch jetzt ohne die Verpflichtung nicht eher Frieden zu schließen, die Abtretung Schlesiens und der Grafschaft Glatz, nicht aber auch noch Krosscns und anderer günstig gelegener Landes- theile; es sicherte ferner dem Kurfürsten außer dem Wieder- bcsitze seiner Staaten auch eine angemessene Entschädigung zu, gab aber die Losreißung Magdeburgs, Halberstadts, des Saalkrcises, Vorpommerns und der Kleveschcn Provinzen von Preußen und auch die früher festgesetzte Abtretung der Niederlande, theils an Frankreich, theils zum Austausche an den Herzog von Parma, völlig auf. Statt wie früher 105,000 Mann, versprach cs nur 100,000 Mann zu stellen, ohne ferner 10,000 Baicrn und Würtembcrger zu besolden, wogegen cs allerdings 10,000 Sachsen in Sold nahm. Wichtiger war, daß es statt der früheren 12 Millionen Gulden nur noch 3,456,000 Gulden Hülfsgclder an Oesterreich zahlte, dagegen allerdings die früher von Oesterreich mitbezahlten Kricgsunterstützungsgeldcr an Schweden nun allein übernahm, welche jedoch sicher nicht über 2^ Million Gulden betrugen, so daß cs nun nicht nur weniger Truppen, sondern auch 6 Millionen Gulden Subsidicn weniger als früher zahlte'). Hierdurch entging der Kaiserin nicht nur eine ansehnliche Summe von Hülfsgeldcrn, sondern sic mußte sich auch überzeugen, daß Frankreich, mit dem Aufgcben des wichtigen Entwurfs über Belgien und der völligen Demüthigung Preußens, so bald als möglich Frieden schließen und daß es bis dahin den Krieg nur lau führen würde. Wirklich waren auch alle Bemühungen des französischen Gesandten Montazet, welcher den abgegangenen Herzog verglichen mit dem Jahre 1756 vor-, aber verglichen mit dem Jahre N57 zurückschritt. Es ist jedoch richtig, wenn Flassan VI. S. 131 sagt: Man dürfe aus dem Vertrage von 1758 chicht abnehmen, daß Choiseul dem Hause Oesterreich unbedingt ergeben gewesen. Es würde ihm das noch klarer geworden sein, wenn er den Vertrag von 1757 als ratificirt gekannt hätte. 1) Neueste Actenstücke S. 75, wo Francs für Florins. Martens rir. S. 185. 190 Buch VIII. Mnftes Hauptstück. v. Choiseul in Wien vertrat, hauptsächlich dahin gerichtet, hier alles möglichst zu verwirren und nach Vermögen die Ucbcrzeugung zu bewirken, daß cs hundert Mal schwerer sei die Kräfte des Königs von Preufsen im Kriege, als während des Friedens zu zerstören'). Um so enger schloß sich Maria Theresia an Rußland an, dessen Kaiserin ihrem Hasse gegen Friedrich ebenso treu blieb wie ihrem Bunde mit Oesterreich. Das genaue Anschließen Englands an Preufsen hatte sie so aufgebracht, daß sie eine Flotte ausrüsten ließ und mit Schweden und Dänemark Verträge schloß, allen fremden Kriegsschiffen die Einfahrt durch den Sund zu verwehren'). Maria Theresia zahlte nun aus eigenen Mitteln ansehnliche Hülfsgeldcr, und die Nothwendigkeit die russischen Großen zu gewinnen kostete sicher ebenfalls bedeutende Summen. Um nun Rußland auch rücksichtlich seines Staatsinteresses für den Krieg zu gewinnen und zu erhalten, gewährleistete ihm Oesterreich den Besitz des Königreichs Preufsen '). Sie mochte hoffen die russischen Befehlshaber so mehr zur Tätigkeit zu veranlassen. Der schwedische Adel blieb im französischen Geldintcressc, wie mehrere deutsche Fürsten, gegen Preufsen unter den Waffen. Das Reichshccr wurde unter dem Pfalzgrafen von Zweibrücken ergänzt und stand ganz unter österreichischer Leitung. So stellten die Feinde Friedrichs gegen diesen im Jahre 1759 350,000 Mann auf, nämlich Oesterreich 109,000, Rußland etwa 76,000, Schweden 12,000, das Reich 28,000 und die Franzosen 125,000, wobei 8—10,000 Sachsen in deren Solde. Ihnen gegenüber brachte Friedrich die kurze Muße, 1) S. den Bericht vom 2. November 1758 an Bellcisle bei Stuhr II. S. 152. 2) Vertrag vom 9. März 1759 mit Schweden, den 17. März 1780 mit Dänemark in Martens kecueil SupplSm. III. S. 36 und II, fehlt in der neuen Ausgabe. 3) Listoirs de I». xuerrs de sept an» cksp. IX. p. 226; eingedruckt und sonst unbekannt. Friedrich II. sagt, auch Frankreich habe das gewährleistet; das wendete sich aber sehr. Friedrich im Winter 1738—1759. 191 welche ihm die Waffenruhe während des Winterlagers gewährte, in gewohnter Thätigkeit zu. „Ich habe meine Winterquartiere," schrieb er den 1. Marz 1759 an d'Argens'), „wie ein Karthäuser zugebracht. Ich speise allein und bringe meine Zeit mit Lesen und. Schreiben hin. Zu Abend esse ich nicht. Wenn man traurig ist, so wird es auf die Dauer schwer seinen Kummer zu verbergen, und es ist besser für sich selbst betrübt zu sein, als die Gesellschaft damit zu langweilen. Mich richtet nichts mehr auf als die strenge Aufmerksamkeit, welche eine fortdauernde fleißige Arbeit erfordert. Sie zerstreut die traurigen Gedanken; aber wenn das Werk vollendet ist, kehren sie lebendiger zurück." Er hatte neben seinen vielen andern Geschäften diese Zeit auch dazu benutzt, besonders über die Ereignisse des letzten Feldzugs nachzudenken und seine Betrachtungen über einige Aenderungen niederzuschreiben, welche in der Art der Kriegführung zu treffen wären. Diese kleine Schrift wirft in vielen Punkten ein klares Licht auf die Art, wie er seine Lage ansah, und überhaupt auf seine Denk- und Handlungsweise. Nachdem er die Mittel zum nächsten Feldzuge beschafft und die nöthigen Zahlungen angeordnet hatte, theilte er den geringen zu seiner Verfügung übrig gebliebenen Rest mit einigen Freunden, unter denen auch Fouque. Er schickte diesem 2000 Thalcr als eine kleine Unterstützung in dieser 1758 kummervollen Zeit und jene Betrachtungen als gesammte 23. Dee. Frucht des letzten Feldzuges ^). „Vegetius hat Recht," schreibt der König, „indem er sagt: der Krieg soll ein Studium, der Friede aber eine Uebung sein. Das Denken allein und die Fähigkeit Gedanken an einander zu reihen unterscheidet den Menschen vom Lastthicre. Ein Maulesel, der zehn Feldzüge unter dem Prinzen Eugen gemacht hätte, würde darum kein besserer Taktiker sein, und man .muß zur Schande der Menschheit gestehen, daß viele Officiere rücksichtlich ihrer faulen Dummheit nicht mehr wcrth sind als jenes Maulthier. Der Gewohnheit folgen, für Nahrung und Obdach 1) Oeuvres XIX. p. 56. 2) Oeuvres XX. p. 113 und 118. 192 Buch VIII. Fünftes Hauptstück. sorgen, essen, wenn Andere essen, sich schlagen, wenn jedermann sich schlägt, das ists, was die Mehrheit «Feldzüge gemacht haben und unter den Waffen grau geworden sein» nennt. Daher kommt die Menge in Mittelmäßigkeit verrosteter Militairs, welche die Ursache ihrer Siege und ihrer Niederlagen weder kennen, noch kennen zu lernen streben. Der kritisch strenge Feuquieres hat uns in der Beurtheilung der Feldherren seiner Zeit den Weg gezeigt, den wir ein- schlagen sollen, uns aufzuklären. Seitdem hat der Krieg sich verfeinert, neue mörderische Ucbungen haben ihn schwieriger gemacht. Man muß sie zergliedern und das System unserer Feinde untersuchen, um die Mittel zum Widerstande wählen zu können." Er wolle nicht von der Ucbermacht seiner Feinde sprechen, welche nicht blos Prcussen, sondern jeden Fürsten, der ihnen widerstehen wolle, erdrücken müsse, auch nicht von der Methode, deren er sich bedient habe, um ihnen zu widerstehen. Diese könne nicht als Muster gelten, weil sie sich nun bewährt gezeigt habe gegen die Fehler seiner Feinde, gegen ihre Langsamkeit, die seiner Thätigkeit zu Hülfe gekommen, und gegen ihre Trägheit jede günstige Gelegenheit unbenutzt zu lassen. „Ich war gezwungen-" fährt er fort, „Vieles dem Zufalle zu überlassen; doch das Verfahren eines Steuermanns, welcher mehr dem Eigensinne des Sturmes als der Richtung des Compasses folgt, kann nicht als Regel dienen." Er drückt seine Verwunderung über die geringe Uebereinftimmung in den Bewegungen der großen Heere seiner Feinde aus und über die Langsamkeit in Ausführung ihrer Entwürfe; „mit einem Worte," sagt er, „welchen Ungeheuern Fehlern verdanken wir bisher unsere Erhaltung!" Sein Hauptaugenmerk war auf die Beobachtung des österreichischen Heeres, dessen Kriegseinrichtung und Führung, besonders dessen vorsichtig gewählte Märsche, Stellungen und Lager gerichtet. Fouque machte ihn in einer sehr durchdachten Erwiederung besonders aufmerksam auf die große Ueberlegenheit des österreichischen Gcschützwcscns, welches zahlreicher und besser bedient war und durch besseres 1) Oeuvres XX. p. 117. Friedrich im Winter 1758 — 1759. 193 Pulver eine weiter reichende Stärke hatte als das preussische, und wie durch die Ueberlegcnheit desselben das Feuer des preußischen Fußvolks öfters gedämpft worden. Der König sorgte sogleich angestrengt für Vermehrung seiner Geschütze bis auf 580 Stück und deren Einrichtung nach österreichischem Muster, welches der General Dieskau noch verbesserte'). Die Festungen wurden zum Theil damit versehen und auch die erste Brigade reitender Artillerie errichtet. „Erröthcn wir nicht," sagte der König, „nachzuahmen, was wir in der Methode unserer Feinde Gutes finden. Die Römer haben es ebenso gemacht." Die Hoffnung, daß sich die Holländer mit ihm gegen Frankreich verbünden würden, ging ebenso wenig in Erfüllung, als daß sich die Osmanen würden zum Kriege gegen Rußland oder Oesterreich bewegen lassen, oder daß mit dem Tode des Königs von Spanien sich ein Krieg in Italien entzünden und Frankreich beschäftigen werde. Doch war der König gefaßt. Seit Bernis Falle, schrieb er am 19. Jan. 1759 seinem Bruder Heinrich, sei nicht an Frieden zu denken, und auf die Nachricht, daß der König von Spanien im Sterben sei, erwiderte er demselben: „Es müßte eine Pest unter die europäischen- Fürsten kommen, um uns in eine angenehmere Lage zu bringen." Endlich müsse man sich seinem Schicksale hingeben, „und," fährt er fort, „weil das unsrige den Krieg will, so wollen wir unser Heil auch nur unserm Degen verdanken")." Er befahl daher seinem Bruder Heinrich, wie schon früher, als er 20. März gegen die Russen nach Zorndorf zog, da ihm, dem Könige, bei den Kricgsunternchmungen ein Gleiches wie andern Of- sicicren begegnen könne, auf den Fall seines Todes das Heer seinem Neffen, dem von ihm zum Prinzen von Prcusscn oder Thronfolger erklärten Sohne seines verstorbenen Bruders Wilhelm, schwören zu lassen. Es blieb zu seinem Beistände nur England, das ihm durch einen Vertrag vom 1. Dccbr. 1758 jährlich 680,000 Pfd. Sterling Subsidien zu- sichcrte, und außerdem das aus Hannoveranern und Engländern und den in englischem Solde befindlichen deutschen 1) Schönings Artillerie II. S. 131. 2) Bei Schöning Siebenjähr., Krieg H. S. 16, 17. Stenzel, Gcsch. ö. Preussisch. Staats. V. . 13 ' " 194 Buch VIll. Fünftes Hauptstück. Truppen bestehende Heer unter dem Herzoge Ferdinand j von Braunschweig. , Der Landgraf von Hessen-Kassel ließ nicht nur wie bis. i her seine 12,000 Mann in englischem Solde, sondern ver- - sprach ebenso noch 7000 Mann zu stellen. Gegen Lau- , düngen an den Ostsecküstcn wollte England den König vv» ^ Prcussen nicht sicher stellen, um nicht geradezu in Kriegs Rußland, und vielleicht dann auch noch mit Schweden inid ^ Dänemark zu gerathen. ^ Aus seinen zum großen Thcile von den Feinden theils , besetzten, theils ausgesogencn und verheerten Ländern könnt! Friedrich die Mittel zur Fortsetzung des Krieges nicht ent- i nehmen; auch die englischen Hülfsgelder reichten dazu nicht , aus, obgleich sie, zur Prägung immer stufenweise leichter» ! Geldes benutzt, auf mehr als das Doppelte ihres wirkliche» , Betrages ausgebracht wurden. Er sah sich also gcnöthigt , die in seinen Händen befindlichen Länder seiner Gegner auf das Härteste zu belasten. Das unglückliche Sachsen hatte, wie wir sahen, im Anfänge des Kriegs jährlich überhaupt , 4,000,000 Thlr. liefern sollen. Nun erklärte der König, ! ^Nov ^ dm Bedrückungen, welche seine Unterthancn von seim« > ' Feinden erlitten, sehe er Sachsen als ein erobertes Land aiu t Er verlangte für das Jahr 1759 einschließlich aller Lieferungen 9,000,000 Thlr. und 12,000 Rekruten. Die Sachsen berechneten alles auf 11,000,000 Thlr. Die Stadt Leipzig sollte 500,000 Thlr. geben, welche dann auf 300,M Thlr. herabgesetzt wurden. Sic bot 100,000 Thlr. und erklärte die Unmöglichkeit der prcussischen Forderung zu ge- 2. Dcc. nügen. Es wurden daher die gcsammtc Kaufmannschaft und am folgenden Tage gegen 90 Personen auf der Börse festgenommen und erst am 11. Dccember freigelassen, doch 43 von ihnen mit Execution in ihren Wohnungen belegt, mit Wegführung der Angesehensten und mit öffentlicher Versteigerung der vorhandenen Waaren gedroht. Im Za- 1759 nuar wurden viele der angesehensten Kauflcute bei Wasser und Brot festgesetzt und so die verlangten 300,000 Thlr. erpreßt, während man die anderweitigen Lieferungen auf noch 500—600,000 Thlr. anschlug. Auch außerdem verfuhr Erpressungen in Sachsen u. Anhalt. 195 der König mit weniger Schonung als früher. Mehrere Minister und Räthc, welche bei der königlich-polnischen Familie in Dresden lebten, wurden von ihm nach Polen verwiesen. Alle diejenigen seiner Unterthanen, welche an ihren Gütern und Vermögen in Preussen Verlust erlitten hatten, wurden aufgefordert denselben anzugeben, damit es aus dem Vermögen und den Gütern der sächsischen Minister ersetzt würde. Das dauerte auch dann noch fort, als die Russen den Beschlag aufgehoben, mit dem sie die Güter einiger aus Preussen geflüchteten Beamteten belegt hatten'). Die kleinen anhaltischcn Fürstentümer, Dessau, Bernburg und Zerbst, mußten 360,000 Thlr., 2200 Rekruten und 1600 Pferde liefern, weit mehr als das Dreifache von dem, was 50 Jahre später Napoleon von ihnen als Rheinbundsländern forderte. Der König befahl, daß hier ohne alle Schonung mit der größten Strenge verfahren würde; nur das Fürstenthum Köthen, dessen Fürst in preussischen Diensten gewesen war, wurde milder behandelt. Dem junge» Fürsten Franz von Dessau, dessen Vater, Groß- und Urgroßvater und zwei Oheime preussische Fcldmarschälle gewesen waren, ließ der König, dem er seinen Regierungsantritt angezeigt hatte, sagen: er wolle ihm die erste Lection seines Gouvernements geben, welche darin bestände, einen mächtigen Nachbar zu menagiren und diejenigen zu respecti- rcn, durch welche sein Haus bis dato fein Glück gemacht hätte. Er erließ demselben dann aus sgsrä von den zu stellenden Rekruten 200 Mann, woraus er einen sots ttö gensrosits machte"). Natürlich wurde auch das Meklenburg-Schwerknsche noch weniger geschont als früher, und überall, wohin Preussen und dessen Verbündete im Reiche kamen, starke Kriegssteuern erhoben. Wo cs nur irgend möglich war, wurden Werbeplätze angelegt, welche viel Zulauf hatten, weil der Mann 10 Thlr. 1) Deutsche Kriegßkanzlei vom I. 1758 LH. III. S. 872 und vorzüglich die Kurzgefaßte Nachricht von den preussischen Bedrückungen der sächsischen Lande, D. Kr. vom Z. 1759 LH. II. S. 20 ff. 2) Die Aktenstücke in der Generalstabsgeschichte des siebenjährigen Krieges III. S. 14 genauer als die Angabe bei Retzow II. S. 21. 13* 196 Buch VIII. Fünftes Hauptstück, Handgeld erhielt, was freilich kaum 5 Thlr. wertst war, „ntz der Sold sehr richtig ausgezahlt wurde. Freilich ersetzte» diese und die großcnthcils mit Gewalt in nichtprcussischc» Ländern ausgehobcncn Truppen nicht die alten Preuße», deren Zahl sich immer mehr verminderte, während die übst gen nach so vielen Gefechten und Schlachten bei der Fort dauer des Krieges ihren Untergang vor Augen sahen, wogegen selbst der jungen Mannschaft oft ein lebhaftes Gefühl der Anhänglichkeit und Bewunderung für den König und dessen Sache eingcflößt wurde. Im Allgemeinen nahm jedoch im Laufe der Zeit die Kriegstüchtigkcit des prcussi- schen Heeres ab, während die der Ocsterrcichcr und Russen durch Ucbung und Gewohnheit zunahm. Ungeachtet aller Anstrengungen konnte Friedrich seinen 350,000 Mann starken Feinden nur höchstens 130,000 Mann seiner eigene» Truppen und das aus 70 — 75,000 Mann bestehende ha»- növcrschc Heer unter dem Herzoge Ferdinand, insgesamnit also etwa 200,000 Mann, cntgcgcnstellcn. Er verthcilti diese so, daß er, den in Böhmen und dem österreichische» Schlesien gegen 100,000 Mann starken Ocstcrrcichcrn unter Daun, Laudon, Beck, Harsch und Devillc gegenüber, sich mit 50,000 Mann am Fuße des Gebirges von Schweidnitz bis Löwcnbcrg, und Fouquc mit 13,000 Mann in Obcr- schlcsien von Lcobschütz gegen Ratibor hin aufstcllte. Der Prinz Heinrich deckte mit etwa 40,000 Mann Sachsen gegen Böhmen hin und gegen das durch die Ocsterrcichcr verstärkte Rcichshecr in Thüringen und Franken. Der General Graf Dohna stand mit etwa 25,000 Mann im schwedischen Pommern den Schweden und Russen gegenüber, der Herzog Ferdinand von Braunschwcig mit anfänglich 60 — 70,000 Mann den Franzosen in Hessen, dem Hcrzogthume Westfalen und den Bisthümcrn Münster und Paderborn. Die große Uebermacht der Feinde des Königs war, wie früher, zum Theil mehr scheinbar als wirklich vorhanden; die gegen ihn verbündeten Höfe waren nicht völlig einig, die Feldherren noch uneiniger als die Höfe. Lange stritt man sich in Wien mit den Franzosen über den zu entwerfenden Feld- Stellung der Heere. 197 zugsplan. Die Ocstcrrcichcr wollten, daß ein französisches Hccr, die Franzosen, daß das österreichische Haupthccr nach Sachsen ginge und Schlesien aufgebc, wohin die Ocstcrrcichcr hauptsächlich wollten. Endlich kam man gegen Ende Februar dahin überein, daß Contades mit 80,000 Mann in Westfalen angriffsweisc, der Herzog von Broglio, deren Soubises Stelle gekommen war, mit 20,000 Mann in der Wettcrau vcrthcidigungswcise verfahren sollte'). Mit den Russen, welche Stettin nicht für die Schweden erobern wollten, wurde verabredet: Wenn Fcrmor bis Posen vorgerückt sein würde, solle Daun gegen die Lausitz Vorgehen, der König somit umfaßt und Berlin bedroht werden. Während die Franzosen verlangten, die Russen sollten gerade auf Berlin verrücken, wollten die Ocstcrrcichcr sie mehr gegen Schlesien hin ziehen, sic selbst aber lieber rechts nach Kolberg hin gehen. Zm Allgemeinen lag den Franzosen weit mehr daran sich im Reiche zur Sicherung bei dem bevorstehenden Frieden zu behaupten, den Russen aber, Ostpreußen zu behalten und sich in Polen und an der Ostsee fcstzusctzcn, um hier Häfen zu gewinnen, als den König von Preußen zu Gunsten der Ocstcrrcichcr völlig mcderzudrückcn'). Die von allen ihren Verbündeten wie von ihren Feinden geringgcschätzten Schweden sollten, von einer Abtheilung Russen unterstützt, Stettin belagern^). In der Hauptsache wollten die Verbündeten weniger einen methodischen Angriffskrieg führen, als den König schlagen und dessen Kriegsmacht zu vernichten suchen, worauf dann das Uebrigc von selbst folgen würde. Ihnen gegenüber beschränkte sich 1) Stuhr II. S. 198. 2) Stuhr II. S. 259 und Montalembert II. S. 19. Bclleisle schrieb den 20. Aug. 1759 nach der Schlacht von Kunncrsdorf an Contades: le ms contsnts ä'observsr Hue plus Is koi Os krusss ssra allaibli par Is kalt äs nos alliss, «ans e^ue uous a^ons su part äi- rectemsnt, plus il sst ssseiitiel et Necessaire czus uous a^ons uns contenance rsspectabls äans Is coeur äs I'^IIemsZne. Stuhr ^ S. 216, vergl. S. 276. 3) Stuhr II. S. 232. 198 Buch VIII. Fünftes Hauptstück. der König auf den seinem Wesen so wenig entsprechende» Vcrtheidigungskrieg, wie er unter diesen Umständen sehr angemessen war, leider aber nicht folgerecht durchgcführt wurde. Auf das Rcichshcer wurde wenig gerechnet, ungeachtet Ocsterrcichtr zu demselben gestoßen waren. Der bairische Hof schwankte, der eigensinnige und eigenmächtige Herzog von Württemberg war in heftigem Streite mit seinen Ständen über die Zahl der von ihm zu haltenden Truppen. Er hätte gern die Rolle jener letzten, mau könnte sagen Ban- dcnführcr, des 17. Jahrhunderts gespielt und jedem das Blut seiner armen Untcrthanen geopfert, der ihn bezahlte oder ihm Erweiterung seiner Besitzungen zusicherte si. Es machte einen sehr Übeln Eindruck im Reiche, als sich Sou- 2. Jan- bise der freien Reichsstadt Frankfurt bemächtigte, deren Einwohner gut preußisch gesinnt waren. In Franken hatte freilich seit dem Tode der Markgräfin von Baireuth die österreichische Partei die Oberhand, doch herrschte allgemein große Furcht vor den Preußen. Die Generale waren zwiespältig untereinander. Der österreichische General Serbelloiii war dem Prinzen von Zweibrückcn gewissermaßen als Wächtn zur Seite gesetzt und diesem so lästig, daß er ihn gern entfernt hätte. Serbelloni war seinerseits den Franzosen, de» alten Feinden Oesterreichs, sehr abgeneigt, diesen daher ungemein verhaßt. Die Stimmung der Mannschaften im Rcichshccrc, dem cs überdies an Officicrcn, Rekruten, Zelten und vielem Feldgcräthe fehlte, war so übel wie früher, I) In einer Denkschrift, welche er den 6. Jan. 1761 dem Herzoge von Choiseul übergeben ließ, heißt cs: 1,es troupes (du duc de IVüe- temberA) sont tousours prdtes a so porter oü los lntontions de so! Iiauts allies et los besoiiis de Io cause commune pourront les appelee, encbantdes de toutes les occasions, (ju'ou leur lern naltre de concounr ä leurs avsntsZes et ä leur gloire. 1,e Vuc est pleinement convaincu, l)ue, si peiulsnt Is xuerre les circvnstsnces ns permettsient pos anx ?uisssnces de I'indemniser entierement de cette ddpense gu'e In pacltlcatlon procbaine, eiles dalgneront prendre sos interets tel- lemont ä coeur, czue 8. 8. recueillera amplement Io kruit du 2 elo et de I'attacbement ^u'bllls n msnikostd Pendant toute la guerre. Stuhr II. S. 293. Seine Soldaten waren jedoch nicht besonders entzückt ihrem Herrn zu dienen. IM Herzog Ferdinand am Rhein. und mehr für Preufsen als für Oesterreich. Das Ausrcißen nahm selbst unter den bei dem Rcichshecrc befindlichen Oester- ' reichern in bedenklicher Weise überhand'). Sechstes HauptsLück, Feldzug des Herzogs Ferdinand von Braunschweig im Jahre 1759. Der Herzog von Braunschweig eröffncte, wie im vorigen Jahre, den Feldzug. Das französische Haupthecr unter Con- tadcs lag in weitläufigen Quartieren zwischen dem Nicdcr- rheinc und der Maas und hatte nur leichte Posten bis gegen Elberfeld vorgeschoben. Das Heer des Herzogs Ferdinand lag ihm gegenüber im Münstcrschcn und zwischen Ems und Weser. Unter Soubisc, dann unter Broglio, ohne Zweifel dem tüchtigsten Generale, welchen die Franzosen nach Deutschland geschickt haben, stand ein kleines französisches Heer von 20—25,000 Mann zwischen Main und Lahn, dem gegenüber der Fürst von Isenburg mit nur 8000 Mann. Die Franzosen wollten den Herzog von Braun- schwcig schlagen und Hannover cinnehmcn, um das bei dem zu erwartenden Frieden für die ihnen verlornen Kolonien in die Wagschalc zu werfen ^). Beide Thcile vermehrten ihr Heer nach Vermögen, die Franzosen bis auf 120,000 Mann mit 400 Geschützen, der Herzog mit ungemeiner Thätigkcit und Hingebung bis auf 75,000 Mann; doch konnte er nur WO Geschütze zusammcnbringen, während er zugleich die Festungswerke von Münster, Lippstadt und Hameln verstärkte. Schon im November 1758 entwarf der Herzog den 1) Stuhr II. S. 28». 2) Bclleisle's Erklärung bei Stuhr II. S. 201. 200 Buch VIII. Sechstes Hauptstück. Plan die Franzosen unter Soubise in deren Winterlagern an der Lahn zu überfallen, indem er den König bat mit dem Heere auf Würzburg vorzurückcn, oder ihn doch mit einem Hecrhaufen von Sachsen aus zu unterstützen, was dieser damals nicht vermochte. Durch die Besetzung Frankfurts im Januar gewannen die Franzosen einen wichtigen festen Punkt am Main, der ihnen die Verbindung mit Con- tadcs am Nicdcrrheine und mit dem Rcichshccre in Franken sicherte, und ihre Gegner abhiclt sich über den Main auszudehnen. Wegen wiederholter Beunruhigungen durch die Ocstcrrcichcr und die Rcichstruppcn im Hessischen, und weil die Bewegungen Broglios vcrmuthen ließen, dieser habe weitgehende Absichten gegen die Magazine in Kassel und Minden, beschloß der Herzog seine beabsichtigte Unternehmung auch ohne anderweitige Hülfe auszuführcn, und während Contades in Paris war und daher keine entschiedene Bewegung von dessen Heere zu fürchten stand, Broglios vereinzeltes Heer zu schlagen, ehe die Franzosen mit vereinten Kräften auf ihn cindringen könnten. Er versammelte daher die nöthigcn Truppen und bemächtigte sich Fuldas. Von hier schickte er den Erbprinzen von Braun- schwcig links über das Rhöngcbirge bis Suhl, während der Prinz Heinrich durch kleine Abteilungen verstellte Bewegungen gegen die Ocstcrrcichcr bei Hof und Saatfeld machen ließ. Der Erbprinz jagte die vereinzelten Oestcrreichcr und Rcichstruppcn in die Flucht, säuberte das Land bis Bam- 8. April bcrg und Nürnberg von Feinden und kehrte, nachdem er in 10 Tagen gegen 30 Meilen der beschwerlichsten Märsche größtenthcils fechtend zurückgelcgt, mit 2000 Gefangenen, 6 Kanonen und zugleich erbeuteten starken Vorräthcn, nach Fulda zurück, wo man deren sehr bedurfte. Dann brach der S. April Herzog mit 28,000 Mann gegen Frankfurt auf, in der Hoffnung die Franzosen dort zu überraschen. Hier fand er aber Broglio, der bei der ersten Nachricht von dem Verrücken des Herzogs seine Truppen zusammcngezogcn und auf 35,000 Mann verstärkt hatte, bei Bergen sehr gut ausgestellt und in völliger Verfassung ihn zu empfangen. Der Herzog, welcher die Franzosen nicht für so stark Gefecht bei Bergen. 