Offener Brief an die grosse deutsche Lenz-Familien-Stiftung anstatt der Vorrede.
In meinem Werke: „J. M. R. Lenz in Livland“ (Winterthur. 1878.) hatte ich versprochen,zur Ehre der 6 auch ausserhalb der Grenzen der Heimat bekannt gewordenen Lenz-Mit-glieder eine Genealogie über den ganzen livländischen Zweig dieser deutschen Familie zuschreiben. — Erst jetzt ist es mir möglich geworden, mein Versprechen einzulösen.
Die Leidensgeschichte dieses Werkes hier zu erzählen würde zu weit fuhren. Nur dieSchlussepisode, um weiteren Missverständnissen vorzubeugen, muss ich hier feststellen.
Das Werk sollte schon 1904 erscheinen und zwar als ein Teil eines grösseren genealo-logischen Werkes, welches die weitverzweigte deutsche Familie Lenz herausgibt. Der Bearbeiterdieser „Lenz-Chronik“ ist der Pastor emer. H. Kypke in Halle. Ich hatte von der Existenz diesergrossen „Familien-Stiftung“ und Herausgabe ihrer „Lenz-Chronik“ keine blasse Ahnung, bis mirin der elften Stunde ein Druck-Korrekturbogen für den „livländischen Zweig“ vom genanntenPastor zugeschickt wurde ....
Wenn der Herr Pastor den genealogischen Teil meiner Arbeit: „Das Haus Lenz unddessen Stammbaum nach einem neuen System. Ein Beitrag zur Geschichte der baltischenLiteratenfamilie Lenz von 1742 bis 1892“ (Berliner „Herold“ Bd. 32 S. 80 ff. v. J. 1894) glattabgeschrieben hätte, so wäre dagegen nichts zu sagen gewesen, da er diesen Stammbaum alsQuelle anführt. Als ich aber die von mir veröffentlichten genealogischen Daten mit denenvon H. Kypke wiedergegebenen verglich, erschrak ich, denn die Daten stimmten absolut nichtüberein.
Gegen einen solchen Missbrauch meines Namens musste ich selbstredend protestieren. DerHerr Pastor sah sein Versehen ein, meinen Lenz-Stammbaum nicht richtig abgelesen zu haben,weil er ein Vergrösserungsglas verschmäht hatte, um die genealogischen Daten des photographischsechsfach verkleinerten Stammbaumes deutlich vor sich zu sehen. Um nun nicht öffentlich alsForscher blossgestellt zu werden, der nicht einmal richtig abzuschreiben versteht, bat ermich, den „livländischen Zweig der Familie Lenz“ ganz neu zu bearbeiten, um die Neubearbei-tung statt seiner verfehlten Arbeit dem grossen Werke einverleiben zu können. — Trotz des be-greiflich kurz gestellten Termins (14 Tage), wurde ich noch vor Ablauf des Versprechens mitmeiner Arbeit fertig, da ich sie nur für den Druck ins Reine zu schreiben hatte.
Jetzt aber geschah etwas wissenschaftlich Unglaubliches. Am „4. Oktober 1904“ eröflfnetemir der Herr Pastor wörtlich Folgendes:
„Aufrichtig bedaure ich, dass ich Ihre werte Adresse zu spät erfahren habe. *) Meinmissglückter Aufsatz über den livländischen Zweig der Familie Lenz lässt sich aus der 1. Auflageder Familien-Chronik nicht mehr austilgen, deren Druck nahezu vollendet ist. — Diese ersteAuflage, nur 400 Expl. stark, ist zum grossen Teil für ehemalige Schüler der Erziehungs-anstalt Schnepfenthal in Th., an welcher drei Lenz als Lehrer gewirkt haben, bestimmt; sie habendarauf abonniert und zum teil schon bezahlt. So kann ich sie nicht länger warten lassen.
*) Hr. K.’s erstes Schreiben datiert sich vom 17. Sptbr. 1904.
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