Druckschrift 
Der Stammbaum der Familie Lenz in Livland, nach einem neuen System : dazu als Pendant ein Goethe-Stammbaum nach demselben System
Entstehung
Seite
21
Einzelbild herunterladen
 

Farbenlehre. Dresden 1863, der als Maler die Goetliesche Farbenlehre als eineOffenbarungfür Koloristen hinstellte.)

Das Merkwürdigste aber bei diesem Bruche Goethes mit seinemJugendfreunde Lenzwar, dass dieser, Goethe den Sieg von Herzen gönnte und für sich nur den Tod wünschte, derihm leider nicht so bald zuteil werden sollte. Das tolle Lebender Götter Weimars hatte Lenzschlagend im sog.Pasquill getroffen, wie er imPandaemonium germanicum seine Zeitgenossentrefflich wahr gekennzeichnet hat; seine Verstossung war daher nur ihre Selbsterhaltung, denn mitseiner Entfernung zieht man den Kreis enger, wird diplomatischer, schweigsamer nach aussen, wieuns Goethe selbst das beste Beispiel für diesen Umschwung der Dinge darbietet, da er seit dieserZeit selbst in seiner Schreibweise ein ganz anderer wird. Aber auch Lenz ist kaum noch er-kennbar. Es beginnt nun für ihn eine Zeit, wo das Leben ihm zur Qual wird.

Am 1. Dezbr. 1776 hatte Lenz Weimar verlassen und kam, wie ein aus allen Himmeln Ver-stossener zu Weihnacht auf unbekannten Wegen in Emmendingen an, wo es Frau CorneliaSchlosser, Goethes Schwester, gelang, Lenz wieder einigermassen aufzurichten. In Emmendingenschrieb Lenz seinen RomanDer Landprediger (abgedruckt in BoiesDeutsches Museum,Leipzig 1777), worin er seinem Freunde Schlosser ein schönes Denkmal setzte. Doch nicht langeduldete es ihn hier. Magisch zum Eisass hingezogen, begab er sich nach Colmar zu ConradPfeffel und Franz Lerse, wo er seine ergreifende Ballade:Die Geschichte auf der Aar dichteteund seine Satire:Nielk (d. h. Klein) an Lerse schenkte. Von Colmar reiste er nach Münsterzum Pfarrer Luce, bei dem er 14 Tage blieb, dann über Basel zu Sarasin und von da zurücknach Emmendingen, wo er sich in die Lektüre desKönigs Lear vertiefte, mit dem er durchNichtachtung des Besitzes viel Gemeinsames hat. Auf diese Weise entstanden seinePhantasienUber Shakespeare in den Ruinen des Hochberger Schlosses (die Wieland imTeutschen Merkur1777 verkehrt veröffentlichte). Von seinem unruhevollen Geist aufgescheucht, verliess Lenz imApril wieder Emmendingen und kam über das Höllental zum Rheinfall bei Schaffhausen. Hierbeim Anblick der sich überstürzenden Wassermassen entstanden seine aus grandioser Phantasiezusammengesetzten, jedoch schon an Wahnsinn streifenden Dichtungen:Der Traum Gottes vorErschaffung der Welt undShakespeares Weltgang durch das All. (Sie haben sich erhalten.)Obgleich er bei der Madame Im-Thurm in Schaffhausen freundliche Aufnahme fand, verlangte seinkranker Zustand Veränderung, und er verabschiedete sich am 4. Mai, um der Aufforderung seinesFreundes Lavater nach Zürich zu folgen. Dieser beredete ihn, Mitte Mai mit ihm nach Schinz-nach zurpoetischen Tafelrunde zu wandern. Dort trafen sie mit Pfeffel, Lerse, Salis-Marschlinu. a. zusammen und es entstand das gemeinsame Gelegenheitswerk:Jupiter und Schinznach(mit Impromptus von Lenz und Lavater), welches als solches beurteilt sein will. Von Schinznachwanderte Lenz Ende Mai mit Lavater nach Zürich zurück, von dort Anfang Juni mit dem Kom-ponisten der Geniezeit Ph. Kayser in die Urkantone, erstieg den St.-Gotthard und kehrte kranknach Zürich wieder zurück. Kaum angelangt, empfing er die Trauerbotschaft, dass seinSchutz-geist Cornelia Schlosser am 7. Juni 1777 verschieden sei, welche Nachricht ihn so ergriff, dassman für sein Leben zu fürchten anfing. Anfang Juli, kaum wieder hergestellt, begab er sich nachEmmendingen, wo ihm an Cornelias Grabe viele gemütstiefe Lieder entströmten, welche sich zum-teil erhalten haben. (Vgl. P. Falcks Biographie:J. M. R. Lenz in Ersch und Grubers Allg. \Enzykl. der Wissenschaften Bd. 43, der ich auch hier im grossen Ganzen als massgebend ge-folgt bin und auch M. Rosanow in s. Lenz-Biographie. Moskau 1901 als Richtschnur diente.)

Jetzt fing auch Schlosser für Lenzens Geist zu fürchten an und überredete ihn, den Vor-schlag Baron Hohenthals anzunehmen und denselben als Gesellschafter und Dolmetscher nachItalien zu begleiten, was er tat. Am 28. Juli traten sie ihre Reise an, wo Lenz in Farnay bei