201 hielt als sie waren, griff unverzüglich Bergen, doch ohne 13. April Erfolg und mit bedeutendem Verluste, wiederholt an, bemühte sich dann vergeblich, den vorsichtigen Broglio aus seiner festen Stellung zu locken, und zog sich darauf, sehr geschickt und daher unverfolgt, mit Verlust von 2500 Mann an Todtcn und Verwundeten und 5 Geschützen, nach Ziegenhain zurück. Die Franzosen, welche gegen 2000 Mann verloren hatten, feierten den abgeschlagenen Angriff auf Bergen als einen großen Sieg. Der Herzog von Broglio erhielt vom Kaiser die rcichsfürstliche Würde, von seinem Könige den Marschallsstab. Der Marschall Contades ging, nach Verabredung eines neuen Planes zur Eroberung der hannoverschen Lande, wenige Tage nachdem der Sieg bei Bergen in Paris bekannt geworden war, nach Deutschland und nahm sein Hauptquartier in Düsseldorf. Doch schickte er 10,000 Mann unter St. Germain an die Lahn zu Broglio, welcher immer noch angegriffen zu werden besorgte. Als nun der Prinz Heinrich im Mai von Sachsen aus in Franken einsiel, kamen die dringendsten Bitten der dortigen Rcichsfürsten um Hülfe. Deshalb zog sich Contades aus Westfalen rechts nach der Lahn hin, um den Herzog Ferdinand zu schlagen, wo er ihn fände, wozu der Kricgsminister Belleisle möglichst an- tricb. Eben wollte nun der thätige Herzog Ferdinand eine Unternehmung gegen die französischen Magazine in Düsseldorf und Deutz wagen, als er erfuhr, Contades rücke mit seinem Heere über Marburg gegen die untere Weser vor, um ihn zum Rückzuge über diesen Strom zu nöthigcn, während eine von Wesel heranrückende französische Heercs- abthcilung von 17,000 Mann Münster und Lippstadt ungehindert erobern und somit das gesammte Land auf dem linken Weserufer für die Dauer in französische Hände bringen sollte. Der Herzog Ferdinand zog sich daher langsam zurück, räumte Kassel und bot Contades eine Schlacht an, welcher sic nicht annahm, doch vorwärts ging, Abtheilungen in Kassel und an der Werra zur Beobachtung von Lippstadt und Ha- ' mein zurückließ und daher mit nur 60,000 Mann bei Minden ankam. Dieses ergab sich ihm sogleich; er nahm hier in der Ebene auf dem linken Ufer der Weser eine durch das 202 Buch Vlll. Sechstes Hauptstück. Flüßchen Bartau und den vorliegenden Moor, sowie in seinem Rücken durch das Gebirge des westfälischen Thorcs gedeckte, fast unangreifbare Stellung ein. Er wollte hierdurch die Belagerungen von Lippstadt und Münster decken, während Broglio mit seinem Heere über die Weser ging und Streifparticn nach Hannover und Wolfenbüttcl schickte. Der Herzog Ferdinand hatte unterdessen bei Osnabrück seine einzelnen Hecrcsabthcilungcn zusammengezogcn, seine Magazine an der untern Weser im Rücken des Heeres gedeckt, und rückte nun, 52,000 Mann stark, gegen Contadcs vor, um dem von den Franzosen hart zugcsetztcn Münster Rettung zu bringen. Weil Contadcs in seiner Stellung vorn gar nicht angreifbar war, so ließ er 2 Meilen links den General Wangenheim mit 12,000 Mann an der Weser stehen, zog sich selbst rechts und schickte den Erbprinzen und den General Drevcs mit 10,000 Mann noch 4 Meilen weiter rechts nach Herford in den Rücken des französischen Heeres, um diesem die Zufuhren abzuschneiden, wobei er sehr in Sorge war während dieser Trennung seines Heeres von Contadcs angegriffen zu werden. Dieser blieb dennoch ruhig stehen'). Als er nun die Nachricht erhielt, daß sich die Besatzung der Citadelle von Münster schon nach dreitägiger Beschießung ergeben habe, so wünschte er die gcsammte Entscheidung baldigst durch eine Schlacht herbcizuführen und traf dazu die nöthigen Vorkehrungen. Zu gleicher Zeit beschloß Contadcs, durch die Stellung des Erbprinzen in seinem Rücken beunruhigt, dann durch die Mahnung des Kriegsministers veranlaßt, seine äußerst feste Stellung zu verlassen, dem Herzoge, der sich durch Zersplitterung seines Heeres geschwächt hatte, cntgegenzugehn und ihn zu schlagen. Er ließ daher Broglio mit 12,000 Mann durch Minden über die Weser aus deren linkes Ufer zurückkommcn und stellte sich in der Nacht zum 1. August, in Verbindung mit demselben etwa 45,000 Mann stark, in einem im Mittelpunkte gegen den Feind vorspringcndcn Halbrund so auf, daß Broglio rechts an dem steilen Wescrufer stand, während 1) Acußcrung des Herzogs gegen Castries bei Stuhr II- S. t58> Contadcs linker Flügel bis an das Dorf Halen und den dortigen Moor reichte und 63 Geschwader Reiter die vorspringende Mitte bildeten. Der Herzog Ferdinand hatte sein Heer schon marschfertig gemacht, um auf alle Fälle gefaßt zu sein und sich dem General Wangenheim zu nähern, als er durch Ucberläufer um 2 Uhr Morgens die Nachricht von dem Vorrücken der Franzosen erhielt. Obwol dadurch überrascht, beschloß er doch sogleich den linken Flügel der Franzosen anzugreifcn, befahl dem Erbprinzen, sich gegen Lübbecke an die rechte Seite des Haupthecres hcranzuziehn und rückte nun, links die Hceresabtheilung von Wangenheim, rechts er selbst mit etwa 36—37,000 Mann zum Angriffe vor. Er war bereits gegen 6 Uhr in zwei Linien aufmarschirt, während die in der Heerbcwegungsfähigkeit ihm weit nachstehenden Franzosen erst um 8 Uhr einigermaßen geordnet die von ihnen beabsichtigte Schlachtlinie einnahmcn. Nur Broglio, welcher den ersten Hauptangriff auf Wangenheim gegen Todtenhausen machen und so den Herzog ganz von der Weser abdrängen sollte'), stand schon um 5 Uhr in Ordnung, griff aber, weil er die ihm gcgen- überstehcnde Hecrcsabtheilung Wangenheims, welche nicht einmal Geschütze hatte, für viel stärker hielt als sie war^), nicht an, sondern begnügte sich sie ohne Erfolg zu beschießen. Der Herzog griff dagegen, ehe noch die Franzosen völlig geordnet waren und zum Angriffe übergehen konnten, das Dorf Halen auf deren linkem Flügel an, als ohne Befehl, auf eignen Antrieb, sechs tapfere i^saillone englischen Fußvolks der Mitte über eine völlig offene, von zahlreichem feindlichem Geschütz bestrichene Strecke von 1500 Schritten unmittelbar gegen die ihnen gcgcnüberstchenden 63 Geschwader französischer Reiter losbrachen. Zwei hannöversche und zwei hessische Bataillone folgten ihnen, und dieses Fußvolk wies nun mit unerschütterlichem Muthe alle Angriffe der zum Thcil auserlesenen feindlichen, sie überflügelnden und vorn und im Rücken andringcndcn Reiterei zurück, trieb alles 1) Siehe die Instructionen bei Stuhr ll. S. 208. 2) Stuhr II. S. 458. 31. 204 Buch VIU. Sechstes Hauptstück. unwiderstehlich vor sich her und durchbrach dann, unterstützt durch die auf des schnell gefaßten Herzogs Anordnung heran- rückenden Truppen, den Mittelpunkt des französischen Heeres. Contadcs selbst war darüber so erstaunt, daß er gestand, er habe gesehen, was er nie für möglich gehalten, daß eine einzige Linie Fußvolks drei in Schlachtordnung ausgestellte Rciterlinien durchbrochen und über den Haufen geworfen. Lord Georg Sackville erhielt jetzt von dem Herzoge wieder holt den Befehl mit 24 Schwadronen einzuhauen, den bereits errungenen Sieg zu vollenden und möglichst erfolgreich zu machen, gehorchte aber leider nicht. Die Franzosen wichen und waren um 10 Uhr in vollem Rückzüge, bei welchem nur das Corps von Broglio, welches fast keinen Anthcil an der Schlacht genommen, in Ordnung blieb. Binnen zwei Stunden war der Sieg erkämpft, der den Franzosen über 7000 Todte, Verwundete und Gefangene kostete, während das hannöversche Heer nur 2750 Mann verlor, von denen allein 1375 Mann, also fast die Hälfte, auf die tapfern sechs englischen Bataillone kamen, welche den Sieg hcrbcigcführk. Lord Sackville wurde, wegen seines unverantwortlichen Betragens, in Deutschland und England allgemein öffentlich mit Beweisen der größten Verachtung überhäuft. Der König Georg II. nahm ihm sein Regiment, seine Gencralswürdc und die Stelle als General des Geschützwesens. Ein von ihm verlangtes Kriegsgericht 1760 erklärte ihn wegen bewiesenen Ungehorsams gegen den Oberbefehlshaber für unfähig ferner irgend eine Stelle im Heere zu bekleiden'), was scm Kölfig bestätigte und dem Heere öffentlich mit dem Zusatze bekannt machte, daß ein solches Urtel für einen Mann, der noch einige Empfindungen von Ehre habe, schlimmer als der Tod sek. An dem Tage des Siegs von Minden jagte auch der Erbprinz mit seinen 10,000 Mann den Herzog von Brissac, der mit 3000 Mann die Zufuhren im Rücken des franzö- I) Siehe Umständliche Nachricht von dem wider Georg Sackville 1760 angcstellten Proccß in der Kriegskünste! von 1760 Th. I. S. 721 (die Sentenz den 23. April 1760). 205 Rückzug der Franzosen. fischen Heeres decken sollte, bei Gohfeld in die Flucht. Con- tades, vorn durch den Herzog Ferdinand, im Rücken durch den Erbprinzen eingeengt, im Zwiste mit Broglio, dessen Unthätigkcit er den Verlust der Schlacht zustbrlcb- in der Gunst des Hofes gefallen und unschlüssig, befahl die Be-, lagcrung von Lippftadt aufzuhcben und eilte bei Minden über die Weser Und auf dem rechten Ufer im Bogen nach Kassel, verfolgt von dem auf 15,000 Mann verstärkten Erbprinzen, während der Herzog, dem sich Minden sogleich ergeben hatte, vorsichtig auf Marburg rückte, wo das französische Heer nach Verlust eines großen Theilcs seiner Magazine und feines Gepäckes, noch 60,000 Mann stark, Halt machte. Dann ging Contadcs auf Gießen zurück und nahm hier eine Stellung, während der Herzog ihm gegenüberstand und der Graf von Bückcburg Münster wieder eroberte. In dem erbeuteten Gcpäcke fand man Briefe des Kriegsministers Bcllcisle vom 18. Oktober 1758 und vom 23. Juli 1759, in welchen er Contadcs befahl den ganzen Strich zwischen Weser und Rhein und der Lippe bis Kassel und Marburg völlig auszusaugcn und vor den Winterquartieren alles zur Wüste zu machen. Der Herzog Ferdinand ließ diese Briefe drucken, und sic erregten ebenso sehr den Abscheu der Bevölkerung vor den Franzosen als das Gefühl der Dankbarkeit gegen den Herzog Ferdinand, der sie vor solchem Unglücke bewahrt hatte'). Im französischen Heere war die Verstimmung nach der Schlacht von Minden wegen der großen Märsche, des Verlustes des Gepäcks und anderer Unannehmlichkeiten so groß, daß sie sich in Reden ohne Schranken Luft machte. Der Marschall d'Estrces, der Contadcs, über den der Hof sehr unzufrieden war, mit seinem Rathc unterstützen sollte, glaubte daher, daß man durchaus keine Schlacht mehr wagen könne, und wollte nur vcrthcidigungsweise verfahren, um den Herzog von Braunschwcig abzuhalten dem Könige 1) Siehe die Kriegskanzlei von 1760 LH. I. S. 75; s. auch Oeuvres 1) Die Berhaltungsbefehle in: Siebenjähriger Krieg des General- stabs III. S. 58. Schöning II. S- 118 theilt leider des KönigsBe- fehl, in welchem die letzten, oben angeführten Worte enthalten D, nicht mit, obgleich er im Besitze desselben war, während er viel unbedeutendere Stücke hat abdrucken lassen. Ucbrigens widerstreitet tat, was Schöning dazu sagt, den bisherigen Angaben gar nicht; denn Wedel! erhielt diese Befehle vom 24sten erst nach der Schlacht. Wedell gegen die Russen. Schlacht bei Kay. 213 welche Wedell verhindern sollte. Dieser ritt sogleich von sei- 23. Zuli ncm rechten Flügel aus durch 'einen vor demselben liegenden Wald, um die Stellung der Russen zu erkunden, als er, eine Meile von seinem Heere entfernt, die Nachricht erhielt, die Russen wären in einem ziemlichen Bogen um seinen linken Flügel herum marschirt, um ihm den Vorsprung nach Crossen abzugewinnen. Wedell suchte ihnen sogleich auf der Straße nach Crossen zuvorzukommcn, entschlossen, dem erhaltenen Befehle gemäß, die Russen sofort anzugrcisen, wo er sie auch fände. Er fand den russischen rechten Flügel bei Paltzig, durch Wälder, Brüche, Sümpfe und Moräste und überlegene Zahl von Geschützen gedeckt, auf einem ihm unbekannten Boden, welcher seinen Truppen die größten Hindernisse entgegensetzte, das Heranbringcn der Geschütze verwehrte und ein erfolgreiches Vordringen fast unmöglich machte. Dennoch griff Wedell Nachmittags um 4 Uhr mit großem Ungestüm an und als sein erstes Treffen zurückgcschlagen war, wiederholte er die Angriffe mit allen vorhandenen frischen, dann auch mit den zurückgcschlagcnen und ermüdeten Truppen, ebenso hartnäckig als erfolglos, bis in die Nacht und zog sich erst in dieser mit Verlust von mehr als 8000 Todten, Verwundeten und Gefangenen und 25 Geschützen vom Schlachtfclde und am folgenden Tage nach Crossen zurück. Die Russen, welche ihren eigenen Verlust auf fast 5000 Mann angaben, verfolgten ihn nicht, sondern marschir- ten mit ihrem Siege zufrieden auf Crossen und, sehr unzufrieden dort keine Ocsterreichcr und die ihnen nöthigen Lebensmittel zu treffen, nach Frankfurt, in dessen Nähe sie sich auf den Kunncrsdorfer Höhen lagerten, wo Laudon zu 3. Aug. ihnen stieß. Während Fouque den wenig überlegten Versuch des Generals Deville sich der Zugänge zum Gebirge zu bemächtigen und den König völlig von Schweidnitz abzuschneiden sehr geschickt vereitelte, bedrängte Soltikoff den General Daun um Verstärkung. Dieser schickte dazu den General Laudon mit 12 bis 18,000 Mann, während General Haddick, mit 20,000 Mann vom Reichsheere zu gleichem Zwecke abgerufen, bereits bei Löbau stand. Der König schickte den Prinzen von 214 Buch VIII. Siebentes Hauptstück. Würtcmberg mit 6000 Mann nach Halbau, um seine Vcr- bindung mit dem Wcdcllschen Heere und dem Prinzen Hein- rich zu erhalten. Dieser rückte mit 28,000 Mann aus Sachsen nach Bautzen, um Laudons Vereinigung mit den Russe» zu verhindern, wodurch das Rcichsheer freie Hand erhielt, von Naumburg an der Saale nach der Elbe vorzugchen, Als nun der König die Nachricht erhielt, daß Wedcll bei Kay geschlagen worden, beschloß er dessen Heer ansehnlich zu verstärken, den Oberbefehl selbst zu übernehmen, dm Prinzen Heinrich den Oberbefehl in Schlesien zu geben und die Russen vor ihrer Vereinigung mit den Oesterreich«» anzugreifen, wo er sie fände: „Denn wenn wir nicht dul Russen schlagen," schrieb er seinem Bruder, „so ist's mit) dem ganzen Kram aus')." Der Prinz ließ den Genera!! Fink mit 9—10,000 Mann in Bautzen, vereinigte sich in Sa-> gan mit dem Prinzen von Würtcmberg (sodaß der Köniz hier bei seiner Ankunft am 30. Zuli 20,000 Mann fand)! und übernahm den Oberbefehl im Lager von Schwoitsch». Der schnelle Anmarsch des Königs auf Guben hinderte s Haddick zu den Russen zu stoßen. Er verlor vier Kanonen) und einen großen Theil seiner Gepäck- und Provrantwagcn,j während cs Laudon, welchen zu des Königs großem Wer-! - drusse der Prinz Heinrich durchschlüpfen ließ"), gelang mit) 18,000 Mann zu Soltikoff zu kommen, welcher sehr un-! willig darüber war, daß Haddick nicht ebenfalls anlangtc. - Aug. Der König vereinigte sich bei Müllrose mit Wcdelis! Heer und rückte auf Frankfurt, rief Fink, welcher sich ms Bautzen gegen das Reichsheer nach Lorgau gewendet hatte, zu sich und war nun 48,000 Mann stark. Als er die Nach-!) richt von des Herzogs Ferdinand Siege bei Minden bc-! kam, hielt er den Ucbcrbringcr zurück, um nach dem vo») ihm gehofften Siege über die Russen dem Herzoge den gengruß zu bringen. Er glaubte eine Schlacht liefern z» müssen, weil den General Haddick nichts hinderte aus da' Lausitz auf Berlin vorzurücken, und dem Reichsheerc in Sach-! 1) lonts la bouti gnügcn zu machen dachte. ^ Nach dem Abmarsche des Prinzen Heinrich aus Sach- ^ scn (Ende Juli 1759), rückte der Herzog von Zwcibrückc» ^ mit dem Rcichshecre daselbst ein. Leipzig und Witte»- ^ bcrg waren schwach befestigt und ergaben sich gegen freie» ! Abzug der Besatzung. Als nun der König auch den Gell. Aug. neral Fink zu sich nach der Ncumark rief, übergab Wolfersdorf das von ihm heldenmüthig vcrtheidigte, ganz unhalt- ; bare Torgau gegen freien Abzug, welchen er dann durch ^ seine dreiste Entschlossenheit gegen den Herzog von Zweibrücken erzwang, als er ihm trotz der Uebercinkunft streitig ^ gemacht wurde. Nun rückte das Reichshcer, verstärkt durch Oesterreichcr, zu denen dann auch der von dem russische» Heere abgerufene Haddick stieß, auf Dresden, welches Ende August von 26—28,000 Mann eingeschlosscn wurde. Daun, welchem weit mehr daran lag den Preusscn Schlesien zu entreißen als zu den Russen zu stoßen, suchte nach der Schlacht von Kunnersdorf durch kleine Hcercsabtheilunge» den Prinzen Heinrich und den König an der Störung der Belagerung zu hindern. Der Graf Schmettau hatte wenig ^ über 5000 Mann unsichere Truppen zur Verteidigung der großen Stadt. Schmettau räumte die Neustadt, brannte die Ostrauer Vorstadt ab und beschränkte sich auf Verteidigung 25. Aug. der Altstadt, als er das Schreiben des Königs nach der Schlacht von Kunnersdorf erhielt, durch welches ihm dieser de- fahl, im Falle er angegriffen würde ohne sich behaupten zu kön- - nen, Dresden gegen freien Abzug der Besatzung, der Kassen und - Magazine zu räumen. Er hatte außer der Besatzung über ^ 5,500,000 Lhaler, Monturen für 35,000 Mann, Pontons I) Ok-uvros IV VII. p. 71 88. Bergt. ^v>>r>l!>semk!»t p. Xl. Einnahme Dresdens. 227 und das gesammte Proviantfuhrwesen in der Festung. Schmettau sah keine Möglichkeit sich gegen so große Ucbcrmacht mit Erfolg vertheidigcn zu können, fürchtete dann nachtheilige Bedingungen und ging auf die Uebcrgabe Dresdens gegen 4. Sept. freien Abzug der Besatzung, aller Kaffen, Magazine u. s. w. ! ein. Der König hatte unterdessen, wie wir sahen, den Ge- 14. Aug- ncral Wunsch zur Rettung Dresdens abgeschickt und dem Grafen Schmettau befohlen, Dresden auf alle mögliche Weise 25. Aug. zu behaupten; Entsatz komme in wenigen Tagen von Tor- ! gau her. Wunsch hatte Wittenberg und Torgau wieder gc- ! iwmmen und stand am 5. September Mittags vor Dresden. ^ Es war zu spät. Schmettau, welcher den Brief des Kö- j mgs erst am 5tcn während der Räumung der Stadt crhal- ' ten hatte, konnte diese nicht rückgängig machen. Wunsch i kehrte nach Torgau zurück, schlug dort mit seinen 4000 ^ Mann den 10,000 Mann starken General Andre, nahm ! dessen Lager, alles Feldgcräth und 8 Kanonen und behauptete Torgau. Allein Dresden war für immer verloren. Der König, sehr unzufrieden über Schmettau, schrieb diesem: „Es geht Ihnen, wie gewöhnlich meinen Generalen: in dem Augenblicke, wo sic Fassung zeigen sollen, fehlt sie ihnen')." i Der Prinz Heinrich, welcher wegen der Schwierigkeiten ! der Verbindung mit dem Könige erst 14 Tage nach der Schlacht bei Kunncrsdorf Nachricht von dem Unglücke erhielt, drückte kalt und ruhig sein Bedauern aus und daß er nichts habe thun können, seinem Bruder zu helfen, ohne j dessen Lage zu verschlimmern^). Er beschäftigte durch sehr > geschickte Bewegungen den Marschall Daun in Schlesien und cröffnetc sich, als Daun gegen Sorau vorging, durch einen Marsch nach Sagan die Verbindung mit dem Könige, während er Fouque den Oberbefehl im Lager von Schmottscifen . ließ. Weil Daun unterdessen die Oberlausitz fast ganz von Truppen entblößt hatte, wendete sich der Prinz, vom Könige dazu angcstachelt^), um den von ihm nach Sachsen geschickten Fink zu unterstützen und zugleich Daun von der 1) Bei Schöning II. S. 149. 2) Bei Schöning II. S. 143. 3> Briefe vom 17. u. 19. Septbr. bei Schöning II. S. 154 ff. 15* Verbindung mit den Russen und der unmittelbaren Bekämpfung des Königs abzuziehen, gegen Görlitz, was Daun veranlaßte, auf Bautzen zurückzugchcn, um den Prinzen Heinrich von Sachsen abzuhaltcn. Eben wollte er diesen angrci- fen und nach Sachsen zurückdrängen, als der Prinz unerwartet in Gewaltmärschen über Rothenburg nach Hoyerswerda ging, hier den General Wehla überfiel und mit 1800 Mann gefangen nahm, auf Torgau rückte und sich dort mit Wunsch und Fink vereinigte, welche sich unterdessen tapfer mit dem Rcichshcere und Haddik hcrumgcschlagcn hatten. So stand der Prinz 40,000 Mann stark bei Strehlen an der Elbe gegen Dresden hin. Das hatte Daun veranlaßt von Görlitz nach Dresden zu gehen und sich von hier dem Prinzen entgegcnzustcllcn. Obgleich viel stärker als dieser, und ungeachtet er den Befehl dazu von Wien erhielt, wagte er dennoch nicht ihn anzugreifen, sondern verschanzte sich bei Schilda und suchte ihn durch Abscndung einzelner Hecrhau- fen in dessen Rücken zu nöthigen, Sachsen zu verlassen. Allein der Prinz stellte sich bei Torgau auf, Wunsch jagte das Rcichshecr zurück und dann mit Fink bei Pretsch den Herzog von Ahrenberg, dem sie 1400 Gefangene nahmen. Dennoch hoffte der Prinz kaum, sich in Sachsen behaupten zu können, und fand überall Schwierigkeiten. Der König, welcher in Sophienthal an der Gicht darnicdcrlag und dem sehr viel auf die Eroberung Dresdens ankam, war darüber sehr unzufrieden. Er schickte dem Prinzen Pontons und versprach, sobald cs ihm wegen der Russen, welche bereits Anstalten zum Rückzuge machten, möglich wäre, selbst mit Verstärkungen zu kommen. Verdrießlich schrieb er ihm dann! „Ich begreife nicht, was Dich mit dem schönsten Heere, das ich habe, in Verlegenheit setzen kann. Die Gegend zwischen Torgau und Leipzig ist eben und sehr gut, um den Feind anzugreifen. Wenn Du nie etwas wagen willst, so ist es unmöglich etwas auszurichten. Ich habe hier 30,000 Mann, und 50,000 gegen mich. Mit einem Heere von 49 Bataillonen gegen Dauns und Haddicks 56 kann man nicht in Verlegenheit sein. Man muß aber kräftige Entschlüsse fassen, oder es ist unmöglich Erfolg zu haben. Wenn man Kleiner Krieg in Sachsen. 229 die Vorsicht zu weit treibt, wird sie Zaghaftigkeit und kann großes Unglück anrichten. Fasse Dich also um Gottes willen und gib Acht, daß Du unter den jetzigen Umständen den Kopf nicht verlierst^)." Der Prinz nahm das sehr übel und erwiderte: er thue seine Pflicht und habe zu viel Zeugen, um die Ungerechtigkeit zu fürchten, und Muth genug, um die Verleumdung zu verachten^). Der König sah wohl ein, er müsse selbst nach Sachsen gehen, wenn dort etwas Entscheidendes geschehen solle. Als die Russen Ende October gegen Hcrrnstadt zogen, schickte er den General Hülsen mit 15,000 Mann nach Sachsen, worauf Daun, besorgt für seine Verbindung mit Böhmen, nach Dresden zurückging, wohin ihm der Prinz, nun 45 — 50,000 Mann stark, folgte. Der König ging sogleich, als die Russen ihren weiteren Rückmarsch antraten, im Anfänge des November nach Sachsen, vereinigte sich den 14ten unfern Meißen mit dem Heere seines Bruders und griff sogleich den Nachtrab des nach Dresden zurückziehenden Daun mit glücklichem Erfolge an. Er fand darauf die Ocstcrreichcr in einer unangreifbaren Stellung bei Dresden. Der Besitz Sachsens war ihm von der größten Wichtigkeit; deshalb mußte er Dresden wic- dererobern, und um das zu können, Daun zu einer Schlacht oder zum Rückzuge nach Böhmen nöthigen. Der Prinz Heinrich und Fink waren nun der Meinung, Daun suche nur auf eine anständige Art Sachsen zu verlassen; der König aber, welcher gern auf das Acußerstc ging, wollte ihn dazu auf entscheidende Weise zwingen und sein Heer dabei wo möglich aufreiben, dann Dresden wkedererobern. Er befahl daher dem General Fink mit seiner Heercsabthei- lung sogleich nach Maxen in den Rücken Dauns zu mar- schiren, um diesem seine Verbindung mit Böhmen abzuschneiden und ihn so zu nöthigen Dresden aufzugeben. Fink machte Vorstellungen gegen ein so gefährliches Unternehmen. Der König nahm das übel auf und wiederholte seinen Befehl mit den Worten: „Er weiß, ich kann die Difficul- täten nicht leiden. Mach' Er, daß Er fortkommt." Fink 17. Nov. 1) Bei Schöning 11. S. 176, 177. 2) Daselbst S. 179. 230 Buch VIII. Achtes Hauptstück. nahm mit seinen 13,500 Mann die ihm anbcfohlene Stellung ein. Schon erging sich der König, des glücklichen Erfolges sicher, ganz in seiner früheren Art in einer Epistel an den Marquis d'Argens in Spott und Sarkasmen über Daun, den frommen Diener Gottes mit dem vom Papste gewciheten Hute, den Günstling des heiligen Nepomuk, den er, ein verteufelter Ketzer, welchen man in Wien schon als einen geächteten Landstreicher angekündigt, nun aus Sachsen nach Böhmen gejagt, um dort Buße zu thun'). Doch war der Ausgang ganz anders, als er erwartet hatte. Fink war in seiner Stellung im Rücken Dauns von diesem und dem Reichsheere fast völlig eingeengt. Daun konnte 19. Nov. unmöglich so ruhig seine Verbindung mit Böhmen abgc- schnitten sehen. Er verschloß daher mit 25,000 Mann Fink den Rückzug über Dippoldiswalde, schnitt ihn so vom Heere des Königs ab und umgab ihn insgesammt mit 36,000 Mann. Fink erhielt Nachricht von der ihm drohenden Gefahr; weil er aber der Ueberzeugung war, der König bestehe auf der Behauptung von Maxen, auch nicht für feig gehalten werden wollte und durch den König entsetzt zu werden hoffte, schlug er den ihm noch offen stehenden Weg der Rettung nicht ein. Als er dann, den 19. November Abends, vollständige Nachricht von dem Entwürfe Dauns erhielt, 29. Nov. meldete er das sogleich dem Könige und traf, obwol nicht ganz fehlerfreie, Veranstaltungen zur Gegenwehr. Von allen Seiten am folgenden Tage angegriffen, leistete er Widerstand, als ihn seine Reiterei, ohne ihre Schuldigkeit zu thun, im gefährlichsten Augenblicke verließ. Auf einen engen Raum 21. Nov. zusammengcdrängt, überall von Feinden umgeben, wagte er am nächsten Tage nicht mit den ihm noch übrigen entmu- thigtcn 5000 Mann Fußvolks sich gegen einen siebenfach stärkeren Feind durchzuschlagen. 'Er beschloß daher eine Kapitulation zu erwirken, während, um doch etwas zu retten, Wunsch mit der gesammten Reiterei sich durchschleichen sollte, um zum Heere des Königs zu gelangen. Daun bestand jedoch auf Einschluß des Generals Wunsch in die Capitulation, welcher ohnehin keine Hoffnung hatte, durch 1) Oeuvres 1?. XIX. p. 103. die zahlreichen Schluchten zu entkommen. Tobte und Verwundete waren verhältnismäßig von beiden Seiten wenige; allein 10—12,000 Gefangene und 71 Geschütze fielen den Oesterreichern in die Hände. Hülsen, den der König zum Entsätze Finks mit 9000 Mann nach Dippoldiswalde geschickt hatte, kam, durch übele Wege aufgehalten, zu spät, erfuhr den 21sten Finks Schicksal Md. zog sich nach Freiberg zurück. Ein Kriegsgericht sprach Fink zwar vom Mangel an Tapferkeit frei, verurtheilte ihn aber wegen fehlerhafter Anordnungen zur Entsetzung und zu einjähriger Festungshaft. Der -König stellte ihn nie wieder an. Er war über das Schicksal der Finkschen Heeresabtheilung ebenso erstaunt als aufgebracht und niedergeschlagen. Er sah dadurch alle seine Entwürfe für dieses Jahr vernichtet und erkannte, daß er.zu früh frohlockt hatte'). Am 3. December gelang es noch den unternehmender gewordenen Oesterreichern unter dem General Beck, den General Diericke mit großer Uebermacht bei Meißen anzugreifen und nach heftiger Gegenwehr mit 1500 Mann gefangen zu nehmen. Nach solchen Erfolgen dachte Daun nicht daran, auch bei der Härte der Witterung, während deren der König gegen ihn im Felde blieb, bei dessen großer Schwäche Sachsen zu räumen. Am 25. December trafen gegen 10,000 Mann unter dem Erbprinzen von Braunschweig bei Freiberg ein, welche der Herzog Ferdinand dem Könige zu Hülfe geschickt hatte. Dresden war indessen nun nicht wieder zu gewinnen, was den König tief erbitterte, weshalb er auch den General Schmettau, der es übergeben, nie wieder anstellte. Trotz der harten Kälte blieben die Heere im Felde einander gegenüber stehen, bis Daun sich in Dresden verschanzte, in dessen Umgebung der König von seinem Hauptquartiere in Freiberg bis an die Elbe die Winterlager bezog. Gegen die Schweden waren, als Kleist nach der Schlacht von Kunnersdorf zum Könige stieß, nur 6 Bataillone Mr Besetzung von Wollin, Usedom und Stettin, 2 Schwadronen Provinzialhusaren und 2 Freicompagnien zurückgeblie- 1) Brief an d'Argens vom 22. Novbr. Oeuvres 1. XIX. x>. 106. 232 Buch VIII. Achtes Hauptstück. ben. Der schwedische General Lantingshausen versammelte den 14. August seine gesammte Macht, rückte langsam vor und nahm unter fortwährender Gegenwehr der äußerst schwa- chen Preussen bis Ende Septembers die Linie von Wollin bis Löcknitz gegen Prenzlau zur Einschließung Stettins ein. Der König befahl darauf deni in der Schlacht bei Kay verwundeten und wiederhergestellten Manteuffel, aus allen genesenen Soldaten in Berlin und der dortigen Besatzung nebst 2 Reiterregimentern eine kleine Schaar zu bilden, vor welcher sich die Schweden alsbald zurückzogen und sich nach einigen wenig bedeutenden Gefechten auf dem linken, wie die Preussen auf dem rechten Peeneufer in die Winterlager legten. Der Versuch, welchen Manteuffel gegen Ende des Januar machte, mit 4000 Mann die Schweden daselbst zu überfallen, mißlang. Dagegen überrumpelten die Schweden, durch den tapfern Obersten Belling fortwährend beunruhigt, den 28. Januar das höchst nachlässig bewachte Anklam, in welchem Manteuffel ihnen bei der Dunkelheit der Nacht in die Hände fiel Dennoch wurden sie von der Besatzung mit Verlust von 15Ü Gefangenen zurückgetrieben, worauf sie bis in den Sommer des folgenden Jahres in den Winterquartieren blieben. So wenig günstig nun auch der letzte Ausgang dieses Feldzugs war, so würde man es doch nach der Schlacht von Kunners- dorf nicht für möglich gehalten haben, daß der König zuletzt noch nicht nur ganz Schlesien, sondern auch den größten Theil von Sachsen behauptete. War nun das auch nicht durch irgend eine denkbare Anstrengung aller Kräfte zu bewirken, was vielmehr aus einer eigenthümlichen Verkettung der Umstände hervorging, so bleibt dabei immer noch bewunderungswürdig, was von dem Könige, dessen Bruder Heinrich, dem Herzoge Ferdinand und den übrigen Führern und den Heeren insgesammt ausgeführt wurde. Zeigt sich der König wie früher nach den größten Schlägen, welche ihn trafen, immer größer als zuvor, so muß man doch die Ehre des letzten Feldzuges selbst dem Prinzen Heinrich und dem Herzoge Ferdinand zuerkennen. Vergebliche Friedenshoffnungen. 