Regeln urtheilcn, so ist cs unfehlbar gewiß, daß ein nicht zu großer,20 Fuß entfernter Gegenstand uns nur halb so groß im Durch-messer erscheint, als wenn er uns auf 10 Fuß nahe rückt; wirkönnen uns hievon leicht überzeugen, wenn wir an einem vor unssichenden Maaßstabc vergleichen, wie vielen Theilcn desselben derscheinbare Durchmesser eines bestimmten Gegenstandes in beidenStellungen entspricht; aber unser Urtheil über die scheinbare Größeist hiervon sehr verschieden, und man überzeugt sich nur mit Mühe,daß der Kopf eines in 20 Fuß Entfernung ins Zimmer tretendenMenschen uns nur ein Viertel so groß im Durchmesser erscheint,als wenn er sich uns bis auf 5 Fuß genähert hat. Wegen diesesfalschen Urtheilcs kommen uns die Gegenstände in Beziehung ausihre Größe bedeutend anders vor, wenn wir sic in einem langen,schmalen Räume hinter einander, ihre Entfernungen gleichsam ab-gemessen, vor uns sehen, als wenn sic im Freien in eben derAnordnung ausgestellt sind. Wenn wir durch mehrere geöffneteThüren, die gerade hinter einander liegen, sehend, unsere Auf-merksamkeit aus die entfernteste derselben richten, so werden wir eSweit mehr gewahr, wie klein sie uns erscheint, als wenn wir imFreien sic in eben der Entfernung angesehen hatten. Die Meinung,daß der Mond uns beim Aufgange größer erscheine, ist nicht alleinallgemein verbreitet, sondern beruht auch auf einer fo mächtigenTäuschung, daß man, selbst bei der Ucbcrzeugung, daß es nurTäuschung sei, nicht Herr über sie werden kann. Und doch istdieses falsche Urtheil nur von eben der Art, wie in den vorhinangeführten Fallen, und jede Messung überzeugt uns, daß derMond nicht größer erscheint *).
Obgleich also der Sehcwinkcl, die scheinbare Größeeines Gegenstandes (das ist der Winkel, den die von den Grenzendes Gegenstandes nach dem Auge gezogenen Linien mit einandermachen), auf eine so strenge und sichere Weise aus der wahrenGröße und aus der Lage und Entfernung bestimmt ist, so befindenwir uns doch in Rücksicht auf die Beurthcilung der scheinbarenGröße in einer durch mancherlei Umstande veranlaßtcn Unsicherheit.Die Gewöhnung, Gegenstände, welche uns genau bekannt sind, in
') Bgl. die Wortes, üb. d. Astronomie. I. 80.