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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

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rische Tätigkeit des Wucherers mit dem Speerstoß jenes Kriegs-knechts kombiniert habe, der nach Joh. 19, 34 die Seite desschon toten Christus durchbohrte und Blut und Wasser daraushervortrieb, zumal dieser Kriegsknecht im Mittelalter vielfachfür einen Juden angesehen wurde. Dieser Deutung schloß ichmich an und begründete sie umfassend. Durch Betrachtungder wandlungsreichen Rolle, die während der frühchristlichenZeit und des Mittelalters Longinus in Dogma, Liturgie, Predigt,Legende, Aberglaube und Sage, in geistlicher und weltlicherPoesie, in der bildenden Kunst und auf der Passionsbühne ge-spielt hat, anderseits durch Berücksichtigung der sozialenStellung der mittelalterlichen Juden und des Hasses, mit demsie verfolgt wurden, kam ich zu dem Ergebnis: nicht ein bloßerVolkswitz, noch weniger der boshafte Einfall eines Gelehrten,sondern eine lange und feste volksmäßige Überlieferung undAnschauung, allerdings wohl im Kreise von Klerikern ent-sprungen, war die Quelle. Longinus galt im Mittelalter über-wiegend als Ritter, wahrscheinlich weil in der populären Vor-stellung seine Person mit dem bekehrten Centurio sich ver-mischte. Es ist kein Grund vorhanden, das Aufkommen derRedensart erst in die Zeit der Landsknechte zu verlegen (in derübrigens, was Leitzmann nicht hervorhebt, doch auch nochTurniere mit den alten ritterlichen Waffen ganz üblich waren)und in dem Speer der Landsknechte die aktuelle Be-ziehung zu suchen. Der Longinus-Speer, das Symbol derheiligsten und erhabensten religiösen Idee, wird daneben inder Sphäre des volkstümlichen Humors drei Jahrhundertelang ohne jede kirchenfeindliche Tendenz zum Bild fürdie verabscheute Schlechtigkeit einer leidenschaftlich gehaßtenMenschenklasse.

Doch gelangte meine Darlegung über einen hohen Gradvon Wahrscheinlichkeit nicht hinaus. Heute möchte ich einigeZeugnisse mitteilen, die jeden etwa noch übrigen Zweifel ander Richtigkeit jener Erklärung tilgen, zugleich aber diese ineinem neuen Lichte und auf einem noch tieferen Hinter-grund zeigen. Es wird dadurch möglich, die Entstehungs-zeit der Redensart annähernd zu begrenzen und ihren Ur-sprung aus der gemein-europäischen religiösen Bewegung desausgehenden Mittelalters, aus bestimmten religiösen Stimmungenabzuleiten.