233 Neuntes Hauptstück. Feldzüge des Jahres 1760. Die Feinde Preußens hatten seit dem Beginn des Kriegs keine so wohlbegründetcn Hoffnungen gehabt ihr Ziel zu erreichen, als im Anfänge des Jahres 1760. Sie hatten allerdings nur Dresden erobert, allein die Behauptung dieser Feste durch die Oesterreicher machte den Besitz Sachsens für Friedrich II. sehr unsicher, durchbrach die feste Ver- theidigungsstellung, welche er gehabt, und gewährte ihnen selbst die Freiheit ihre Bewegungen von hier aus gegen Sachsen, die Lausitz und die Mark, wie gegen Schlesien hin zu richten. Dazu hatten die Schläge bei Kay, Kunnersdorf und Maxen das Heer Friedrichs nicht allein an Zahl, die sich nur sehr schwer aus den erschöpften Provinzen ersetzen ließ, sondern auch an Tüchtigkeit, Zuversicht und Unternehmungsgeist geschwächt'), welche nicht ersetzt werden konnten. Friedrich suchte überall, wo sich nur ein Schimmer von Hoffnung zeigte, entweder Beistand zu erhalten oder seinen Feinden Schwierigkeiten zu bereiten, sie zu trennen und zu abgesonderten Friedensschlüssen zu bringen, weil kaum Hoffnung war einen allgemeinen Frieden schließen zu können. Er hatte gehofft, der im August 1759 erfolgte Tod König Ferdinands von Spanien, dem dessen Bruder Karl, bisher König von Neapel, folgte, würde Verwirrungen in Italien und dort einen Krieg herbeiführcn, somit Franzosen und Oesterreichcr beschäftigen, indem der Herzog Don Philipp von Parma und Piacenza Ansprüche auf Neapel hatte, wogegen seine Herzogthümer an Oesterreich fallen sollten, während auch dem König von Sardinien Ansprüche auf Piacenza zustanden. Der König schickte daher den Baron Cocceji unter einem angenommenen Namen nach Turin und machte dem l) Mitchell bei Raumer S. 472: Zm Heere allgemeine Entmutigung, von welcher vielleicht nur der König ftei ist. 234 Buch VIII. Neuntes Hauptstück. Könige von Sardinien den Vorschlag, sich nicht nur Pia- cenzas, sondern auch des Mailändisch-Mantuanischen zu bemächtigen. Durch einen andern Agenten suchte er den jun- j gen König Ferdinand IV. von Neapel und dessen Vater, den ? nunmehrigen König Karl Hl. von Spanien, zu bewegen, den Kirchenstaat und Toskana cinzunehmcn, wogegen er versprach die Franzosen und Ocstcrrcicher in Deutschland und Flandern ^ so zu beschäftigen, daß sie ein solches Vorgehen in Italien nicht - verhindern könnten. Die Könige von Spanien und Sardinien ! wollten jedoch nicht darauf eingehen, weil sic von Oesterreich ; und Frankreich durch Zusicherungen beschwichtigt wurden, welche nach Beendigung des Krieges erfüllt werden sollten'). Die Hoffnung, daß die Osmancn ein Schutz- und TruH- bündniß mit ihm schließen und Oesterreich angreifen würden, verwirklichten sich ebensowenig, als die Unterhandlungen ) mit Dänemark Erfolg hatten, welches Besorgnisse vor den § Unternehmungen Rußlands in der Ostsee und, auf den Fall ^ daß Elisabeth stürbe, vor den Ansprüchen Peters auf Schleswig hegte. Die Versuche, welche Friedrich in Verbindung mit Eng- . land machte, einen allgemeinen Frieden herbeizuführcn, scheiterten an den Zögerungen und Weitläufigkeiten, welche fast unvermeidlich waren. Die Franzosen hatten den Krieg mit - England sehr unglücklich geführt. Die Engländer hatten 1759 Guadeloupe und nach Wolfes Sieg bei Qucbek diese Feste und SeptembcrCanada erobert, in mehreren Seetreffen, vorzüglich beiQue- bek, die französischen Flotten geschlagen und bald mit der ! Einnahme von Pondichery die französische Macht in Ostin- , dien völlig gebrochen. Auch in Deutschland hatten jene die Schlacht bei Minden verloren und waren bis auf das linke Main- und Rheinufer zurückgedrängt. Die Nation sehnte sich nach dem Frieden, wie das Heer. Friedrich hätte es sehr gern gesehen, wenn England mit Frankreich Frieden 1) Ilistoire «je Io Auerrs äs sept Las, eb. XI. p. 37 und die Anmerkung daselbst; — doch scheint der König Cocceji nicht nur im März 1759, sondern auch abermals noch im August dieses Jahres nach Turin geschickt zu haben, s. vutsns Nemoires ä'un vo^ageur, gut ss roposc. karis 1806. 1. I. p. 146. - Vergebliche. Friedenshoffnungen. 235 geschlossen hätte, weil er dann den Herzog Ferdinand von Braunschweig mit 50,000 Mann zu seiner Unterstützung nach Sachsen ziehen konnte. Er meinte, man könne an Oesterreich ein Stück von Baiern geben, während das übrige mit dem bevorstehenden Aussterben der Kurlinie an Kurpfalz fallen würde. Sachsen könne man durch das dem Kurfürsten von Mainz gehörige wohlgelegene Erfurt entschädigen. Darauf wollte Choiseul nicht eingehen, vielmehr nur den Frieden mit England ohne Rücksicht auf Friedrich schließen, während Chatham darauf bestand, daß die völlige Erhaltung Friedrichs die Grundlage der vorläufigen Friedensbedingungen sein solle. Damit zerschlugen sich hier alle Unterhandlungen. König Ludwig und die Pompadour blieben, man kann wie früher sagen, weniger für Oesterreich als gegen Preussen. Auch die Versuche Rußland zum Frieden zu bewegen waren fruchtlos, bei dem zähen Widerwillen der Kaiserin gegen Friedrich. Sie sagte zu dem österreichischen Gesandten: „Ich bin zwar langsam im Beschließen, aber standhaft im Festhalten des Beschlossenen')." Der Großfürst Peter war ohne Einfluß; — Peter Schuwalof, der Kaiserin Günstling leitete Alles. Der König hatte, um diesen zu gewinnen, ohM Erfolg 400,000 Thlr. zur Verfügung des englischen Gesandten Keith in Petersburg gestellt und würde gern noch mehr gegeben haben'). Die Kaiserin trat sogar dem am 30. Decbr. 1758 zwischen Frankreich und Oesterreich geschlossenen Bündnisse — durch das Friedrich als Angreifer gedemüthigt, seinem ungemes- scnen Ehrgeiz die hinreichenden Schranken gesetzt und er selbst gcnöthigt werden sollte den Beeinträchtigten billige Genug- thuung zu leisten — auf die Einladung der beiden Mächte als Haupttheilnehmerin am 7. März 1760 bei'). Maria Theresia blieb fest und die Seele des Bundes gegen Friedrich. Die 1) Bericht bei Raumer S. 469. 2) Der König an Prinz Heinrich bei Schöning Siebenjähriger Krieg II. S. 235. Bergl. Listoiro äs In guerre äs sept ans, ck. Xl. p. 41. 3) Bei Schöll List, des traitä» III. p. 189. s 236 Buch VIII. Neuntes Hauptstück. Reichsfürsten folgten ihr, wie früher. England allein blieb dem Könige treu. Es erneuerte nicht nur den 9. November 1759 den frühern Bund mit Preussen und zahlte die bestimmten 4 Millionen Thaler Subsidien, sondern verstärkte auch die Zahl der von ihm gestellten Truppen und erhöhte zu gleichem Zwecke die an Hessen und Braunschwcig gezahlten Hülfsgeldcr. Von den Gegnern Friedrichs stellten in das Feld: die Franzosen 115,000 Mann, welchen das 70, dann 75M Mann starke alliirte Heer gegcnüberstand; die Oesterreicher 130,000, die Russen angeblich 120,000, das Reich 20,M und die Schweden 10,000, insgesammt gegen 280,000 Mann, denen Friedrich, schwächer als je, mit 90,000 Mann die Spitze bieten mußte. Auch dieses verhältnißmäßig schwache Heer war nur mit der größten Anstrengung zusammengebracht worden. Statt der frühern Dreipfünder führte der König die zweckmäßigen Sechspfünder ein'); Sachsen, Meklenburg - Schwerin, Anhalt und Schwarzburg hatten gezwungen viele Mannschaften und Pferde liefern müssen, andere Abtheilungcn bestanden aus Geworbenen oder <^s Ueberläufern und Kriegsgefangenen, welche Dienste nahmen. Er sah sich genöthigt die Reiterei, welcher noch bei dem Heere des Herzogs Ferdinand hatte, abzurufen, was er bei dem Könige von England damit entschuldigte, daß der Herzog wie 3 gegen 4, er selbst aber wie Einer gegen Zwei stehe"). Die alten Generale, Of- ficiere und Soldaten waren zum großen Theile todt, verwundet oder gefangen, die überall zum Theile von den Freibataillonen mit Gewalt zusammengerafften Rekruten ohne Hebung, was vorzüglich bei dem Geschützwescn sehr nachtheilig war"), dazu unzuverlässig, ohne die alte Begeisterung, fast nur ausgehobene märkische und pommersche Bauernjun- 1) Schöning Artillerie II. S. 176. 2) Bei Raumer S. 174. 3) Bericht des Obersten Möller vom 12. April 1760 Schöning Artillerie II. S. 183, wodurch allerdings was Warnery sagt, bestätigt wird. Rüstungen gegen Friedrich. 237 gen, die noch keinen Feind gesehen hatten. An Muth fehlte es ihnen nicht, und sie thaten es bald den ältesten Soldaten gleich. Das gesammte Heer war freilich im Allgemeinen entmuthigt, nur der König nicht. Allerdings erwartete er, es möchten sich seine Gegner wenden wohin sie wollten, den schrecklichsten Ausgang. „Je mehr ich über die Zukunft nachdenke," schrieb er an den Herzog Ferdinand, „desto weniger Mittel finde ich gegen die Ucbel, die ich voraussehe. Dauert der Krieg fort, so sehe ich meinen Untergang vor Augen. Unsere Feinde sind viel zu zahlreich, viele von uns verlieren den Muth und die innere Tüchtigkeit der Truppen fällt sichtbar. Sie mögen nur unsere Grabschrift machen." Er war, wie er seinem Bruder Heinrich schrieb, entschlossen, mit dem Degen in der Hand zu sterben'). Er hatte indessen, wie er selbst in der Geschichte dieser Zeit schreibt"), zwei Bundesgenossen, Tapferkeit und Ausdauer. Die Oestcrreicher stellten ein Heer unter Daun in Sachsen auf, welches, mit dem Reichshecre etwa 80,000 Mann stark, den König dort festhaltcn sollte, während sich Laudon in Schlesien mit 50,000 Mann einer Festung bemächtigen sollte. Die Russen sollten ebenfalls nach Schlesien gehen und unterstützt von den Oesterreichern Glogau oder Breslau belagern. Die Franzosen drängten, den ihnen unerträglichen Krieg in diesem Jahre zu enden. Der König suchte hauptsächlich die Vereinigung der Russen mit den Oestcrreichern zu hindern. Er gab den Oberbefehl über das den 80,000 Mann stark heranrückendcn Russen entgcgengestcllte Heer von 35,000 Mann seinem Bruder Heinrich, dem er schriftlich und mündlich seine Absichten mittheilte. Er selbst wollte mit 40,00V Mann Sachsen zu behaupten suchen, weil Heinrich gestand, er sehe nicht ein, wie das bei der Uebcrmacht der Feinde möglich sein werdet). Hier erwartete er eine entscheidende Schlacht. Wenn jedoch 1) 2a. Januar 1760 bei Schöning Siebenj. Krieg II. S. 22a. Bergl. die Ansichten des Königs über die bevorstehenden Kriegsoperationen Mbst S. 228 u. 229. 2) 6i,. XI. a2. 3) Bei Schöning II. S. 2a8. 238 Buch VIII. Neuntes Hauptstück. die Hauptmacht der Feinde auf Schlesien gerichtet sein sollte, so wollte der König dort selbst befehligen'). Fouque mit 14,000 Mann sollte Schlesien gegen Laudons 50,000 Man» behaupten; 5000 Mann unter Stutterheim standen gegen die Schweden. Ueberall unzureichende Kräfte gegen die lieber- zahl der Feinde. Schon im März rückte Laudon mit Ueber- macht gegen den General Golz in Oberschlesien vor, welcher sich ebenso geschickt als tapfer nach Neisse zurückzog, wo er bis zur eigentlichen Eröffnung des Feldzugs Winterquartiere bezog. Fouque, der sich von Löwenberg nach Landshut gezogen und dort ausgestellt hatte, sollte einer Belagerung von Glatz wehren, Schweidnitz und Neisse, vorzüglich aber Breslau decken"). Der König glaubte, die Stellung bei Landshnt lasse sich mit 5 Bataillonen halten, während Fouque mit Recht meinte, 8 Bataillone reichten dazu nicht hin^). Laudon drang nun aus Böhmen durch die Grafschaft Glatz vor, stellte sich bei Frankenstein auf und schickte stack Abteilungen gegen Breslau. Er verbarg seine wahren Absichten so gewandt, daß weder der König, noch der Prinz Heinrich, noch Fouque dieselben erkannten*). In der Ungewißheit über Laudons Absichten besorgte Fouque, sie gingen auf Breslau und Vereinigung mit den Russen. Er räumte daher Landshut, wendete sich gegen Breslau zurück und stellte sich bei Kanth auf, was der König anfangs billigte. Laudon ließ sogleich Landshut durch den General Janus besetzen und wendete sich gegen Glatz, das er einschloß. Fouque konnte von dem Prinzen Heinrich keine Unterstützung erhalten, weil dieser eben aus Niedcrschlesicn gegen die Russen aufbrach. Er ging indessen wieder bis Schweidnitz vor, wagte aber nicht Landshut wieder zu nehmen, weil er besorgte durch den General Beck von Schweidnitz abgeschnitten zu 1) Bei Schöning II. S. 236. 2) Befehl des Königs vom 12. Mai bei Schöning Siebenjähriger Krieg II. S. 275. 3) Schreiben des Königs vom 15. Mai. -1) Das zeigt uns das Schreiben des Königs vom 7. Juni bei Schöning II. S. 312, und ein spateres S. 336. Fouque bei Landshut. 239 werden, von wo er den Unterhalt für sein Heer bezog. Er meldete das den 10. Juni dem Könige, und wie er so viel als möglich das platte Land rein zu halten suchen werde. Der König, man glaubt durch den Minister von Schlabrendorf veranlaßt, welcher den bei der Besetzung des Gebirges durch die Oesterreichcr entstandenen Schrecken geschildert, wahrscheinlich noch mehr durch den Prinzen Heinrich, welcher mit dem von Fouque eingeschlagenen Wege nicht einverstanden war, mißbilligte schon am 7. Juni von Meißen aus dessen übereilten Rückzug, äußerte dann den 10. unzufrieden, er begreife nicht, weshalb Fouque sogleich bis Breslau gelaufen sei, und befahl demselben am II., ohne Verzug sogleich von dort aufzu- brechcn, geradeswegs wieder nach Schweidnitz zu marschircn und von da nach Landshut zu gehen, den Feind hinauszu- i jagen und sein Lager dort zu nehmen. Als der ritterliche Fouque, im Fache der Ehre der reizbarste Mann von der Welt, diesen letzten Befehl am 15. Juni bei Schweidnitz erhielt, während der Prinz Heinrich g^gen die Russen zog und kaum eine Aussicht war, daß der König I ihm würde beistehen können, theilte er das seinen Officieren mit und sagte: „Wir müssen Landshut wieder einnchmen; Laudon wird dann mit Ucbermacht über uns herfallen, dann müssen wir als alte Preussen uns so lange als möglich hal- , ten, an keine Ergebung auf offenem Felde denken und uns i bei einer möglichen Niederlage wehren bis auf den letzten it Mann. Im Falle eines Rückzuges werde ich einer der Letz- ^ ten auf dem Schlachtfelds sein; doch wann ich das Unglück ! habe einen solchen Tag zu überleben, gebe ich mein Ehrenwort keinen preussischen Degen mehr zu ziehen." § Er ließ Zieten auf dem Zeiskcnbcrge bei Fürstenstcin stehen, marschirte sofort gegen Landshut und griff den General Janus an, welcher sich bald zurückzog, so daß sich Fou- 1760 que nach Verlust von nur 20 Mann wieder im Besitze der 17. Juni alten Stellung auf der Höhe befand. In einer Ausdehnung von 8000 Schritten, welche 40,000 Mann erforderten, stellte er seine 10,500 Mann mit 68 Geschützen auf. Hier erhielt er des Königs Schreiben aus Meißen vom 14. Juni auf seinen Bericht vom 10., daß er bei Schweidnitz stehen bleiben 240 Buch MI. Neuntes Hauptstück. wolle: „Da Ihr durch Euern zu sehr übereilten Rückzug gegen Breslau mir das Gebirge verloren habt, so müßt Ihr mir auch solches nunmehr absolut wiederschaffen." Er wiederholte das noch zwei Mal und versprach positiv mit Anfang künftigen Monats in Schlesien zu sein. „Die Posten zu Fürstenstein und Landshut müßt Ihr positiv wieder haben," wiederholte er nochmals und fügte eigenhändig hinzu: „Meine Generale thun mir mehr Schaden als der Feind, weil sie immer verkehrte Bew.egungcn machen." Fouque erwiderte den 19., da der König wiederholt befohlen habe die Stellung bei Landshut zu halten, so werde er dieselbe bis auf das Acußcrste behaupten. Kaum hatte Laudon erfahren, daß Fouque Landshut wieder eingenommen, als er gegen ihn aufbrach und ihn mit 38,000 Mann vorn und auf beiden Seiten umgab. Fouque schrieb dem Könige am 21.: „Ich He hier fest und wie angcnagclt und kann mich nicht wegrühren. Die Verbindung mit Zieten auf dem Zciskenbcrge ist mir abarschnittcn. Zn dieser Lage werde ich mich auf das Aeu- ßcrste zu halten suchen und eine Diversion von Ew. Majestät erwarten." Zu spät befahl ihm der König am 22., sogleich auf Breslau zurückzugehcn; der Befehl erreichte ihn nicht mehr. Am 23. Zuni früh um 2 Uhr griff ihn Laudon vorn und auf beiden Seiten mit fast vierfacher llebcr- macht an und umgab ihn bald völlig. Seine hier nicht verwendbaren 1500 Reiter schlugen sich, als er weiter keim Rettung sah, auf Fouque's Befehl sehr brav mit Verlust von 500 Mann durch. Er selbst vertheidigte sich mit dem Fuß- volke und den Geschützen Schritt vor Schritt und wurde bis Abends 7^ Uhr von Höhe zu Höhe bis auf den Galgcn- berg getrieben, von wo er vier Stürme abschlug. Endlich wollte er mit der ihm nach einem so langen heißen Kampf: übriggcbliebencn Mannschaft, der bereits der Schießbedarf mangelte, sich über den Bober zurückziehen, erreichte noch eine Höhe und bildete, rings von Feinden umgeben, eiu Viereck. Die österreichische Reiterei hieb in den kleinen Haufen ein und sprengte Alles. Fouque erhielt zwei Hiebe iu Kopf und Schulter und wurde gefangen. Um 9Vr ^ endete das lange Treffen. Von 10,500 Mann waren nur Prinz Heinrich in Nicderschlesien. 241 I 3—4000 strcitfähige übrig, welche gefangen wurden, die ! übrigen, außer den 1000 Reitern, die sich durchgeschlagen, ! waren todt oder verwundet. Sämmtliche 68 Geschütze fielen s den Feinden in die Hände'). ' Laudon ließ nun Glatz durch den General Harsch be- ^ lagern, während er sich bei Liegnitz aufstellte, um dem Könige wie dem Prinzen Heinrich das Einrücken in Schlesien zu verwehren. Glatz, welches allerdings nur von 5 Bataillonen, größtentheils Ucberläufern und unsicher« Leuten, besetzt war, übergab der Commandant schon den 26. Juli fast ohne Vcrtheidigung, weshalb er später krkegsrechtlich zum Erschießen verurtheilt wurdet). Laudon ließ nun Breslau cinschließcn und seit dem 1. August bombardiren; doch der entschlossene Tauenzicn verthcidigtc die Feste gegen alle Vor- s stcllungen, Drohungen und Angriffe Laudons, i Der Prinz Heinrich war, nachdem sich deutlich gezeigt i hatte, Laudon habe nicht die Absicht durch die Lausitz gegen die Oder vorzurücken, den 11. Juni von Sagan aufgebrochen und über Frankfurt nach Landsberg an der Warthe mar- . schilt, um sich den Russen entgegcnzustcllen, welche in zwei I Hauptabtheilungcn vorrückten. Der König ricth ihm diese cinzeln anzugreifen und zu schlagen, was der bedächtige Prinz nicht ausführen konnte; doch tadelte ihn der König, daß er nicht zuerst die Abthcilung Tottlebens geschlagen, dann das Hauptheer angegriffen habe und überhaupt kräftiger ausgetreten sei'). Nach dem Verluste von Aandshut schrieb 1) So dürfte der Hergang gewesen sein nach den Schreiben des Königs und FouqueS bei Schöning Siebenj. Krieg, S. 318 fg., 325, M, 332, 335 ff. Was Schöning gegen Fouque vorbringt, ist ziemlich ungereimt, wie überhaupt seine militärischen Urtheile. Friedr. Fouque im Leben des Generals Fouque, S. 371, führt die obige Aeusierung seines l Großvaters an. Wahrscheinlich waren es die letzten Worte, welche nicht, wie er angibt, nach des Königs Befehl vom Ilten, sondern nach des Letztttn Schreiben vom Ilten dem Munde des dadurch auf das höchste verletzten preussischen Bayard entfielen. Andere Worte hat Retzow II- S. 198. Fouque hielt indessen Wort. 2) Das Urtel bei Schöning Artillerie II. S. 185. 3) Schreiben des Königs vom 2. Juli bei Schöning Sicbenjähr- Krieg II. S. 317. Stenzel, Gesch.d. Preussisch. Staats. V. 16 242 Buch VIII. Neuntes Hauptstück. der Prinz dem Könige: „Die Angelegenheiten waren vor diesem Schlage verzweiflungsvoll; jetzt sehe ich nur zu sehr, was wir zu erwarten haben')." Als die Russen von Post» gegen Schlesien verrückten, Laudon aber bei Liegnitz stand und Breslau bedrohte, fürchtete der Prinz die Vereinigung desselben mit den Russen, in welchem Falle er gar nicht mehr wisse, was er thun solle. Er marschirte daher noch i» der Mitte Juli von Landsberg an der Warthe den Russen zur Seite geradezu nach der Oder in der Richtung gegen Glogau. Er war so mißmüthig über des Königs Unzufriedenheit, daß er demselben schrieb: „Ich soll die Russin von Frankfurt abhalten, Glogau decken und die Belagerung Breslaus verhindern, das ist eine übermäßige Aufgabe, die ich von Herzen gern einem Geschickten: überlassen würde')." Der König ermuthigtc ihn, nicht Alles von der schlimmsten Seite zu betrachten und dadurch unentschieden und unsicher zu werden. „Entschließe Dich, bleibe fest dabei und führe cs kräftig aus. Ich beschwöre Dich einen festen Entschlich zu fassen," wiederholt er, „besser ein schlechter, als gar keiner." Er hoffte, zwischen dem 10. und 12. August werde cs zwischen ihm und Daun zur Entscheidung für den ganzen Feldzug kommen. „Ich werde Alles thun, was Menschen möglich ist; — weder Sorgfalt, noch Ucbcrlegung, noch Anstrengung scheuen, um den Erfolg meines Planes zu sichern. Das Uebrigc hängt von den Umständen ab. Bei der großen Anzahl von Feinden kann man nicht immer thun, was man will, sondern muß sich das von ihnen verschreiben 1. Aug. lassen ^)." Der Prinz ging darauf bei Glogau über die 4 . Aug. Oder und rückte auf Breslau. Laudon hob die Belagerung auf und zog sich gegen Jauer hin zurück, um zu Daun zn stoßen. Der Prinz Heinrich lagerte bei Kanth. Unterdessen waren die Russen über Militsch gegen Breslau vorgerückt und den 6. August bis eine Meile davon nach Hundsfeld gekommen, in der Meinung dort Lau- 1) 26. Juni, bei Schöning Siebenjähr. Krieg II. S. 339. 2) 26. Juli, bei Schöning II. S. 369. 3) 29. Juli, bei Schöning N. S. 370, 371, 372. Unternehmungen zur Rettung Schlesiens. 243 don zu finden. Soltikof war daher sehr unwillig, als er nicht diesen, sondern den Prinzen Heinrich in der Nähe traf. Mit großer Mühe wurde er davon abgehaltcn, sogleich nach Polen zurückzukehren, und bewogen, noch einige Tage in der Nähe Breslaus zu verweilen. Der König wollte noch vor dem Unfälle Fouqucs die Elbe verlassen. „Ich muß," schrieb er schon am 9. Juni seinem Bruder Heinrich, um ihn zu crmuthigcn, „etwas Entscheidendes unternehmen und das Uebrige dem Zufalle überlassen. Gegen verzweifelte Uebel helfen nur verzweifelte Mittel. Ich bin nicht auf Rosen gebettet')." Auf die Nachricht von dem Rückzuge Fouque's gegen Breslau ging er, nach sehr geschickten Bewegungen um das zu verbergen, unterhalb Meißens auf das rechte Elbufcr über, um 15- 2uni Lascy, welcher dort abgesondert stand, anzufallen und Daun, wenn er ihn unterstützen wolle, zu schlagen. Dann hoffte er, den 25sten in Schlesien zu sein und Fouque zu verstärken. Allein Lascy wich dem Stoße aus. Der Anschlag mißlang. Es mangelten dem König über die Stellung der Ocsterreicher zuverlässige Nachrichten, welche dem feindlichen Generale dagegen über das preußische Heer nicht fehlten. Er schte zur Ermunterung seiner Truppen 10V Ducaten auf jede eroberte Kanone, 50 auf jede Fahne und 40 auf jede Standarte, welche auch seitdem immer ausgczahlt worden sind. Am ersten Tage nachdem er von dem Unglücke bei Landshut erfahren, war er sehr erschüttert; am zweiten war er wieder gefaßt. „Wenn die Türken sich in Bewegung setzen," schrieb er seinem Bruder, „sind wir gerettet, wo nicht, verloren." Er spornte diesen an, die Feinde anzugreifen und zu schlagen. „Ich glaube, daß Du in Verlegenheit bist; ich bin es nicht weniger')." Er hatte das Reichsheer, mit Daun über 80,000 Mann stark, gegen sich. Entschlossen Schlesien zu retten, ließ er Hülsen mit 11—12,000 Mann in Sachsen zurück und marschirte im Anfänge des Juli gegen Bautzen hin. Daun war ihm indessen auf dem kürzer» Wege von Dresden vorausgeeilt; der König griff persönlich dessen Nach- 1) Bei Schöning Siebenjähr. Krieg II. S. 317. 2) Bei Schöning Siebenjähr. Krieg II. S. 342. 16 * 244 Buch VIII. Neuntes Hauptstück. trab unter Lascy bei Gödau an. Es kam zu einem heftige» Gefechte, bei welchem der König sehr nahe daran war in die Hände der Ocsterreicher zu fallen. Während Daun unaufhaltsam nach Schlesien eilte und Lascy nur drei Märsche bei Bischofswerda hinter sich zurück- licß, wendete sich plötzlich der König mit seiner ganzen Macht gegen diesen. Lascy eilte nach Dresden zurück, verstärkte dessen Besatzung bis auf 14,000 Mann und stieß dann zu», Reichshcere, welches sich ebenfalls von Dresden entfernte. Der König wollte nun, wie er an Hülsen schrieb, zuvörderst in Sachsen mit den Feinden reinen Tisch machen, Lascy hinausschmeißcn und Dresden nehmen'), was, wie er hoffte, in wenigen Tagen gelingen würde. „Es ist mir," schrieb er seinem Bruder Heinrich, „bei der großen Zahl meiner Feinde unmöglich, einen festen Plan zu verfolgen. Ich muß den Krieg im Umfange meines Gesichtskreises führen und Entwürfe nach den Umständen und den Bewegungen meiner Feinde machen. Sobald ich mich nur der Reichsarmee entledigt habe, will ich Dir beistchn^)." Er schloß Dresden sogleich ein, beschoß es seit dem. 14ten und bombardirte cs seit dem 19. Zuli. Obgleich der König befohlen hatte die Stadt zu schonen und das Geschütz nur gegen die Festungswerke zu richten °), so entstand doch bald Feuer in der Stadt, welches dann schrecklich wüthete; die schöne Frauenkirche mit noch vier andern Kirchen brannten mit ganzen Straßen ab, insgesammt 416 Häuser, während die Oester- reicher die Keller und Gewölbe der brennenden Häuser plünderten'). Allein der General Maquire übergab die Stadt nicht. Daun hatte sich endlich auch langsam nach Dresden zurückgewendet, worauf die Preusscn die Einschließung der Neustadt aufgaben, sich sämmtlich auf das linke Elbufcr zurückzogen und höchst verwegen fortfuhrcn die Altstadt zu 1) Schöning Artillerie II. S. 188. 2) Bei Schöning Siebcnjähr. Krieg II. S. -857. 3) Des Königs Schreiben an Heinrich vom 23. Zuli bei Schöning Siebcnjähr. Krieg II. S. 361. Der eidlich beschworne Verlust des Eigcnthums betrug 1,17K,M Thalcr. Belagerung von Dresden. 