XC Einleitung.
Fachgenossen, selbst der früheren Gegner, sich siegreich gegenüber der eineZeitlang auf den Schild erhobenen entgegengesetzten Beurteilung durch-zusetzen begann, wurden die Heptaden und ihre Bedeutung für die Methodeder Kritik Lachmanns nochmals Gegenstand einer leidenschaftlichen Polemikzwischen Friedrich Zarncke und Rudolf Henning 1 ). Fürsprecher habenden Heptaden nicht gefehlt: Haupt, Müllenhoff, Konrad Hofmann, Scherer,Laistner wollten sie auf hörbare Abschnitte und Pausen im (ursprünglich ge-sungenen) Vortrag der Lieder oder auf die immer grade für 7 StrophenPlatz bietenden Seiten der Liederbuchhandschriften oder auf die Ein-richtung der Urhandschrift des Nibelungenepos zurückführen. Und selbstihr wirkungsvollster Bekämpf er Friedrich Zarncke mußte, da er in denDreißigen bei Wolfram ein technisches Mittel zur Kontrolle der Vollständig-keit der Abschrift anerkannte, zugeben, daß diese Zahl folgerecht bei Ge-dichten von vierzeiligen Strophen sich in eine Strophen-Heptade umsetzenkonnte.
Heute sind die Heptaden begraben und vergessen. Sie hätten auchmeines Erachtens überhaupt nicht so schweren Anstoß erregt, wenn Lach-mann, der ihnen aber offenbar keinerlei entscheidendes Gewicht beimaß,sich über sie eingehender geäußert und nicht auch in Bezug auf sie seinerverhängnisvollen Gewohnheit der sibyllinischen Andeutung gefolgt wäre.Wie dem auch sei, die Heptaden haben in der germanistischen Forschungder Gegenwart ihre einstmals mit Unrecht aufgebauschte Rolle ebenso aus-gespielt wie Lachmanns Liedertheorie, mit der man sie verkoppelt hat. Dochist über beide das letzte Wort vielleicht noch nicht gesprochen. Die Nibe-lungenforschung unserer Tage aber geht vorläufig auf den Wegen RichardHeinzeis, Friedrich Panzers und Andreas Heuslers und setzt andie Stelle der Textgeschichte durch Wortkritik eine sagen- und stilgeschicht-liche Betrachtung in Analyse und Synthese. Es ist, als ob dieses heuteherrschende Verfahren eine Vereinigung und einen Ausgleich der beiden durchdie Brüder Grimm und Lachmann vertretenen Richtungen vorbereite. Michdünkt, der bisher unversöhnliche methodische Gegensatz will sich zu einerhöheren Einheit auflösen.
Das Freundschaftsbündnis Grimm-Lachmann, in dem wir nach einemtragischen Grundgesetz menschlichen Lebens und namentlich menschlicherWissenschaft den Keim der Entzweiung und Verfeindung lauern sehen, scheintso in der gegenwärtigen germanistischen Forschung, wenigstens soweit siedem Mittelalter gilt, sich zu erneuen und durch sie in ideellem Sinne Dauer
1) Preußische Jahrbücher Bd. 40 (1877), S. 475—486. 625-630; Bd. 41 (1878) (S. 108f. 109f.