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„Lieber Sohn, biß gottesfürchtig! Bet morgens und abends vleißig, gedenk' in all deinemThun an Gott! Geht dir's wohl, so dank' ihm, geht dir's iibel, so klag's ihm. Gedenk, daßalles Glück und Unglück von Gott kommt und bald ein Ende nimmt. Erkenne dich vor einenarmen Sünder, glaub, daß dich der Sohn Gottes Jesus Thristus Hab' mit seinem Blut erlöset;beharr darauf und bekenne es bis ans Ende, so wird er dich wieder bekennen vor Gott, seinemhimmlischen Vater. Biß nicht hoffärtig, halt aber deinen Stand ehrlich. Sey wahrhaftig! Haltwas du zusagest und ob dir Leib und Gut drauf ging, denn wenn du leugst in Schimpf oderErnst, so bist du ein Teufelskind, der ist ein Vater der Lügen. Sey züchtig mit Ivorten, Gebärdenund Werken. Schände niemauds Weib oder Kind. Sey kein Palger; aber wenn man die Fähn-lein stiegen läßt, dann biß keck und stehe nicht; denn es ist besser ehrlich gestorben, denn schändlichgestehen. Sey nicht verthunisch, biß aber auch kein karger Filz; zu Ehren spare nichts. Redeniemandes übel, gedenk' allzeit an dich selbst, daß du auch ein armer Ulensch bist. Nicht handlefälschlich mit den Leuten, handle frei und rund, das bestehet am längsten; doch lerne die Leutwohl erkennen, denn gegen einen Frommen mußt du wieder fromm sein, vor einem Falschenhüte dich und rede gegen ihn desto langsamer. Die nothdürstigen Armen laß dir befohlen sein;Schmeichler, Gotteslästerer und Schalksnarren laß dir nicht Wohlgefallen. Wer dich straft und dirwohl räth, den habe lieb. Treue Kirchen- und andre Diener habe sehr lieb, lohn' ihnen nachdeinem vermögen. Untreue Diener laß mit Güte von dir kommen, behalte sie nicht. JedermannsSchand hilf decken; doch wenn du regierst, so strafe das Übel. Biß denen, die unter dir sind, einVater; nicht beschwere deine Untorthanen über die Billigkeit; dann dieselb Nahrung Hab' ich oftiibel sehen gerathen. Halt hart über dem Frommen und ob ihm schon bisweilen eine Thorheitwiderfährt, so straf aber mit Vernunft, soviel dir gebühret. Düte dich vor dem Zutrinken, daraus,spricht Sankt Paulus, kommt ein unordentlich Leben."
Zwei Jahrhundert später übersetzte ein alter preußischer Dragoueroberst,der unter Friedrich II. gefochten hatte, Freiherr Johann Karl Friedrichvon Obersten», diese Lehren an seinen auf die Leipziger Hochschule gehendenSohn Wilhelm, nachdem derselbe im Kriegsdienst bereits als Cornet verwundetund zum Verbleiben unter den Fahnen seines königlichen Herrn untauglich gewordenwar, in die Anschauungen eines durch die Nachahmung der Pariser Sitten doch nochnicht ganz um seinen bessern Kern gebrachten Zeitalters.
„Reichthum und Mittel", schreibt der alte Kriegsheld unter anderem, „habe ich nicht.Darauf darfst du dich keinen Staat machen. Doch habe ich es in meinem sauern Dienst soweitgebracht, daß meine Kinder nicht vor anderer Leute Thüre Brod suchen dürfen. Ich werde allesan dich wenden, was meine Umstände mir erlauben; im Gegcntheil aber kannst du auch ver-sichert sein, daß ich einem widersinnigen ungcrathcnen Sohn nicht das allergeringste gebe, sondernihn sich, als seinem eigenen Macher, lediglich überlasse. Ich gebe dir einen Hofmeister mit, weildu noch unerfahren bist. Weiß ich auch wohl, daß du dieses vor ganz überflüssig ansiehest, undmehr zu wissen glaubst, als ich und viele kluge Leute, so irrst du dich doch hierin in der Wahr-heit. Diesen Mann gebe ich dir mit, konsiderire ihn als deinen Vater. Er soll dich auf der Reise,in Gesellschaften und in denen Eollcgiis begleiten, beständig mit dir disoourircn; er soll dich dieArten der Menschen kennen lernen und wie man sich in der Allgemeinheit und insbesondere gegenjede Art dieser Menschen zu verhalten habe. Hüte dich für dem Spiel, für dem Trunk undfür dem weiblichen Geschlecht, als vor drei (puellen, woraus in dieser Welt alles Un-glück für einen jungen Menschen gewiß stießet, versäume das Gebet nicht, halte Gott undder Welt Heylaud Iesum stets in deinem Herzen, bitte ihn olme Unterlaß, daß er dich mit seinemheiligen und guten Geiste regiere, leite und führe. Sei hiernächst gegen jedermann, auch gegenden Geringsten, Höstich, aufrichtig ohne Falsch. Achte einen jeden klüger, weiser, vernünftigerund besser, als du dich selbsten achtest. Sei aber auch klug und wisse, daß die ganze Welt imArgen lieget und viele falsche, böse Menschen darinnen sein. Aplicire die Worte desHeilands hier: seid einfältig wie die Tauben und klug wie die Schlangen! Sei allzeitwirthschaftlich! Sei in deinem Anzüge reinlich, aber nicht prächtig! Zur Reitkunst rathe dir,doch noch etwas zu aplieiren. Lerne auch einige Monate fechten. Außer diesen beiden noblenKünsten weiß ich keine, so dir nöthig sein könnte, und will kein Geld ans Tanzen, Voltigiren