245 beschießen. Erst auf Andringen des Franzosen Montazet machte Daun einen schwachen Versuch auf das linke Elb- uscr übcrzugehn, welcher völlig mißlang. „Allein," schrieb der König seinem Bruder Heinrich am 23. Zull'), „zuerst kam das Geschütz zu spät von Torgau an, das aus Magdeburg aber gar nicht; dann war unter den Officieren, Ingenieuren und Artilleristen gleichsam ein Wettstreit, wer die meisten Fehler machen könne." Als nun eine österreichische Heercs- abthcilung im Rücken des Königs erschien, hob dieser die Belagerung auf und zog sich gegen Meißen zurück. Die Heere standen wieder ziemlich wie im Anfänge des Feldzugs; nur wuchs des Königs üble Lage noch durch den Verlust von Matz, das Vordringen Laudons gegen Breslau und die Annäherung der Russen. Das machte seine Anwesenheit in Schlesien unumgänglich nothwendig, um so mehr, als er mit der Unentschlossenheit oder Bedächtigkeit seines Bruders Heinrich sehr unzufrieden war und von diesem die Rettung des Landes in keinem Falle erwarten konnte. Er drängte ihn unablässig zu entschiedenem Auftreten, „denn Zaudern richtet uns zu Grunde," schrieb er ihm^). Daun, der sehr vorsichtig jeder Entscheidung auswich, brachte den König, der sie sehnlich wünschte, fast zur Verzweiflung. Er ließ daher Hülsen mit 11—12,000 Mann in Sachsen gegen das 32,000 Mann starke Rcichshecr, ging den 1. August, 30,000 Mann stark, unterhalb Meißens über die Elbe, legte vom 3. August in 5 Tagen 20 Meilen bis Bunzlau zurück und kam sodann nach Kroitsch bei Goldberg, während ihn auf der rechten Seite Daun und Lasch begleiteten und sich dann bei Zauer mit Laudon vereinigten. Die Russen waren, beobachtet und im Schach gehalten vom Prinzen Heinrich, auf der rechten Oderseite abwärts in das Trebnitzische hingezogcn. Soltikof wollte durchaus nicht über die Oder gehn und wurde nur durch das bestimmte Versprechen Dauns, eine Schlacht zu wagen, und durch 1) Schöning Artillerie II. 415. Bcrgl. Schöning Siebenjähr. Krieg II. S. 360 und Ristoirs äs lu guerrs äs sext uns sli. XII. Oeuvres I'. V. p. 53. 2) 25. Juli, Schöning Siebenjähr- Krieg II. S. 365. 246 Buch VIII. Neuntes Hauptstück. Laudons persönliche eindringliche Vorstellungen bewogen, Czernitschcw mit 20,000 Mann bei Auras über die Öder bis Groß-Bresa bei Neumarkt Vorgehen zu lassen. Der König stand mit 30,000 Mann den dreifach stärkern Ocstcr- rcichern gegenüber. Vergebens suchte er unermüdlich den feindlichen rechten Flügel unter Laudon, dann den linke» unter Lasch zu umgehn, um nach Breslau zu kommen, was durch die Aufstellung Czernitschcws bei Neumarkt nur noch unausführbarer wurde. Nur ein Ausweg, nach Glogau, blieb ihm noch übrig; dazu hatte er nur noch auf vier Lage Lebensmittel, als er erfuhr, daß er den 15ten von Daun und Lasch vorn und im Rücken angegriffen werden sollte. Er beschloß gegen Glogau abzuzichn, marschirte in der Nacht um 1 Uhr ab und stieß plötzlich auf Laudon, welcher ihm mit 30,000 Mann den letzten Ausweg verlegen sollte und durch den König nicht weniger überrascht wurde, als dieser von ihm. Beide Feldherren faßten sich sogleich. Laudon 4760 ließ seine Truppen unter dem Feuer der schweren preussischcn 15-Aug. Geschintze sofort aufmarschircn, der König durch seinen rechten Flügel unter Zieten seinen Rücken gegen Daun an der Katzbach und dem schwarzen Wasser decken, ging dann um 4 Uhr mit den ersten geordneten Truppen seines linken, 14,000 Mann starken Flügels Laudon auf den Leib und schlug ihn nach einem zweistündigen hartnäckigen Kampfe zurück. Zieten hielt Daun, welcher Laudon unterstützen wollte, unschwer an der Katzbach fest, Lasch konnte nicht über das schwarze Wasser kommen. Die frühe Entscheidung hielt von allen fernen: Versuchen ab. Laudon zog sich mit Verlust von 6000 Todtcn und Verwundeten, 4000 Gefangenen und 82 Kanonen zurück. Die Preussen hatten 3508 Mann Todte und Verwundete verloren, doch mit 14,008 Mann 30,000 Oestcrreichcr geschlagen. Eine wahre Nachricht von dem Siege über Laudon und zugleich eine falsche, daß sich der König, mit dem Prinzen Heinrich vereinigt, gegen die Russen wenden wolle, wurde dem General Czcr- nitschcw in die Hände gespielt'), welcher darauf mit seinen I) IItstoti'6 größte Uebcl besteht in der außerordentlichen Furcht, welche man vor dem Könige von Preußen hat. Er ist ein Ungc- wittcr, welches man vorübcrgchcn lassen muß°)." Endlich 1) Oeuvres 1'. XIX. p. 191, 192. 2) Born 13. und 18. Aug. und 22. Scptbr. 1760, bei Stuhr Stimmung der Verbündeten u. ihre Operationen. 251 waren die Feinde Friedrichs übereingekommen, die Russen sollten in die Mark eindringen und Daun Schweidnitz erobern. Dieses wurde daher eingcschlossen und die Belagerung durch das Heer Dauns ringsum in wohleingerichtetcn, festen und verschanzten Stellungen gedeckt. Ganz unerwartet marschirte der König, indem er den Zobtenberg umging, über Költschen nach Hermansdorf, stand den 31. August eine Meile von Schweidnitz im Rücken der Ocsterreicher und be- drohete deren Verbindung mit Böhmen. Sogleich gaben sie die Berennung von Schweidnitz auf und nahmen eine Stellung bei Freiburg und Hohenfriedberg, indem sie sich, gegen 100,000 Mann stark, glücklich schätzten ihre Verbindung mit Böhmen gegen das 50,000 Mann starke Heer des Königs bewahrt zu haben. Dieser zog den Oestcrreichcrn dreist nach und drängte sie nach und nach von Freiburg bis gegen Landshut zurück. Mehrere Versuche indessen, die er machte, durch schnelle Märsche und Gegenmärsche die Oestcr- rcichcr aus dem Gebirge und völlig aus Schlesien zu vertreiben, waren ohne Erfolg. Während dieser Zeit hatte eine russische und schwedische Flotte von 24 Linienschiffen Kolberg angegriffen, wo nur zwei Bataillone Landmiliz und 800 Mann eines Garnisonregiments unter dem tapfern Obersten Heyden lagen. Das Bombardement der Flotte vom 28. August an wurde den 2. September durch Sturm auf dem Meere unterbrochen, begann aber dxn 5. Sept. von neuem, während 6 bis 8000 Mann Fußvolk die Festung auf der Landseite einschlossen. Allein Heyden wehrte sich, unterstützt von der braven Bürgerschaft, sehr tapfer. General Werner, von dem General Golz aus Glogau abgeschickt, legte in 13 Tagen 48 Meilen zurück, überwand oder sprengte alle Hindernisse, welche ihm in den Weg traten, und entsetzte mit 4000 Mann 18. Sept. Kolberg auf der Landseite, indem die Bclagerungstruppen zurückwichen und zum Theile auf die Flotte flüchteten, wobei sie 22 Geschütze, viel Pulver, Kugeln und Belagerungs- geräth zurückließen. Die Flotte feuerte noch bis zum 23. Sept. und ging dann unter Segel. Kolberg war gerettet; die Provinz ließ zur Erhaltung des Andenkens an diese schöne 252 Buch Vlll. Neuntes Hauptstück. Waffenthat eine Medaille prägen, ebenso der König eine mit dem Bildnisse Heydens und Werners, um das Andenken an den wohlverdienten Ruhm dieser Männer bis auf die späteste Nachwelt zu bringen'). Unterdessen hatten die Russen, welche an des kranken Soltikof Stelle Fermor befehligte, unthätig bei Herrnstadt gestanden. Vergeblich suchte sie Daun nach Schlesien zu ziehen. Endlich, nach sicbcnwöchentlichcn Verhandlungen, wurde beschlossen, Romanzof solle mit einer Division auf dem rechten Odcrufer nach Krossen, — Tottleben, Czcrnitschcw und Fermor mit 2 Divisionen, unterstützt von 18—20,M Mann unter Lasch, auf dem linken Oderufer Legen Berlin Vordringen. Tottleben eilte mit 8 Reiterregimentern, 2000 Grenadieren und 20 Kanonen voraus. Der Commandant von Rochow, welcher das nur mit 3 Bataillonen besetzte, weitläufige Berlin nicht vertheidigen zu können glaubte, wollte es räumen; aber der alte Fcldmarschall Lehwald, Scidlitz und mehrere andere Officiere, die sich zur Heilung ihrer bei Kunncrsdorf erhaltenen Wunden hier befanden, bestimmten ihn zur Verthcidigung der Stadt, trafen .dazu eiligst Veranstaltungen und riefen von allen Seiten Verstärkungen herbei. Am 3. October stand Tottleben vor Berlin, beschoß es und griff.die aufgeworfenen Schanzen an, wurde jedoch abgeschlagen und zog sich, als ^er vom Herannahen der Hülscnschcn Hccresabthcilung hörte, nach Köpnick zurück. Der Prinz von Würtemberg wollte eben mit dem General Werner, der von Kolberg zu ihm gestoßen war, die Schweden über die Peene zurückwerfen, als er von der Gefahr der Hauptstadt hörte, worauf er den unternehmenden Obersten Bclling mit 3000 Mann gegen die Schweden zurücklicß und mit 6000 Mann nach Berlin eilte. Am 7. October griffen nun Czernitschew und Tottleben vereint Berlin auf beiden Seiten der Spree an, fanden aber muthigen Widerstand, und nun kam Hülsen an. Dieser hatte sich seit dem Wcg- I) Schreiben des Königs an Heyden vom 22. März 1761 bei Schöning Siebenjähriger Krieg 111. S- 25. Einnahme von Berlin. 253 gange des Königs aus Sachsen, 11—12,000 Mann stark, gegen die Ocstcrrcicher und das Rcichshcer, das dann durch den Herzog von Würtcmbcrg bis auf 40,000 Mann verstärkt worden war, sehr tapfer und geschickt herumgcschlagen, diesem viel Schaden zugcfügt und sich dann im Lager bei Torgau gegen viele Angriffe vertheidigt, sich endlich aber, in der Bcsorgniß hier völlig cingcschlossen zu werden, etwas eilig gegen Wittenberg hin zurückziehcn müssen, als er 6 . Oct. Nachricht von der Gefahr Berlins erhielt und dorthin eilte. Nun waren hier zur Vcrthcidigung der Hauptstadt 14,000 Mann versammelt; allein auch die Russen verstärkten sich, Lascy rückte heran. Gegen die vereinte feindliche Macht von 42,000 Mann konnte Berlin nicht behauptet werden. Nach Zurücklassung einer 4500 Mann starken Besatzung zogen die übrigen Preussen gegen Spandau und Brandenburg hin, 8. Oct. am 9tcn ergab sich die Stadt mit der Besatzung an Tottleben, welcher den Einwohnern Sicherheit der Person und des Eigcnthums und Freiheit von Einlegung zusicherte. Die Stadt zahlte 1,500,000 Thlr. Contribution und 200,000 Thlr. als Geschenk an das Heer, was der König der Stadt im Jahre 1761 ersetzte. Die königlichen Kassen mit 60,000 Thlr., sowie 183 Kanonen, 18,000 Jnfanteriegcwehre und viel andere Kricgsbcdürfnissc und Vorräthe aus dem königlichen Zeughause wurden von den Russen mitgenommen, Vieles vernichtet und in die Spree geworfen, das Gießhaus zerstört; der patriotische Kaufmann Gotzkowski rettete durch eindringliche Vorstellungen das Lagerhaus und die Gold- und Silbcrmanufacturen. Lascy erhielt fast nichts als 12 Kanonen und 50,000 Thlr., worüber er sehr unzufrieden war. Zn Potsdam erhob er 70,000 Thlr. Kriegsstcucr und zerstörte die Gcwchrfabrik. Die Magazine hatten die Russen bereits ausgcräumt. Die königlichen Schlösser in Berlin und Potsdam blieben unangetastet, und cs wurde hier von Ocstcrrcichcrn und Russen gute Mannszucht gehalten. Lascy wollte die gegen Brandenburg zurückgcgangcncn Preussen verfolgen, Tottleben und Czcrnitschcw ohne ausdrücklichen Befehl Fermors nicht weiter verrücken. Der König hatte die Absicht zur Rettung der Hauptstadt den Russen in den 254 Buch VIII. Neuntes Hauptstück. Rücken zu fallen und die Lascysche Hcercsabtheilung abzuschneiden. Daun wollte seinerseits dann dem Könige nach- rücken. Dieser schrieb an seinen Bruder Heinrich: „Jetzt 7. Oct. muß ich siegen oder sterben')," brach aus seinem Lager von Bunzelwitz bei Schweidnitz auf und kam in Gewaltmärschen, indem er mit seinem 55,000 Mann starken Heere in 6 Tagen 26 Meilen zurücklcgte, gegen Berlin hin bis einen Tals. Oct. gcmarsch über Guben, als er die Nachricht von der Besetzung und zugleich von der Räumung Berlins erhielt. Sobald es nämlich hieß: der König kommt! waren den 12. Oct., nach Verheerung des platten Landes und der königlichen Schlösser in Charlottenburg, Schönhauscn und Fricdrichs- fcldc, die Russen nach Frankfurt an der Oder und die Lc- stcrreicher unter Lascy durch die Niedcrlausitz gegen die Elbe hin zurückgegangcn. Die Russen legten sich in die Winterquartiere an der Warthe, während ihre leichten Truppen die Uckermark und das Havelland durchstreiften, was ihnen dann General Werner wehrte. Als Buturlin den Oberbefehl übernahm, mußte er bis hinter die Weichsel zurückgchen, weil ein Thcil von Pommern und vorzüglich die Ncumark mit den Gegenden an der Warthe zur völligen Wüste geworden war, in der man weder Menschen noch Vieh antraf. Die Bauern hatten sich in die Sümpfe und Wälder geflüchtet, aus denen sie, so lange die Russen im Lande waren, wie Räubcrhaufen hcrvorbrachen, um ihr Leben zu erhalten'). 15. Dec. Er befahl auch dem General Tottleben, welcher Hinterpom- mcrn ausplündcrte und verheerte, auf dringendes Bitten der Einwohner des Kreises Stolpe, diesen sogleich zu räumen. Die Schweden thaten nichts und zogen sich bald über die Peene zurück. Das Rcichshccr hatte Torgau eingenommen, und auch 14. Oct. Wittenberg mußte sich ergeben. Sachsen war nun völlig in den Händen der Feinde Preusscns. 15. Oct. Der König hatte, einen Tagemarsch über Guben hinaus, kaum erfahren, daß die Feinde Berlin geräumt hätten, als er sich sogleich gegen Lascy nach Lübben hin wendete. 1) Bei Schöning Siebcnjähr. Krieg II. S- 423. 2) Montalembcrt, bei Stuhr II. S. 362. Friedrichs Aussichten nach d. Entsatz von Berlin. 255 Dieser war indessen bereits nach Torgau entkommen. Daun war, nachdem er Laudon mit 40,000 Mann in Obcrschlcsien zurückgelassen, dem Könige bis Kamen; gefolgt; dieser aber, welcher mit Recht vermuthete, Daun werde, um Sachsen zu behaupten, sich ebenfalls dahin wenden, wohin bereits Lasch gegangen war und wo das Reichshccr stand, beschloß Alles aufzubieten, um Sachsen wieder zu gewinnen, und ließ schon Vorbereitungen treffen, um Dresden belagern zu können. Er ließ den General Golz mit 12,000 Mann in Schlesien, um cs gegen die Russen zu decken und vorzüglich gegen Laudon zu vcrthcidigen, und marschirtc selbst von Lübbcn gegen die Elbe nach Wittenberg hin. Das Reichshccr ging auf das linke Elbufcr zurück, räumte Wittenberg und verbrannte die Brücke. Der König schrieb aus Jessen an d'Ar- gcns: „Da ist einer von den Schlägen, welche ich. seit vergangenem Winter befürchtete, wie ich Ihnen in meiner traurigen Lage schrieb. Ich habe aller meiner Philosophie bedurft, um alle Unfälle, Plackereien und Beleidigungen und die gesammten abscheulichen Vorgänge zu ertragen. Ich bin in voller Bewegung und ich prophezeie Ihnen, was ungefähr das Ende unseres Feldzuges sein wird. Wir werden Leipzig, Wittenberg, Torgau und Meißen wieder nehmen, aber der Feind wird Dresden und das schlesische Gebirge behaupten. Diese Vorthcile werden ihm im nächsten Jahre gestatten mir mit Leichtigkeit den Gnadenstoß zu geben. Ich sage Ihnen nicht, was ich denke, noch worauf ich sinne; aber Sic können sich ohne Zweifel vorstellen, was im Grunde meiner Seele vor- gcht. So ist das Ende meiner Lebenstage vergiftet, mein lieber Marquis,-so spielt das Schicksal mit den schwachen Sterblichen; aber müde seiner Gunst und seiner Launen denke ich mir eine Lage zu verschaffen, in welcher ich weder von Menschen noch von Göttern etwas zu fürchten habe. Leben Sie wohl und lesen Sic wieder den zweiten Gesang Virgils, in welchem Sie das Bild sehen werden von dem, was ungefähr mein Vaterland gelitten hat')." Er hing diesen trüben Ansichten, welche d'Argcns bekämpfte, noch länger nach. „Sie lieben das Leben," schrieb er diesem, „wie ein Sh- 1) 22. Octbr. Oeuvres 1. XIX. p. 199 u. 200. 256 Buch VM. Neuntes Hauptstück. barit; ich betrachte den Tod wie ein Stoiker. Nie werde ich mich zu einem nachthciligcn Frieden zwingen lassen; keine Ueberrcdung, keine Bercdtsamkeit wird mich dahin bringen meine Schande zu unterzeichnen. Entweder lasse ich mich unter den Trümmern meines Vaterlandes begraben, oder, wenn das Schicksal, welches mich verfolgt, diesen Trost für zu süß hält, werde ich meinem Unglücke ein Ende machen, sobald es nicht mehr möglich sein wird cs zu ertragen. Nachdem ich meine Jugend meinem Vater, mein reiferes Alter meinem Vatcrlande geopfert, glaube ich mit Recht über mein Alter verfügen zu können. Ich werde diesen Feldzug enden, entschlossen, Alles zu wagen und die verzweif- ^ lungsvollsten Dinge zu unternehmen, um zu siegen oder ein i' ruhmvolles Ende zu finden. Anderer Beispiel ist für mich b l! Schlacht bei Torgau. 259 fand, obwol ein großer Theil der Ocsterrcicher von den Höhen wcggezogcn worden war, dennoch tapfer« und geordneten Widerstand, als ihm um 5^ Uhr bei schon ein- getrctcncr Dunkelheit, welche nur das Feuer des brennenden Dorfes Süptitz erhellte, Hülsen mit 4 frischen Bataillonen vom linken prcussischcn Flügel cntgegenkam und die Oester- reicher von der Seite angriff. Die von Hülsen außerdem wieder gesammelten Truppen des geschlagenen linken Flügels folgten ihm und die Prcussen bemächtigten sich so der Süptitzcr Höhen. Als Daun das erfuhr, sah er, die Schlacht sei verloren und ordnete den Rückzug auf das rechte Elbufcr an. Die Verwirrung in der dunkeln Nacht nach dem großen, so wcchsclvollcn Kampfe des Tages war gränzcnlos, und großenthcils wußten weder Prcussen noch Ocsterrcicher, wer von beiden der Sieger sei. Beide brachten die Nacht untereinander vermengt zu, selbst viele Oester- reicher im Rücken des prcussischcn Heeres, das sie für das ihrige gehalten"), ja der König war in der dunkeln Nacht, als er nach dem Dorfe Neiden zuritt, sehr nahe daran, einer österreichischen Reitcrabtheilung in die Hände zu fallen und gefangen genommen zu werden^). Vielfach lagen beide Theile, die blauen Prcussen und die weißen Ocsterrcicher, erschöpft von den Entbehrungen und Anstrengungen des blutigen Tages friedlich bei einem Wachtfeuer nebeneinander, mit gegenseitiger Ucbcrcinkunft, sich am kommenden Tage dem zu ergeben, welcher am vorhcrgcgangencn den Sieg gewonnen haben würde. Als am folgenden Morgen der Rückzug der Oester- reicher bekannt wurde und Zietcn an der Linie der auf- marschirtcn Truppen des linken Flügels hinuntcrritt und den Sieg verkündete, antwortete allgemeiner Jubel: „Es lebe der König! cs lebe unser Fritz! cs lebe Zietcn unser Vater, der .König der Husaren!" Die Prcussen verloren in dieser fürchterlichen Schlacht 14— 14,009 Mann, von denen 3 — 4000 an Gefangenen. Die Ocsterrcicher verloren 1) Der Kenia an Heinrich, bei Schöning II. S. 440. 2) von Bcrenhorst's Nachlaß 0. S. 06. 17 * 260 Buch VIII. Neuntes Hauptstück. 16,000 Mann, von denen 7 — 8000 Gefangene, und 48 Geschütze. Daun zog sich auf dem rechten Elbufer gegen Dresden zurück in eine sehr feste Stellung an der Wcißritz, räumte jedoch Sachsen nicht, so lange auch der König, zur großes Beschwerde seiner Truppen, während der Wintcrkälte das Feld hielt. Das Rcichsheer, welches an des unzufriedenen Pfalzgrafen von Zweibrückcn Stelle Haddick befehligte, zog s bald vor Hülsen von Chemnitz bis zwischen Hof und Saal fcld zurück. Es traf ein, was der König an d'Argcns vor- hergesagt: die Ocstcrrcicher hielten Dresden, die Preussen hatten das übrige Sachsen wieder in ihren Händen. Zn Schlesien war der Erfolg sogar noch günstiger, als der König erwartet harte. Hier beobachtete nach seinem Weggang: General Golz mit 11 —12,000 Mann den 40,000 N starken Laudon, und als dieser im October Koscl angriff, so ergab sich ihm diese Stadt nicht, sondern hielt sich, bis sic von Golz entsetzt wurde. Mehrere Gefechte und viele Märsche beschäftigten die Truppen, bis Laudon in der Grafschaft Glatz und in Böhmen, Golz aber als Meister des Gebirgs von Hirschbcrg bis Frankenstcin die Winterquartiere bezog' Ein Waffenstillstand zwischen beiden Generalen sicherte hie: wie an der Gränzc der Lausitz den Truppen hinreichende Ruhe bis zum Frühjahre. Die Ermüdung und Abspannung der kriegführenden Mächte milderte die frühere Leiden schaftlichkcit. Es wurde den Verwundeten in Böhmen der Grafschaft Glatz der Gebrauch der Bäder gestattet; di Zufuhren zur Leipziger Messe wurden nicht gehindert; di Fahrpostcn gingen durch die Heere. Die Schweden waren bis Ende Juli unthätig. Dam rückte der General Lantingshauscn unter kleinen Gesichter bis über die Ucker vor. Der General Stutterheim wehrt sich nach Kräften und ging bis Prcnzlau zurück, um Bcrliis zu decken. Den Prinzen von Würtembcrg, welchem der K nig den Oberbefehl übergeben hatte, unterstützten der unter nehmende Oberst Belling und der General Werner, welcher von Kolberg kam, das er durch seinen kühnen und schnelles Marsch von Schlesien aus entsetzt hatte; und als nun der 261 , Feldzug am Nhcine. Prinz dem von Russen und Ocstcrreichcrn bedrohten Berlin zu Hülfe eilte (3. Octobcr), nahm Werner den Schweden in cincm Angriffe auf Pascwalk 700 Gefangene und 7 Kanonen „nd fügte ihnen sonst viel Schaden zu, sodaß General Santi,igshauscn, welcher ohnehin nicht auf Berlin Vorgehen wollte, nun sogar erschreckt von Prcnzlau nach Pascwalk zunickwich. Der von Werner und dem Obersten Bclling unermüdlich thätig geführte kleine Krieg mit zahlreichen Gefechten nöthigte die Schweden, dann auch Ende Octobcrs über die Peene zurückzugchn, worauf im November mit Russen und Schweden ein Waffenstillstand geschlossen wurde, welcher die Ruhe der Winterlager bis zum März des nächsten Zahrcs erhielt. Der Feldzug des hannoverischen Heeres gegen die Franzosen wurde beiderseits wie ganz abgesondert von dem Kriege der übrigen Verbündeten geführt. Die Franzosen stellten ihr Haupthcer von 90,000 Mann Obcrrhcin und Main unter Broglio, 25,000 Mann unter St. Gcrmain am Nicderrhcin auf. Es hatte seinen Rücken gedeckt durch Festungen und reiche Länder. Das hannoverische Heer, welches nur auf 70, dann auf 75,000 Mann hatte gebracht werden können, stand unter dem Herzoge Ferdinand den, Marschall Broglio, eine Abthcilung unter General Spörnen dem General St. Gcrmain gegenüber, in zum Thcil ^verwüsteten und ausgcsaugtcn Ländern, und mußte seine Verbindung mit England, daher die Küsten offen erhalten. Zn ^dcr Mitte des Juni zog Broglio vom Main aus gegen Hessen, während St. Gcrmain von Düsseldorf aus anrückte. Broglio ging fast ungehindert über die Ohm, weil der Prinz 24. Juni Ferdinand den General Jnihof zu unterstützen versäumt hatte, md drängte so die Hannoveraner aus ihrer bewährten festen Stellung an diesem Flusse, schlug in cincm Gefechte bei 10. Zuli Kvrbach den Erbprinzen und nahm ihm 16 Geschütze, blieb aber dann unthätig stehen, wodurch cs dem General Spör- ün, der gegen St. Gcrmain gestanden hatte, möglich wurde, >>ch mit dem Herzog Ferdinand zu vereinigen. Der Erb- pünz vernichtete bald darauf eine französische Division bei 16. Zuli Emsdorf an der Ohm, machte 2500 Gefangene und nahm 262 Buch VIII. Neuntes Hauptstück. 8 Kanonen. Indessen war der Herzog genöthigt gegen die französische Ucbcrmacht Kassel aufzugcben, welches sich so- ^ gleich den Franzosen ergab. Obwol cs dem Erbprinzen ge- 31. Juli lang, vorzüglich durch die Tapferkeit der Engländer, die s Abthcilung des Ritters du Muy bei Marburg zu schlagen und ihm 2200 Gefangene und 13 Geschütze zu nehmen, so mußte der Herzog dennoch vor der französischen Ucbcrmacht sich bis i- über die Diemcl zurückzichn. Auch Zicgenhain hatte sich 10. Aug. nach zehntägiger Beschießung den Franzosen ergeben. Broglio dachte nichts dcstowcnigcr schon im Anfänge Septembers an die Winterquartiere und wollte Kassel n>e- - gen Mangel an Untcrhaltsmittcln räumen, erhielt aber dm , Befehl Hessen zu behaupten. ' Der Herzog von Braunschwcig machte nun einen An- ^ schlag auf Wesel, wohin er den Erbprinzen schickte, uni i durch diese Ablenkung die Franzosen zur Räumung von ! Hessen zu nöthigen. Dreiwöchentlicher fast ununterbrochener '' Ziegen machte indessen die Wege grundlos, schwellte die Flüsse an und verzögerte ungeachtet der größten Anstrengungen den Anmarsch. Die Franzosen erhielten Zeit, sich zu § sammeln, und der Erbprinz mußte gegen die unter dem E Marquis de Castrics anrückcndcn übermächtigen Franzosen S den Rückzug über den Rhein unter den ungünstigsten und f gefährlichsten Umständen antrcten, während die Rheinbrückc s vom Strome wcggerissen war. Der muthige Erbprinz griff I unter diesen Umständen die in einer festen Stellung bei! Kloster Campen befindlichen Franzosen, deren um das Dop- 1 16 . Oct. peltc überlegene Stärke er nicht kannte, entschlossen an. ^ Nach einem hartnäckigen und sehr blutigen Gefechte, welches f den Franzosen über 3000 Mann Todte, Verwundete und ^ Gefangene, den Hannoveranern über 1500 Mann kostete, p mußte sich der Erbprinz zurückzichn, kam jedoch fast unge- s 18 . Oct. stört glücklich über den Rhein zurück. Die Belagerung von Wesel wurde aufgehoben, doch that Castrics, trotz dem daß er von Broglio ansehnliche Verstärkungen erhielt, nichts von Bedeutung, weil die Franzosen fürchteten, die Engländer würden in Belgien landen. Broglio setzte sich in Güttingen fest, nachdem die Preussen Sachsen hatten räumen müssen, um Berlin zu retten. Nach der Schlacht bei Torgau schickte nun zwar der König Truppen an die Unstrut, um dem Herzoge Luft zu machen, welcher Güttingen einschloß; aber dieses blieb in französischen Händen, wie Kassel, auf welches eine Unternehmung nach ^/Monatlichen Zurüstungcn bei dem cingctrctenen Winter zur großen Unzufriedenheit Friedrichs bis zum folgenden Zahre ausgesctzt wurde. Der Herzog nahm seine Winterquartiere hinter der Eder. Zehntes Hauptstück. Verhandlungen und Feldzüge im Jahre 1761. Lbwol der König durch das glückliche Treffen bei Liegnitz und durch den blutigen Sieg bei Torgau das durch so viele vorhcrqegangcnc Unglücksfälle geschwundene Vertrauen von neuem belebt, die Hoffnungen seiner Feinde geschwächt und äußerlich dieselbe Stellung wieder eingenommen hatte, in welcher er sich zu Anfänge des Krieges befand, so war seine Lage dennoch weit schwieriger als früher. Weit nachteiliger als der Verlust einer Schlacht war 1760 für Friedrich der Tod König Georgs II. Sein ,En-25. Oct. kcl und Nachfolger Georg Ul. war jung, unerfahren und beschränkt und siel bald ganz in die Hände seines eigentlichen Erziehers, des Grafen Bute, eines Mannes, der mehrere achtungswerthe Eigenschaften als Privatmann besaß, allein viel zu wenig Einsicht in die öffentlichen Ange- lcgcnhcitcn hatte, als daß er hätte den Staat leiten können. Georg UI. behielt zwar anfänglich alle Minister seines Vaters bei; alle!» cs zeigte sich bald, wie sehr er sich auf die Seite derjenigen neigte, welche als Engländer überhaupt dem Kriege auf dem festen Lande für Hannover und für den König von Prcusscn gegen das früher so lange mit Bri- 264 Buch VIII. Zehntes Hauptstück. tannien verbündete Oesterreich abgeneigt waren. Bei seiner s Gleichgültigkeit gegen alle Religion konnten sie Friedrich ^ doch nicht für das Haupt der Protestanten halten, und diese , Ansichten der Fricdcnspartei waren bald die aller Engländer, welche nicht weiter sahen wie Bitte. Die erste von diesem verfertigte Rede, welche der König hielt, verrietst was beabsichtigt wurde. Er sprach darin von s einem blutigen und kostspieligen Kriege und von der Erlan- gung eines ehrenhaften und dauernden Friedens. Pitt setzte ! mit großer Anstrengung durch, daß dem Abdrucke nach dem !' Worte „kostspielig" hinzugcfügt werde, „aber gerecht und , nothwcndig", und nach Frieden, „im Einverständnisse mit ^ unfern Verbündeten"'). Auch waren die einsichtsvolle» Männer, Pitt an der Spitze, entschieden für die Fortsetzung ! 1760 des bisher so glücklich geführten Kriegs. Der frühere Sub- ! 12. Dcc. sidicnvcrtrag mit Prcusscn wurde unverändert, jedoch zum ! letzten Male, erneuert und auch Unterstützungen für das hannoversche Heer und für die übrigen mit England verbündeten Fürsten vom Parlament bewilligt. 1761 Es gelang auch dem Könige Friedrich durch seinen Bevoll- ^ 29. März mächtigtcn Rexin und den Großwesir Raghib der Abschluß !r eines Frcundschaftsvcrtragcs mit der Pforte, wesentlich wie ^ deren Handelsverträge mit Neapel, Schweden und Dänemark'). Dann erhielt Rcxin als außerordentlicher preussischcr Ge- ! 1761 sandter eine feierliche Audienz bei dem Sultan Mustapha III. ! 