Antrittsrede in der Berliner Akademie 7
Plan schon in Bonn, drei Jahre zuvor, unabhängig und dochmit seinen Absichten völlig übereinstimmend, gefaßt hatte,knüpfte uns für immer zusammen. Neben seinen Vorlesungenhörte ich Müllenhoffs tiefgründige Kollegien und durfte auchihm persönlich nahe treten: als ich von ihm schied, um michzu habilitieren, hat er mir segnende Worte gesagt, die ichniemals vergesse.
Jetzt komme ich zu Ihnen von der Universität Halle,deren Ursprung dem der Berliner Akademie äußerlich undinnerlich so nahe steht, von der verdienten Beamtenschuledes preußischen Staates, deren Bedeutung an der Wende desachtzehnten Jahrhunderts ich in einer kleinen Gelegenheits-schrift zu ihrem zweihundertjährigen Jubiläum*), deren späterenwissenschaftlichen Charakter ich in meinem Glückwunsch fürKarl Weinholds fünfzigjähriges Hallisches Doktorat beleuchtethabe.
Den Mut, mich fortan als den Ihren zu betrachten, schöpfeich nur aus dem dankbaren Gefühl, daß mir durch Ihr ehrendesVertrauen außer spornenden Pflichten auch neue Kräfte zu-wachsen werden in dem Zusammenarbeiten und Austauschmit erlesenen Führern eines weitverzweigten wissenschaft-lichen Lebens. Denn als ein Lernender bin ich bis heute meinenWeg gegangen, und als Lernender will ich ihn weiter gehen,bis an das Ende.
Nach Herkunft, Anlage und Entwicklung wie nach demSchauplatz meines bisherigen Lehramts in Preußen wurzelnd,bin ich durch Neigung und wissenschaftlichen Beruf je längerje stärker vom Süden angezogen worden, von süddeutscherRede und Art, von der Einwirkung antiker und romanischerKunst und Sprache auf die deutsche Kultur: so trete ich unterSie mit dem Vorsatz und der Hoffnung, an meinem bescheidenenTeil Preußens deutschem Beruf zu dienen und die nationaleBildung unseres Volkes im Zusammenhang mit der Weltbildungpflegen zu helfen.
II
*) Studentensprache und Studentenlied in Halle vor hundertJahren. Halle a. S., Max Memeyer 1894, Vorwort (s. Vorspiel Band 2).