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kehrte in seinem Leben sich dieses Verhältnis immer um, so auch hier; denn der Mensch kannnicht gegen seine Natur kämpfen. Selbst wenn Lenz nach des Vaters Wunsche ein geachteter,russischer Diplomat — sagen wir — dritter oder vierter Grösse an irgend einem auswärtigen Hofegeworden wäre, hätte er doch seinen eigentlichen Beruf als bedeutender musikalischer Schrift-steller damit verfehlt. Er wäre, wie so viele Menschen, die was konnten und doch ihr Könnennicht an richtiger Stelle verwerteten, dann ein Toter, während er jetzt durch seine Werke nochunter uns lebt.
In höheren Kreisen der russischen Aristokratie lebend, verbrachte Lenz den Winter von1831 auf 32 in Moskau. Namentlich blieb ihm der Umgang im Hause des Generals v. Witte inangenehmer Erinnerung, wo er „unvergessliche Stunden erlebte.“ Unter Anderen lernte er daauch den Engländer Parish Alvars, den „Liszt auf der Harfe“ kennen, der ihn überredete, mitihm über Odessa nach Konstantinopel zu reisen. Er ging auf diesen Plan ein und verliess imMai 1832 mit Parish Alvars Moskau.
An dem feenhaften, goldenen Horn in Konstantinopel verlebte Lenz einen genussreichenSommer; insbesondere in der russischen Gesandtschaft, im musikalisch gebildeten Kreise einesStürmer, Butenjew und Ustinow, die, wie er, der Beethovenschen Musik vorzugsweise huldigten,dieselbe übten und mit den durchreisenden Künstlern in geschlossenen Kreisen der Haute voleeihre Konzerte arrangierten.
Das goldene Horn, der Anblick dieser europäischen Märchenstadt aus Tausend undeiner Nacht mit ihren muhamedanischen Minarets am Marmara-Meer, der Aquaeducta Justianaund des byzantinischen „pere la chaise“ in Skutari, hat wohl selten so lebhafte Schilderungen er-fahren, als durch Lenz in seinem hoch interessanten „Tagebuch eines Livländers“ (Wien,1850), welches Baron Arnstein herausgab und im Vorwort u. A. sagt: „Möge man aus selben er-kennen, zu welcher Klassicität wahrer Bildung man es auch in Russland bringt.“ — Stylistischist das „Tagebuch“ musterhaft abgefasst und wäre würdig in Reclams „Universal-Bibliothek“ wie-der abgedruckt zu werden. In einem ungedruckten Briefe an Bettina v. Arnim aus St. Peters-burg vom 18. II. 1854 (in d. k. öffentl. Bibi, in Berlin) sagt Lenz selbst von diesem Buche:„Ich habe darin neue Ideen in einem neuen Styl ausdrücken wollen.“ Den Eindruck, den ichaus der Lektüre dieses Buches davontrug, kann ich nicht deutlicher in wenigen Worten zusam-menfassen, als: man fühlt und geniesst mit dem Verfasser, man glaubt schliesslich mit ihm in Kon-stantinopel zu sein, mit eigenen Augen alles zu sehen, wobei Lenz uns auf eine liebenswürdigeArt auf Dinge aufmerksam macht, die wir sonst gar nicht gesehen hätten, weil wir von ihnen garnichts wussten, selbst wenn wir dagewesen wären.
Von Konstantinopel begab sich Lenz nach „seinem Mekka,“ nach Wien, der Geburtsstätteder meisten Beethovenschen Kompositionen. Der k. russ. Tnternuntius in Konstantinopel B. Stür-mer hatte ihn freundschaftlichst mit den erfolgreichsten Empfehlungen für Wien versehen, um da-selbst möglichst ungehindert seine Quellenstudien über Beethoven machen zu können. Hier inWien verblieb denn auch Lenz den ganzen Herbst und Winter von 1832 auf 33, lernte u. A.Czerny und Berklay und andere damals sehr bekannte Musiker kennen.
In seinen Beethovenstudien aber fand er: dass das Anfängen sehr leicht, doch dasEnden sehr schwer sei; denn je tiefer er eindrang, desto weiter, in fast verzweiflungsvolle, kaumzu erreichende Fernen, rückte sein Endziel.
Zu derselben Zeit drang aber auch sein Vater in ihn, in den Staatsdienst zu treten, undmit Hülfe seines Freundes Stürmer gelang es ihm im Frühjahr 1833 eine vorteilhafte Stellung alsBeamter für besondere Aufträge im Justiz-Ministerium in St. Petersburg zu erlangen.
Bereits früh hatte Lenz in St. Petersburg das Glück, mit den beiden Grafen Michel und