27. Zull und wechselte die Genehmigung des Vertrages aus. Mit Beistand des englischen Gesandten und Zahlung von bO,M Piastern, wahrscheinlich an den Schwiegervater des Pforten- dolmctsch Ghika und an Vpsilanti, den Arzt des Großwcsirs, hoffte der König noch ein Schutz- und Trutzbündniß mit der s Pforte zu Stande zu bringen, was jedoch nach des Großwcsirs i' Raghib Tode und bei dem Entgcgcnarbeiten Rußlands und 1) Horace Walpoles Denkwürdigkeiten II S. 7. I 2) Zuerst italienisch in der 2tcn Ausgabe von Herzbergs ke- cueii I. p. 186, dann besser bei Wenck III. S. 270 und mit französischer Ucbersetzung bei Martens I. S. 1 der 2ten Ausgabe, unter Datum , vom 22. März, was Hammer, Geschichte des Osmanischen Reichs, Ml- I S. 210 in den 29. März verbessert. s England. Die Pforte. Frankreich. 265 Oesterreichs nicht gelang, obwohl Raghibs Nachfolger einen osmanischcn Gesandten im März 1762 an Friedrich schickte. Boskamp, der preussische Agent (ömisgsii-s clu 6oi) in der Krimm, hatte den Tatarenkhan Kerim Geraij, welcher schon im Jahre 1750 eine Gesandtschaft mit Freundschaftsversiche- rungen an Friedrich geschickt hatte, mit einer halben Million für diesen erkauft, war aber dann in Ungnade gefallen und in polnische Dienste getreten '). In Frankreich wurde die Beendigung eines Krieges, der unerhörten Schimpf und Verlust in Deutschland und außerhalb Europas über das Land gebracht hatte, so allgemein gewünscht, daß der König entschlossen war auch ohne Zustimmung seiner Verbündeten für sich allein Frieden mit England zu schließen, während eine Versammlung aller kriegführenden Mächte in Augsburg den Frieden für Deutschland verhandeln sollte, deren Erfolglosigkeit sich bei der Stimmung Oesterreichs und Rußlands voraussehen ließ. Wenn die Fricdensunterhandlungen mit England nicht zum Ziele führten, so hatte Frankrskch die Aussicht durch seine Verbindung mit Spanien nun auch dieses Land in den Krieg zu ziehn. Der König von Frankreich meinte, cs gebe für ihn und England ein leichtes Mittel den Krieg in Deutschland zu beenden: wenn beide Mächte aufhörten ferner Hülfs- gclder an ihre Verbündeten zu zahlen. Frankreich wollte Canada den Engländern lassen, wenn cs als Entschädigung die Landgrafschaft Hessen-Kassel und die Grafschaft Hanau erhielte. Es hoffte jedoch kaum, daß Pitt darauf eingehcn würde, für Vorthcile Englands in Amerika deutsche, andern Fürsten gehörige Länder an Frankreich zu überlassen, während, noch nicht 10 Jahre später, die Minister Prcuffcns und des deutschen Kaisers selbst, die man freilich keine Staatsmänner nennen wird, deutsche Länder an Frankreich überließen, um selbst ebenso viel deutsche Länder nehmen zu können. Das englische Ministerium erklärte, der Friede Englands mit Frankreich müsse gemeinschaftlich mit dem allgemeinen Frieden 1) Hammer VIII. S. 27-1. Berat, auch küstvirs äs la guerrs äs sept aus clmp. 15. Oeuvres 1. V. 150, 151. 266 Buch VIII. Zehntes Hauptstück. stattfindcn; Pitt antwortete dem französischen Gesandten Bussy ebenso kurz als wahr: „Ihr werdet als gesammte Früchte Eurer Unternehmungen in Deutschland nichts haben als die Verschwendung ungeheurer Summen, den Verlust vieler Menschen und die Erhöhung der Macht Oesterreichs." Er wollte durchaus nicht, daß Hannover, Hessen oder auch nur Prcussisch-Gcldcrn und Wesel an Frankreich käme, und verlangte auch die Zerstörung der Werke von Dünkirchen'). Frankreich, schon im Geheimen der Verbindung mit Spanien sicher, zog nun dessen Streitpunkte mit England in die Verhandlungen und verlangte ihre Beilegung, weil Spanien außerdem auch in den Krieg verwickelt werden würde. Es wollte Hannover, Hessen und Hanau räumen, nicht aber Prcussisch-Gcldcrn und Wesel, was es nur als Hülfsmacht Oesterreichs eingenommen habe. Pitt verweigerte die Einmischung der spanischen Streitigkeiten, als Frankreich näher angehend; rücksichtlich Gelderlös und Wesels wollte er gar nicht antworten, um nicht einmal den entehrenden Verdacht auf England fallen zu lassen, als könne es seine Pflichten gegen den König von Prcussen vernachlässigen, dem es unbeschränkte Unterstützung versprochen'). 1761 Frankreich schloß darauf sehr geheim seinen bourboni- 15. Aug. schon Familienvcrtrag mit Spanien förmlich ab, in welchem beide Mächte einander ihre Besitzungen gewährleisteten und gemeinschaftlich für Einen Mann zu stehn sich verbanden'). An demselben Tage verpflichtete sich der König von Spanien, den 1. Mai 1762 den Krieg an England'zu erklären. Die weitern Fricdensuntcrhandlungcn mit England waren erfolglos; Pitt war kühn genug, cs auch noch mit Spanien aufzunehmcn. Die Verhandlungen in Augsburg waren ohne Erfolg. Der König von Prcussen wollte nicht, daß eine Gesandtschaft des Kaisers dabei erscheinen solle, weil er mit ihm und dem Reiche keinen Krieg geführt. Der Kaiser, vcr- 1) Bei Flassan VI. S. 385 ff., 393, 399, 10-1. 2) Flassan VI. S. -120. 3) lVIsrlens Uecueil Oes jieinclpaux teaitss 1. I. p. I — ll (der ersten Ausgabe). Flassan VI. S. 31-1 ff. Verhandlungen in Augsburg. 267 langte von der Reichsvcrsammlung in Regensburg Vollmachten zum Friedensschlüsse; weil aber Protestanten und Katholiken sich über einen Punkt nicht vereinigen konnten, gericth das ins Stocken. Maria Theresia war für die Fortsetzung des Kriegs; die Kaiserin Elisabeth, körperlich völlig geschwächt, befand sich ganz in den Händen ihrer von Oesterreich gewonnenen Umgebungen, welches, besorgt über die Lebensdauer Elisabeths, Rußlands Beistand noch gegen Prcusscn zu benutzen eilte; ebenso war Schweden in der Hand Frankreichs. Der König von Polen, für den der Krieg gewissermaßen und zwar großcnthcils auf Kosten seines unglücklichen Erblandes Sachsen geführt wurde, hätte gern Frieden geschlossen; doch war er zu ohnmächtig, um ein bedeutendes Gewicht in die Wagschale zu legen. Er wagte aus Schwäche, um seine Verbündeten nicht zu verletzen, kaum seine Neigung zum Frieden zu zeigen. Als sich der Regensburger Reichstag mit den Fricdcnsunter- Handlungen beschäftigte, verlangte der mcklcnburg-schwerinische Gesandte unter Anderen völliges Verbot prcussischer Werbungen im Reiche sowie Entschädigung aller Reichsstände für die gegen Prcusscn ausgestellten Truppen, für die von Prcussen erlittenen Drangsale und für die geringhaltige prcussische Münze, welche der König sollte umprägcn und durch bessere ersetzen lassen, und behielt sich noch andere Dcsidcria vor'). Rücksichtlich der Kricgsanstaltcn machte Frankreich sehr große Anstrengungen in Deutschland, lediglich um bei dem sehnlich hcrbeigcwünschten Frieden durch die Eroberung Hessens, Westfalens und vielleicht Hannovers die Rückgabe seiner von den Engländern eroberten Colonicn zu erwirken; es stellte daher 150,000 Mann in Deutschland auf. Oesterreich brachte etwa 130,000, Rußland 100,000 Mann, das Reich 16—18,000, Schweden 12,000 Mann auf. Das betrug immer weit über 300,000 Mann, selbst wenn man das Rcichshccr und die Schweden gar nicht in Anschlag bringt; und dazu kam, daß sowol das französische I) Unparteiische Geschichte der Streitigkeiten Mcklcnburg-Schwerins mit Preusscn 1763 S. 171. 268 Buch VIII. Zehntes Hauptstück. Heer, welches mit den besten Truppen verstärkt und mit allen Bedürfnissen versehen worden war, als auch die österreichischen und russischen Truppen, welche sich nach und nach mehr an den Krieg gewöhnt hatten, sich in einer weit bessern Verfassung befanden als im Anfänge des Krieges. Weit schwerer als seinen Feinden war cs dem Könige, eine tüchtige Kriegsmacht aufznstellen. Der letzte Feldzug hatte 27,500,000 Thlr. gekostet. Obwol er Sachsen großen- thcils wieder erobert hatte, so war doch sowol dieses Land als Meklcnburg-Schwcrin, Anhalt und mehrere andere kleine Fürstenthümer, welche Friedrich bisher als Hülfsqucllen für sich benutzt hatte, durch fünfjährige Aussaugung zu erschöpft, um noch so viel liefern zu können als früher. Eben das war in seinen Erbstaaten der Fall. Ostpreußen war längst verloren; Pommern, die Marken, Schlesien und Westfalen konnten nur einen Theil der aufgelegten Lasten tragen. Die Noth war selbst in den Theilen, welche der Krieg unmittelbar weniger getroffen, ungemein groß. Der Ausfall der Abgaben hatte auch hier im vergangenen Jahre 2,500,000 Thlr. betragen. Der Marktpreis des Wispels Roggen war auf 168 Thlr., allerdings schlechten Geldes, gestiegen und doch mußte ein solches für 36 Thlr. in die Magazine geliefert werden. Handel und Gewerbe stockten, ansteckende Krankheiten wüthetcn in mehreren Gegenden und das Elend erreichte in manchen den höchsten Grad. Die englischen Hülfsgcldcr allein und dann das verzwciflungsvolle Mittel der Prägung schlechten Geldes machte es möglich die Rüstungen und das Heer zu bezahlen. Allein die prcussische Artillerie hatte im Jahre 1760 710 Mann, dabei gegen 100 Untcrofsiciere verloren, welche nicht zu ersetzen waren, ferner 1500 Trainkncchte und 3500 Pferde. Man mußte zur Artillerie Handlanger aus dem Fußvolke nehmen; aus Mecklenburg 2000 Pferde, aus Sachsen Trainkncchte beschaffen und die gewaltsamsten Mittel ergreifen. Es mußte mit Härte cingcschritten werden, um das Nöthige zu erlangen. Von Leipzig, dessen Bewohner ihre Stimmung für das Reichs- Heer gezeigt hatten, wurden Forderungen bis zum Belaufe von 1,000,000 Thlr. gemacht, deren Befriedigung der Magistrat 269 Friedrichs Lage. Erpressungen. standhaft verweigerte. Vergeblich waren alle Drohungen die Stadt zu erobern, und selbst das Aufhängen von Pech- kränzcn schreckte die Einwohner nicht, welche sehr wohl wußten, daß Friedrich einer solchen barbarischen Handlung nicht fähig sei. Nun wurden 120 der angesehensten Einwohner und Magistratsbeamtcten wie Verbrecher gefangen gesetzt, und zwar so daß sie in Zimmern zusammengcdrängt mit Entbehrung der gewöhnlichsten Bequemlichkeiten ohne warme Speisen auf Stroh liegen mußten. Nach 10 Tagen wur- - den nach Losgcbung der übrigen nur noch 17, diese aber 4 Monate äußerst hart gefangen gehalten und in der Regel täglich mit den Worten: „Nun, ihr Hunde, wollt ihr bezahlen?" begrüßt. Erft die Drohung, diese angesehenen Männer und Familicnhäuptcr als Rekruten nach Magdeburg zu liefern, brach nach 4 Monaten ihren Muth'). Zur Vermehrung der Truppcnzahl wurden aus zusam- mcngclaufenem liederlichen Gesindel acht Freibataillone errichtet, welche ohne Zucht und Ordnung dem Lande durch große Gewaltthätigkciten lästig fielen und von sehr zweifelhaftem Nutzen waren. Diese Truppen leisteten wenig, wie denn ein Bataillon während des Gefechts nach Ermordung mehrerer Officiere mit Wehr und Waffen zum Feinde überging, andere haufenweise entwichen, und mehrere Untcr- vfficicre und Soldaten wegen Meuterei erschossen werden mußten. Was indessen die Artillerie betrifft, so hatte der König am Ende des Jahres 1760 doch wieder 466 Feldstücke '). Während die Truppen der Feinde kriegerischer und besser eingcübt wurden, verschlechterten sich die Friedrichs mit jedem Jahre. Er verhehlte den Zustand seines Heeres selbst seinem Bruder Heinrich, um ihn nicht noch ängstlicher zu machen, als er schon war'). „Das gestehe ich Euch," schrieb er dem General Golz den 23. Juni 1761, „zu meinem besonder» Leidwesen, daß meine Infanterie jetzt nicht so gut ist, als 1) Archenholz II. S. 211 der wohlfeilen Ausgabe. 2) Schöning Artillerie II. S. 2V5 ff. 3) Siehe das Schreiben des Prinzen vom 6. März 1761, Schöning Siebenjähr. Krieg III.S. 20. 270 Buch Vlll. Zehntes Hauptstück. solche gewesen; doch kann ich das nicht ändern und muß sie nehmen, wie sie ist')." Wie sollten auch mit Gewalt in Mcktcnburg, Sachsen, Anhalt und andern kleinen Ländern ausgehobcne Soldaten, Ausreißer und Kriegsgefangene, welche Dienste genommen hatten, von gleichem Wcrthe mit den übrigen Prcussen sein? — und dennoch, vermischt mit diesen, wurden sie gehoben und waren weit besser, als man vcrmuthen sollte. Auf des Königs Befehl wurde in Eintreibung von Contributioncn und Lieferungen die äußerste Strenge an- gcwcndct; die Magazine in Sachsen mußten mit zweimonatlicher Verpflegung für die Heere gefüllt werden und ebenso rücksichtslos wurden die Aushebungen betrieben. Des Königs Hand war überall und gab seinen Befehlen Nachdruck; — wo Naturallicfcrungcn nicht selbst geleistet werden konnten, sollten sie in Contributioncn verwandelt und diese durch Einziehung von Geiseln und Androhung von Brand und Plünderung erzwungen werden. Es gehörte die unglaubliche Spannkraft eines Geistes wie Friedrichs dazu, nicht nur nicht zu erliegen, sondern so viel noch zu bewirken; denn trotz aller Schwierigkeiten vermochte er cs dennoch, sein Heer mit dem des Herzogs Ferdinand auf 160—1/0,000 Mann zu bringen. Russen und Ocstcrrcichcr hatten verabredet, Daun solle bei Dresden bleiben und von seinem 60,000 Mann betragenden Heere rechts und links starke Abteilungen aufstcllen, unter Guasco bei Hof und Egcr, um den Reichstruppcn um Bamberg nahe zu sein, welche die Verbindung mit Broglio unterhielten, dagegen unter O'Donncll bei Zittau und unter Lascy bei Reichcnbcrg, um in Verbindung mit Laudon zu bleiben. Dieser erhielt, lebhaft unterstützt von Kaunitz und durch die Russen, welche mit dem zaudernden Daun nichts zu thun haben wollten, die Hauptaufgabe für diesen Feldzug, nämlich Schlesien zu erobern. Sein Heer wurde deshalb bis auf 70,000 Mann verstärkt; zu ilm sollte das russische Haupthccr von 60,000 Mann unter Buturlin aus Polen stoßen, während der nach und nach von >0 auf 10,Ob" Mann verstärkte Nomanzof mit Hülfe einer russischen und l) Bei Schöning Siebenjuhr. Krieg III, S. 101- Feldzugsplan der Verbündeten. 271 schwedischen Flotte Kolberg erobern sollte. Der König erhielt den Fcldzugsplan der Russen und Oestcrreicher durch den von ihm durch Geld gewonnenen russischen General Tottleben, welcher indessen bald festgenommcn und gefangen nach Petersburg gebracht wurde'). Daun in Sachsen, Laudon in Schlesien und Buturlin in Polen bildeten sonach eine Masse von gegen 200,000 Streitern, denen der König nur 96,000 entgegensetzen konnte. Es war ihm unter diesen Umständen nicht möglich einen bestimmten Fcldzugsplan zu entwerfen, um sich den übermächtigen Feinden zu widcrsctzcn. Er kam indessen mit dem Prinzen Ferdinand überein, der Erbprinz von Braun- schweig solle Münster gegen Soubise decken, Ferdinand selbst aber bei Paderborn bleiben, um nach Umständen den Erbprinzen unterstützen oder Broglio in den Rücken fallen zu können, wenn dieser auf das rechte Wcscrufcr überginge, um Hannover einzunehmcn. Das Heer in Sachsen vertraute er seinem Bruder Heinrich an. Dieser hatte ihm (5. Februar)') nicht ohne Beziehung auf die im vorigen Jahre eingctrctcne Verstimmung geschrieben: man dürfe von Menschen nichts Vollkommneres verlangen, als deren Natur gestatte, und müsse nachsichtig gegen sic sein, wenn man wolle, daß auch sic nachsichtig gegen uns sein sollten. Das Unmögliche verlangen, heiße entweder, sic in Versuchung führen cs zu unternehmen, oder sie zwingen ihre Unzulänglichkeit zu erkennen. Der König schilderte ihm den Zustand seines Heeres von der möglichst günstigen Seite, worauf sich der Prinz wiederholt bereit erklärte ihm zu dienen. Der König lud ihn daher D. März) ein, ihm bcizustehn: „Nachdem wir uns bis jetzt so gut gehalten," schrieb er ihm ), „müssen wir das Werk krönen," der Friede nahe, und nur von Oesterreich sei etwas zu besorgen. Er gab seinem Bruder den Oberbefehl in Sachsen, hauptsächlich um Daun zu beobachten und wenn dieser nach 1) Dic Thalsache der wirksamen Bestechung Tottlebens ist nicht ">chr zu bezweifeln nach den Briefen Friedrichs an Heinrich vom 6. April »ad Ni. Mai 1761. Schöning III S. 2«! u. 1». 2) Bei Schöning Sicbenjähr. Krieg III. S. 16. 3) Daselbst S. 22. 272 Buch VIll. Zehntes Hauptstück. Schlesien ginge, ihm nach Zurücklassung einer Abtheilung in Meißen unter Hülsen dahin zu folgen. Sich selbst behielt der König die Vcrtheidigung Schlesiens vor. Golz deckte Glogau, der Prinz von Würtembcrg sollte Kolberg, wo ein verschanztes Lager eingerichtet war, schützen. Noch war Waffenruhe bei dem übrigen Heere, als be- ^ reits die Feindseligkeiten zwischen den Franzosen und de», ! Prinzen Ferdinand begannen. Jene lagen in weitläufigen ! Winterquartieren, rechts gegen den linken Flügel des Reichs- ! Heeres bis Gotha, links über Kassel in weitem Bogen nach der Sieg und dem Rhein bis Emmerich. Innerhalb dieses 60 Meilen betragenden Bogens lagerten die Abtheilungen des hannoverschen Heeres, welches mit großer Anstrengung auf 70,000 Mann mit 280 Geschützen gebracht war. Beiden Theilcn siel cs schwer die Verpflegung der Truppen aus fernen, rückwärts gelegenen Strichen zu bewirken. Nach einigen vereinzelten Angriffen der Franzosen, denen es im Januar gelang Göttingcn mit Lebensmitteln zu versehen, hoffte Broglio, zwei Monate hindurch Ruhe zu , haben, indem er nicht glaubte, daß der Prinz Ferdinand '! unterdessen etwas würde unternehmen können. Dieser bereitete jedoch inzwischen sehr geheim den Schlag vor, den er am Ende vorigen Jahres zum großen Vcrdrusse des Königs hatte aus- ' setzen müssen. Indem er durch eine Abthcilung unter dem Ge- 8. Febr. ncral Hardenberg seinen Rücken gegen die Franzosen am Nie- ' dcrrhein deckte, drang er unvermerkt mit etwa 26,000 Mann in drei Abteilungen über die Diemel, und zu gleicher Zeit der General Spörkcn mit 12,000 Mann seitwärts von der Saale ! i und Unstrut aus, unterstützt durch 5000 Preusscn unter General i ! Syburg, gegen die Franzosen vor. Diese wurden überall in ih- j , ren Winterlagern angegriffen, unter mehreren günstigen Gcftch- ^ i ten bis an den untern Main zurückgcjagt und ihre Maga- i ! zinc in Hessen zerstört. Bei Langensalza machten Spörkcn s s und Syburg gegen 2000 Gefangene und nahmen 13 Ka- H > noncn. Anstatt indessen die errungenen Vorthcilc zu vcr- z folgen und die Franzosen, denen er noch überlegen war, - , völlig über den Main zurückzuwerfen oder zu schlagen, be- " i lagerte der Prinz Ferdinand Kassel, welches die Franzosen § i 273 Feldzug des Prinzen Ferdinand. länger vcrtheidigten, als er erwartet hatte. Broglio zog eilig sein Heer bis auf 46,000 Mann zusammen und drängte den 30,000 Mann starken Prinzen Ferdinand über die Ohm. Dieser hob die Belagerung von Kassel auf, zog sich an die Weser zurück und befand sich, nachdem er 11,000 Mann l> April aufgcopfert, wieder in den vorher von ihm eingenommenen Stellungen. Beide Heere rasteten darauf einige Zeit. Der prcussische General Syburg war bald nach dem glänzenden Gefechte bei Langensalza im März mit dem General Schenkcndorf gegen das Rcichshecr in Thüringen aufgcbrochcn, was anfangs keinen genügenden Erfolg hatte; doch drängten sie im April das Rcichshecr unter mehreren glücklichen Gefechten, bei denen sich vorzüglich die Reiterei auszeichnctc, aus dessen Lagern im Rudolstädtischen und dem Vogtlandc bis über Saatfeld, Schlciz und Plauen nach Hof und kehrten mit mehr als einer Million erhobener Kricgssteuern, 'gegen 4000 Gefangenen und 16 Geschützen nach Sachsen zurück, welches dadurch zur Verpflegung und Ergänzung des Heeres mit Truppen, Rekruten und Geräth völlig den Preusscn verblieb, deren Muth durch so kühne und überraschende Schläge von neuem gehoben wurde, während die geschreckten Rcichstruppcn bis Bamberg zurückgingen und hier zwei Monate lagerten. Die Waffenruhe in Schlesien war im Anfänge des März durch den Prinzen von Bcrnburg gebrochen worden, der die Ocsterrcicher bei Silbcrberg angriff, worauf Laudon zur Vergeltung Frankcnstcin überfiel. Dann trat der Waffenstillstand wieder ein, bis nach dessen Kündigung die Feindseligkeiten wie-23. April der begannen. Laudon drang mit 30,000 Mann, hauptsächlich aus der Grafschaft Glatz gegen den General Golz vor, der ihm nur 18,000 Mann cntgegenstellcn konnte und Schlesien durch eine Stellung bei Freiburg deckte. Der König, der schon im März die Absicht hatte nach Schlesien zu gehn, marschirte nun, indem er den Prinzen Heinrich in Sachsen Mücklicß, mit einem Theilc seines Heeres, in Gewalt-3. Mai Märschen, schneller als je, von Meißen über Göxlitz nach Schweidnitz, wo er sich mit Golz vereinigte. Laudon zog 13. Mai sich eilig gegen die Grafschaft Glatz hin zurück. Er hatte Stenzel, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 18 274 Buch VIII. Zehntes Hauptstück. ausgedehnte Vollmachten erhalten, war aber in der Haupt- I sache dadurch gebunden, daß er nur im Einverständnisse mit den Russen handeln sollte. Das hatte der König ohne Zweifel durch Tottleben erfahren und bezog daher mit I ^ 42,000 Mann ein festes Lager bei Kunzendorf zwischen A ^ Schweidnitz und Freiburg, wo er anderthalb Monate, bis » ; zum 7. Juli, blieb. Hier suchte er durch die Nachricht von dem M mit den Osmancn abgeschlossenen Freundschaftsvertrage und I von der Unterstützung durch den Tartarchan sein Heer mit I nr neuen Hoffnungen zu beleben, an welche er selbst wenig» ,,' glaubte, während sich ihm gegenüber Laudon nach und nach I ^ unter mehreren, den Preußen meistens ungünstigen kleinen « , Gefechten bis auf 57,000 Mann verstärkte. Der König s wollte nichts übereilen, suchte Alles möglichst hinzuziehcn, i ^ um sich zu behaupten, war sehr vorsichtig und wartete jede kl,, günstige Gelegenheit ab. Den General Golz schickte dcr König mit 10,000 Mann nach Glogau, um die Russen zu ^ ^ beobachten, welche langsam hcranrückten. Golz schlug da- .i ^ 21. Juni her vor, ihn mit 10,000 Mann zu verstärken; dann wolle ^ er, 20,000 Mann stark, gegen die Russen ziehn, deren vor- bersten 15,000 Mann starken Haufen schlagen, ihr Haupt- ^ ^ Magazin bei Posen verbrennen und sie so nöthigen über ^ ^ die Weichsel zurückzugehn. Der König ging sogleich darauf N ; ein '). Unglücklicherweise verschlimmerte sich die Krankheit des schon früher leidenden Golz dermaßen, daß er den Ent- wurf nicht ausführen konnte'). Zielen erhielt den Oberbefehl, ^ doch war der günstige Augenblick verstrichen; er fand die Russen, als er an die Oder kam, vereinigt. Vielleicht nicht unternehmend genug zog er sich seitwärts von ihnen über die Bartsch und auf Befehl des Königs nach Breslau zurück, wo er den 13. Juli ankam, nachdem er durch Krankheiten, Aus- z reißen und kleine Gefechte 1500 Mann verloren hatte. , 1) Die Geschichte des siebenjährigen Krieges von den Officium ^ des Generalstabs V. 1. S. 186 ü. 211 gibt an, der König habe lange j gezögert, Golz den Antrag den 9. Juni, und nicht, wie Tempelh»! . angebe, den 22. Juni gemacht. Nach Schöning Siebenjähr. Krieg III. S. 96 machte Golz den Antrag den 21sten und der König willigte sogleich den 22sten ein. ' 2) Er starb schon am 30. Juni. ^ Feldzug gegen Laudon und die Russen. 275 Buturlin wußte, daß seine Kaiserin sehr leidend war, und rückte langsam, täglich IVy Meile zurücklegend, auf Namslau, um sich in Oberschlesicn mit Laudon zu vereinigen. Dieser, durch 30,000 Mann unter Okelly von Daun auf 72,000 Mann verstärkt, zog sich nun rechts ab gegen Patschkau und Otmachau, um bei Oppeln zu den Russen zu stoßen; der König zog sich ebenso links nach Otmachau und blieb ihm gegenüber, um das zu verhindern, während Zielen von Breslau die Russen beobachtete, gegen Oppeln -mrschirte 'und dann bei Reustadt zu dem Könige stieß. iLaudon sah, daß er die Vereinigung mit den Russen in Lbcrschlesien aufgcben müsse; er versuchte nun sic in Nic- derschlesien zu bewirken. Buturlin marschirte von Namslau auf Hundsfeld. Czernitschew versuchte Breslau zu überrumpeln, in welchem sich 4000 gefangene Ocsterreichcr befanden, bemächtigte sich der Odervorstadt und bombardirtc >die Stadt 0 Stunden hindurch. Allein Taucnzicn traf g. Aug. tüchtige Gegenanstalten und warf, unterstützt vom General Änobloch, die Russen aus der Vorstadt zurück. Buturlin fging darauf über Trebnitz nach Lcubus, um dort über die Oder lind auf Licgnitz zu geben; Laudon ließ >0,000 Mann unter fcm General Draskowitz zur Deckung Oberschlcsicns zurück. Du König war fast ohne alle Nachricht von den Bewegungen der Ocsterreichcr und Russen, welche von ihrer zahl- eichen Reiterei um so leichter verdeckt wurden, da die Mtentheils katholischen Einwohner Oberschlcsicns mehr für die Ocsterreichcr als für die Prcusscn gestimmt waren. Uhrend daher der König die Ocsterreichcr in Obcrschlcsien Dagcn wollte, die ibm auswichen, gelang es Laudon Zeit » gewinnen, durch musterhafte Bewegungen seinen Zweck »verbergen, über Frankcnftcin nach Jaucr zu marfchircn »d sich dort mit den Russen zu vereinigen. Der König, 15. Aug. elcher Laudons kühnen Plan nicht erkannte, verlor einige «t, den vereinzelt stehenden General Draskowitz in Obcr- Drsien zu schlagen. Er vcrmuthetc, Laudon stehe bei Fran- Mstein, wußte auch nicht, ob die Russen noch würden bei hlau oder Bricg übergehn, oder ob der gemeinschaftliche "griff auf Breslau gerichtet werden würde. Er glaubte 18 * 276 Buch VIII. Zehntes Hauptstück. W Laudon auf dem Wege nach Brieg zu treffen, und als er dann» dessen Seitenmarsch erfuhr, eilte er vergeblich über Kanth,I um seine Vereinigung mit den Russen zu verhindern oder ihG bei Wahlstadt anzugreifen. Er hatte nun mit seinen 55,W A Mann 140,000 Ocsterreicher und Russen gegen sich und? keine Aussicht auf Unterstützung. Dennoch verzweifelte er» 2V. Aug. nicht. Er zog sich in das seitdem so berühmt gewordene! Lager bei Bunzelwitz zwischen Schweidnitz und Striegan ^ zurück. Er verstärkte die gegen 9000 Schritt lange, durch ! die Natur einigermaßen feste Stellung, im Umfange von faß ^ zwei deutschen Meilen, mit Anstrengung aller Kräfte noch durch 27 einander gegenseitig deckende Schanzen mit 18ü Geschützen, durch Palissaden, spanische Reiter, Wolfsgruben und 182 Minen, und traf alle Vorkehrungen, um einemß Angriffe, vorzüglich der Ocsterreicher, begegnen zu können,, > Jnsgesammt hatte er noch 462 Geschütze. Dennoch würde ? sich Friedrich bei der großen Ausdehnung des Lagers mit ^ seinen 55,000 Mann kaum haben gegen einen allgemeine!! Angriff behaupten können; allein er wollte seinen Feinden j die Stirn bieten, sie so lange als möglich hinziehn, und besorgte nicht viel von den Russen. Diese rückten nun zwar mit- den Oesterrcichcrn gegen das Lager an und schlossen es von allen, Seiten ein, ja Laudon entwarf schon einen allgemeinen Angriff auf den 2. September; plötzlich aber verweigerte Buturlin ! jede Thcilnahme, indem er die Ocsterreicher nur dann decken. > würde, wenn sic selbst angegriffen würden. Nach viclcnsii kleinen, nichts entscheidenden Gefechten brach Buturlin,si nachdem er 12,000 Mann unter Czernitschcw bei Laudon?, zurückgelassen, angeblich wegen Mangels an Lebensmitteln ? 10. Sept. gegen Wahlstadt hin auf, ging darauf bei Steinau übek^ die Oder und nach Polen zurück. Seine Kaiserin dankte ?! ihm, daß er die Truppen geschont habe, und lud ihn freund- i lich ein nach Petersburg zu kommen Auch Laudon zog /! sich, und zwar in ein sehr festes Lager bei Frciburg zurück. Der König war gerettet, was überall bei den Preußen große Freude verursachte. Weil er nicht wußte, wohin sich ,! 1) Stuhr II. S. 401. U' Verlust von Schweidnitz. Warkotschs Derrath. 