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Literatur und Kunst des Mittelalters
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Ein höchst merkwürdiges Beispiel für den verschlungenenZusammenhang zwischen Drama und bildender Kunst und zu-gleich für das Nachleben antiker Kunst und Dichtung ent-hält eine Illustration zum Welschen Gast von Thomasinvon Zirclaria. Öchelhäuser, der dem Bilderkreis der Hand-schriften dieses Gedichts eine sehr fruchtbare Untersuchunggewidmet hat (vgl. darüber unten Näheres), ist es merkwürdiger-weise entgangen. Es ist das Bild zum Welschen Gast, das dieunstäte Frau darstellt, wie sie gleichzeitig in vier Bewerberndurch verschiedene heimliche Liebkosungen: Streicheln, Füßeln,Händedruck, Blick, die Einbildung ausschließlicher Bevorzugungerweckt (Nr. 20, Öchelhäuser a. a. 0. S. 26, zu V. 1265ff.).Das unbeständige Weib sitzt (frei schwebend ohne Sitz) in derMitte, faßt den links von ihr am Boden knienden Liebhaberstreichelnd ans Kinn, tritt den neben ihr rechts mit über-schlagenen Beinen (ohne Sitz) dasitzenden zweiten Liebhaberauf den Fuß, reicht aber gleichzeitig über ihn hinweg einemdritten, zu äußerst links Stehenden die Hand und beglückt einenvierten ganz rechts stehenden Verehrer mit einem freundlichenBlick. Den Eindruck der Gunstbeweise auf die vier Galansdeuten die vier Beischriften an: Daz ist gütlich getan (für dasKinn streicheln), waz meint dazl (für das Fußtreten); Wie siemir die hant (für den Handdruck); Sie siht nieman niwan mich(für den Liebesblick). Den Charakter der Frau bezeichnet dieÜberschrift An dem chaufe stet dev liebe.
Wie Wackernagel schon in der Frühzeit der deutschenPhilologie zeigte x ), liegt hier ein antikes Motiv zugrunde. Dieeigentliche Quelle für das Mittelalter sind, was Wackernagelnoch nicht ganz richtig erkannte, Verse des Naevius, die Isidorfälschlich unter dem Namen des Ennius als Beschreibung einerBuhlerin anführte und dadurch allgemeiner Kenntnis vermittelte.Isidor bringt das Zitat in dem Abschnitt, der seiner Überschriftnach von den durch die Finger gegebenen Zeichen handeln soll,tatsächlich aber auch von der Zeichensprache der Augen, derHände, der Schwerter redet 2 ): „Wie im Reigen mit dem Ball
x ) Wackernagel, Ein Weib und drei Liebhaber, Zeitschr. f. deutsch.Altertum, 6. Bd. (1848), S. 292-294.
2 ) Isidor Origines I, 26 (ed. Arevalo, S. 42, Migne Patrol. Lat. 81,S. lOOf. De notis digitorum. . . . Ennius de quadam impudica: