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Der Stammbaum der Familie Lenz in Livland, nach einem neuen System : dazu als Pendant ein Goethe-Stammbaum nach demselben System
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Lenz konnten wir bei diesemaber nicht mit Stillschweigen vorbei gehen. Nur bei Durch-schnittsmenschen kann man das. Da ist nicht viel Licht, infolge dessen auch nicht vielSchatten, sondern Leben und Wirken bewegt sich im clair obscuren Dämmerlicht. Bei ausser-gewöhnlichen Menschen gilt aber immer der Satz:wo viel Licht ist, da muss auch viel Schat-ten sein. Das ist wohlweislich von der Vorsehung so eingerichtet, weil nichts vollkommenauf Erden ist; denn wenn das Schlechte nicht da wäre, gebe es keine Möglichkeit das Gute richtigwürdigen zu können, noch zu schätzen, also müssen die Kontraste da sein. Auch in LenzensLebenberühren sich die Gegensätze wie Berg und Tal, ziehen sich die Kontraste an, wie Höhe-punkt und Fall, denn man kann noch so hoch steigen; ein langes Verweilen auf der Höhe istnicht möglich, abwärts muss man doch, oder wie es im tiefsinnigen alten Totenliede heisst: über-steige Berge und Flüsse, durchkreuzte Meere und Wüsten, doch über den kleinen Hügel, der fürDich bestimmt ist, kommst Du nicht hinweg; da bleibst Du liegen; da senkt man Dich hinab!Und so stieg auch Lenz in seiner zweiten Hälfte des Lebens von Stufe zu Stufe wieder abwärts,um sich schliesslich in der Tiefe zu verlieren.

Zwar hatte Lenz im Winter 1848 auf 49 das Glück, eine Art Lebensretter des KaisersNikolai I. zu sein, indem er den reissaus nehmenden Pferden vor dem kaiserlichen Schlitten indie Zügel fiel. Seitdem aber hinkte er auf einem Bein, was viel zur Misere seines Lebens bei-trug. Im Sommer 1849 wurde Lenz auf kaiserliche Kosten nach Gastein geschickt, um sich vonden Folgen seines unglücklichen Beinbruchs zu erholen; doch vergebens, er blieb lahm. Im Som-mer 1852 gehörte Lenz zur Suite des Grossfürsten Konstantin, der sich im Schloss Katharinenthalbei Reval aufhielt. Hier trat er durch nicht näher zu erwähnende Verhältnisse zu einer auffallen-den Schönheit Frl. Rosalie Lischau in nähere Beziehung, welcher Umstand für sein ganzes ferneresLeben überaus verhängnisvoll wurde. Sie flohen schliesslich aus Reval, wurden verfolgt, Hessensich in Petersburg trauen, und nach einem kurzen tollen Leben, sah er sich gezwungen, sie ineinem Irrenhause unterzubringen. Seit dieser unglücklichen Ehe, welche einen Stoff zu einem derspannendsten Romane aus dem Leben enthält, ging es mit Lenzens finanziellen Verhältnissenrapid abwärts.

Als grosser Bonvivant mit verhältnismässig kleinen Mitteln lebend, konnte er als Jung-geselle einigermassen durchkommen, da er in den vornehmsten Häusern ein gern gesehener, jasehr gesuchter Gast war, weil er mit seinen vielen, selten in einer Person vereinigten Gaben einenoch so grosse internationale Gesellschaft auf das Geistreichste zu unterhalten verstand. Als Ehe-mann aber, an der Seite einer bildschönen, viel umschwärmten, romantisch angelegten Frau, diesich des Lebens freute, denn des Lebens Mai blüht nur einmal und nie wieder, wollte er selbstein grosses Haus führen und hatte doch nicht die Mittel dazu. In Folge dessen ging er, mit Blind-heit geschlagen, seinem finanziellen Ruin entgegen. Man mied allmählich seine Gesellschaft, ervereinsamte schliesslich ganz, wie das so oft im Leben zu gehen pflegt. Doch bevor es dazukam, hatte er noch einige Sonnenblicke des Lebens. Ein solcher war der Sommer 1861, wo ersich in Finnland aufhielt. Land und Leute lernte er kennen und schätzen und beschrieb von Hel-singfors für dieBaltische Monatsschrift (1861. Bd. IV. S. 407 ff.) dieses Felsennest mit seinenSeen in grossen, den Kern der Sache treffenden Pinselstrichen. Namentlich ist sein Vergleich,den er zwischen dem Baltenlande und Finnland zieht, sehr lehrreich, besonders wenn man be-denkt, wieviel Bewunderungswertes die Finnländer durch Intelligenz und Arbeit aus eigener Kraftin einer von der Vorsehung karg bedachten Natur schufen.

Im Jahre 1868 nahm Lenz nach 35 jährigem Staatsdienst als wirklicher Staatsrat und hoherOrden Ritter seinen Abschied, und wurde pensioniert, nachdem er anfänglich im Justizministerium,dann im Senat, schliesslich in der Zensurverwaltung verschiedene Stellungen eingenommen hatte,