277 > die Russen wenden würden, und für Berlin besorgt war, » so schickte er sogleich den General Platcn mit 10,000 Mann » über Breslau auf Posen den Russen in den Rücken und W marschirte, um Laudon zu bewegen sein festes Lager zu ver-26. Sept. » lassen, nach Münsterbcrg. Er hielt den Feldzug für geendet, s ' weil weder er noch die Ocsterrcichcr jetzt noch würden etwas ausrichtcn können. Laudon war indessen in seinem Lager bei Freiburg stehn geblieben, und kaum hatte der König sich weit genug entfernt, als er in der Nacht vom 30. September mit Czernitschcw Schweidnitz überrumpelte; die Beschaffenheit ^ dieser mit 5800 Mann besetzten Festung war den Oester- reichcrn, seitdem sie im Jahre 1757 kurze Zeit in ihren Händen gewesen war, genau bekannt. Bei der Nachlässigkeit des Commandantcn Zastrow gelang den Ocsterreichern die l Ersteigung der Forts und die Erstürmung der Festung, nach l zum Theil heftiger Gegenwehr, mit Verlust von 1500 Mann. > Die Stadt wurde von den Ocsterreichern mehrere Stunden > < hindurch geplündert, während die Russen unverrückt in Reihe " und Glied blieben. So sielen den Ocsterreichern 3600 Mann, i 357 Geschütze und viele Lebensmittel mit der Festung in die j Hände, welche ihnen einen festen Punkt in Schlesien gab und der wichtigste Erfolg ihres Feldzuges in diesem Jahre war. Der König wendete sich sogleich nach Strehlen, aufmerksam auf alle Bewegungen, vorzüglich um das gefährdete Kolberg zu retten. Er blieb hier vom 1. October bis zum Anfänge des Dcccmber, in der Hoffnung, Laudon werde sich wegen Mangels an Lebensmitteln zurückziehn, was dieser jedoch nicht that. Dann bezogen die Ocsterrcichcr die Winterlager um Waldenburg, Czernitschcw in der Grafschaft Glatz. Während der König in Woiselwitz dicht bei Strehlen > in dem Hause eines Bauknspectors, nur von 13 Mann seiner Leibwache bedeckt, sein Hauptquartier hatte, machte der Baron Warkotsch, Besitzer mehrerer Güter in Schlesien und früher in österreichischen Diensten, unzufrieden mit der preussischcn Regierung, welche die Willkür der Gutsbesitzer über ihre Unterthanen sehr beschränkt hatte, den Versuch 278 Buch VIII. Zehntes Hauptstück. ihn hier aufhcben zu lasten. Er schlug das dem zwei Meilen davon bei Hcinrichau stehenden, ihm früher schon bekannten Obersten Wallis vom Regimente Laudon vor. Der in das Gchcimniß gezogene katholische Curatus Schmidt in Siebcnhuben bei Pricborn vermittelte den Briefwechsel zwischen Warkotsch und Wallis. Am 30. November schickte War- kotsch durch seinen Jäger Kappel an den Curatus Schmidt einen Brief, welchen Kappel, der Verdacht geschöpft hatte, öffnete und in demselben einen von Schmidt zu befördernden Brief des Warkotsch an Wallis fand, in welchem dieser aufgefordcrt wurde ungesäumt die Aufhebung des Königs auszuführen, dessen Reisewagen bereits vor der Thür desselben stehe. Diesen Brief übergab Kappel dem Könige, welcher sogleich Warkotsch und Schmidt aufhcben ließ; beide entkamen jödoch durch Ucberlistung der Ofsiciere, von denen sie bereits fcstgenommcn worden waren. Kappel erhielt eine einträgliche Hegcmeistcrstclle bei Oranienburg und später, als sein Haus abbrannte, schenkte ihm der König 4000 Thlr. zum Wiederaufbau desselben °). Schon im Januar waren die Generale Czernitschew und Tottleben mit 10,000 Mann leichter Truppen gegen Pommern vorgcgangcn, was die Generale Courbiere und Werner zu wehren suchten. Nach mehreren Gefechten wurde ein Waffenstillstand bis Ende Mai geschlossen. Die Russen wollten einen festen Punkt an der Ostsee haben, auch als Stützpunkt für ihre Bewegungen und zur Sicherung ihrer Winterquartiere. Der Versuch auf Kolberg war im vergangenen Jahre gescheitert; jetzt sollte er nachdrücklicher erneuert und mit aller Kraft durchgesctzt werden. Nach Aufkündigung der Waffenruhe rückte der General Romanzof mit 8000 Mann gegen Kolberg an. Zu seiner Abwehr hatte der Prinz von Würtcmberg 12,000 Mann von allerdings geringer Kricgstüchtigkeit, indem sie meistens aus Rekruten, gefangenen Ocsterreichcrn und Rcichstruppcn, ferner aus un> I) Am besten: Beleuchtung der bisherigen und besonders der Kü- stcrschcn Darstellung der Geschichte der Warkotschschen Berräthcrei gegen König Friedrich II., Grottkau 1792. 279 Russen vor Kolbcrg. sichern Frcibatailloncn bestanden, welche aus Ausreißern und Gesindel jeder Art gebildet worden waren. Dazu verfuhr der Prinz von Würtcmberg, welcher nach des Königs Befehl Ro- manzof angrcifcn sollte, nicht kräftig genug, zog sich in das verschanzte Lager vor Kolbcrg zurück, ohne selbst hinlängliche Nahrungsmittel zu haben, die er aus der Festung beziehen mußte, wo die Magazine sehr nachlässig verwaltet wurden, und gab das übrige Land der Verheerung und Aussaugung durch die Russen preis. Diese verstärkten sich nach und nach auf 15,000 Mann, rückten vor das prcussische Lager und schlossen es ein. Eine russische und schwedische Flotte erschien vor Kolbcrg, und nun wurde das prcussische Lager 24. Aug. von dieser und auf dem Lande von Romanzof, obwol ohne großen Erfolg, beschossen und förmlich belagert, der General Werner in Treptow überfallen und mit 400 Mann und ll. Tept. 3 Geschützen gefangen. Gegen Ende Septembers trat in dem Lager Mangel an Lebensmitteln ein und bald an Pulver. Alles das mußte unter großen Schwierigkeiten aus Stettin bezogen werden. Doch behauptete sich der Prinz noch nothdürftig unter heftigen Gefechten. Da nahcte der vom Könige aus dem Lager von Bunzclwitz in den Rücken der Russen abgeschickte General Platen. Dieser hatte ebenso geschickt als unternehmend die großen russischen Magazine in Kobylin und Gostin zerstört, nachdem er hier in einem heftigen Gefechte 4—5000 Russen geschlagen und diesen 1600 Gefangene und 7 Geschütze genommen hatte. Dann, als Buturlin mit dem russischen Haupthcere hcranrücktc, war er demselben ausgcwichen und auf Landsberg an der Warthe gezogen. Der König hatte schon gehofft der Russen mit deren Rückzüge nach Polen entledigt zu sein, während diese alle ihre Kräfte gegen Kolbcrg richteten. Aufgcfordcrt von dem Prinzen von Würtcmberg ihm Beistand zu leisten, drang Platen von Landsberg, gefolgt von einem russischen Hccrhaufcn, nach Kolbcrg durch, sodaß den 1. Octobcr hier 16—17,000 Prcusscn vereinigt waren. Leider waren Platen und der Prinz von Würtcmberg uneinig, und anstatt die noch nicht übermäßig starken Russen anzugrcifcn, schlossen sie sich in dem Lager bei Kolbcrg ein, in der Hoffnung, 280 Buch VIII. Zehntes Hauplstück. die Russen würden sich sowol zu Lande als mit der Flotte zurückzichn. Allein Buturlin marschirte erst dann nach Polen, nachdem er Romanzof bis auf 20,000 Mann verstärkt hatte. Die Versuche, Transporte nach Kolbcrg zu bringen, mißlangen bei der verschiedenen Ansicht der Generale. Platcn, der sich deshalb gegen Stettin hin gezogen 9. Nov. hatte, wurde auf 9500 Mann durch den General Schenkendes verstärkt, welchen der König über Frankfurt zur Unterstützung geschickt hatte, indem er hoffte, die Russen würden nun aus Pommern verjagt werden können. Unterdessen hoffte der Prinz von Württemberg im Lager vor Kolbcrg immer noch auf den Abmarsch-der sich täglich mehrenden Russen. Diese hatten die Verbindung mit Stettin unterbrochen, den General Courbiere mit 1000 Mann und am 25. Oct. auch den General Knobloch, nachdem er sich mit 2000 Mann fünf Tage in Treptow gegen große Uebermacht tapfer vcrtheidigt hatte, gefangen genommen. Mangel an Lebensmitteln trat ein. Den 11. November in der Nacht zog der Prinz von Würtemberg kühn und glücklich aus dem Lager ab und stieß bei Treptow zu Platen. Weil der König ihm nun geschrieben, daß er cs für ein großes Unglück halte, wenn Kolbcrg aus Mangel an Lebensmitteln verloren gehe, wollte der Prinz durchaus mit 12,000 Mann den mehr als 30,000 Mann starken Russen in den Rücken fallen und nahm eine starke Stellung unfern von Regcnwalde, wo ihm bald Lebensmittel fehlten. Die Truppen wurden in der harten Kälte und unter großen Beschwerden vollständig cnt- muthigt, sodaß sie bei dem Erscheinen von Kosackcn sogleich die Flucht ergriffen. Platcns Versuch, durch 8000 Mann von Stettin aus Kolbcrg mit Lebensmitteln zu vcrsehn, mißlang; alle Kämpfe, Anstrengungen und Mühseligkeiten waren gegen die strenge Kälte und die Uebermacht der Russen vergeblich: mit Verlust von 2000 Mann mußte er umkchrcn; Speculanten kauften die Lebensmittel für die Russen auf, als geschehe das zum Vortheile des Königs, der Geld erhalte, während die Soldaten Hunger litten. So hörte alle Kricgszucht auf, die Wagen wurden geplündert, und jede fernere Bewegung mußte aufgegcben werden, um erst Fall von Kolberg. Feldzug in Sachsen. 281 die Ordnung wicdcrherzustellen. Die einzelnen Abtheilungen des Heeres unter Schenkcndorf und Platen trennten sich von dem Prinzen, der es nur der Lässigkeit der Russen bei seiner Verfolgung verdankte, daß er sich noch, obwol mit ansehnlichem Verluste, nach Stettin zurückziehen konnte. Kolberg, ohne Hoffnung des Entsatzes, mußte sich, durch Mangel an Lebensmitteln und Schicßbcdarf gezwungen, mit seiner noch 16. D«. 3000 Mann starken Besatzung, von welcher 1800 dienstfähig waren, ergeben. In Sachsen hatte der König, wie wir sahen, den Prinzen Heinrich mit 30,000 Mann zurückgelasien und ihm hauptsächlich aufgegcbcn, Sachsen gegen Daun zu behaupten, wenn aber dieser nach Schlesien ginge, Hülsen mit einer Abthcilung in Sachsen zu lassen und mit dem Hauptheere zum Könige in Schlesien zu stoßen. Weil nun der ohnehin sehr vorsichtige Prinz allerdings nicht nur den 70,000 Mann starken Daun um Dresden, sondern auch das 15—20,000 Mann starke Rcichsheer im Reussischen und im Vogtlande unter Serbelloni gegen sich hatte, diese und auch die Franzosen von Streifereien durch den Saalkreis und das Halbcrstädtische abhalten und im Nothfalle auch auf Russen und Ocsterreichcr, wenn sie Berlin bedrohten, ein Auge haben sollte, so erbat er sich und erhielt vom Könige noch besondere genaue Verhaltungsbefehlc über einzelne Punkte'). Die Aufgabe des Prinzen sah in der That weit schwieriger aus als sic war, obgleich sie immerhin viel Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit erforderte, um auch unter verhältniß- mäßig günstigen Umständen gelöst zu werden. Das Rcichsheer war bei seiner fortwährend außerordentlich schlechten Beschaffenheit an sich nicht eben furchtbar; dazu war seine Verpflegung schwierig, da durch die Wintcrstreifzüge die Lebensmittel aufgezehrt oder weggcführt, und eine Thcurung derselben entstanden war; endlich schien überhaupt von dem ohnehin sehr phlegmatischen Serbelloni unter diesen Umständen wenig zu besorgen. Daun wartete seinerseits die Erfolge der Russen und Laudons ab, den er, 1) 21. u. 28. April bei Schöning III. S. 3S u. 40. 282 Buch VIII. Zehntes Hauptstück. wie wir sahen, mehrfach verstärkte; hierdurch und durch anderweitige Entsendungen schwächte er sich bis auf 38,000 Mann und blieb 7 Monate hindurch unthätig den 25,000 Prcusscn unter dem Prinzen Heinrich gegenüber, welche zwischen Elbe und Mulde in einer festen Stellung hinter dem Tricbschc-Flüßchen bei Meißen bis gegen Nossen hin standen, wobei nur der Norpostcnkrieg die Einförmigkeit von Zeit zu Zeit unterbrach. Im Juni rückte endlich das Rcichshccr gegen Sachsen vor; doch die dreisten und gewandten Angriffe des Generals Seidlitz, welcher nun, geheilt von seinen Wunden, wieder thätig eingriff, und des Obersten Kleist hielten mit 6— 7000 Mann jene 15—20,000 Mann im Schach. Der Prinz konnte cs sogar wagen Seidlitz mit einer Abteilung gegen die Saale und bis Bcrnburg zu schicken, um den Saalkreis und das Mansfcldschc gegen die Streifereien des Rcichshccrcs zu sichern, sowie die Sachsen im französischen Solde unter dem Prinzen Laver zu nöthigcn, von der Belagerung Braun- schwcigs abzustchn und sich von Wolfcnbüttel zurückzuziehn. Im Anfänge des November endlich, nachdem Laudon 10,000 Mann zu Daun geschickt und dieser sich auf 65,000 Mann verstärkt hatte, rückte er vor, um sich weitläufigere Winterlager am Fuße des Erzgcbirgs zu verschaffen und dem Rcichshccrc die Hand zu bieten. Der König konnte von Schlesien aus den Prinzen nicht unterstützen. Im Anfänge des Deccmbcr bezogen die Oesterrcicher die Winterquartiere bis Zwickau, das Rcichshecr hinter der Saale. Der Prinz hatte durch geschickte und thätige Leitung, freilich zugleich durch die Unthätigkcit der ihm weit überlegenen Gegner in Sachsen fast Alles behauptet, was er im Frühjahre inne gehabt. „Ich bin sehr erfreut," schrieb ihm der König den 23. Deccmbcr, „daß Daun so gütig gewesen ist Dich bis jetzt in Ruhe zu lassen. Sicher ist das eine große Thor- hcit seinerseits')." Der Prinz Ferdinand hatte nach dem Rückzuge über die Dicmcl mit großer Anstrengung sein Heer ohne die Besatzungen von Münster, Lippstadt und Hameln bis auf 70,000 Mann 1) Bei Schöning III. S. 2-11. Feldzug am Rheine. 283 gebracht. Gegen ihn stand am Niederrhein der Prinz Soubise mit 70,000 Mann, Broglio am Main mit 50,000 Mann, mit Allem wohl versehen. Die Uneinigkeit beider Befehlshaber, die Unfähigkeit Soubises und der Eigenwille Bro- glios unterstützten den Prinzen Ferdinand vortrefflich. Mitte Mai vereinigte Soubise sein Heer und rückte mit demselben bis Ende Juni zwischen Ruhr und Lippe bis Dortmund vor. Broglio zog gegen die Dicmcl,-dann links, und vereinigte sich mit Soubise bei Soest. So waren die Franzosen hier 100,000 Mann stark. Ferdinand, ihnen mit nur 50,000 Mann auf der linken Lippe-Seite gegenüber, deckte Lippstadt und Münster. Broglio griff nun auf eigne Hand mit 32,000 Mann den linken Flügel des Prinzen Ferdinand bei Vellinghausen an. Beide Thcile behaupteten 15 . Juli sich in ihrer Stellung. Am folgenden Tage hatte Ferdinand, welcher nur 23,000 Mann seines rechten Flügels gegen den 68,000 Mann starken Soubise stehn ließ, seinen linken Flügel auf 33,000 Mann verstärkt. Broglio, der ihn für noch stärker hielt als er war, und sich von Soubise nicht unterstützt sah, zog sich darauf mit ziemlichem Verluste vor Ferdinand zurück. Soubise begnügte sich eine starke Kanonade zu eröffnen und zog sich dann ebenfalls nach Soest zurück. Die Franzosen verloren 5000 Mann und mehrere Geschütze an diesen beiden Tagen, die dem hannoverischen Heere 2000 Mann kosteten. Beide französische Heere trennten sich nun wieder. Broglio, durch 30,000, dann noch durch 10,000 Mann von Soubises Heer verstärkt, ging Ende August auf das rechte Wcscrufcr über, während Soubise sich gegen Münster wendete, dasselbe einschloß und weit umher Brandschatzungen einzog. Diesem ließ Ferdinand den Erbprinzen mit 18,000 Mann gegenüber und wendete sich mit 43,000 Mann gegen Broglio. Er drang gegen Kassel vor; das hinderte indessen die Franzosen nicht, das Braunschweigische zu plündern, Wolfcnbüttel zu nehmen und Braunschwcig anzugreifcn, welches General Luckncr durch entschlossene Tapferkeit entsetzte. Der Herzog von Choiscul erniedrigte sich, in rachsüchtigem Acrger über die geringe Ehre, welche die Franzosen auch bei diesem Feldzüge in Deutschland einlegten, so weit, den beiden Heerführern die Verwüstung des feindlichen Landes zu empfehlen. Er schrieb dem Herzoge von Broglio in Beziehung auf Braunschweig und Wolfcnbüttcl: „Der König rechnet darauf, daß Sic diese Plätze ohne irgend welche Schonung behandeln. Das ist eine Gelegenheit, diesen Prinzen die Ahndung und den Unwillen des Königs empfinden zu lassen. Sie können keine zu großen Kriegssteuern und nicht zu dringend deren Bezahlung fordern; Sie müssen alle crsinnlichcn Mittel ergreifen, um Alles, was diesem Fürsten gehört, mitzunehmen oder völlig zu zerstören!" Endlich ging der Herzog Ferdinand selbst über die Weser, und Broglio mit 80,000 Mann zog sich vor den 50,000 Deutschen nach völliger Verheerung des Landes und starker Brandschatzung Göttingens an Werra und Fulda, Eder und Main, Soubise ging über den Rhein zurück, worauf Prinz Ferdinand sein Heer in die Winterquartiere legte. Er hatte mit vcrhältnißmäßig geringer Macht, indem sein Heer an Zahl und Güte dem französischen unbedingt nachstand, die sehr schwierige Aufgabe gelöst Westfalen zu behaupten und das Braunschweigische zu sichern, wenn Manche auch bei der Beschaffenheit seiner Gegner der Meinung waren, er hätte noch mehr thun können. Gegen die 15,000 Mann starken Schweden unter dem General Ehrcnswärd hatte, nachdem der Prinz von Wür- tcmberg mit dem General Werner gegen die Russen gezogen war, nur der Oberst v. Bclling mit 2500 Mann Zurückbleiben können. Die Schweden rückten mit mehr als 12,000 Mann in drei Abtheilungen über die Peene und Stccknitz vor. Bclling aber, der mit unermüdlicher Thätigkeit seine Stellung fortwährend veränderte und immer schlug und beschäftigte und nirgends und doch überall zu finden war, legte mit unglaublicher Schnelligkeit wol in 26 Stunden zehn Meilen zurück, überfiel die vereinzelten schwedischen Abtheilungen, brachte ihnen Verluste an Tobten, Verwundeten und Gefangenen bei, bereitete, unerschöpflich in Anschlägen, dem Feinde alle möglichen Hindernisse, beunruhigte und schwächte ihn in der rauhen Hcrbstzeit, und vereitelte seine Absichten Trostlose Lage Friedrichs. 285 auf die Uckermark und die Befreiung Meklenburgs. Erst Anfang Januars ruhten beide Parteien, die Schweden in Schwedisch-Pommern, die Preussen an der Peene und Recknitz und in Meklenburg. Elftes Hauptftück. Wendung der Dinge in Rußland. §)cr Feldzug des Jahres 1761 war für Preussen unglücklicher gewesen als einer der vorhergehenden. War es auch dem völligen Untergange, mit dem es nach der Vereinigung Laudons mit Buturlin bedroht war, glücklich entgangen, so hatten doch seine Feinde planmäßiger durch gemeinschaftliches Zusammenwirken ihr Ziel fast erreicht. Die Oester- reicher waren durch die Eroberung von Schweidnitz Meister des gesammten schlesischen Gebirges und so größtcntheils der fruchtbarsten Striche der Fürstenkhümer Liegnitz, Jauer, Schweidnitz und Münsterberg und weiter nach Oberschlesien hin, wie früher von Glatz, geworden. Dazu hatten sic mit Czernitschew weitläufige und bequeme Winterquartiere. Diese wurden dem Könige entzogen, der auf das ärmere rechte und einen Thcil des linken Oderufcrs beschränkt war und Bedacht nehmen mußte, seine übrigen schlesischen Festungen zu decken. Unter General Beck hatten die Ocsterreicher die Oberlausitz zwischen Queis und Spree inne, und in Sachsen hatte Daun sich über das gesammte Erzgebirge und einen Theil des Voigtlandes ausgebreitet, während das Reichsheer in Thüringen Winterquartiere bezog, die Oesterreicher auch von Zeitz bis Weißenfels an der Saale standen und der Prinz Heinrich auf das linke Elbufer von Meißen bis Döbeln und Leipzig beschränkt war. Die Russen hatten außer Preussen ganz Hinterpommern und die Neumark, und 286 Buch 566. Elftes Hauptstück. noch im Januar 1762 traf der König einige Vorkehrungen für den Fall, daß sie einen Versuch gegen Berlin unternehmen würden'). Durch den Besitz von Kolberg war ihnen das Mittel gegeben, im nächsten Feldzüge durch zur See erhaltenes schweres Geschütz Stettin und Küstrin zu belagern. So war die Zukunft für Prcufscn fast hoffnungslos. Der Krieg hatte zu lange gedauert, ^als daß auf langem erfolgreichen Widerstand hätte gedacht werden können. Die Truppen, welche in Pommern gcfochten, waren durch Krkegs- bcschwcrdcn und verunglückte Erfolge fast aufgelöst. Im Heere des Prinzen Heinrich fehlten den Regimentern ohne Cantons 5746 Mann, einem Dragoncrrcgimcnt allein 768 Mann, welche meist entlaufen waren, den Frcibataillons 7660 Mann*). Die gcsammte Streitmacht war bis auf 66,660 Mann geschmolzen. Der leichten Reiterei fehlten Pferde; Geschütz- wesen und Proviantfuhrwcscn war im allcrtraurigstcn Zu- - stände, die Magazine nur für drei Monate gefüllt, und, eingeengt in einen kleinen Kreis, konnte der König seine Rüstungen nicht bis zum Eintritt des Feldzugs beenden. Das Fcldmagazin in Stettin auf 12 Monate mit 34,000 Portionen und 28,000 Rationen zu versehen, hatte schon im Octobcr 1761 über 2,600,600 Thlr. gekostet. 1761 Frankreich hatte mit Spanien sehr geheim den Bour- 15. Aug. Konischen Familienvcrtrag geschlossen, welcher alle regierenden Häuser der Familie zur genauesten Verbindung untereinander und gegenseitig zur Gewährleistung ihrer Besitzungen verband. Pitt, der die für England entstehende Gefahr, wie die noch größcrn Vorthcile und jedenfalls die Nothwendig- 5. Ott. kcit begriff, Spanien den Krieg zu erklären, trat aus dem Cabinct, als er sich besonders durch Butcs Einfluß über- 1762 stimmt sah. Dieser hatte darauf die Dcmüthigung, dennoch 4. Jan. den Krieg an Spanien erklären zu müssen, welcher aber, so günstig er für England ausschlug, doch Friedrich kaum in sofern nützte, als er den Frieden zwischen Frankreich 1) Bei Schöning III. S. 247 u. 259. 2) Prinz Heinrich den 24. Decbr. bei Schöning Hl. S. 243. 287 Traurige Lage Friedrichs. und England verzögerte. Denn da Bute den Frieden um jeden Preis wollte, so wurde die Erneuerung des Subsidicn- vcrtrags mit Prcusscn abgclehnt und der König so der wichtigsten Geldmittel beraubt. Maria Theresia war ihres Erfolges so sicher, daß sie, allerdings auch in ihren Geldmitteln bedrängt, 20,<>l>0 Mann ihres Heeres und 500 gediente Ofsicicrc entließ, um die 20,000 Russen, welche ihr unter Czernitschcw überlassen waren, bezahlen zu können. Die Aussicht auf Unterstützung durch die Türken und Tartarcn, auf welche der König mit ziemlicher Gewißheit rechnete, war sehr unsicher. Allerdings war auch im November 1701 ein Abgeordneter des Khans der Krimmschcn Tartarcn in das Hauptquartier des Königs gekommen und, mit Geschenken überhäuft, in Gesellschaft des Flügcladjutantcn v. Golz nach Baktschi-Scrai zurückgercist, um den Khan zu bewegen, die Abwesenheit der russischen Strcitkräfte zu einem Einfalle in Rußland zu benutzen. Zugleich sollte Golz mit einem Haufen von 6—8000 Tartarcn durch Polen längs den Karpathen nach Schlesien zieh». Der König hoffte so durch den Tartarkhan die Türken, wenn sie noch schwankten, in den Krieg zu verwickeln. Doch zog sich die Verhandlung mit dem Khan hin, der nur Geld vom König zichn wollte, bis die veränderten Verhältnisse Rußlands nach langem Schwanken und vielfachen Zusicherungen von Seiten des Khans neue Hoffnungen erweckten, welche ebenfalls nicht verwirklicht wurden. Der König stand dennoch ungebeugt. Er war für den äußersten Fall entschlossen seine gcsammte Macht zu vereinigen und mit ihr nach und nach jedes der drei Heere seiner Feinde einzeln anzugrcifcn, um, wenn er nur eins schlüge, dann den beiden andern besser entgcgentreten zu können'). Er sah die Schwierigkeiten auch dieses Ausweges; „doch ob im Einzelnen oder in Masse untergehn, ist gleich". Der weniger entschiedene und wirklich hoffnungs- 1) An Heinrich den 9. Zan. und von diesem den 16. Jan. 1762 bei Schöning Sicbenjähr. Krieg III. S. 262 ff. 288 Buch VIII. Elftes Hauptstück. lose Heinrich mißbilligte eine, seiner Meinung nach so verzweifelte Maßregel und legte wie gewöhnlich die großen Schwierigkeiten eines günstigen Erfolges dar. Weil es sich um den Untergang handle, so komme es darauf an, welcher Tod der langsamste sei, indem bei weiter Entfernung des Endes unvorhergesehene günstige Ereignisse eintreten könnten. Doch blieb der König bei seiner Ansicht; bis zum März hoffte er sich noch zu halten. Am 18. Januar schrieb der König an d'Argens: „Sie urtheilcn sehr richtig über meine jetzige Lage und über die Abgründe, welche mich umgeben, und Sie haben genau erra- then, wie viel Hoffnung mir noch übrig bleibt. Erst im Februar werden wir davon mit Gewißheit sprechen können; das ist der Endpunkt, den ich mir vorgcsetzt, um zu entscheiden, ob ich mich an Catos Rath oder an die Kommentare Casars halten soll. Ich gehe durch eine harte, lange, grausame, ja barbarische Schule der Geduld. Ich habe mich meinem Geschick nicht entziehen können; Alles, was menschliche Voraussicht angeben kann, habe ich angcwendet — nichts ist gelungen. Wenn die Glücksgöttin fortfährt mich so unerbittlich zu verfolgen, so werde ich ohne Zweifel erliegen; sie allein kann mich noch aus meiner jetzigen Lage zieh«. Ich rette mich daraus, indem ich das All im Großen betrachte, wie der Beschauer eines fernen Planeten; dann erscheinen mir alle Gegenstände unendlich klein und ich bemitleide meine Feinde, daß sie sich um so geringe Dinge so viel Mühe machen. Was würde aus uns ohne Philosophie werden! ohne Nachdenken, ohne Losrcißung von der Welt! ohne die vernünftige Verachtung, welche uns die Kcnntniß eitler und vorübergehender Dinge einstößt, welche Geizige und Ehrgierige so Hochhalten, weil sie dieselben für fest und dauerhaft halten! Das ist die Frucht, welche in der Schule der Widerwärtigkeiten reift; das heißt vernünftig durch Stockprügel werden; aber wenn man verständig wird, was liegt daran, wie? Ich lese viel, ich verschlinge meine Bücher und das verschafft mir Zerstreuungen auf nützliche Weise. Hätte ich sie nicht, so glaube ich, hätte mich die Hypochondrie in das Narrenhaus gebracht. Ich habe Alles, was zu einem Helden im Trauerspiele gehört; immer in Gefahr, immer Tod Elisabeths. 289 zum Sterben bereit. Man muß hoffen, daß die Entwickelung kommen werde, und wenn das Ende des Stückes glücklich ist, wird man willig das Vorhcrgegangene vergessen. Geduld also, mein lieber Marquis, bis zum 20. Februar! vielleicht kann ich Sie dann trösten, Sie wicder- hcrstcllcn, Sie stärken, Sie wiederbelcbcn und Ihnen die Hoffnung wiedcrgebcn')." Da kam die wichtige Nachricht von dem am 5. Januar 19. Za«, erfolgten Tode der Kaiserin Elisabeth und der Thronbesteigung Peters IN. an. Die fortwährende Errichtung starker Magazine in Hinterpommcrn und die Zufuhr viel schweren Geschützes nach Kolbcrg erregte zwar noch einige Besorgnisse, allein die persönliche Gesinnung des neuen Kaisers und die sofortige bessere Behandlung der gefangenen prcussischcn Of- ficicre gab weit mehr gute Hoffnungen. Jedenfalls gewann der König Zeit; und auch seine Besorgnisse waren überflüssig. — Noch an demselben Tage theilte er seinem Bruder die eben 19. Jan. erhaltene Nachricht von dem Tode der Kaiserin mit. „Ich ! kann Dir die Folgen, welche dieses Ercigniß haben wird, ' noch nicht angcben; wir müssen uns noch ein 14 Tage gedulden, um zu sehen, wohin das uns führen wird und welchen Gang die Angelegenheiten nehmen werden; aber ich schmeichle mir sehr, daß keine üble-Wendung für uns ein- treten werde')." Peter hatte noch am Todesabend seiner Tante einen eigenhändigen Brief an den König geschrieben, in welchem er diesem den Sterbcfall anzcigtc und den Wunsch nach Erneuerung der Freundschaft aussprach'). Sein Adjutant Gudowitsch, welcher das Schreiben zu überbringen hatte, ging des Vorwandcs wegen über Berlin und Magdeburg nach Zerbst zu dem Schwager des Kaisers und kam von ^ dort später nach Breslau. Als Peter die Glückwünsche der fremden Gesandten zu 7. Za», seiner Thronbesteigung annahm, sagte er dem englischen 1) Oeuvres 7?. XIX. p. 282. 2) Bei Schöning Siebenjahr. Krieg III. S. 267. 