IV
Gewände des Lebens hervortreten! Wohin kömmt es mit uns, wenn wir uns über un-sere Fähigkeiten hinaus erheben, wenn wir uns zu Gesetzgebern da aufdringen wollen,wo wir in der Einfalt des Herzens, forschen und bewundern sollten!
Groß und herrlich, des Menschen Adel deutlich verkündend, sind die Resultate dermathematischen Physik, so lauge sie sich auf analytische Dynamik bezichen. Aber wirmögen dabei nicht vergessen, daß, die hier mit so vieler Pracision erforschten Gesetze sichimmer nur auf Atcraccion und Repulsion beziehen, daß hierdurch nur ein Theil des Sce-letö der Natur verzeichnet wird, und daß derjenige, der es sich etwa einfallen ließe,hierinn die gesammte Natur zu erblicken, daß er, sage ich, seiner einseitigen Ansichtenwillen, eben so sehr zu bedauern wäre, als derjenige, der an einem meisterhaften Gemähl-dc stumpf gegen das genialische des Kunstwerks, bloß die Richtigkeit der perspeetivifchenLinien zu würdigen im Stande wäre. Groß sind die Resultate des Kalküls, und wun-derbar stimmen sie mit den Bewegungen der Himmelskörper übercin; allein dasjenige,das die Mechanik des Himmels bis in ihre verborgensten Tiefen zu ergründen vermöchte,ist nicht einmal im Stande, die Epidermis des Wurmes zu ritzen. Was vermag unsereganze Meßkunst, wenn wir uns vom tragen Atome Hinweg, von der insipiden Anziehungund Zurückstoßung, von der eintönigen Gravitation nach jener vielseitigen Manifestationder Spontaneität hinwenden, welche wir an der lebenden Natur erblicken?
Aus zwey entgegengesetzten Polen möge der Mensch die Ansicht der Natur erfassen.Die trage Maße bloö in ihrem mechanischen Zustande betrachtet, als das Höchste derPassivität, unterwirft er streng mathematischen Gesetzen. Die Aeußerungcn seines Geistes,das Höchste der Aetivität, fühlt er auf das Lebhafteste, auf das Innigste; denn es istihm das Nächste, es ist in ihm; er vermag zwar nicht die Gesetze dieser Aeußerungcndem Kalkül zu unterwerfen; denn dazu sind sie zu vielseitig, zu lebendig; allein, was erfühlt, weicht der Strenge mathematischer Sätze nicht. Die Axiome des Gefühls sindeben so wahr, beruhen cbcn so auf sich selbst, ohue eines weitern Beweises zu bedürfen,« als die mathematischen Axiome. Von jenen beydcn Polen aus mögen wir stets in dieNatur dringen, d. h. sie von ihren äußersten Gränzen an, nach ihren innern Thcilen hin,durchforschen. Die äußere Hülle der Natur, das todte starre Gerippe derselben, wollenwir mit dem Maaßstabe, so viel es möglich ist, untersuchen; und in der That leistet indiesem Wirkungskreise die Mathematik wahre Wunder. Aber, das Innere, das Lebendedas in der höchsten Fülle der Mannigfaltigkeit, mit Aeußerungcn von Spontaneität sichDarstellende; das, nicht so sehr eine mechanische, als vielmehr eine ästhetische Zweckmä-ßigkeit in sich faßende, wo in einem weit höhern Grabe die Grazie, als die Oekonomiein den Mitteln hervortritt; bey allen diesen Erscheinungen, wollen wir den Maaßstab vonuns wenden, wollen die jeden Ausflug der Phantasie hemmenden mathematischen Formeln