Druckschrift 
Der Stammbaum der Familie Lenz in Livland, nach einem neuen System : dazu als Pendant ein Goethe-Stammbaum nach demselben System
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen
 

Beilage. Vgl- Nr. 71 im Stammbaum.

Christian Wilhelm von Len z,

genannt derBeethoven-Lenz.

Als der erste Sohn des Hofgerichts-Advokaten A. Wilh elm v. Lenz und seiner Gattin Elisa-beth, geb. v. Bröcker wurde Christian Wilhelm v. Lenz am 1. (13.) Juni 1809 in Riga geboren.Er besuchte das Gouvernements-Gymnasium seiner Vaterstadt und zeigte schon früh eine unge-wöhnliche Begabung für Musik. Da er aber Musiker unter keiner Bedingung werden sollte, soschenkten die Eltern dieser klar zu Tage tretenden Begabung keine Aufmerksamkeit. Allein alleseine freie Zeit widmete Lenz dieser seiner Liebhaberei, denn in der Musik fühlte er sich in sei-nem Element.

Die damals sehr geachteten, aber jetzt längst vergessenen Musiker Rigas: Reineke,Tachel u. s. w. nahmen sich des talentvollen Jünglings an und brachten ihm alle ihre Technik inder Musik bei. Ueber alle Erwartung schnell, gelang das diesen Berufsmusikern; denn Lenz nahmbald an ihren Trios und Quartetten teil, als gehörte er zu ihnen. Indessen nur ausübender Künst-ler wollte er n i e sein! Sein Ideal war: ein Komponist oder Musikhistoriker einst zu werden!

Nach absolvierten Gymnasialkursus gelangte nun sein Verhängnis zur Ausführung; d. h. Lenzkam als 18 jähriger Jüngling, statt ins Conservatorium, wo er allein hingehörte, nach Genf, in diedamals renommierte Pension des Pfarrers Bouvier, um sich in den neueren Sprachen auszubilden,da für seine vom Vater geplante diplomatische Carriere, Latein und Griechisch nicht ausreichten.

Auf der Reise nach Genf, im Sommer 1827, berührte Lenz Frankfurt a. M., wo er dasGlück hatte, Ferdinand Ries, den Schüler und ersten Biographen Beethovens persönlich kennenzu lernen. Derselbe schloss dem jungen Musik-Enthusiasten, der damals von Beethoven so gutwie gar nichts wusste, eine neue Musikwelt auf.

Ries sprach von Beethoven erzählte Lenz nach Jahrenwie die Alten von Homer und so entschloss derschnell Feuer fangende Lenz, sein Leben Beethoven zu widmen, d. h.er entwarf im Umgänge mit Ries seinen grossartig angelegten Plan, einenkritischen Katalogsämtlicher Werke Ludwigs van Beethoven mit Analyse derselben schreiben zu wollen.

Freilich überragt diese Aufgabe die Arbeit eines gewöhnlichen Menschen, aber Lenz warvom Schicksal berufen, sich dieser Aufgabe hinzugeben, weil er eben kein gewöhnlicher Menschwar, deren Begeisterung meistStrohfeuer ist.Die Kunst bemerkte Lenz späteristeine Fata morgana des Lebens; und das Grossartige wo auch immer besteht darin, dassman fata morganisch wirkt!

So ist es denn erklärlich, dass unserem Lenz bald die Pension Bouviers in Genf zu engwurde, in der er nur ein Jahr aushielt; indessen machte er, vermöge seines ausgezeichneten Gedächt-nisses im Umgänge mit den verschiedenen Nationalitäten bemerkenswerte Sprachfortschritte undwurde auch was er dankbar anerkennt durch den Unterricht Vehrstaedts in der Musikweiter gefördert. Allein, er sah ein, dass Ballast daselbst mehr zu Hause war als Geist und begabsich im Herbst 1828 zum ersten Male nach Paris, wo er mit grossem Nutzen Studien machte. Solegt folgende Tatsache für seine frühe Beherrschung der französischen Sprache Zeugnis ab, dasser während der 6 Monate seines Pariser Aufenthalts, bereits kleine Zeitungsartikel für verschiedenefranzösische Journäle schrieb.