3) Biographie Peters III. Bd. II. S. 38 f. und die Beilage b". Stenzel, Gesch. d. Prcussisch. Staats. V. 19 290 Buch VIII. Elftes Hauptstück. Gesandten Kcith ms Ohr: „Sie werden jetzt mit mir zufrieden sein; ich habe in der Nacht Eilboten an die verschiedenen Hecresabtheilungcn geschickt, nicht weiter in Preusscn vorzurückcn und sich aller Feindseligkeiten zu enthalten." Bald darauf schickte er dem General Czcrnitschcw Befehl zum Rückmärsche aus dem Glatzischen nach Polen. Er setzte auch sogleich den in russischer Gefangenschaft befindlichen General Werner und den Obersten Grafen Hordt in Freiheit und behandelte sic mit Auszeichnung. Er verhehlte nicht, daß er mit Preusscn Frieden schließen wolle, und bezeigte öffentlich seine große Verehrung für Friedrich. Nachdem dieser die Acußcrungcn der Freundschaft des Kaisers cr- 31.Zan. halten, befahl er die russischen Kriegsgefangenen mit Geld zu vcrschn, nach Stettin zu schicken und auf dem Marsche gut ein- zuquarticrcn und zu verpflegen '), was der Kaiser sogleich durch Freilassung aller prcussischcn Gefangenen erwiderte. Der König ließ dann durch den Obersten Gol; Peter zu dcs- 3. Febr. scn Thronbesteigung Glück wünschen und befahl alle Feindseligkeiten gegen die Russen cinzustellcn. Bald darauf wurde zwischen dem General Fürsten Wolchonski und dem Herzoge von Braunschwcig-Bcvcrn ein vorläufiger, dann den 16. Februar vom Kaiser, den 4. März vom König genehmigter Waffenstillstand geschlossen und alle Gefangenen beiderseits in Freiheit gesetzt °). Schon vorher hatte der Kaiser den Pommern, deren Güter durch die Russen zu Grunde gerichtet worden waren, eine Geldsumme gegeben und befohlen, sämmtlichc Magazine des Heeres sollten an Preusscn überlassen werden. Gudowitsch kam nach Breslau mit den Freundschaftsbezeigungen des Kaisers, und der König erklärte sich natürlich gern zum Frieden, doch nur unter ehrenvollen Bedingungen bereit. Der Kaiser erbat sich und erhielt von Friedrich die Jnhabcrschaft eines prcussischcn Regimentes und freute sich fast kindisch, als ihn der König zum General- Major und gleich darauf zum General-Lieutenant ernannte, 1) Schöning Sicbenjähr. Krieg III. S. 275, 276. ' 2) Ebendaselbst III. S. 297; förmlich den 16. März, vcrgl. Biographie PcterS III. Bd. II S. 256 ff. Beilage I.. Verehrung Peters für Friedrich. 291 ihm die Uniform seines Regiments und den schwarzen Adlcr- ordcn schickte und sich die Jnhabcrschaft über ein russisches Regiment erbat. Der Kaiser, der, soviel er vermochte, Alles auf prcussischcn Fuß einzurichtcn suchte, erschien mit großer Vorliebe in prcussischcr Uniform, trug beständig einen Ring, welchen ibm der König durch Golz geschickt hatte, küßte das Bild Friedrichs, welches in diesem Ringe befindlich war, und sprach von dem Könige mit überschwenglicher Begeisterung, als ron seinem Herrn! Wöchentlich schrieben beide Fürsten einander unmittelbar, doch war Peter trotz aller Bemühungen nicht im Stande, da der Krieg bisher den Russen gegen 48 Mill. Thlr. gekostet hatte, dem Könige 2 Mill. Thlr. zu leihen, obwol er demselben eine Summe Geldes schickte'). So geneigt er sich Prcussen und England zeigte, so unverholcn drückte er seine Abneigung gegen die Franzosen, welche in Sachsen ärger als dessen Feinde, die Prcussen, gcwüthct, und auch gegen die Oestcrreicher aus, welche immer die Russen ins Feuer der Schlacht gejagt und sich selbst zurückgc- halten hätten; — vorzüglich aber äußerte er sich über Brühl als den Urheber des Kriegs schonungslos, und behandelte Kurland, obne Rücksicht auf dessen Herzog, den Prinzen Karl von Sachsen, als wäre es eine russische Provinz"). Am 23. Februar erklärte sich Peter gegen die kriegführenden Mächte zum Frieden für sich und Europa und zur Aufgebung aller gemachten Eroberungen bereit, indem er die Hoffnung aussprach, sie würden dasselbe thun ^). Maria Theresia war dem scbr entgegen. Sic bot Peter Geld und Beistand gegen Dänemark, welches er bekriegen wollte, um zu rächen, was die königliche Linie Holstein gegen die herzogliche verbrochen. Er erwiderte: „Geld wolle er nicht, Hülfe sei ihm nicht nöthig und wolle er anderswo suchen, als in Wien." Sowol Oesterreich als Frankreich weigerten sich auf Peters Vorschläge zum Frieden einzugchn, und Frankreich verlangte besonders Entschädigung für Sach- 1) Biographie Peters III. Bd. II. S. 39—II. 2) Ebendaselbst Ld. II. S. 14 sf. 3) Ebendaselbst Bd. II. S. 13 und Beilage 6. S. 218. 19* 292 Buch VIII. Elftes Hauptstück. scn '). Vergeblich hatte Friedrich den 22. Januar an den Ko- nig von England geschrieben, daß Peter ihm alle Freundschaft bezeige, — daß er hoffe in diesem Jahre in der Lage zu sein, um seine Feinde zu einem für ihn ehrenvollen Frieden zu bewegen, — daß es dazu nur noch ein wenig Standhaftigkeit j bedürfe. Lord Butc war so treulos, daß er dem Kaiser, um . ihn von Friedrich abzubringen und im Bunde mit Oesterreich zu erhalten, den Antrag machte, sich den Theil Preusscns auszuwählcn, der ihm beliebe. Peter war so empört darüber, daß er das dem Könige Friedrich mittheilte, den es natürlich auf das Aeußerstc erbitterte'). König August wollte Frieden gegen Räumung Sach- > sens und Schadenersatz, dazu Versammlung eines Congresses. E Dem Kaiser war das viel zu weitläufig. Er bot England ein Bündniß und Erneuerung des Handelsvertrages an, wenn dieses ihm und Preuffen Subsidien zahlen und ihm Sceofsicicre und einige Schiffe überlassen wollte, um seine holsteinischen Erbstaatcn auf Kosten Dänemarks zu ver- ! größern. Er hatte als Großfürst halb Schleswig verlangt; ' nun forderte er es ganz. König Friedrich V. von Dänemark, in großer Sorge, wollte ein Bündniß mit Frankreich schließen, rüstete und stellte den General St. Germain an die Spitze seines Heeres. Peter beorderte schon 40,000 Mann in das Meklcnburgische zu rücken H. Czcrnitschcw, der sich von den Oesterreschern getrennt hatte, um durch Schlesien nach Thorn zu marschiren, kam bei diesem Marsche mit mehreren Generalen zum Könige nach Breslau, wo sic sehr gut empfangen wurden. Im April erklärte Peter an Oesterreich und wahrscheinlich zugleich an alle krieg- führenden Mächte: er wolle mit Preuffen einen dauerhaften Frieden schließen, dem, wenn es das beiderseitige Interesse erfordere, ein engeres Bündniß folgen sollet. Am 5. Mai ^ schlossen Peter und Friedrich einen förmlichen Friedens- und - 1) Biographie PcterS III. Bd. II. Beilage II u. I. S. 25V, 251. 2) Dover bei Prcuß II. S. 308. 3) Biographie PeterS HI., II. S. 49 ff. 4) Ebendaselbst Beil. I«. S. 357. Frieden mit Rußland. 293 Freundschaftsvcrtrag als Einleitung zu einem allgemeinen europäischen Frieden. Der Kaiser versprach, Alles, was Rußland von Prcusscn erobert hatte, binnen zwei Monaten zurückzugcbcn und auch den Frieden Prcusscns mit Schweden zu befördern. Vermöge abgesonderter Artikel wurde vertragen, daß die Russen auch nach Ablauf der zwei Monate, doch ohne Beeinträchtigung des Königs und der Un- terthancn desselben, noch einfaches Obdach in Prcusscn finden, freien Durchmarsch haben und Unterhalt und Vorspann gegen Bezahlung bekommen sollten. Zn einem zweiten abgesonderten Artikel wurde die Verhandlung über ein abzu- schlicßcndes Gündniß zwischen beiden Mächten bedungen'). Als der König am 20. Mai die vom Kaiser genehmigte Frie- dcnsurkunde erhielt, ließ er ein: „Herr Gott, dich loben wir," singen und die Geschütze lösen, befahl auch dem Prinzen Heinrich, bei einem deshalb anzustcllcndcn Gastmahlc die Gesundheit des Kaisers aus^ubringcn und das Gerücht zu verbreiten, daß 35,000 Russen durch die iLausitz nach Sachsen gehen und zu den Prcusscn stoßen würden, obwol er bereits am 8. Mai sehr wohl wußte, daß ihm der Kaiser nur I ,000 Mann versprochench. Schon am 7. April war ein Waffenstillstand von Prcusscn mit Schweden geschlossen worden, dem am 22. Mai auch der Friede folgte, in welchem sich Schweden von dem Bunde gegen Friedrich völlig los- sagtc, die Gefangenen gegenseitig frcigcgcbcn und die Grän- zcn beider Staaten wie vor dem Ausbruche des Kriegs hcrgcstcllt wurden ch. Der König befahl, diesen Frieden, 29. Mal doch ohne besondere Feierlichkeiten, bekannt zu machen. Am 8. Juni erfolgte der Abschluß des Bündnisses zwischen Friedrich und Peter; Rußland verbürgte darin dem Könige alle seine Staaten, beide Theile sicherten einander im Falle eines Angriffskrieges k 5,000 Mann Hülfstruppcn zu, und i» dem ersten der geheimen Artikel, von denen chie übrigen 1) Herzberg, Kecueil I. p. 288. 2) Siehe die Schreiben vom 8. u. 20. Mai bei Schöning Sie- benjähr. Krieg III. S- 397 u. 333. 3) Herz der g I. S. 295. 7 294 Buch VIII. Zwölftes Hauptstück. Polen und Kurland sowie auch kirchliche und mcrcantile Verhältnisse betrafen, versprach Preusscn den Kaiser gegen Dänemark zu unterstützen, wenn sich das den russischen Ansprüchen rücksichtlich Holsteins nicht fügen würde; doch wollte Friedrich versuchen, diese Angelegenheit in Güte zu beenden ^). Der Friede wurde im Anfänge des Zuli in Petersburg gefeiert und durch ein Patent vom 8. Juli den Einwohnern des Königreichs Preusscn bekannt gemacht, daß vom 5. Juli an Friedrich in den Besitz des Königreichs zurückgctrctcn sei, welches daher vom Kaiser des ihm geleisteten Huldigungseides entbunden werde ^). Dem Wunsche Peters gemäß sollte Bclling mit seinen Husaren Thcil an dem Feldzüge gegen Dänemark nehmen, welchen Friedrich gern verhütet hätte; denn König Friedrich V. rüstete sich stark zur Gegenwehr und wendete sich an Frankreich um Hülfe. Es ist glaublich, daß Peter noch andere, weit ausschcnde und sehr wenig zusammenhängende Entwürfe hatte, als: Baiern nach dem kinderlosen Tode des Kurfürsten für sich zu erwerben und das sogenannte bisherige polnische Preusscn nach dem Tode König Augusts an Friedrich zu geben, wogegen dieser Crossen und einige andere wohl- gelegene Landstriche an Sachsen überlassen sollte; — Prinz Heinrich war zum König von Polen bestimmt, und wenn er ohne Lcibcscrbcn stürbe, so sollte dieses Reich mit dem prcussischcn Staate vereinigt werden; — wenn der Herzog von Schwerin bei seinem Tode keinen Sohn hintcrlicße, so sollte ganz Meklcnburg an den König von Preusscn fallen, welcher dafür Schlesien an Oesterreich zurückgcben und die mcklcnburgischcn Prinzen durch eine prcussischc Besitzung am Nicdcrrhcin entschädigen sollte; — ferner sollte Friedrich Ostfricsland an Dänemark abtrctcn, falls dieses in die Abtretung von ganz Schleswig an Peter willigte; — endlich sollten Osnabrück, Bremen und Verden an Hannover kommen, das Bisthum Hildeshcim aber als ein neues erbliches 1) Biographie Peters III. Bd. II. Beil. O. S. 260 ff. 2) Ebendaselbst Bd. II. Beilage >1. S. 259. Erpressungen Friedrichs. 295 Hcrzogthum dem tapfer» Prinzen Ferdinand von Braunschweig übertragen werden'). Zwölftes Hauptftück. Feldzüge in den Jahren 1762 und 1763. §)urch die neuen Verhältnisse mit Rußland erhielten die Bemühungen des Königs, den Tartarkhan gegen dieses aufzureizen, eine andere Wendung; sic wurden ausschließlich gegen Oesterreich gerichtet, und Friedrich vermittelte sogar die Beilegung der Streitigkeiten zwischen Rußland und den Tartaren über das Fort Elisabeth. Was die Verhältnisse zu den Türken betrifft, so bewog Friedrich zwar den Kaiser zu der Erklärung in Konstantinopcl, er werde sich in einen Krieg zwischen der Pforte und Oesterreich nicht mischen; allein, obwol der König bis in den August noch einige Hoffnung auf den Beistand der Pforte hatte, so meinte doch mit Recht Prinz Heinrich, er rechne mehr auf des Königs schweres Geschütz als auf die Türken'), und in der That wurde das angctragcne Schutz- und Trutzbündniß mit 14. Oct. Preusscn von der Pforte förmlich abgclchnt. Ungeachtet nun der König der Besorgnisse vor Rußland und der Störungen von Seiten Schwedens eilcdigt war und die gegen diese Mächte nicht mehr nöthigcn Truppen gegen die Ocstcrreicher verwenden konnte, so war seine Lage immer noch bedenklich genug. Es erforderte die größten Anstrengungen, um sein Heer soweit zu ergänzen, daß er diesen die Spitze bieten konnte. Vorzüglich drückend war bei dem Wegfälle der englischen Subsidicn der Geldmangel. Es mußte daher besonders in dem unglücklichen Sachsen die 1) Biographie Peters III. Bd. II. S. 64—71. 2) Schöning III. S. 4VI. 286 Buch VIU. Zwölfte- Haupkstück. größte Härte angewendct werden, um das auf 60,000 Mann geschmolzene Heer zu ergänzen und mit dem Nothwendizen zu versehen. Die Franzosen und Russen, meinte der König, hätten cs in den preussischen Provinzen und in Hessen auch nicht anders gemacht. Der zu weiche Prinz Heinrich konnte das nicht ausführcn und überhäufte ihn mit Klagen. Der König wurde verdrießlich und ermahnte ihn gegen seine Untergebenen strenger zu sein. Er sollte auch in Thüringen, im Schwarzburgischcn und Rcußischcn Contributioncn und Lieferungen auf das Strengste bcitrcibcn, und Friedrich schrieb ihm: „Wenn ich drei Wochen in Sachsen sein könnte, so glaube ich, daß ich Alles vollständig cinrichten würde; da ich mich aber unmöglich von hier entfernen kann, so werde ich Dir Anhalt mit Befehlen an die Generale schicken, um sie zu ihrer Schuldigkeit zu nöthigcn')." Die Sendung dieses rohen und sehr verhaßten, bei dem Könige aber wegen seiner ausgezeichneten kriegerischen Talente in hoher Gunst stehenden Majors, Grafen Heinrich Wilhelm von Anhalt, gewissermaßen als Vormundes, verletzte den Prinzen sehr. Er äußerte sich darüber gegen den König empfindlich und wollte sich ganz vom Kriegsdienste zurück- zichn. Der König wies das höhnisch als Scherz zurück. Es kam zwischen den Brüdern so zu einem gegenseitig spöttischen Tone. Der Prinz verthcidigtc sich gegen die ihm gemachten Vorwürfe, welche er gesucht nannte. „Welcher Mensch macht nicht Fehler," äußerte er nicht ohne Beziehung, „vorzüglich im Kricgsfachc, das so vielen Zufällen unterworfen ist." Er erklärte unter dem Vorwände seiner seit zwei Jahren zerrütteten Gesundheit, daß er den Oberbefehl dem General Scidlitz geben wolle. Eine allgemeine Schlacht sei ohnehin nicht zu erwarten, indem die Oester- reicher sich schwächten, und er könne dem Könige unmöglich länger genug thun. Der König aber sagte ihm geradezu, unter den obwaltenden Umständen könne der Prinz das Heer nicht verlassen, setzte der lebhaften Empfindlichkeit desselben Geduld entgegen, suchte ihn mit neuen Hoffnungen zu beleben und l) Schreiben vom 14. März bei Schöning III- S. 3VI, 3Ü2. Feldzug in Sachsen. 297 munterte ihn dann auf durch die Aussicht auf eine leichte und glänzende That im bevorstehenden Feldzüge, worauf der Prinz sich fügte und den Oberbefehl behielt'). So wurde denn mit großer Anstrengung die gesammte Streitmacht Mitte Mai in Schlesien und Sachsen auf 120,000 Mann mit 667 Geschützen gebracht, wozu dann unter Czcrnitschcw noch 18,000 Russen stießen. Die Ocstcrreichcr stellten mit den Reichs- oder Krcis- truppcn in Schlesien und Sachsen 150—155,000 Mann auf. Sic ließen unter Serbclloni 45,000 Mann in Sachsen, wozu das Rcichshcer von der Saale bis Zwickau kam. Das Heer in Schlesien wurde bis auf 88,000 Mann verstärkt, ohne die Besatzungen von Glatz und Schweidnitz. Der König stand diesen mit 78,WO Mann in Schlesien, der Prinz Heinrich mit 42,000 Mann in Sachsen gegenüber. Auf dem rechten Elbufer war noch Waffenstillstand, als schon im Januar General Platcn mit 60W Mann die Reichstruppen von der Saale und die Ocsterrcicher aus dem Altenburgischen zu verdrängen suchte, um ausgedehntere Quartiere zu erhalten. Es gelang das anfänglich; dann aber mußte sich Platcn vor der Ucbermacht der Gegner bis gegen Leipzig und Grimma zurückzichn. Der kleine Krieg wurde hier fortwährend sehr lebhaft geführt. Der König crmuthigte darauf den fortwährend sehr besorgten Prinzen Heinrich mit der Hoffnung des Abmarsches der Ocstcrreichcr, wornach er dann mit den Kreistruppcn und den Sachsen unter dem Prinzen Ziaver leichtes Spiel haben werde. Serbclloni hatte wirklich den strengsten Befehl sich auf der Verthcidigung zu halten und Böhmen und Dresden zu decken. Er stellte nun 20,000 Mann bei Dresden, 20,000 Mann bei Freiberg gegen das Rcichshcer hin auf, zersplitterte aber seine Truppen sehr. Das, sowie den nun erfolgten Abmarsch vieler Ocstcrreichcr nach Schlesien nahm der Prinz Heinrich wahr, um den General Serbclloni, der durch die bisherige vcrtheidigungsweise Kriegführung der Preusscn I) Dic Briefe vom März u. April, Sicbcnjähr. Krieg III. S. 303 ff. -330. 298 Buch Vvl. Zwölftes Hauptstück. sicher gemacht und überhaupt etwas phlegmatisch war, durch einen plötzlichen Angriff von dem Reichshecre zu trennen und weiter zurückzuwcrfcn. Während Hülsen zwischen Meißen und Nossen die Ocsterrcichcr bei Dresden beschäftigte, ging 12. Mai der Prinz Heinrich bei Roßwcin und Döbeln über die Mulde, überfiel den General Zedtwitz, nahm ihm Gefangene und Geschütze ab und warf den 13tcn die Oesterreicher aus Nossen bis über Freibcrg hinaus. Zugleich drang Hülsen bis gegen Wilsdruff vor; die Ocsterrcichcr überzogen sich ihrerseits rechts nach Dippoldiswalde und in die feste Stellung bei Plauen und Dresden, das Rcichshcer vor 6000 Preusscn links auf Zwickau. Der Hauptzweck des Prinzen Heinrich war erreicht; der König hatte schon hochfligende Ideen: selbst nach der schnellen Einnahme von Schweidnitz nach Mähren zu gehn und Olmütz zu erobern, während der Prinz Heinrich mit 50,000 Mann Dresden uud Prag wcgnähmc. Abgesehen davon, daß des Prinzen Heer von ihm nur auf 30,000 Mann berechnet wurde und dazu wirklich viel zu schwach war, fehlte diesem auch der unternehmende Geist und die Kühnheit, welche seinen Bruder auszeichncten. Der Prinz, bekannt mit seinen Gegnern, nahm nun ein Lager bei Prctschcndorf und stellte sein Heer, sehr gewagt, 7 Meilen lang sehr dünn von Fraucn- stcin bis an die Elbe, zwischen Meißen und Dresden auf. Viele kleine Gefechte fanden statt, in denen wegen der Ueber- macht der Feinde an leichten Truppen die Preusscn meistens im Nachthcilc waren. Seidlitz jagte im Juni mit 4500 Mann das anrückcndc Rcichshcer über Zwickau und Plauen nach Hof zurück. Gegen Ende des Juli sielen Seidlitz und der kühne Kleist über Annaberg und Kommotau in Böh- 2. Aug. men ein und griffen bei Töplitz eine Abtheilung Oesterreicher unter dem Fürsten von Löwenstcin ohne Erfolg an. Als nun das Rcichshcer über Eger nach Böhmen ging und , auf Töplitz rückte, jagte General Bclling die ihm noch ge- genübcrstehcndcn Reichstruppcn bis über Naumburg zurück, wendete sich nach Eger, folgte dem Reichshecre an der Eger abwärts, streifte bis Luditz und Töpcl und erhob starke Con- tributionen, ohne das Rcichshcer zur Umkehr bewegen zu Treffen bei Burkersdorf. 299 können, worauf die Prcusscn, da die Oesterrcicher vereinigt mit dem Rcichshecre zu stark waren, nach Sachsen zurüH- kehrten. Scrbcöoni wurde, weil er die Verheerung der böhmischen Gränzftriche durch die Prcusscn nicht verhindert hatte, entlassen und Haddick übernahm den Oberbefehl. 7. Sept. Während das in Sachsen geschah, zog gegen Ende April Daun sein 88,000 Mann starkes Heer zusammen und deckte seit dem Anfänge des Mai mit 00,000 Mann durch eine vielfach verschanzte Stellung vom Zobtcn- bis zum Pitschcnberge Schweidnitz. Der König, welcher in Schlesien 78,000 Mann stark war, wollte seine Truppen möglichst schonen und wartete daher die Ankunft der Russen ab, schickte jedoch den Herzog von Braunschwcig-Bevern, Melcher ihm die Truppen aus Pommern zugcführt hatte, mit 14,000 Mann gegen den General Beck nach Ober- schlcsicn. Bevern drängte die Oesterrcicher zurück und bemächtigte sich im Anfänge des Juli Troppaus. Endlich ging Czcrnitschcw mit seinen gegen 20,000 Russen Ende Juni bei Auras über die Oder und stieß, ohne daß Daun den Versuch machte cs zu hindern, zum Könige. Dieser rückte nun mit 80,000 Mann von Breslau gegen Schweidnitz vor. Die Oesterrcicher zogen sich zwischen Obcrbögcn- I.Zuli darf und Frciburg zusammen. Der König wollte um jeden Preis Schweidnitz erobern, um sich den Besitz Schlesiens völlig zu sichern, und dazu mußte er Dauns Heer auf irgend eine Weise von der Festung entfernen; weil aber dessen Stellung zu stark war, um vorn angegriffen zu werden, so mußte der General Neuwied den linken Flügel über Stricgau und Hohcnfricdcbcrg umgehn. Nach einem für ihn ungünstigen heftigen Gefechte bei Adelsbach konnte er, durch Brentano gehindert, nicht gegen Braunau Vordringen, fiel daher seitwärts in Böhmen ein, plünderte und brandschatzte das Land bis Königingrätz und verübte viel Gewaltthätigkcitcn ohne weitern Erfolg. Nun beschloß der König den rechten Flügel der Oesterrcicher auf den stark befestigten Höhen bei Burkersdorf zu umgehen und anzugrcifcn. Sehr geheim und thätig wurden alle Anstalten getroffen, damit Daun nicht seinen rechten Flügel verstärke. Der Hecrhaufcn von 300 Buch VIII. Zwölftes Hauptstück. Neuwied wurde in Eilmärschen vom rechten auf den linken prcussischen Flügel gezogen und der Angriff auf den 21stcn festgesetzt. Als bereits Alles vorbereitet war und einen günstigen Erfolg hoffen ließ, erhielt der König die Nachricht, daß Katharina am 9. Juli ihren Gemahl entthront und Czcrnitschcw ohne Rücksicht auf Prcussen befohlen habe, unverzüglich zurückzumarschircn. Es war ein Donncrschlag für den König, der besorgt sein mußte über den Weg, welchen die Kaiserin Katharina cinschlagcn würde. Diese hatte nämlich in ihrem ersten Manifeste vom 9. Juli, durch welches sic den Antritt ihrer Regierung kund that, dem Kaiser Peter vorgeworfcn, daß er die mit vielem Blute durch siegreiche Waffen zur höchsten Stufe gebrachte Staatsehre Rußlands durch den neulich geschlossenen Frieden mit dessen ärgstem Feinde unter die Füße getreten '). Der Fcld- marschall Soltikof erhielt Befehl auf Prcussen ein wachsames Auge zu haben. Katharina hatte Ursache auch ihrerseits besorgt zu sein vor dem Heere in Deutschland und dem Corps von Czcrnitschcw, welches sich, angcrcizt von Friedrich II., hätte für Peter erklären können. Der König bewog Czcrnitschcw seinen Abmarsch um drei Tage zu verzögern, auch den Ocstcrrcichern keine Nachricht von den Ereignissen in Rußland zu gebend und sich den 2Isten den Ocstcrrcichern gegenüber aufzustellen, wenn auch ohne Thcil an dem Kampfe zu nehmen. Das hinderte Daun, seinen angegriffenen rechten Flügel besser zu unterstützen. Der Kampf, vorzüglich um die Höhen von Burkersdorf, war äußerst heftig. Der König verlangte, daß sic genommen würden, cs koste was cs wolle. „Heute," sagte er, „muß cs biegen oder brechen." Möllcndorf zeichnete sich bei Leitung des Angriffes gleichmäßig durch Einsicht und Tapferkeit aus. Siebenhundert gefangene Prcussen, welche von den Oefterrcichern Dienste zu nehmen gezwungen worden waren, gingen zu ihren Landsleuten über. Die Oester- 1) Biographie Peters HI., II. Beil. lj. S. 264. 1) Daun erhielt die Nachricht erst am 24sten. Abzug der Russen. 301 reicher mußten, ungeachtet alles Widerstandes in ihren vor- theilhaften Stellungen, mit Verlust von 2—3000 Mann an Todten und Verwundeten, 500 Gefangenen und 13 Geschützen weichen, während der Verlust der Preuffen nur 1500 Mann betrug. Daun zog sich bis an die Quellen der Wcistritz an der böhmischen Gränze zurück und war ganz von Schweidnitz abgcdrängt, das der König sogleich bcren- nen ließ, indem er sein Heer zur Deckung der Belagerung aufstellte. Am folgenden Tage zog Czcrnitschew mit den Russen ab, mit der Versicherung, die Kaiserin werde den Frieden halten. Doch war des Königs Vcrhältniß zu derselben noch nicht klar und mußte Besorgnisse erregen. Der Marschall Soltikof nahm auf eigene Verantwortung in Preuffen und Pommern die Verwaltung und die öffentlichen Kassen wieder an sich, wie vor dem Frieden, wahrscheinlich um den Rückmarsch des Czcrnitschewschen Corps zu sichern. Katharina, welche ohnehin der Ruhe bedurfte, um sich fest- zusctzcn, deshalb auch sogleich sich mit Dänemark friedlich zu vertragen geneigt zeigte, hatte damals ebenso wenig Veranlassung sich gegen Friedrich feindselig zu beweisen. Außerdem hatte sie aus Friedrichs Briefwechsel mit Peter entnommen, wie vorsichtig dieser verfuhr, und daß er auch rück- sichtlich ihrer Schonung empfohlen hatte. Sic erklärte daher die Worte ihres ersten Manifestes: „Der Ruhm Rußlands ist durch den neulich geschlossenen Frieden mit dessen ärgstem Feinde unter die Füße getreten," für einen Uebersetzungs- sehler, indem cs heißen müsse: „Durch den neulich geschlossenen Frieden ist der Ruhm Rußlands dessen Feinden gänzlich geopfert worden." Sic ließ dem prcussischen Gesandten Golz die förmliche Versicherung geben, daß sie den abgeschlossenen Frieden getreulich halten werde und mit Friedrich in gutem Vernehmen zu leben wünsche, obgleich sie ihre Truppen zurückbcrufen, wie sie denn auch die Räumung der Prcussischen Staaten bereits befohlen und das ohne ihren Befehl von Soltikof angcordnete Verfahren abgestcllt habe'). 1) Friedrich den 1. Aug. an Heinrich, bei Schöning Hl- S. 3S6. Dieselbe Versicherung gab die Kaiserin dem König ! durch den Fürsten Rcpnin, welchen sic an ihn als Gesandten geschickt hatte. So war dieser nun im Stande Schweidnitz zu bela- , gern, dessen Eroberung er zehn bis zwölf Tage nach Eröffnung der Laufgräben für sicher hielt'). Auf des Königs Befehl hatten der Herzog von Bevern und General Werner Ende Juni Oberschlcsicn verlassen und sich zum Heere des ! Königs zur Deckung der Belagerung von Schweidnitz gezogen, wie General Beck zu Daun stieß. Am 4. August begann die Einschließung der Festung. Daun machte einen Versuch sie zu entsetzen, indem er am 16. August mit 48,006 Mann und 184 Geschützen den Herzog von Bevern bei Rcichcn- bach angriff. Dieser, der nur 7000 Mann mit 88 Geschützen hatte, vcrthcidigte sich ebenso tüchtig als einsichtsvoll und erhielt vom Könige Unterstützung. Daun ließ nach einem Verluste von 1000 Todtcn, Verwundeten und Gefangenen i ab, zog sicy wieder in das Gebirge und that seitdem nichts mehr zum Entsätze der Festung, weil er keine Schlacht wagen wollte und man in Wien wohl wußte, daß die Franzosen sich zum Frieden neigten. Haddick übernahm jetzt, wie schon erwähnt, an Scrbcllonis Stelle den Oberbefehl in Sachsen. Schweidnitz hatte eine Besatzung von l2,500 Mann, ,, unter denen 10,000 auserlesene Truppen, mit allen Bcdürf- ^ nisscn auf drei Monate versehen, und besaß in dem General ! Guasco einen ebenso ausgezeichneten Commandantcn, als in 4 dem General Gribcauval einen Ingenieur und Artilleristen j? von ausgcbrcitctcm Rufe. Die Festungswerke waren vcr- Lz stärkt und zweckmäßige Anstalten zur Vcrthcidigung, jedoch ^ nicht gegen eine regelmäßige Belagerung getroffen worden, ^ welcher zu widerstehen der Platz gar nicht geeignet war. Die Anstalten zur Belagerung wurden nicht gut getroffen jl j und nur 10,000 Mann unter dem General Taucnzicn dazu iZ bestimmt. Oberst Dieskau stand dem Geschützwesen vor und ^ ^ der Major Lcfcbvre leitete als Ingenieur die Bclagcrungs- ^ ^ I) Friedrich den 22. Juli an Heinrich, bei Schöning Hl. S. 385. ^ « 303 Belagerung von Schweidnitz. arbeiten. Er hatte nur 15 Ingenieure unter sich, meistens unerfahrene Männer'), und besaß von der durch den König selbst erbauten Festung nicht einmal einen Plan. In der Nacht vom 7. zum 8. August wurden die Laufgräben eröffnet und der Hauptangriff sehr fehlerhafter Weise gegen die stärkste Stelle, das Jauernickcr Fort, gerichtet. Die Gegenwehr war tüchtig und mehrere Ausfälle hinderten die Arbeiten der Belagerer. Weil indessen die Festung gegen eine regelmäßige Belagerung nicht zu halten war, so hatte der Hofkrkcgsrath dem General Guasco gestattet die Festung unter Bedingungen zu übergeben. Dieser erbot sich den 22stcn vergeblich dazu, gegen freien Abzug der Besatzung mit allem Geschütz und kaiserlichem Eigcnthume; als das abgclehnt wurde, ebenso vergeblich dcnL8. August gegen Abzug der Besatzung ohne Geschütz, am 12. September gegen freien Abzug mit 'dem Versprechen, während eines Jahres nicht zu dienen; auch das wurde nicht angenommen, indem der König durchaus wollte, daß die Besatzung sich kricgs- gefangen ergäbe. „Sie werden nichts finden," schrieb Guasco, „als vollgestopfte Hospitäler, fast leere Magazine, die Stadt zerstört und die Festung außer Vcrthcidigungsstand." Noch erbot er sich den 14. September zur Ergebung auf Kriegsgefangenschaft, doch gegen Auswechselung. Der König wollte die unter den Ocsterrcichcrn befindlichen Ucberläufcr nicht als Gefangene angcsehn wissen und nicht zugcben, daß ein Os- ficier an Daun geschickt wurde, um dessen Genehmigung ein- zuholcn. Es wurde zwischen Belagerern und Belagerten 49 Tage hindurch mit großer Anstrengung durch cindringendcs Wasser und häufige Ausfälle, hauptsächlich ein unterirdischer Krieg durch Minen und Gegenminen geführt, der viel Zeit kostete und wobei Gribcauvals überlegene Geschicklichkeit die Versuche des Majors Lcfcbvre großenthcils vereitelte oder erfolglos machte. I) Wie armselig es damals mit den Zngenieureorps in Deutschland stand, zeigt Mauvillon im Leben Ferdinands von Braun- ichweig II. S. 291 ff. Außer dem Grafen von der Lippe verstand im Heere des Prinzen Niemand den Bclagerungsdienst, im Heere des Kö- nlgs wahrscheinlich nur der König selbst. 