der Stern des Civilis sollte noch höher steigen. Die Römer wurdenam Niederrhein geschlagen, und Tutor, der Trevererfürst, zog als sieg-reicher Feldherr in Köln ein. Er ließ die dortigen Truppen auf dasgallische Imperium schwören. Civilis hatte in staatsmännischer Klug-heit dieses Ziel zugestanden, denn nicht persönlicher Ehrgeiz, Ver-nichtung der römischen Herrschaft war seine Lebensaufgabe. Sämt-liche römische Zwingburgen am Rhein sanken jetzt in Trümmer. AuchKöln sollte seine stolzen Mauern verlieren, das verlangten die rechts-rheinischen Germanenstämme. Die Tencterer sandten den Agrippi-nensern Boten, welche die Bedingungen zur Aufnahme in den Bund vor-trugen. Tacitus läßt die Gesandtschaft also reden:
„Wir danken unseren gemeinschaftlichen Göttern, daß ihr zu derGemeinschaft und zu dem Namen Germaniens zurückgekehrt seid, be-glückwünschen euch auch, daß ihr nun wieder Freie unter Freien seinwerdet. Bis zu dieser Stunde hielten die Römer Flüsse und Länder,gewissermaßen den Himmel, verschlossen, um unsere Beratungen undZusammenkünfte zu behindern; sogar uns Männern, die für die Waffengeboren sind, taten sie Schmach an, daß wir nur ohne Waffen, daherfast nackt, überwacht und gegen Zahlung einer Abgabe kommen durften.Damit nun aber unsere Freundschaft für alle Zeiten verbürgt sei,fordern wir von euch, daß ihr die Mauern der Kolonie, die Bande eurerKnechtschaft, niederreißt; denn sogar die wilden Tiere gehen in ihrenKäfigen des Mutes und der Tapferkeit verlustig. Töten sollt ihr alleauf eurem Gebiete weilenden Römer, denn Freiheit und Herrentumvertragen sich nicht. Der Erschlagenen Güter mögen in gerechterTeilung uns zufallen, damit keiner etwas verheimlicht oder abwendet.Uns und euch sei, wie auch unsern Vorfahren, beide Ufer zu bewohnenvergönnt. Wie die Natur Licht und Tag allen Menschen, so gab sietapfern Männern den Besitz der Länder. Nehmet die Einrichtungen undBräuche der Väter wieder an, saget euch los von den Lüsten, durchwelche die Römer mehr noch als durch Waffen gegen ihre Unter-worfenen vermögen. Als ein aufrichtiges, unverdorbenes Volk, dasseine Knechtschaft vergessen, werdet ihr anderen Völkern entwedergleichberechtigt dastehen oder ihnen gebieten.“
Darauf antworteten die Agrippinenser, besorgt, man möchte auf derEinreißung der Mauern bestehen, also: „Die erste Gelegenheit zurFreiheit, die sich uns darbot, haben wir mit größerm Eifer, als es fürdie Vorsicht gut war, ergriffen, um uns euch und den übrigen Germanen,unsern Blutsverwandten, anzuschließen. Da die Römer gerade jetztHeere zusammenziehen, wird es sicherer sein, die Mauern der Stadtzu verstärken, als sie einzureißen. Die Fremden, welche aus Italienoder den Provinzen in unserm Lande gewohnt haben, sind entwederdurch den Krieg umgekommen oder in ihre Heimat entflohen. Den-jenigen, welche als Kolonisten einstens hierherkamen und durch Heiratmit uns verbunden sind, sowie deren Nachkommenschaft ist unserLand Heimat und Vaterland geworden. Für so grausam halten wireuch nicht, daß wir selbst Eltern, Brüder, Kinder töten sollten. Zölleund Handelsbelästigungen wollen wir aufheben, auch einen freienUebergang über den Rhein euch gestatten, aber nur bei Tag und unbe-waffnet, bis das neue Recht durch Gewohnheit in alte Sitte sich ver-
40