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1,1 (1925) Mittelalter
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Literatur und Kunst des Mittelalters

nackt am Kreuze hängenden Christus (Reproduktion in denJahresgaben der Gesellsch. f. Elsässische Literatur Nr. 1, Straß-burg, 1913 S. 233). Interessant ist, daß, worauf mich freund-lichst Ilberg aufmerksam macht, durch Gerhart Hauptmannin seinem 'Florian Geyer' (III. Akt, II 138 Volksausgabe) dieWendung im Sinne von 'wucherisch ausbeuten' auch dermodernen Literatursprache zugeführt worden ist, sicherlichaus den benutzten alten Quellen. Künftige Untersuchung hättenatürlich auch Umschau zu halten, ob im literarischen odermundartlichen Sprachgebrauch sich etwa doch noch andereAnknüpfungen für das Judenspießbild finden lassen.

Solange diese Untersuchung nicht geführt ist und weitereZeugnisse für das Aufkommen und den Gebrauch der Redensartnicht beigebracht werden, muß man der von Goedeke auf-gestellten, von Leitzmann zuerst begründeten Erklärung einenhohen Grad von Wahrscheinlichkeit zugestehen. Möge unsereErörterung andere Forscher, namentlich auch Kunsthistorikerzur Untersuchung der Frage anregen und dadurch die völligeKlarstellung herbeiführen. Vielleicht daß dann sich auch ent-scheiden läßt, in welcher Sphäre das Judenspießbild aufkam,in der des Gelehrtenwitzes, wie Leitzmann glaubt, oder in derSphäre des naiven volkstümlichen Humors, wie es mir vor-läufig wahrscheinlicher dünkt. Jedesfalls berührt die hieraufgeworfene Frage und unsere Antwort ein Problem von all-gemeinem geschichtlichen und kulturpsychologischen Interesse:wie kann das Symbol einer heiligsten und erhabensten religiösenIdee im kirchlichen Bewußtsein ungestört fortdauern unddaneben dennoch drei Jahrhunderte lang vom sprichwörtlichenWitz, ohne daß dabei eine kirchenfeindliche oder antikatho-lische Tendenz sichtbar wird, entwertet werden zum Bild fürdie verabscheute Schlechtigkeit einer leidenschaftlich gehaßtenMenschenklasse ?