304 Buch Vlll. Zwölftes Hauptstück. Lcfebvre, welcher hier zuerst die berühmten Druckkugeln anwendete und am Ende der unterirdischen Gänge entzündete, war den 20. September völlig in Verzweiflung bei dem Mißlingen seiner Unternehmungen. Der König, welcher sich im hohen Grade geduldig zeigte, hatte alle Mühe, ihn zu beruhigen. Indessen übernahm er nun seit dem 23. September die Leitung der Belagerung selbst, welche sogleich einen entschiedeneren Charakter annahm. Er schrieb an d'Argens den 26. September: „Ich habe mit zu viel Eigendünkel das Ende der Belagerung auf den 12ten angegeben. Wir müssen sechs Wochen verwenden, um einen Platz wieder zu nehmen, welchen wir in zwei Stunden verloren haben. Gribcauvals Genie vertheidigt den Platz mehr als die Oesterreichcr Am 30. September war Lcfebvre halb todt; ohne alle Fassung lief er händeringend in den Laufgräben umher. Der König redete ihm hier, wie sonst oft, freundlich zu und suchte ihn zu erheitern, doch bei der ebenso einsichtsvollen als thätigcn und äußerst tapfcrn Vertheidigung wußte Keiner zu helfen, und der König sah den 4. Oktober das Ende 8. Oct. noch gar nicht ab '). Durch einen glücklichen Zufall fiel, noch ehe die dritte Druckkugcl angezündet wurde, eine Granate in das Pulvermagazin des Zauernicker Forts, sprengte 260 Mann in die Luft, verschüttete den Graben und legte den Zugang offen. Doch waren die Preuffen nicht bereit, das zu benutzen. In der darauf folgenden Nacht wirkte die vierte entzündete Druckkugcl so, daß ein Sturm von 200 Freiwilligen unternommen werden konnte, den aber der Commandant, welcher das vorausgesehn, zweimal mit Erfolg abschlug, doch dann, weil er nicht versuchen mochte sich durchzuschlagen, nach 63tägiger Belagerung capitulirte. Die noch 9000 Mann starke Besatzung mit 353 Geschützen und vielem Kriegsbedarf gericth so in die Hände der Preuffen. Diese hatten über 3000 Mann, die Oesterreicher über 3500 Mann während der Belagerung verloren; die Preuffen hatten 125, die Oesterreicher 172 Schüsse aus Gell Oeuvres XIX. p. 352. 2) Schöning Siebenjähr. Krieg III. S. 45Ü. Einnahme von Schweidnitz. Feldzug in Sachsen. 305 ! schützen gcthan, und gegen eine Million Flintcnpatronen und 7800 Centncr Pulver waren verbraucht; aber den Oestcrrei- chcrn blieb der Ruhm einer geschickten, entschlossenen und - tapfcrn Vcrtheidigung. j Der König verlor durch seinen Eigensinn, die Capitu- ! lation nicht den 22. August anzunehmcn, fast zwei Monate und die gcsammten Früchte eines Feldzuges, — Vorthcile, ! welche durch die Gefangenschaft von 10,000 Mann nicht ausgewogen wurden. Der tapfere und verdiente General Knobloch wurde als ^ ein wohlerfahrener und vigilantcr Officicr, wie ihn der König im Patent nannte, zum Commandanten ernannt, um ihm ein Merkmal der königlichen Gnade zu geben. Es wurde ihm befohlen, die Festung nicht eher als nach einem , dreimal wiederholten, eigenhändigen königlichen Befehle zu übergeben'). Die Witterung war schon so rauh geworden, daß die Preusscn meistens Cantonnirungcn in der Umgegend von Schweidnitz bezogen, während der Herzog von Braun- schweig-Bevern mit einer Abthcilung im Gebirge stehen blieb. Zur Verstärkung seines Bruders Heinrich schickte der König den General Neuwied mit 20 Bataillonen, 16. Oct. 55 Schwadronen und 60 Positionsgeschützcn nach Dresden hin. Den 31. Octobcr marschirte der König selbst nach Sachsen und ließ dem Herzog von Bevern den Oberbefehl in Schlesien, wo von beiden Theilcn Waffenstillstand geschlossen wurde, um ruhig die Winterlager zu halten, welche die Ocsterrcicher in einem Theile von Oberschlesicn, der s Grafschaft Glatz und in Böhmen bis gegen die Oberlausitz ! hin bezogen. Als Haddick in Sachsen an Serbellonis Stelle den i Oberbefehl über die Ocsterrcicher und die mit ihnen vcr- z cinigtcn Rcichstruppen übernahm, suchte er die Preusscn n vom Gebirge und der Gränzc Böhmens weiter zurückzu- > drängen. Der Prinz Heinrich hatte, wie wir sahen, mit ^ seinem Heere von Pretschendorf bis an die Elbe eine fast l) Schöning Siebenjähr. Krieg, kll. S. 468. Stcnzel, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 20 306 Buch VIII. Zwölftes Hauptstück. sieben Meilen lange, daher nur sehr dünne Stellung eingenommen. Der König mißbilligte das, weil es die beste Gelegenheit gebe, einzeln geschlagen zu werden, und wollte anfänglich, der Prinz solle alle seine Truppen bei Meißen versammeln, sich dort mit Neuwied, welcher aus Schlesien anrücktc, vereinigen und über Kcsselsdorf Vordringen, Had- dicks Verbindung mit Böhmen bedrohen, diesen zum Rückzüge dahin nöthigen und dann Dresden nehmen. Der Prinz hielt das für zu gewagt, und wollte das Erzgebirge nicht aufgcbcn. Der König ermahnte ihn daher zur Vorsicht und besonders zur Befestigung seiner Stellung'), was der Prinz nicht genug beachtete. Haddick beschäftigte daher den linken preußischen Flügel zwischen Elbe und Mulde unter Hülsen und wendete sich Ende Septembers gegen den rechten Flügel unter dem Prinzen. Dieser zog sich nun gegen Frcibcrg, Hülsen in seine alte Stellung zwischen Meißen und Nossen zurück. Haddick drang in der Mitte des October weiter gegen den Prinzen vor. Nach mehreren Gefechten, deren eins den Prcusscn 1600 Mann und 9 Geschütze kostete, nöthigtc der Prinz von Stolbcrg den Prinzen Heinrich, sich weiter hinter Freibcrg, und als er, von Haddick, welcher die Ankunft Neuwieds nicht abwarten wollte, noch weiter verstärkt, abermals vordrang, mit Verlust von 2000 Mann an Tobten, Verwundeten und Gefangenen bis Roßwcin an der Mulde zurückzuziehn. Nun hatte sich der König bereits unzufrieden über des Prinzen Maßregeln geäußert"), und war im Begriffe, selbst nach Sachsen zu kommen. Ohne daher die Ankunft des Hcerhaufcns unter Neuwied abzuwartcn, mit welchem vereint er die Stellung bei Frciberg wieder ein- nchmcn sollte, griff der Prinz Heinrich den Prinzen von 1) Bei Schöning III. S- 162. 2) cnr äsns le poste äs lersibsrß, pvurvu gu'on 5 nit 16 ds- tsillons et 36 escnärons, ii eet sertnin gn'on n'sn psut stre äs- IvAv, surtvut si I'on est en süretä äu cötä ä'Oeäersn, mnie ii 1»nt remusr In terrs, 8e resserrer et 8e pnlisesäsr; n meine gue Iss tronpes ns 8e eonäuisent connne äes inlsmes, on ns ssursit Iss ääbueguer ä'un terrnin nuesi nvsntngeux. Der König an Heinrich 21. Octbr. 1762 bei Schöning 111. S. 185. 307 Der König geht nach Sachsen. Stolberg, eye dieser sich in seiner Stellung befestigen und ihn Haddick verstärken konnte, ganz unerwartet bei Freiberg 1762 auf dem linken Flügel an und schlug ihn den 29sten so, 29. Dct. daß Oesterreichcr und Reichstruppen in großer Unordnung mit Verlust von etwa 7000 Mann (wovon über 4500 gefangen wurden) und 28 Geschützen nach Dippoldiswalde zurückzogen. Seidlitz, der, als er mit der Reiterei nicht wirken konnte, sich an die Spitze des Fußvolks stellte, hatte das Hauptvcrdienst der Anregung und der Ausführung, wie der Prinz selbst anerkannte'). Die Prcussen verloren nur 1400 Mann Todte und Verwundete, und wenn der Prinz, wie es zweckmäßiger war, den rechten feindlichen Flügel statt des linken angegriffen hätte, so würde er bei seinen Hülfs- mitteln weit größere Erfolge haben herbeiführcn können. Zm Anfänge des November stieß Neuwied, der seinen Weg durch Sachsen mit Plünderungen und Gewaltthätig- keitcn bezeichnet hatte, zum Prinzen, welcher ihn deshalb hart anließ und ihm erklärte, daß er seinen Hcerhaufen eher für eine Spitzbubenbande als für Soldaten hielte. Der unternehmende General Kleist, welchen der Prinz mit einem kleinen Heerhaufen nach Böhmen geschickt hatte, zerstörte das österreichische für 600,000 Gulden Vorräthe enthaltende Magazin in Saaz und kehrte ungehindert nach Sachsen zurück. Der König erhielt am 31. Octobcr die Nachricht vom Siege seines Bruders bei Freiberg und war sehr erfreut. Er hoffte nun Dresden zu nehmen und rühm- und ehrenvoll aus den gefährlichen Verwickelungen hervorzugchn, bei denen er sich oft nur zwei Schritte vom Untergänge befunden. Er lobte seinen Bruder, daß er der österreichischen Hartnäckigkeit dm letzten Schlag beigebracht und den ersten Grund zum öffentlichen Glücke gelegt habe, welches der Friede sei"). Kaum war der König in Meißen angekommen, als er 6. Nov. 1) Prinz Heinrich an den König den 29. u. 39. Octbr. bei Schöning Siebenjähr. Krieg III. S. 192 u. 191. 2) Friedrich II. an Prinz Heinrich den 2. Novbr. bei Schöning Siebenjähr Krieg III. S. 195. 20 * 308 Buch VIII. Zwölftes Hauptstück. die Oestcrrcichcr über den Plauenschen Grund zurückwerfcn ließ, wobei sich der Major Prittwitz besonders auszcichnctc, indem er 600 Gefangene machte und 4 Kanonen erbeutete. Weiter ließ sich gegen die feste Stellung der Ocsterrcicher bei Dresden nichts unternehmen. Indessen hatte der König 4. Rov. schon von Sprottau aus den Prinzen Heinrich gereizt eine Ablenkung im Reiche zu unternehmen, damit die ohnehin des Krieges müden Rcichsstände noch lauter über die Oester- reicher klagten, welche nur die böhmischen Grenzen deckten. Dann, hoffte er, würden die Kreistruppen zur Vcrthcidigung ihrer Heimat abziehn und Haddick wol gar den Kopf verlieren und Dresden in preussische Hände fallen'). Nun schickte er Mitte November den unermüdlichen Kleist, um die Rcichs- ständc zur Neutralität zu bringen, von Chemnitz bis in die Gegend von Kulmbach, Schcßlitz, Bamberg und Nürnberg. 29. Nov. Diese reiche Stadt ergab sich und mußte eine starke Kriegssteuer entrichten, worauf sich Kleist Anfang December wieder nach Thüringen zurückzog, während Prinz Stolberg mit den Rcichstruppen erst Ende Dcccmbcrs aus Böhmen nach Nürnberg gelangte. 27. Nor. Unterdessen wurde zwischen Oesterreich und Preußen ein Waffenstillstand geschlossen zur ruhigen Haltung der Winterquartiere mit gegenseitigen Abgränzungcn, ohne daß der Reichsländer gedacht worden wäre, in denen eben die Preußen so arg hausten. Wahrscheinlich wollte sich Oesterreich seiner Zusicherung der völligen Schadloshaltung der Reichsstände dadurch entledigen, daß cs das Reich sich selbst überließ und so nöthigte, mit Preußen unmittelbar den Frieden zu verhandeln. Es neigte sich schon Alles zum Frieden. Schon Ende Juni 1762 besorgten die Franzosen, der König von Polen werde für Sachsen mit Preußen einen abgesonderten Frieden schließen^). Wir haben schon angeführt, daß Pitt nach dem, Abbrechen der Friedensverhandlungcn mit Frankreich (im Sommer 1761) 1) Schöning Siebenjähr. Krieg III. S. 497. 2) Stuhr II. S. 496. 309 Feldzug in Hessen. entschlossen war es auch noch mit Spanien aufzunehmen, von dessen enger, obwol geheimer Verbindung mit Frankreich er überzeugt war. Als er das Ministerium bei dem Widerstreben Butes nicht zur sofortigen Kriegserklärung an Spanien bewegen konnte, gab er sein Amt auf. Nun bot sein 5. Oct. Nachfolger Frankreich den Frieden auf die von Versailles aus gestellten, von Pitt verworfenen Bedingungen an. Choiscul lehnte das stolz ab, -in der Hoffnung auf die durch Spaniens Beistand zu erwirkenden günstigem Bedingungen. Als aber England von Spanien die Mitteilung des mit Frankreich geschlossenen Vertrages verlangte, so verweigerte Spanien das, brach alle Verbindungen mit England ab und 1762 begann die Feindseligkeiten. England mußte nun doch den 4-Jan. Krieg an Spanien erklären, was auch der König von Portugal 18. Mal that, weil er sich von Spanien nicht zwingen lassen wollte seine Parteilosigkeit aufzugcben. So gewann der Krieg nur eine noch größere Ausdehnung als vorher. Der Tod der Kaiserin von Rußland brachte indessen die Franzosen dahin in Deutschland wesentlich nur einen Ver- thcidigungskrieg führen zu wollen. Das Haupthcer unter dem Marschall d'Estre'es und dem Prinzen Soubise (denn der Herzog von Broglko und sein Bruder waren in scheinbarer Ungnade auf ihre Güter verwiesen) sollte 100,000 Mann stark von Kassel aus über die Diemel, der Prinz Conde aber mit einem abgesonderten Heere von 40,000 Mann vom Niederrheine aus nach Westfalen Vordringen und Lippstadt erobern; dann sollten beide Heere vereint Minden angreifcn, den Herzog Ferdinand schlagen, diese Festung erobern und nachher wieder westlich von der Werra und südlich von der Diemel in dem unterdessen geschonten Lande Winterquartiere beziehen. Es war an sich sehr thöricht, zwei, ja eigentlich drei Feldherren zugleich den Oberbefehl zu übertragen, und hier noch dem bedächtigen d'Estre'es den unfähigen Soubise an die Seite zu setzen. Der Prinz Ferdinand fand große Schwierigkeiten den Abgang seines Heeres vom Jahre 1761, im Betrage von 24,000 Mann, zu ergänzen. Aushebungen waren nicht genügend, die Werbungen lieferten nur 2500 Mann. In 310 Buch VUI. Zwölftes Hauptstück. England wurde Alles verzögert, weil Bute in seiner Frie- dcnsbcthörung nicht wollte, daß der Prinz Ferdinand Fort- ? schritte mache und dadurch den Frieden hindere. Aber dieser thätige Feldherr stellte mit seinem Bruder, dem regierenden Herzog Karl von Braunschweig, auf eigene Kosten 6—70V braunschweigische Freiwillige auf und betrieb die Verstärkung seines Heeres mit solcher Anstrengung, daß am 1. Juni ^ 10,000 Mann zur Besetzung der Festungen vorhanden wa- j rcn und 69,000 Mann in das Feld rücken konnten. Der ! Erbprinz stand mit 20,000 Mann gegen Conde, der Prinz ' Ferdinand gegen das Hauptheer. Schon im Frühjahre hatte ^ der kleine Krieg begonnen und der Erbprinz Mitte April Arnsberg erobert. Die Franzosen waren völlig überzeugt, der Prinz Ferdinand werde nur vertheidigungsweise verfahren. ' Ihnen ganz unerwartet rückte er jedoch Mitte Juni auf ! dem linken Wcscrufer gegen die Dicmel vor. Sie zogen daher ihr Heer zwischen Hofgeismar und Kassel zusammen, indem sie bei ihrer Uebermacht und vorthcilhasten Stellung nicht daran dachten angegriffen zu werden, auch nicht glaubten, daß der Herzog seine starke Stellung auf § der linken Dicmclseite verlassen werde. Selbst als dieser das that und vorrücktc, glaubten sic nicht an einen Angriff. i 21. Juli Als derselbe aber nun dennoch erfolgte und ihr Vortrab unter dem General Castrics zum Rückzuge gcnöthigt wurde, waren sie ungewiß, ob sie sich zurückziehn oder schlagen sollten, und wehrten sich dann bei Wilhelmsthal, auf beiden Seiten und zum Thcil im Rücken angegriffen, nur noch, um sich in das feste Lager bei Kassel zurückzuziehn. Hätte nicht der General Kielmanseggc versäumt ihnen den Rückzug dorthin abzu- schncidcn, so würden sic ihr gesammtcs Gepäck, und, wenn zugleich Granby mit den Engländern und der Herzog mit dem Haupthccre angegriffen hätten, ihr ganzes Heer verloren haben. Sie gingen dann über die Fulda und bezogen ein festes Lager bei Kassel, nachdem sie 3 Geschütze, 1500 Todte und Verwundete und bis zum 26. Juni zwischen j 4—5000 Mann an Gefangenen verloren hatten. Der Herzog setzte den kleinen Krieg lebhaft fort, zerstörte die Magazine . der Franzosen, bemächtigte sich ihres Gepäcks, überfiel ein- ^ Feldzug in Hessen. Treffen bei Friedebcrg. 311 zclnc Abtheilungcn, nahm kleine befestigte Platze und wendete alles an, durch unablässige Angriffe und Beunruhigungen die Franzosen zum Rückzüge zu nöthigcn. Doch hatten Soubise und d'Estre'cs ausdrücklichen Befehl Kassel und Hessen um jeden Preis zu behaupten, so gern sie sich auch bis an den Main zurückgezogen hätten. Aber der Prinz Ferdinand griff sehr verwegen am 23. Juli auf dem rechten Ufer der Fulda bei Lutternberg den sächsischen Hccrhaufen an, nahm 13 Geschütze und über 1000 Gefangene, und jagte die Feinde endlich aus dem festen Lager bei Kassel. Diese Erfolge des Prinzen Ferdinand und dessen fortdauernde Kriegsthätigkcit waren dem englischen Ministerium deshalb sehr unangenehm, weil cs durchaus Frieden schließen wollte, während die Kriegspartci Pitts durch Erfolge gegen die Franzosen Veranlassungen bekam, die Fricdcnsbedingun- gcn höher zu spannen, auch weil der König von Preussen, welcher durchaus keinen unchrcnvollcn Frieden schließen wollte, durch die Fortschritte des hannövcrschcn Heeres, neue Unterstützung erhielt. Außerdem war die Verstimmung zwischen Friedrich und Lord Bute bereits bis zu persönlichem Haffe gestiegen. Bute war mit dem Herzog von Choiscul einverstanden und dieser nur durch Spanien vom sofortigen Abschlüsse des Friedens abgehalten, den man seit Juli fast täglich erwartete. Nun sollten die Franzosen in Deutschland etwas behaupten, um für dessen Abtretung von Bute anderweitigen Ersatz zu erhalten. Bute war daher über Ferdinands Sieg bei Wilhclmsthal sehr betroffen und glaubte, der ihm äußerst verhaßte König von Preussen habe den Prinzen zum Angriffe veranlaßt. Er ermahnte darum den französischen Kriegsminister sich dem hannövcrschcn Heere kräftig zu widcrsctzcn, und auf diese Veranlassung befahl Choiscul Kassel und Hessen zu halten, selbst auf die Gefahr eine Schlacht zu verlieren'). Allein der Prinz Ferdinand ließ sich nicht hindern den Franzosen zuzusctzen. Viele kleine Gefechte und selbst eine heftige Kanonade vom 8.-9. August , l) Das Schreiben Choiseuls an Soubise vom II. Juli bei Stuhr II. S. 407. 312 Buch VIII. Zwölftes Hauptstück. führten nicht zum Ziele: die Franzosen blieben in ihrer Stellung; doch räumten sie Güttingen, dann wichen sic Mitte August von Kassel seitwärts auf Fulda und Hanau zurück, worauf der Prinz Ferdinand Kassel cinschlicßcn ließ und dem feindlichen Heere bis an die Nidda folgte; zu gleicher Zeit erbot er sich gegen das englische Ministerium, die Franzosen im Lauf des September über den Rhein zurückzuwcrfen und alle Truppen, die sie in hessischen Festungen zurückge- lasscn, zu Gefangenen zu machen; doch erkannte er, wie er unwillig an Friedrich II. schrieb, nun sehr wohl, daß die Franzosen nicht die einzigen Feinde wären, welche er zu bekämpfen habe. Die Spanier wurden durch den schweren Schlag, welchen sie durch den Verlust der Havana erlitten, 12. Aug. (welche die Engländer eroberten) dem Frieden geneigter; doch steigerte das natürlich die Forderungen der Engländer. Das englische Ministerium ermunterte daher die Franzosen kräftiger gegen Ferdinand aufzutrcten, weshalb Choiseul befahl vom Main wieder vorzurückcn, den Besitz der Festungen Marburg, Ziegcnhain und Kassel zu sichern und den Prinzen wo möglich über die Dicmel zurückzuwerfcn. Als sich deshalb Conde mit dem großen französischen Heere unter d'Estrccs und Soubise vereinigen wollte, verstärkte der Prinz Ferdinand, um das zu hindern, den Erbprinzen, welcher Conde gegenübcrstand, durch den General Luckncr. Diese trafen Conde bei Friedbcrg, wohin das große französische Heer zu seiner Unterstützung heranrückte. Der 3tt. Aug. Erbprinz griff Conde muthig und anfänglich mit Erfolg an, bis er nach einem heftigen Gefechte, in welchem er selbst verwundet wurde, vor der großen Ucbcrmacht der vereinigten französischen Heere zurückwcichcn mußte und Luckncr nur durch seine Geistesgegenwart und Tapferkeit das kleine Heer vor einer völligen Niederlage rettete, obgleich 1400 Mann an Tobten, Verwundeten und Gefangenen und 10 Geschütze verloren gingen, während der Mcnschcnvcrlust der Franzosen ziemlich gleich groß war. Choiseul drängte fortwährend das französische Heer, weiter vorzurückcn. Jetzt mußte sich der Prinz Ferdinand gegen die große Ucbcrmacht der vereinigten französischen Heere langsam und in völliger Ordnung unter Lchtc Kriegsthaten. 313 kleinen Gefechten ohne wesentlichen Verlust hinter die Ohm zurückzichen. Ihm gegenüber blieben die Franzosen an der Ohm und Lahn stehn. Der Herzog sicherte durch seine Stellung die Belagerung von Kassel, welches der Prinz Friedrich von Braunschweig seit dem 21. August cingc- schlosscn hatte. Erst den 17. October konnten die Laufgräben eröffnet werden; am 31. October wurde die Festung übergeben, und deren Besatzung, noch 4000 Mann stark, gefangen. Die Präliminarien des Friedens zwischen England, Frankreich und Spanien wurden den 3. November, am löten allgemeiner Waffenstillstand abgeschlossen, eine Gränz- linie zwischen beiden Heeren gezogen und das hannoverische Heer in Winterquartiere gelegt. Die Franzosen räumten Ende November Ziegenhain und Marburg, im Deccmber die Plätze am Main und zuletzt die am Rhein. Sämmtliche englische Truppen gingen seit Ende November nach England, die englischen Soldtruppcn deutscher Fürsten aber Mitte De- ccmbcr in die Länder derselben zurück, und so erfolgte die völlige Auflösung des Heeres. Zn diesen für Frankreich sehr nachtheiligen Präliminarien war rücksichtlich der prcussischen Länder und Plätze, nämlich Cleves, Wesels und Gcldcrns bestimmt, daß die Franzosen dieselben nach der Ratification der Präliminarien sobald als möglich räumen sollten '). Beide Theile versprachen ihre Truppen aus dem deutschen Reiche in ihre eigenen Länder zurückzuziehn, und verpflichteten sich, auf keine Weise ferner ihre Verbündeten während des jetzigen Krieges in Deutschland zu unterstützen. So war von den für Frankreich aufgetretenen deutschen Fürsten besonders der Herzog von Würtembcrg der Willkür Preussens ziemlich überlassen; denn seine Unterthanen haßten ihn und hingen schon als 1) Martens I. S. 98, Art. 13. Die Geschichte des Sicbenjähr. Kriegs von den Offneren des Gcneralstabs VI. 2. S. 115 sagt unrichtig, daß Art. 12 die Räumung der übrigen deutschen in Verbindung mit England stehenden Länder unmittelbar nach Ratification der Präliminarien bestimme, während dieser Artikel gar keine Zeit bestimmt, vielmehr nur sagt, Frankreich werde diese Länder zurückgeben. Stcnzcl, Gesch. d. Preussisch. Staats. V. 21 314 Buch VIII. Zwölftcs Hauptstück. Protestanten dem Könige von Prcusscn mehr als je an'). Der König befürchtete, Frankreich werde Wesel und Geldern den Oestcrreichcrn übergeben, und wollte daher diese Plätze lieber durch Hessen, Braunschwcigcr und Holländer besetzen lassen, was sich kaum ausführcn ließ. Auf des Prinzen Vorschlag fertigte der König einen geheimen Befehl an die Bürgerschaften in Wesel und Geldern aus: augenblicklich, wenn die Franzosen ausrücktcn, die Waffen zu ergreifen, die Thore zu schließen und nur den preussischen Truppen zu offnen. Der Prinz selbst zog die in seinem Heere befindlichen, weit umher zerstreuten, preussischen Truppen, etwa 2000 Mann, unter mancherlei Vorwänden in Hamm und bei Münster zusammen; weil aber das nicht genügte, so überließ er dem Könige die 2—3000 Mann, die er selbst ausgchobcn hatte, und dieser schickte von Magdeburg noch 2000 Mann in zerstreuten Trupps nach Hamm, sodaß diese, etwa 6—7000 Mann, schnell vereinigt an den Rhein rücken und die preussischen Länder und Plätze besetzen könnten. Auch trat der Prinz mit Genehmigung des englischen Ministeriums dem Könige noch 3000 Mann von ihm zusammcngebrachter Truppen ab, der Herzog Karl aber 800 braunschweigische Freiwillige, während der Landgraf von Hessen keine Truppen an Friedrich überlassen wollte. So sammelte der Prinz bis Ende November bei Dortmund ein ansehnliches Truppencorps. Die Ausführung der Sache wurde vom Könige mit größter Machtvollkommenheit dem Obersten Bauer übertragen, welchem der Prinz genaue Anweisungen gab, indem er selbst Lippstadt und Hamm mit Hessen besetzte, um diese Plätze dem Königk völlig zu sichern. Die Ocstcrrcichcr hatten in den Niederlanden nur gegen 4009 Mann, von denen nur 3000 dienstfähig waren. Als sie nun im Dcccmbcr einen Theil dieser Truppen unter General Pisa gegen den Rhein aufbrechcn ließen, um Wesel, Cleve und Prcussisch-Gcldern zu besetzen, so rückte am 24. Dc- cembcr Oberst Bauer eilig mit 3000 Mann bis in die Nähe 1) Soubises Schreiben vom 4. Decbr. 1762 an Choiseul bei Stuhr II. S. 415. 315 etzte Kricgsthaten. von Wcscl. Der König befahl ihm das Unmögliche zu versuchen, um seinen Auftrag zu erfüllen, da die Ocstcrrcichcr einige Regimenter nach dem Niedcrrhcine schickten, um General Pisa dort zu verstärken. Auch nahm der König die 3000 Mann starke britische Legion, welche der H)rinz Ferdinand ausgchobcn hatte, in seine Dienste. Die Franzosen verzögerten zwar den Prcussen unter lccr.en Vorwänden die Räumung Wesels, wiesen jedoch auch die Ocstcrrcichcr zurück, weil der Friede nahe bcvorstchc. Am 20. Januar verglich der General Monteynard, welcher die Franzosen am Niedcrrhein befehligte, sich mit Oberst Bauer über die Aufstellung ihrer steidcrseitigen Truppen dahin, daß die Franzosen zwar die prcussischcn Länder und Plätze ferner besetzt hielten, allen andern Truppen jedoch, nur mit Ausnahme der Pfälzer für das Herzogtum Berg, der Eintritt in die Herzogtümer Geldern, Kleve und Berg untersagt bliebe'). Die Oesterreicher erhoben darüber mit Recht laute Klage, indem sic hofften, sich bei dem bevorstehenden Frieden dieser Länder zu ihrem Vorthcile bedienen zu können. Bald darauf verpflichtete sich der-König von Prcussen riicksichtlich der österreichischen Niederlande die strengste Neutralität zu beobachten, wogegen Frankreich und England ihm skine Länder in Westfalen und am Rheine gewährleisteten md sie nur seinen Truppen übergeben wollten. Der Friede trat dann ein. I) Siehe Stuhr II. S. 417 ff. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.