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Literatur und Kunst des Mittelalters
Die in der gesamten literarischen Überlieferung der Gralsageso überaus bedeutungsvoll hervortretende Gralprozessionmuß aus der byzantinischen Messe oder der dieser zugrundeliegenden Mysterienzeremonie als letzter Quelle stammen.In dem der byzantinischen Messe allein eigenen Zurüstungsteil(TtQooxouiöri), dessen kultische Handlung offenbar schon Chry-sostomos kannte, spielt sich ein allegorisches Drama des histo-rischen Kreuzigungsaktes ab: im Mittelpunkt steht das vomPriester mittels der liturgischen heiligen Lanze mimetischvollzogene Speerwunder des Söldners; Blut und Wasser werdendurch die liturgischen Formeln gleichgesetzt dem im eucha-ristischen Kelch vermischten Wein und Wasser. Im großenIntroitus der byzantinischen Messe (eiaodos jueyaAij) werdenunter Vorantritt brennender Kerzen und Lampen vom Priesterder Kelch (also der Gral), vom Diakon auf dem Haupt derDiskus (die tischförmige Patene des griechischen Ritus),von den Mitcelebranten die heilige Lanze und weitere Re-liquien getragen. Dazu gesellt sich vielfach von Ostern bisHimmelfahrt ein Bild des (im Grabe?) liegenden Christus.Auf diese an antike Mysterien erinnernde Pompa folgt dasallegorische Drama der Grablegung, worin Joseph vonArimathia handelnd dargestellt wird. Im Schlußabschnitt^der byzantinischen Messe wird nach der Brechung der Hostievor der Kommunion durch die Zugießung des heißen Wassersin den Weinkelch noch einmal an das Geheimnis des tötendenund wieder lebendig machenden Speerwunders erinnert, alsdes Symbols der zurückkehrenden Blutwärme, des wiederauferstehenden Lebens, der Unsterblichkeit.
Wie diese Bilder, Gedanken und Kultusakte, deren Reflexein der Gralsage aufleuchten, in das Bewußtsein des Abendlandsallmählich schrittweise eingedrungen sind, wie sie durch Liturgie,Dogma, Legende, Aberglauben, bildende Kunst und Dichtungsich verbreitet undim 12. Jahrhundert endlich dieliterarischeGestalt der Gralsage erzeugt haben, das suchen die letztenbeiden Drittel des obengenannten Werkes streng geschichtlichklarzulegen, ohne freilich auch nur im entferntesten alle Dunkel-heiten der uns sichtbaren Entwicklung aufhellen zu können.